Montag, 22. September 2008

Die Früchte der Heuchelei

Verlogenheit im Finanzsektor hat uns an diesen Punkt gebracht; und Washington scheint schlecht gerüstet, uns herauszuführen

Von Joseph Stiglitz
22.09.2008 — The Guardian / ZNet


Ein Kartenhaus... an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen* - wählen Sie das Klischee, das passt. Der neue Tiefpunkt in der Finanzkrise löst Vergleiche mit dem Zusammenbruch der Wall Street im Jahre 1929 aus. Die heutige Krise ist zum einen Frucht eines Musters der Unehrlichkeit, zum anderen Frucht der Inkompetenz von Politikern.

An die Unehrlichkeit hatten wir uns gewöhnt. Die Banken weisen jeden Vorschlag zur Regulation zurück und verwerfen Schritte in Richtung Antitrust-Maßnahmen grundsätzlich. Doch sobald das Unglück zuschlägt, fordern sie plötzlich die Einmischung des Staates: "Man muss uns herauskaufen, wir sind zu groß und und zu wichtig, als dass man uns scheitern lassen darf".

Wir wussten, irgendwann würden wir erfahren, wie weit das Sicherheitsnetz geht. Der Kollaps der Investment-Bank Lehman Brothers ist ein Zeichen für das Limit der Rettungsbereitschaft der US Federal Reserve und des US-Schatzamtes. Lehman war einer der berühmtesten Namen der Wall Street.

Die große Frage dreht sich immer um das Risiko für das System selbst: Inwieweit stellt der Kollaps eines Instituts ein tödliches Risiko für das gesamte Finanzsystem dar? Die Wall Street war immer schnell dabei, die Risiken für das System heraufzuspielen (zum Beispiel bei der mexikanischen Finanzkrise 1994), aber sie ist zögerlich, wenn es darum geht, Einblicke in das eigene Handeln zu gewähren. Vergangene Woche entschied der Chef des US-Schatzamtes, Henry Paulson, das Risiko für das System sei groß genug, um eine Rettungsaktion der US-Regierung für die beiden Hypotheken-Riesen Fannie Mae und Freddie Mac zu rechtfertigen. Die Lehman-Krise hingegen wurde als nicht hinreichend großes Risiko für das System eingestuft.

Die aktuelle Finanzkrise wurde ausgelöst durch einen katastrophalen Vertrauensschwund. Die Banken hatten in großem Stile miteinander gewettet. Dabei ging es um Hypotheken und Vermögenswerte. Durch komplizierte Transaktionen sollten Risiken verteilt und sinkende Werte kaschiert werden. In diesem Spiel gibt es Gewinner und Verlierer. Es ist kein Spiel, das bei Null endet, es geht auch in die Miesen. Wenn Menschen aufwachen - und durch das Blendwerk und den Rauch des Finanzsystems hindurchsehen und das Risiko scheuen -, kommt es zu Verlusten. Der ganze Markt schmiert ab, alle verlieren.

Die Finanzmärkte sind abhängig von Vertrauen, und dieses schwindet immer mehr. Der Kollaps der Investment-Bank Lehman ist zumindest eines: ein eindrucksvolles Symbol für den neuen Tiefpunkt des Vertrauens. Doch die Verwerfungen werden weitergehen.

Nicht nur die Banken sind von dieser Krise, vom Vertrauensschwund, betroffen. Auch global gesehen schwindet das Vertrauen in die amerikanische Politik.

Karikatur: © Kostas Koufogiorgos http://www.koufogiorgos.de


Auf dem G8-Treffen in Hakkaido im Juli 2008 versicherten die USA, der Knoten sei endlich geplatzt. Doch in den Wochen seit dem Treffen hat sich jegliches Misstrauen, das sich gegen die Experten der (amerikanischen) Regierung richtete, nur bestätigt.

