Das bisher allerdümmste Argument zur Krise, dessen Verrücktheit sich dem ungeübten Zuseher jedoch nicht unmittelbar offenbarte, wurde am Abend des 30.September 2008 in der ARD-Sendung "Menschen bei Maischberger" vorgetragen.Ich hatte mir den exakten Wortlaut nicht gemerkt - und als ich begonnen habe zu schreiben, war die Sendung auch noch nicht in der ARD-Mediathek abrufbar - aber inzwischen kann ich wörtlich zitieren. Hans Olaf Henkel erklärte:
"Diese Werte, diese Häuser, sind angeblich nach oben gegangen - jetzt sind sie wieder nach unten gegangen - aber passiert ist doch gar nichts.Die Häuser stehen doch noch. Es ist ja kein gewaltiger Hurrican über diesen Kontinent gerast, das heißt, diese Papiere, hinter denen sich diese Werte verstecken, werden irgendwann einmal wieder mehr wert." Das Video - bitte ab 00:54:00 abspielenDie übrigen Gäste und die Moderatorin hielten es nicht für erforderlich, diese von sonderbarem Sachverstand zeugende Argumentation in der Luft zu zerreißen - sie haben sie einfach hingenommen.
Dabei ist die Logik dahinter ungefähr so korrekt, wie die Logik hinter der Aussage:
Die Zeitung vom letzten Montag ist doch noch nicht im Container.Die liegt doch immer noch auf dem Küchentisch - und nächsteWoche, wenn wieder Montag ist, ist sie praktisch wieder wie neu.
Eine einmal verkaufte Zeitung ist nicht mehr wert, als das, was der Markt für den "Wertstoff" Altpapier gerade hergibt. Ein einmal verkauftes Haus ist nicht mehr wert, als das, was der Markt für gebrauchte Häuser gerade hergibt.
Was verändert nun den Wert gebrauchter Häuser?
Wenn wir alle persönlichen, oft genug rein emotional gefärbten Wertmaßstäbe weglassen, die uns etwas wertvoll und wichtig erscheinen lassen, und nur auf den nackten Verkehrswert abstellen, wenn wir also herausfinden wollen, was den Preis gebrauchter Häuser beeinflusst, dann bleiben - bei vergleichbarer Lage, vergleichbarer Ausstattung und vergleichbarem Gesamtzustand - nur zwei Faktoren übrig:
1. Das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage
Werden mehr gebrauchte Häuser zum Kauf angeboten, als nachgefragt werden, bewegen sich die Preise gebrauchter Häuser nach unten. Werden weniger gebrauchte Häuser zum Kauf angeboten, als nachgefragt werden, dann steigen die Preise.
Die Obergrenze für nachfragebedingte Preissteigerungen wird von der gleichzeitig feststellbaren Preisentwicklung für vergleichbare Neubauten gesetzt. Niemand kauft ein gebrauchtes Haus, wenn ein vergleichbares neues für annähernd den gleichen Preis zu haben ist.
Die Untergrenze liegt da, wo die bei Vermietung erzielbare Rendite, die Rendite vergleichbar sicherer Anlagen übersteigt.
2. Die Entwicklung des Geldwertes
Wenn eine drei Wochen alte Zeitung beim Altwarenhändler mehr Geld einbringt, als der aufgedruckte Verkaufspreis von vor drei Wochen, dann herrscht galoppierende Inflation - und so etwas soll schon vorgekommen sein.
Und wenn ein drei Jahre altes Haus von der Bank ohne weitere Sicherheiten noch einmal mit dem Doppelten des ursprünglichen Kaufpreises beliehen wird -
was ist dann das?
In Preisen drückt sich - neben dem eigentlichen Wert einer Sache, und jenen persönlichen Faktoren, die eine Sache für den Eigentümer oder den Erwerber wertvoll erscheinen lassen - immer auch der Wert des Geldes aus.
Dass sich der Geldwert in unterschiedlichen Marktsegmenten unterschiedlich verändert, dass also die Kaufkraft des Geldes, gemessen in Zigaretten, eine andere ist, als die Kaufkraft des Geldes, gemessen in Quadratmetern Wohnfläche oder Kilotonnen TNT, macht die Märkte beweglich und für Spekulanten interessant und lukrativ. Die Gabe, vorhersehen zu können, was heute vergleichsweise billig eingekauft werden kann und sich in naher oder auch fernerer Zukunft teuer wieder verkaufen lässt, hat stets die so Begabten reich und ihre Handelspartner arm gemacht.
Wenn also für Häuser - unabhängig von der quantitativen und qualitativen Entwicklung der Wohnbevölkerung - faktisch vollkommen grundlos von Monat zu Monat höhere Preise erzielt werden können, während Nahrungsmittel, Möbel, Bekleidung und sonstiger Konsumschrott nur von einer mäßigen Inflation heimgesucht werden, dann ist im Marktsegment Immobilien etwas oberfaul mit dem Geldwert.
