Freitag, 24. Oktober 2014

Silvia Federici: Der Kampf um die Gemeingüter

cid:B04B07FB-B68E-4371-9660-A9D7AFF7050F@local


das unabhängige Nachrichtenmagazin Kontext TV hat eine neue Sendung veröffentlicht: Der Kampf um die Gemeingüter

Die Sendung ist online zu finden unter: http://www.kontext-tv.de/node/439
Die englische Version findet sich hier: http://www.kontext-tv.de/node/444 

Mit Silvia Federici, Prof. em. für Politische Philosophie an der Hofstra University, Long Island, New York; Buchautorin ("Caliban und die Hexe")

Angesichts von Massenarbeitslosigkeit, Prekarisierung, Vertreibungen und Sozialkürzungen schließen sich auf der ganzen Welt immer mehr Menschen zusammen, um gemeinsam gesellschaftliche Räume jenseits von Markt und Staat neu zu erobern und gemeinschaftlich zu nutzen: die Commons (Gemeingüter). Solche Initiativen - die beispielsweise auch aus der Occupy-Bewegung entstehen - könnten, wenn sie sich vernetzen, zu "Gemeinschaften des Widerstandes" und Keimformen einer anderen Gesellschaft werden, so Silvia Federici. 

Währenddessen erleben wir zugleich eine „Krise der Reproduktion“: Mit der Streichung öffentlicher Dienstleistungen würde immer mehr Arbeit zurück in die Haushalte verlagert; besonders Frauen seien oft chronisch überlastet, weil sie zugleich Erwerbsarbeit und Sorgearbeit übernehmen müssen. Leidtragende sind neben den Frauen vor allem Kinder. Jedes vierte Kind in den USA leidet laut Statistik inzwischen an einer psychischen Krankheit. Doch Diagnosen wie "Hyperaktivität", "Aufmerksamkeitsdefizit" und "Depression" würden oft die soziale Realität nur maskieren: viele Kinder, denen Aufmerksamkeit fehlt, würden mit Medikamenten sediert. Auch alte Menschen würden zunehmend "ausrangiert", die Pflege aus Kosten- und Zeitgründen inzwischen sogar in Billiglohnländer verlagert. 

Die Sendung gliedert sich in vier Teile:
1. Gärten in Detroit: Wie die Commons-Bewegung die Städte zurückerobert: http://www.kontext-tv.de/node/440
2. Sedierte Kinder und abgeschobene Großeltern: Die "Krise der Reproduktion": http://www.kontext-tv.de/node/441
3. Von "Occupy Sandy" zu "Strike Debt": Wie die Occupy-Bewegung weiterlebt: http://www.kontext-tv.de/node/442
4. Die Geburt des Kapitalismus: Konterrevolution gegen egalitäre Bewegungen: http://www.kontext-tv.de/node/443

Die Sendung kann über "embedded code" auf anderen Seiten integriert werden (Creative Commons NC-BY).

Kontext TV ist auch auf Facebook vertreten: http://www.facebook.com/KontextTV
Sie können uns auch auf Twitter folgen: https://twitter.com/KontextTV

Kontext TV braucht Ihre Unterstützung!
Kontext schaltet grundsätzlich keine Werbung und akzeptiert auch keine Form von Sponsoring. Um weiter existieren zu können, sind wir daher auf die Unterstützung unser Zuschauerinnen und Zuschauer angewiesen.

Sie können Fördermitglied des gemeinnützigen Vereins Kontext Medien e.V werden oder spenden. Weitere Informationen sind hier zu finden: http://www.kontext-tv.de/node/95

Mit freundlichen Grüßen
David Goeßmann
Kontext TV
http://www.kontext-tv.de/

Donnerstag, 23. Oktober 2014

U-Boot-Jagd im Stockholmer Schären-Archipel: ”Schwedische Medien nützliche Idioten des Militärs"

Mowitz
Langsam werden auch Fragen öffentlich angesprochen, die ihr Dasein im Vergessenen fristen und so bei Dämonisierungskampagnen, beispielsweise gegen Russland, nicht direkt störend einwirken. Nicht viele Menschen im Alter von 0 - 50 Jahren haben überhaupt noch das Nato-U-Boot-Versteckspiel in schwedischen Hoheitsgewässern während des Kalten Krieges in Erinnerung, falls sie überhaupt je etwas davon gehört hatten.

