Im April 1977 wurde Generalbundesanwaltes Siegfried Buback ermordet. Sein Sohn geht mit guten Gründen davon aus, dass er von einer Geheimdienstinformantin erschossen wurde -
Von JÜRGEN ELSÄSSER, 21. Dezember 2008:
"Uns ist klar geworden, dass Frau Becker eine dringend Tatverdächtige ist und gleichzeitig eine Informantin des Geheimdienstes."
(Michael Buback)[1]
War der Bundesnachrichtendienst (BND) an der Ermordung eines unserer höchsten Staatsbeamten beteiligt? Diesen ungeheuerlichen Verdacht formuliert Michael Buback in seinem Buch „Der zweite Tod meines Vaters“, das im November 2008 im Droemer Knaur Verlag erschien. Der Vorwurf, Verschwörungstheorien zu verbreiten, wird gegenüber diesem Autor schwer vorzubringen sein.
Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, http://www.koufogiorgos.de
Der Sohn des ermordeten Generalbundesanwaltes Siegfried Buback ist, genau wie dieser, ein überzeugter Anhänger des wehrhaften Rechtsstaates und steht nicht im Verdacht, mit „links“ zu sympathisieren. Im Gegenteil: Im Jahr 2002 war er, obwohl parteilos, sogar vom CDU-Ministerpräsidenten Christian Wulff als niedersächsischer Wissenschaftsminister nominiert worden. Als international renommierter Molekularchemiker ist er es gewohnt, nur Fakten gelten zu lassen und Hypothesen nach strengen Maßstäben zu verifizieren. Ihm als Angehörigen eines Terroropfers konnte man nicht, wie z.B. Journalisten, die Einsicht in Fahndungsunterlagen und einschlägige Gerichtsakte verweigern. Doch Buback gab sich damit nicht zufrieden: Er begann, unabhängig von den Behörden und teilweise zu deren Missfallen, mit eigenen Ermittlungen – und kam zu brisanten Ergebnissen.
Der 7. April 1977
Becker3 Siegfried Buback war am 7. April 1977, einem Gründonnerstag, in Karlsruhe erschossen worden. Ein Kommando der Roten Armee Fraktion hatte den Anschlag durchgeführt: Zwei Täter hatten auf einer Suzuki neben dem Wagen des Generalbundesanwalts gehalten, dann fielen die tödlichen Schüsse auf Buback und seine zwei Leibwächter. In unmittelbarer Nähe wartete ein Auto mit mindestens einem weiteren Komplizen, mit dem die Terroristen flüchteten.
Die RAF-Mitglieder Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt und Knut Folkerts sowie Günter Sonnenberg wurden später der Beteiligung an den Morden für schuldig befunden. „Die Richter ließen sich nicht genauer über die Arbeitsverteilung zwischen Motorradfahrer, Todesschütze und Fahrer des Fluchtautos aus, obwohl die Ermittler annahmen, dass Klar den Wagen fuhr und Folkerts die Schüsse abgab.“[2] Sonnenberg hätte demnach das Motorrad gefahren. Mohnhaupt, die einzige im Mordfall Buback verurteilte Frau, soll nicht selbst am Tatort gewesen sein.
Diese Urteile waren in den folgenden Jahrzehnten in der bundesdeutschen Gesellschaft fast unumstritten. Michael Buback bekennt im Rückblick: „Über dreißig Jahre gab es für uns nie einen Zweifel an der bestmöglichen Aufklärung der Tat. Die Elite der deutschen Ermittler hatte sich mit dem Mord an einem der ihren intensiv befasst. Für uns war es selbstverständlich, dass alles Menschenmögliche geschehen war, um die Täter ausfindig zu machen und ihrer gerechten Bestrafung zuzuführen. Diese Aktivitäten erfolgten unter der Verantwortung der Bundesanwaltschaft, mit der wir uns seit langem eng verbunden fühlen.“[3]
Dieses Vertrauen wurde im April 2007 schwer erschüttert. Im Zusammenhang mit der öffentlichen Debatte um das Gnadengesuch Christian Klars meldete sich das frühere RAF-Mitglied Peter-Jürgen Boock bei Buback. Das Zusammentreffen der beiden kam überraschend. „Niemand, auch nicht die Justiz, hatte wohl damit gerechnet, dass ein Gespräch wie das zwischen Boock und mir zustande kommen würde,“ meint Buback im Rückblick. Boock hatte sich, wie so oft bei ihm, in etlichem schwammig ausgedrückt, war aber in zwei Punkten ganz dezidiert gewesen: Weder Klar noch Folkerts seien die Täter auf dem Motorrad gewesen. Buback war erschüttert. „Der April hatte alles ins Wanken gebracht, was wir über die Ermordung meines Vaters wussten.“[4] Nach diesem unerwarteten Hinweis begann Buback selbst damit, die Wahrheit zu suchen. Dabei fand er immer mehr Spuren, die auf eine bisher nie genannte Täterin hinwiesen: Verena Becker.
