Montag, 15. September 2008

Der neoliberale Sturmtruppen-Journalismus eines ehemaligen Nachrichtenmagazins

Das beim "Spiegel" die Leser ausbleiben - wer will es ihnen verdenken? Ein neues Beispiel von manipulativem Journalismus zum Thema Bolivien ist vom Spiegelmann Jens Glüsing verfasst worden. Evo Morales sei ein "unbedarfter Indio-Präsident", der dazu auch noch schlecht und ungern Spanisch spricht. Und das aus der Feder eines unbedarften Journalisten. Da ist doch ein Unternehmer namens Branko Marinkovic von ganz anderem Kaliber tönt Jens Glüsing beflissen. Immerhin gehöre der auch zur Elite des Landes und habe Arbeitsplätze geschaffen. Will uns der Spiegelmann aus Buenos Aires im Auftrag seiner Journaille für dumm verkaufen?

Dazu ein Kommentar von Gerhard Dilger aus dem taz.blog

Kein Wort davon, dass es die rechtsextremen jugendlichen Anhänger von Marinkovic waren, die am Dienstag Regierungsbüros in Santa Cruz besetzten und plünderten. In Orwellschem Neusprech bezeichnete Marinkovic, der Vorsitzende des örtlichen „Bürgerkomitees”, die eher hilflosen Aktionen von Polizei und Militär in Santa Cruz als „Repression“ und „Antwort der Regierung auf eine friedliche Bürgerdemonstration.“

Das Agieren des mittlerweile ausgewiesenen US-Botschafters
Philip Goldberg verharmlost Glüsing als „unglücklich“. Der wirkliche Bösewicht ist natürlich Chávez: Der nämlich schüre einen „neuen Kalten Krieg in Lateinamerika. Er hat ausgerechnet das ‚kranke Herz’ Südamerikas, wie Bolivien gern genannt wird, zum Schauplatz für seinen Showdown mit dem ‚Imperium’ auserkoren.“ Ungekürztes Original hier.

P. S. Besonders verräterisch ist Glüsings durchaus umstrittene Einschätzung, Morales spreche schlecht Spanisch. Ähnlich wird sich in Brasilien gerne über das angeblich schlechte Portugiesisch und den fehlenden Universitätsabschluss von Präsident Lula mokiert - in jenen Kreisen, die sich bis heute noch nicht damit abgefunden haben, dass nun ein Vertreter des einfachen Volkes das höchste Staatsamt bekleidet.

Beide Präsidenten, besonders der begnadete Rhetoriker Lula, bedienen sich eines umgangssprachlichen Registers, das auch von der breiten Bevölkerung verstanden wird – im Gegensatz zur geschraubt-juristischen Rhetorik vieler anderer Politiker.

Den BolivianerInnen kommt Evos „schlechtes Spanisch“ viel natürlicher vor als jenes seines neoliberalen, 2003 vertriebenen Vorgängers Gonzalo Sánchez de Lozada: Der nämlich lebte bereits in seiner Jugend – wie auch jetzt wieder – in den USA und hat einen markanten Gringo-Akzent. Beide sind im folgenden Videoausschnitt über den Wahlkampf 2002 zu sehen – nach dem damaligen US-Botschafter Manuel Rocha, der sich als Morales´ größter Wahlhelfer entpuppte.

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