Es schien also an der Zeit zu sein, das alte Spiel ohne kritische Nachfragen neu auflegen zu können. Was anfangs auch gut funktionierte. Die meisten Journalisten die von aussageschwachen Pressekonferenzen des schwedischen Militärs ihr Publikum informierten, kamen aus der Generation der "Spätgeborenen" die von Einsätzen der schwedischen Marine in den 80er Jahren, gegen fremde U-Boote, wenn überhaupt, höchstens aus späteren, teilweise durchaus sehr guten Berichten, ihre Kenntnisse bezogen haben könnten. Allerdings fehlte ihnen das Gespür für die Hysterie, die sich heute wie damals wie eineiige Zwillinge ähnlich waren, und wie aus einer Form gegossen wirkten.

Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de
Margot Wallström, ehemalige EU-Kommissarin und heutige Außenministerin Schwedens, gehörte zu den wenigen Politikern die einen kühlen Kopf bewahrten und sie empfahl anderen Heißspornen ebenfalls ihre Köpfe abzukühlen. Man stelle sich vor, Carl Bildt, Vorgänger von Margot Wallström im Amt, säße immer noch auf dem Außenministerstuhl im "Palast des Erbfürsten" und plustere sich wie gewohnt auf. Dann wäre wohl, wie man getrost annehmen darf, der Anschluss Schwedens an die Nato bereits beschlossene Sache. Aber noch gilt Ministerpräsident Lövens Regierungserkläring vom 3.10.14, zwei Wochen vor der diesjährigen "U-Boot-Treibjagd", dass Schweden nicht um Mitgliedschaft in der Nato ansuchen wird und seine Regierung außerdem Palästina als selbstständigen Staat anerkennen wolle.

Gestern hatte man im Fernsehen ein kurzes Streitgespräch zwischen den Chefredakteuren von Expressen und Dalademokraten, Thomas Mattson und Göran Greider, von dem nur die Aussage Greiders erwähnenswert ist, dass seiner Meinung nach eine Menge Spekulationen die Runde machen, aber kaum Fakten vorkommen. Er sieht ein großes Risiko darin, dass schwedische Medien sich fast in nützliche Idioten des schwedischen Militärs verwandeln. Er wies sogar auf den Umstand hin, der zu bedenken wäre, dass es die Nato ist, die sich immer mehr in Richtung Russland ausbreite. Nicht umgekehrt. Ein klarer Sprung zur Volksaufklärung nach vorne.

Ansonsten nichts Neues aus dem Stockholmer Schären-Archipel. Ich nehme mal an, die schwedische Marine hat ihre Boote jetzt in irgendeinem Parkhaus zur Überholung abgestellt. Oder vielleicht doch in einer Reparaturwerft?

FH

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Eine Universität für Al-Qaida? In einer Terroristen-Akademie in einem US-Gefangenenlager im Irak wurden die ISIS-Führer ausgebildet

Der US-Autor Mike Whitney untersucht die Beteiligung der USA und anderer NATO-Staaten an der Bewaffnung und Ausbildung der ISIS-Terroristen.
Von Mike Whitney
counterpunch, 06.10.14
"Seit 2003 haben Großbritannien und die USA mit Al-Qaida verbundenen islamistischen Terroristengruppen im Mittleren Osten und in Afrika heimlich und offen direkte und indirekte Unterstützung zukommen lassen. Diese schlecht konzipierte, an Flickwerk erinnernde Geostrategie ist ein Vermächtnis des ständig wachsenden Einflusses der neokonservativen Ideologie, die gekennzeichnet ist durch langjährige, aber häufig widersprüchliche Bestrebungen, alle regionalen Ölvorkommen zu kontrollieren, durch die Verteidigung des israelischen Expansionsdrangs und durch die sich daraus ergebende Notwendigkeit, die Karte des Mittleren Ostens neu zu zeichnen." – Nafeez Ahmed, "How the West Created the Islamic State" [Wie der Westen den Islamischen Staat geschaffen hat, s. hier]