Wie ernst sollten wir Vergleiche mit dem Börsenzusammenbruch 1929 folglich nehmen? Die meisten Ökonomen sind der Ansicht wir verfügten über die monetaristischen und fiskalen Instrumente und das Wissen, um einen Kollaps dieser Größenordnung zu verhindern. Doch wir sollten auch bedenken: Der Internationale Währungsfonds und das US-Schatzamt hatten schon einmal mit Zentralbanken und Finanzministern vieler Länder zusammengearbeitet und die Art von "Rettungs-"Politik zustandegebracht, die Indonesien 1998 in die ökonomische Katastrophe führte. Sie sind dazu fähig. Zudem fällt es schwer, der Politik einer (amerikanischen) Regierung zu vertrauen, die die Oberaufsicht über das absolute Missmanagement im Irakkrieg hat und für das Chaos nach Hurrikan 'Katrina' verantwortlich war. Wenn es irgendeine Regierung schafft, die Finanzkrise in eine zweite "Depression" zu verwandeln, dann die Bush-Administration.

Das amerikanische Finanzsystem trägt in zwei entscheidenden Punkten Verantwortung - Risikomanagement und Kapitalvergabe - und hat versagt. Der ganze Sektor hat versagt, das zu leisten, was von ihm erwartet wird. Ein Beispiel: Der Sektor hat keine Produkte geschaffen, die Amerikanern helfen, mit kritischen Risiken umzugehen, damit sie in ihren Heimen bleiben können, wenn die Zinsen steigen oder die Hauspreise fallen. Diese Industrie wird sich nun einem Wandel ihrer Regulationsstrukturen zu stellen haben. Leider wurden viele der übelsten Elemente des US-Finanzsystems - tödliche Hypotheken und jene Praxis, die zu diesen (hohen Hypotheken) führt -, bereits in alle Welt exportiert.

Alles geschah im Namen der 'Innovation'. Sobald es zu einer Regulations-Initiative kam, wurde diese mit der Behauptung niedergerungen, Regularien hemmten die Innovation. Stimmt, man war innovativ - allerdings nicht in einer Weise, die zu einer Stärkung der Wirtschaft geführt hätte. Und einige der besten und klügsten Köpfe Amerikas setzten ihr Talent ein, um Standards und Regularien zu entwickeln, die die Effizienz der Wirtschaft und die Sicherheit des Bankensystems gewährleisten sollten. Sie waren erfolgreich. Leider waren sie so erfolgreich, dass wir nun alle - Hausbesitzer, Arbeiter, Steuerzahler, Investoren - den Preis bezahlen müssen.

Joseph E. Stiglitz ist Universitätsprofessor an der Columbia University und Träger des Nobelpreises (Ökonomie) 2001

josephstiglitz.com

Anmerkung d. Übersetzerin


* im Original steht hier das Sprichwort: 'chickens coming home to roost', das es im Deutschen nicht gibt. Ich habe daher sinngemäß übersetzt´.

Orginalartikel: The Fruit of Hypocrisy
Übersetzt von: Andrea Noll

Quelle: ZNet

1 Kommentare:

Zelokan hat gesagt…

Heute wurde auf CNN eine Umfrage gemacht betreffend der Aktuelle Krise; wohl bemerkt es ist keine Umfrage auf wissenschaftliche Basis!

Auf eine einfache Frage die lautete:
Do you think the worst of the financial crisis is now over?
(Denken sie, dass das schlimmste der Finanzkrise vorbei ist?)

Antworten – um 22:30 Uhr (ME Zeit)

Yes – 20%
No – 80%

Eigentlich ein erschreckendes Resultat.
Es bezeugt einen bemerkenswerten Pessimismus, zumal die Frage klar ist und sich nicht auf die Finanzkrise bezieht, sondern auf "das Schlimmste der Finanzkrise".
Dieser Mangel an Vertrauen, in diesem Fall in die internationalen Finanzinstitutionen, in die Wirksamkeit der Aktionen und der Macht der US-Regierung, ist zweifellos ein starkes Zeichen dafür wie stark die US Bevölkerung Psychologisch schon angeschlagen ist.

Diese Krise ist weit mehr als eine Finanzkrise, wir haben es hier mit einer Systemkrise des Westlichen Systems zu tun, oder genauer gesagt des Anglo-Amerikanischen Wirtschaftsystems.

Ich würde sagen dies ist das Ende vom Anfang!

Das dicke Ende muss erst noch kommen.

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