Man hat den Menschen nicht nur die Häuser verkauft, man hat ihnen nicht nur den Kaufpreis dazugegeben, man hat ihnen obendrauf noch weiteres Geld in die Hand gedrückt, mit der Behauptung, die Häuser seien schon wieder wertvoller geworden, sie könnten daher noch höher beliehen werden - und so haben die Häuserbesitzer die Geldgeschenke entgegengenommen, sind damit als Nachfrager in die noch stabilen Marksegmente gegangen und haben die Konjunktur angekurbelt, insbesondere auch die Konjunktur in Exportnationen wie China, Japan und Deutschland.
Und da stellt sich nun ein hochgeschätzter Talkshowprofi hin, und erzählt - zu unser aller Beruhigung - die Häuser seien ja noch vorhanden, die hätten ja noch einen Wert...
Ein klassischer Lug und Trug-Schluss!
Die Häuser sind wohl vorhanden, und an ihrem "inneren" Wert hat sich auch nichts verändert, das ist schon richtig, aber das Problem ist auch nicht das Vorhandensein oder die Bewohnbarkeit der Häuser.
Das Problem ist, dass man den Eigentümern viel mehr Geld geliehen hat, als die
Häuser jemals wert waren. Das Problem ist, dass die Schuldner dieses Geld
niemals zurückzahlen können. Das Problem ist, dass nicht nur die Subprime-Hütten
überbewertet wurden, sondern, in logischer Konsequenz zwangsläufig alle
Immobilien des US-amerikanischen Marktes.
Wer ein Problem nur dann erkennen will, wenn beliehene Häuser abgebrannt, eingestürzt oder sonstwie physisch vernichtet oder unbewohnbar geworden sind, der hat überhaupt nichts verstanden. Um die Häuser geht es doch gar nicht.
Das Problem ist, dass man von Menschen Zinsen und Tilgung verlangt, für Geld,
das diese längst verkonsumiert haben, weil man sie glauben ließ, sie könnten den
aktuellen Kredit bei Bedarf mit einem neuen Kredit tilgen, den man ihnen gerne
gewähren würde, weil ihre Häuser ja schon in einem Jahr wieder sehr viel mehr
wert seien, als heute.Das Problem ist, dass viele einfache Leute mit diesen
leichten Krediten in eine Schuldenfalle gelockt wurden, aus der es kein
Entkommen gibt.Das Problem ist, dass das Geld aus diesen Krediten zu einem
hohen Anteil für allerlei notwendigen, aber auch für allerlei überflüssigen
Konsum ausgegeben wurde und dass es auf diesem Wege sehr schnell auf den Konten einiger weniger - gar nicht einfacher - Leute gelandet ist, die den auf Pump finanzierten Konsum in ihren Gewinn verwandelt haben.
Wir müssen festhalten:
Im Grunde ist alles das, was heute als gigantische Blase uneinbringbarer Kredite in den Büchern steht, längst als Gewinn auf den Konten der Profiteure der Immobilienblase angekommen. Inwieweit es diesen bereits gelungen ist, die eingesammelten Gelder in Sachwerte umzuwandeln, ist nicht klar feststellbar, zumal die Sachwertverkäufer (wie z.B. Peer Steinbrück) die Erlöse aus dem Verkauf des Volksvermögens nicht in den Konsum, sondern in die Tilgung von Krediten stecken, was die Ausbreitung der Inflation auf alle Marktsegmente immer noch hinauszögert - und die Sachwertpreise, z.B. für die Bahn AG - zum Nutzen der "Investoren" -- niedrig hält.
Doch mit dem Einsammeln jener Gelder, für die sich Millionen Amerikaner hoffnungslos verschuldet haben, wollen die "Konstrukteure der Krise" sich nicht zufrieden geben.
Mit der Drohung, das Weltfinanzsystem zerbrechen zu lassen, erpressen Sie weltweit die Regierungen und zwingen sie dazu, für die als uneinbringlich geltenden Forderungen geradezustehen. Die USA wollen sich, über das viele Geld hinaus, das bereits in den Rachen der Geldmafia geworfen wurde, mit 700 Milliarden US-Dollar neu verschulden und Zins und Tilgung für diese Schulden vom Steuerzahler aufbringen lassen. Und damit diese Last auch garantiert nicht die Falschen trifft, wurde das "Rettungspaket" inzwischen mit der Zusage verknüpft, die Unternehmenssteuern zu senken.