"Die USA selbst haben diese Terroristenorganisationen geschaffen. Deshalb haben sie auch nicht die moralische Autorität, eine Koalition gegen den Terrorismus zu bilden." – Hassan Nasralla, Generalsekretär der Hisbollah (s. hier)
Die Entscheidung der Obama-Regierung, den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu stürzen, könnte einen regionalen Krieg im Mittleren Osten auslösen, der zu einer Konfrontation zwischen den beiden rivalisierenden Atommächten Russland und den USA führen könnte.

Letzte Woche hat sich die Türkei nach einem Beschluss ihres Parlamentes, das ihre Regierung zu einer Militäraktion gegen den ISIS in Syrien ermächtigt hat, der von den USA geführten Koalition angeschlossen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan machte die Beteiligung der Türkei von der Bedingung abhängig, dass die Koalition (gegen den ISIL / ISIS / IS) auch Al-Assad stürzen müsse. Die türkische Zeitung Hurriyet Daily News berichtete:
"Die Türkei wird den Mitgliedern der Koalition nicht erlauben, ihre Militärbasen oder ihr Territorium im Kampf gegen den Islamischen Staat im Irak und in der Levante / ISIL zu benutzen, wenn die Koalition nicht gleichzeitig auch das Ziel verfolgt, das Regime Baschar al-Assads zu stürzen," ließ Präsident Recep Tayyip Erdogan am 1. Oktober durchblicken. ...

"Wir sind offen für und bereit zu jeder Art von Kooperation im Kampf gegen den Terrorismus. Alle sollten aber zur Kenntnis nehmen, dass die Türkei weder Teillösungen akzeptieren, noch anderen erlauben wird, sich einseitige Vorteile zu verschaffen," sagte Erdogan in seiner langen Rede vor dem Parlament. ...

"Die Türkei kann sich mit der gegenwärtigen Situation nicht zufrieden geben und den weiteren Entwicklungen tatenlos zusehen."
Vertreter der Obama-Regierung begrüßten die Entscheidung der Türkei, sich der improvisierten Koalition anzuschließen. US-Verteidigungsminister Chuck Hagel lobte die "sehr positive Entwicklung", und Jen Psaki, die Sprecherin des US-Außenministeriums, erklärte: "Wir begrüßen den Beschluss des türkischen Parlaments, das türkische Militär zum Eingreifen zu autorisieren. ... Wir haben mit hochrangigen Vertretern der Türkei zahlreiche Gespräche über ein gemeinsames Vorgehen gegen die Bedrohung geführt, die vom ISIL im Irak und in Syrien ausgeht."

In der letzten Woche "haben türkische Panzer und andere Militäreinheiten an der syrischen Grenze Position bezogen". Sollte die Obama-Regierung einen Deal mit der Türkei vereinbart haben, der vorsieht, dass türkische Truppen nach Süden auf Damaskus vorstoßen, während gleichzeitig eine kleine Armee so genannter "gemäßigter Rebellen", die sich jetzt in der Nähe der israelischen Grenze aufhält, nach Norden auf die syrische Hauptstadt vorrückt? Wenn es diesen Deal gibt, werden die USA vermutlich mit ihrer kompletten Panzerbrigade und den insgesamt 15.000 US-Soldaten, die gegenwärtig in Kuwait stationiert sind (und durch den Irak in Syrien einmarschieren könnten), die Invasion von Anfang an unterstützen oder zumindest eingreifen, wenn der türkische Vorstoß ins Stocken geraten sollte. Wann diese Invasion stattfindet, ist noch ungewiss, sie scheint aber schon beschlossen zu sein.

Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de
Durch die türkische Beteiligung hat die Gefahr, dass es zu einem größeren Regionalkrieg kommen könnte, stark zugenommen. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass Russland und der Iran, die beide mit Syrien verbündet sind, tatenlos zusehen werden, wenn sich türkische Panzer ihren Weg nach Damaskus bahnen. Die Reaktionen Teherans und Moskaus werden zunächst noch zurückhaltend sein, aber sicher massiver werden, wenn die Kämpfe sich ausweiten und die Gemüter sich erhitzen. Der Kampf um Syrien wird ein langer, schwieriger Gewaltmarsch sein, aus dem vermutlich kein klarer Sieger hervorgehen wird. Wenn Damaskus fällt, wird der Konflikt in einen sich lange hinziehenden Guerilla-Krieg übergehen, der sich über die syrische Grenze hinweg in den Libanon und nach Jordanien ausweiten könnte. Anscheinend ist die Obama-Regierung dazu bereit, sich um möglicher Vorteile willen auf dieses äußerst riskante und selbstmörderische Spiel einzulassen.

Der Schwindel mit der Flugverbotszone

Die Obama-Regierung hat sich nicht besonders bemüht, ihre eigentlichen Ziele in Syrien zu verbergen. Der Kampf gegen den ISIS ist nur ein Vorwand für den beabsichtigten Regimewechsel. Die Tatsache, dass Generalmajor Martin Dempsey, der Chef des US-Generalstabes, und Verteidigungsminister Chuck Hagel eine Flugverbotszone über Syrien einrichten wollen, entlarvt den "Krieg gegen den Isis" als Schwindel. Warum wollen die USA über eine Gruppe sunnitischer Kämpfer, die überhaupt keine Luftwaffe hat, ein Flugverbot verhängen? Diese Forderung ist doch lächerlich. Die Einrichtung einer Flugverbotszone soll Assad signalisieren, dass die USA zur Vorbereitung seines Sturzes (wie beim Sturz Gaddafis) zunächst die Kontrolle über den syrischen Luftraum übernehmen wollen. Der Kongress hätte das auch schon herausfinden können, bevor er Obama 500 Millionen Dollar für die Bewaffnung und Ausbildung "gemäßigter syrischer Rebellen" bewilligte. Stattdessen hat er sich dafür entschieden, noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Wenn der Kongress tatsächlich glaubt, Assad bedrohe die Sicherheit der USA und müsse deshalb "gegangen" werden, sollte er auch den Mut haben, US-Truppen nach Syrien zu entsenden, um Assad zu stürzen. Die Vorstellung, Assad von US-finanzierten obskuren Terroristengruppen, die vorgeben, "gemäßigte Rebellen" zu sein, stürzen zu lassen, ist der reine Wahnsinn. Dadurch werden die Probleme nur komplexer, und die Wahrscheinlichkeit wächst, dass es dadurch zu einem weiteren Blutbad wie im Irak kommen wird. Deshalb muss sich niemand wundern, dass die Zustimmungsrate für den Kongress auf ein Allzeittief abgesunken ist. (s. auch hier.)

Die Türkei, ein wichtiger Mitspieler

Aus vielen Quellen geht hervor, dass die Türkei in der gegenwärtigen Krise eine Schlüsselrolle spielt und wichtiger als Saudi-Arabien oder Katar ist. Das belegen auch die Anmerkungen, die Vizepräsident Joe Biden letzte Woche in einem Gedankenaustausch mit Studenten des John F. Kennedy Jr.-Forums des Politischen Institutes der Harvard University gemacht hat. Biden wurde gefragt: "Glauben Sie rückblickend, die USA hätten früher in Syrien eingreifen müssen, und wenn nicht, warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen?" Ich zitiere aus seiner Antwort:
"... ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass wir große Probleme mit unseren Verbündeten in der Region, also mit den Nachbarn Syriens hatten. Die Türken sind gute Freunde – meine Beziehung zu Erdogan ist besonders gut, weil ich eine Menge Zeit mit ihm verbracht habe; die Saudis und die Emirate sind auch mit uns verbündet. Was haben die bisher getan? Weil sie unbedingt Assad stürzen wollten, haben sie sogar einen Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten in Kauf genommen und für Hunderte von Millionen Dollars Zehntausende von Tonnen Waffen an alle geliefert, die Assad bekämpfen wollten, auch an Al-Nusra, Al-Qaida und die radikalen Dschihadisten, die aus allen Teilen der Welt herbei geströmt sind. ...

Und was geschieht jetzt? Plötzlich sind alle wach geworden, weil sich die Gruppierung, die sich ISIL nennt und aus Al-Qaida-Gruppierungen im Irak hervorgegangen ist, im Osten Syriens mit Al-Nusra zusammengetan und neu formiert hat. Obwohl wir Al-Nusra schon vorher als Terroristengruppe eingestuft hatten, konnten wir unsere Verbündeten nicht davon abbringen, sie mit Waffen zu beliefern. Jetzt sind plötzlich alle – ich meine das nicht allzu sarkastisch – von Allah erleuchtet. Erst jetzt ist es uns – vor allem dem Präsidenten – gelungen, eine Koalition aus sunnitischen Nachbarn (Syriens) zusammenzustellen, die gemeinsam gegen eine sunnitische Terroristenorganisation vorgehen wollen, damit den USA nicht wieder vorgeworfen werden kann, sie würden erneut als Aggressor in ein islamisches Land einfallen."
Biden hat sich am Sonntag dafür entschuldigt, dass er die Katze aus dem Sack gelassen hat. Was er gesagt hat, war keineswegs neu, gab aber den Kritikern Recht, die immer wieder darauf hingewiesen haben, dass Washingtons Verbündete in dieser Region die Frankenstein-Terroristen (des ISIL / ISIS / IS) von Anfang an finanziert und mit Waffen versorgt haben, ohne die damit verbundenen Risiken zu scheuen. Lassen wir uns von Nafeez Ahmed noch etwas genauer über die verborgene Rolle der Türkei in diesem Konflikt aufklären:
"Die Free Syrian Army / FSA hatte ihr Hauptquartier in der türkischen Stadt Istanbul, und ihr militärischer Nachschub, der aus Saudi-Arabien, vor allem aber aus Katar kam, wurde vom türkischen Geheimdienst zur Grenze transportiert und den FSA-Rebellen übergeben. CIA-Agenten und Ausbilder der israelischen und jordanischen Spezialtruppen trainierten die FSA-Rebellen hinter der syrisch-jordanischen Grenze im Umgang mit Waffen zur Abwehr von Panzern und Flugzeugen (weitere Infos dazu hier). Aus anderen Berichten geht hervor, dass auch das britische und das französische Militär an diesen geheimen Ausbildungsprogrammen beteiligt waren. Viele FSA-Rebellen, die diese Spezialausbildung erhalten haben, scheinen anschließend sofort zum ISIS übergelaufen zu sein. Letzten Monat hat der ISIS-Kommandeur Abu Yusaf (s. dazu auch hier) erklärt: "Immer mehr der FSA-Leute, die der Westen ausgebildet hat, schließen sich uns an."
Nafeez Ahmed weist ausdrücklich auf die Beteiligung von "CIA-Agenten" hin. Biden hat versucht, die direkte Beteiligung der US-Regierung zu verheimlichen, um peinliche Nachfragen zu verhindern; natürlich wussten die US-Geheimdienste, was da lief und waren zumindest partiell auch daran beteiligt. Dazu schreibt Ahmed:
"Aus Geheimdokumenten, die der New York Times vorlagen, geht hervor, dass die US-Verbündeten Saudi- Arabien und Katar Militärhilfe geleistet haben. Die meisten der von Saudi-Arabien und Katar an syrische Rebellen-Gruppen gelieferten Waffen gingen aber an brutale islamistische Dschihadisten und nicht an gemäßigte Oppositionsgruppen, die der Westen eigentlich unterstützen wollte."
Wieder beweisen Geheimdokumente, dass die US-Regierung genau wusste, was vorging, aber einfach wegsah. Die ganze Zeit hat der harte Kern der islamistischen Unruhestifter Waffen und Munition für seinen eigenen Feldzug auf die Seite geschafft. Der Kongress hätte den nachfolgendem Abschnitt aus dem Ahmed-Artikel lesen sollen, bevor er weitere 500 Millionen Dollar für die brutalen Islamisten bewilligt hat:
"Die Betreiber der Website Mother Jones fanden heraus, dass die US-Regierung 'keinen Überblick darüber hat, ob US-Waffen verschoben werden oder in die Hände von Extremisten gelangen, weil sie den Erstempfängern zu sehr vertraut'. Die US-Regierung verlässt sich auf 'handschriftliche Empfangsbestätigungen' von Rebellenkommandeuren und Zusagen ihrer Verbündeten. Die Staaten, welche die (syrischen) Rebellen mit Waffen beliefern, haben auch schon Al-Qaida-Ableger unterstützt; deshalb lässt sich nicht nachvollziehen, wen sie eigentlich mit todbringendem und anderem militärischen Nachschub versorgen.