Dass die 700 Milliarden reichen werden, darf bezweifelt werden, nicht nur weil das Volumen kritischer "Wertpapiere" viel größer ist, sondern vor allem weil wir wissen, dass Erpresser regelmäßig dazu neigen, mehr und immer noch mehr zu fordern, solange man nicht aufhört, ihren Forderungen nachzugeben.
Klartext:
Erst haben die Profiteure leichtfertig Kredite ausreichen lassen und damit eine großzügige Geldschöpfung ermöglicht.
(Wer bestimmt denn im Kapitalismus die Geschäftspolitik der Banken?)
Dieses Geld ist, wie beabsichtigt, schnell in den Wirtschaftskreislauf geraten, hat die Konjunktur belebt und wurde inzwischen ganz überwiegend schon wieder als Gewinn an die Profiteure ausgeschüttet.
Dann haben sie versucht, die Forderungen aus den Krediten weltweit zu verkaufen, was ihnen weitgehend gelungen ist. Es darf vermutet werden, dass auch aus den Verkäufen dieser Schulden immense Gewinne für die Verkäuferseite generiert wurden. Als Aktionär (oder shareholder) kann man mit seinem Kapital ja munter von einem Unternehmen zum anderen springen, rechtzeitig dort aussteigen, wo in Kürze die Verluste fällig werden und rechtzeitig dort wieder einsteigen, wo die nächste Profitabsaugeaktion stattfinden soll.
Jetzt stehen weltweit uneinbringliche Forderungen in den Büchern der Banken (deren Aktien deshalb (!) so billig zu haben sind, wie nie zuvor). Und sobald die billigen Aktien bei den richtigen Spekulanten angekommen sind, wird den Banken das Staatsgeld in den Rachen geschaufelt, damit sich der Börsenwert der Banken wieder in die Höhe schwingen kann, was die dritte Phase der Ausplünderung ermöglicht.
Aber bei Maischberger,
im Ersten deutschen Fernsehen,
da betäubt man sich und die Zuschauer mit der Erkenntnis,
dass die Häuser ja noch stehen!
Geld und Häuser, Schulden und Banken haben die Besitzer gewechselt. An alledem wurde gigantisch verdient.
Jetzt sind die Schulden übrig - und die werden dem Volk der Steuerzahler aufgebürdet. Den Heutigen - und, liebe Freunde der zukünftigen Generationen, auch deren Kindern und Enkelkindern.
So, und nun noch kurz zum nächsten dummen Spruch, der in diesen Tagen gerne verbreitet wird:
Da kann man nur noch in ein homerisches Gelächter ausbrechen.Der Euro, die Euro-Zone, das sei ein Segen für alle Teilnehmer, weil sie eine
starke Gemeinschaft darstelle, die weit bessere Chancen böte, sich gegen den
Dollarcrash zu wehren, als die früheren nationalen Währungen.
Wir Euro-Europäer hängen im Euro-System, nackt und gefangen im Netz der EZB, wie einst Aphrodite und Ares im Netz des Hephaistos, dem Gespött der Götter preisgegeben, weil wir uns die eigene Währung haben aus der Hand nehmen lassen und damit auf die Gnade der Europäischen Zentralbank angewiesen sind, die in der Verfolgung ihres einzigen Zieles, der Geldwertstabilität, ohne mit der Wimper zu zucken jede der angeschlossenen Volkswirtschaften in den Abgrund reißen kann, wenn nicht endlich Einhalt geboten wird.
Dass die EZB mithilft, mit immer neuen Milliardenbeträgen, die immer schwindelerregendere Höhen erreichen, den Geldhunger der Banken zu stillen, wem hilft das denn?
Die große europäische Euro-Menge schwappt inzwischen ebenso wild und ungezügelt durch die Welt, wie der Dollar schon lange.
Für den Transport flüssiger GefahrgüterBeim Finanzsystem, wo es um noch viel größere Mengen "flüssigen Gefahrgutes" geht, nicht.
sind ab einer bestimmten Größenordnung Tanks mit sogenannten "Schwallwänden" vorgeschrieben. Schwallwände verhindern, dass die Ladung beim Bremsen vollkommen ungebremst nach vorne schwappt und sich dann im Tank unkontrollierbar Wellenbewegungen entwickeln, die ganz schnell auch das komplette Fahrzeug außer Kontrolle geraten lassen.
Dort ist man durch Schaden klug geworden.
Und solange es gelingt, im Weltfinanzsystem durch den Schaden anderer reich zu werden, wird sich das auch nicht ändern.
Außer, die Geschädigten begreifen endlich, dass sie nicht nur den Schaden haben, sondern mit den Aktionen zur Rettung des Finanzsystems auch noch dafür zur Kasse gebeten werden, dass andere sich an ihrem Schaden dumm und dämlich verdienen.
Quelle: Egon W. Kreutzer



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