Die Sicherheitsvorkehrungen der US-Regierung, die verhindern sollen, dass auch islamistische Extremisten US-Waffen erhalten, haben noch nie funktioniert."
Diese wenigen Auszüge sollten ausreichen, um die widersprüchlichen Informationen über die schwer durchschaubare Situation in Syrien richtig einzuschätzen. Ja, die USA sind tatsächlich verantwortlich für die Untaten des ISIS, weil sie immer wussten, was vorging und eine wichtige Rolle bei der Bewaffnung und Ausbildung dschihadistischer Rekruten spielten. Und nein, der ISIS erhält keine direkten Anweisungen aus Washington oder von der CIA in Langley, obwohl seine Aktivitäten den strategischen Absichten der USA in dieser Region sehr gelegen kommen. Ich weiß, dass viele Leser dieser letzten These nicht zustimmen werden. Es folgen weitere Aussagen über die (zwielichtige) Rolle der Türkei aus einem Artikel, der im Oktober 2013 im Daily Telegraph veröffentlicht wurde:
"Nach Informationen, die der (britischen Zeitung) Daily Telegraph vorliegen, warten in sicheren Häusern im Süden der Türkei Hunderte von Al-Qaida-Rekruten darauf, über die Grenze geschmuggelt zu werden, weil sie sich am "Dschihad" in Syrien beteiligen wollen.

Das Netz von Verstecken ermöglicht es einem ständig wachsenden Strom ausländischer Kämpfer – darunter auch Briten – als Freiwillige in den in Syrien tobenden Bürgerkrieg zu ziehen.

Diese ausländischen Dschihadisten haben den "gemäßigten Flügel" der Freien Syrischen Armee / FAS, der vom Westen unterstützt wird, schon längst in den Hintergrund gedrängt. Der ungehinderte Zustrom von Al-Quaida-Kämpfern über türkisches Territorium wirft die Frage auf, welche Rolle das NATO-Mitglied Türkei eigentlich im syrischen Bürgerkrieg spielt.

Die Türkei hat die Rebellen von Anfang an unterstützt, obwohl man bisher davon ausgegangen ist, dass die türkische Regierung die Besorgnis des Westens über Al-Qaida teilt. Experten befürchten, dass die türkischen Behörden die Kontrolle über die vielen neuen Al-Qaida-Rekruten verloren haben oder sogar mindestens ein Auge zudrücken
Sind die Zusammenhänge klar geworden? In diese, eine ganze Region verändernde Operation sind auch die Türkei, Saudi-Arabien, Katar, die USA und andere westliche Staaten verwickelt. Vermutlich sind die Dschihadisten außer Kontrolle geraten und machen jetzt ihr eigenes Ding, obwohl auch das nicht sicher ist. Immerhin hat der ISIS bereits einige von Washington verfolgte Ziele durchgesetzt: (Der irakische Ministerpräsident) Nuri al-Maliki konnte durch einen US-Handlanger ersetzt werden, der einem Status of Forces Agreement / SOFA (einem Stationierungsabkommen für US-Truppen) zustimmen wird. Die sunnitischen Kämpfer und die Kurden werden ihre eigenen Mini-Staaten vom Irak abspalten und damit die Bedrohung beseitigen, die von einem starken, vereinigten Irak für das nach Vorherrschaft strebende Israel ausginge. Und der ISIS darf noch einige Zeit gefährlich bleiben, weil die US-Regierung damit jede Einmischung und jede Besetzung im Mittleren Osten rechtfertigen kann. Bisher hat sich die Strategie, Terroristen auszubilden und zu bewaffnen, für Obama und Co. ausgezahlt. Leider befinden wir uns noch in den ersten Runden eines Kampfes, der für den US-Präsidenten auch mit einer schlimmen Niederlage enden könnte.

[Anmerkung: Auf der iranischen Website Press TV war zu lesen: "Die ISIL-Terroristen sollen in der türkischen Hauptstadt Ankara ein Konsulat eröffnet haben, das Visa für diejenigen ausgibt, die sich dem Kampf gegen die Regierungen Syriens und des Iraks anschließen wollen. ... Die ISIL-Leute sollen sich problemlos und frei in der Türkei bewegen können." Wegen meiner Zweifel an diesem Bericht habe ich ihn in Klammern gesetzt, finde ihn aber trotzdem beachtenswert.]

Camp Bucca: Die Al-Qaida-Universität

Woher kommen die sunnitischen Extremisten des ISIS?

Darüber gibt es verschiedene Theorien; die unwahrscheinlichste davon ist, dass sie mit Propaganda-Videos in sozialen Medien angelockt werden. Dieser Unsinn von der angeblichen "ISIS-Werbekampagne" ist nur ein schlauer Desinformationstrick, der vertuschen soll, was wirklich vorgeht – dass verschiedene westliche Geheimdienste diese Burschen in früheren Krisenherden wie Afghanistan, Libyen, Tschetschenien, dem Kosovo, Somalia und in Gefängnissen im Irak rekrutieren. Der ISIS ist kein spontaner Zusammenschluss nach einem Kalifat strebender Revolutionäre, die sich in ihrer Freizeit als Trolle im Internet herumtreiben, sondern eine Ansammlung ehemaliger Baathisten und religiöser Fanatiker, die sorgfältig für ihren Auftrag ausgesucht wurden, der darin besteht, Köpfe abzuschlagen, auch mit anderen brutalen Grausamkeiten Angst und Schrecken zu verbreiten und damit Vorwände für US-Stellvertreterkriege zu schaffen.
Lesen Sie den nachfolgend abgedruckten erhellenden Artikel aus der Website Alakhbar English mit der Überschrift "The mysterious link between the US military prison Camp Bucca and ISIS leaders" [Die mysteriöse Verbindung zwischen dem US-Militärgefängnis Camp Bucca und den ISIS-Führern, s. unter http://english.al-akhbar.com/node/21519]. Daraus erfahren Sie, was sich in Wirklichkeit hinter den Kulissen abspielt.
"Wir müssen fragen, warum die Mehrheit der Anführer des Islamischen Staates / IS, der sich früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien / ISIS nannte, im selben Gefängnis – im Camp Bucca – eingesperrt war, das die US-Besatzer in der Nähe (der Hafenstadt) Umm Qasr im Südosten des Iraks betrieben haben. ... Die meisten IS-Führer waren im ehemaligen US-Gefangenenlager Camp Bucca im Irak untergebracht. Wer sind die prominentesten unter den ehemaligen Häftlingen?

Der IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi führt die Liste an. Er war von 2004 bis Mitte 2006 inhaftiert. Nach seiner Freilassung gründete er die Army of Sunnis (die Sunnitische Armee, die später mit dem so genannten Mujahideen Shura Council verschmolz. ...

Ein weiterer prominenter IS-Führer ist Abu Ayman Al-Iraqi, der unter Saddam Hussein als Offizier in der irakischen Armee diente. Auch er "studierte" im Camp Bucca und gehört heute dem Militärrat des IS an.

Ein weiteres Mitglied des Militärrats, der in Camp Bucca inhaftiert war, ist Adnan Ismail Najm. ... Als ehemaliger Offizier in Saddams Armee kam er im Januar 2005 ins Camp Bucca. Er war der Kopf des Shura Council des IS, bis er am 4. Juni 2014 von der irakischen Armee in der Nähe von Mossul getötet wurde.

Aus dem Camp Bucca kommt auch Haji Samir alias Haji Bakr, dessen wirklicher Name Samir Abed Hamad al-Obeidi al-Dulaimi ist. Er war Oberst in der Armee des Hussein-Regimes. Nach seiner Entlassung aus dem Camp Bucca schloss er sich Al-Qaida an und steht heute an der Spitze des ISIS in Syrien. ...

Aus dem Camp Bucca kommt auch Haji Samir alias Haji Bakr, dessen wirklicher Name Samir Abed Hamad al-Obeidi al-Dulaimi ist. Er war Oberst in der Armee des Hussein-Regimes. Nach seiner Entlassung aus dem Camp Bucca schloss er sich Al-Qaida an und steht heute an der Spitze des ISIS in Syrien. ...

Nach Aussagen von US-Offizieren, die im Camp Bucca eingesetzt waren, hatte die Lagerverwaltung die Gefangenen entsprechend ihrer ideologischen Prägung getrennt. Dadurch war es nach Meinung von Experten leichter, direkt oder indirekt Rekruten für Al-Qaida anzuwerben.

Ehemalige Gefangene haben in dokumentierten Fernsehinterviews ausgesagt, Camp Bucca ... sei eine Art "Schulungszentrum für künftige Al-Qaida-Kämpfer" gewesen, in dem erfahrene Extremisten jüngere Gefangene im Umgang mit Sprengstoffen und in der Durchführung von Selbstmord-Attentaten schulten. Ein ehemaliger Gefangener namens Adel Jassem Mohammed sagte aus, ein Extremist, der nur zwei Wochen im Camp Bucca verbrachte, habe 25 der 34 mit ihm eingesperrten Gefangenen als Rekruten (für Al-Qaida) angeworben. Mohammed sagte auch aus, dass die US-Militärs nichts unternahmen, um die Anwerbung und Ausbildung von Gefangenen durch die Extremisten zu stoppen. ...

Zweifellos werden wir eines Tages entdecken, dass noch weitere IS-Anführer im Camp Bucca inhaftiert waren, das wohl eher eine "Akademie für Terroristen" als ein Gefangenenlager war.
Die US-Außenpolitik dient dazu, strategische Ziele der USA durchzusetzen. In Syrien geht es darum, einen Regimewechsel herbeizuführen und eine US-Marionette in Damaskus zu installieren, die vorhandenen Grenzen zu beseitigen, vorgeschobene Operationsbasen für die US-Streitkräfte im ganzen Land zu errichten und Korridore für Pipelines zwischen Katar und dem Mittelmeer zu schaffen, damit die westlichen Energieriesen noch größere Profite aus Gasverkäufen auf dem EU-Markt erzielen können, und Syrien – wie Chomsky meint – "eine dauerhafte koloniale Abhängigkeit aufzuzwingen".

Haben die US-Militärs die Entstehung einer "Akademie für Terroristen" geduldet, weil sie vorhatten, die ausgebildeten Dschihadisten zur Durchsetzung von US-Interessen zu nutzen?

Das haben sie tatsächlich getan und sich wahrscheinlich noch gegenseitig auf die Schultern geklopft, weil sie diese clevere Idee hatten.

Mike Whitney lebt im Staat Washington. Er ist einer der Autoren des Buches "Hopeless: Barack Obama and the Politics of Illusion (Hoffnungslos: Barack Obama und die Politik der Illusionen), erschienen bei AK Press. Das Buch ist auch als Kindle Edition verfügbar. Der Autor ist zu erreichen über fergiewhitney@msn.com .

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de