Unterdrückte Indizien
Verena Becker war ursprünglich Mitglied der Bewegung 2. Juni gewesen und im Austausch gegen den 1975 entführten Westberliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz aus der Haft freigepresst und nach Südjemen ausgeflogen worden. Dort schloss sie sich der RAF an. Am 3. Mai 1977, knapp vier Wochen nach dem Buback-Mord, wurde sie zusammen mit Günter Sonnenberg verhaftet, als sie sich beim Versuch des Grenzübertritts im südbadischen Singen ein Feuergefecht mit der Polizei lieferten. Noch im selben Jahr wurde sie wegen dieses Verbrechens zu Lebenslänglich verurteilt, aber nach 12 Jahren vom Bundespräsidenten begnadigt. Ihre mögliche Beteiligung am Buback-Mord wurde vor Gericht nie thematisiert.
Buback hat unter anderem folgende Hinweise auf Verena Becker als Todesschützin zusammengetragen:
* Unmittelbar nach der Tat hatte ein jugoslawischer Augenzeuge angegeben, der Beifahrer auf dem Rücksitz des Motorrads könnte eine Frau gewesen sein. Buback stieß auf diese Aussage in einem Welt-Artikel vom 9. April 1977 und überzeugte sich daraufhin, dass auch die ARD-Tagesschau vom 7. April 1977 über eine Frau als mögliche Schützin berichtet hatte. Auch in einer Presseerklärung des Stuttgarter Innenministeriums fand er einen entsprechenden Hinweis.
* Erst im Zuge des ersten Pressewirbels um Klars mögliche Haftentlassung im Frühjahr 2007 meldete sich ein weiterer Augenzeuge bei Buback. Er hatte gesehen, dass auf dem Rücksitz des Motorrads „eine eher zierliche, zwischen 1.60 und 1.70 Meter große Person war“, ein „Hüpferle“, wie er sich ausdrückte. Verena Becker ist 1,64 Meter groß. „Er ist überzeugt, dass es eine Frau war.“[5] Allerdings machte er diese Beobachtung nicht am Tag der Tat, sondern einen Tag zuvor. Die Ermittlungsbehörden gehen allerdings davon aus, dass an diesem 6. April 1977 eine Art Test für das Attentat des 7. April stattgefunden hatte. Im Urteil gegen Mohnhaupt und Klar wurde ausgeschlossen, „dass am Tattag kurzfristig andere Bandenmitglieder (als Tatausführende) eingesprungen seien“.[6]
* Vor allem: Becker und Sonnenberg hatten bei ihrer Verhaftung im Mai 1977 die Waffe bei sich, mit der auf den Generalbundesanwalt und seine Begleiter geschossen worden war. Außerdem führten sie einen Schraubendreher aus dem Werkzeugsatz des Tatmotorrads mit sich.[7]
Im Haftbeschluss vom 10. Mai 1977 wird dieser Faktenlage noch Rechnung gezollt und konstatiert, „dass die Beschuldigte Verena Becker in die Ausführung des Attentats als Mittäterin einbezogen war“. Doch der logisch nächste Schritt, Erhebung der Anklage, wird nie vollzogen. Stattdessen werden in der Folge alle Hinweise auf die Verstrickung Beckers in den Buback-Mord geradezu systematisch aus den Ermittlungsakten getilgt.
Besonders auffällig sind die Manipulationen in Bezug auf die Schusswaffe. In der Anklage gegen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar im Jahr 1983 hieß nur noch, dass diese Waffe bei der Festnahme von Sonnenberg gefunden worden ist – der Hinweis auf Becker als dessen Begleiterin war entfallen. Ebenso taucht der jugoslawische Augenzeuge in der Anklageschrift gegen Klar/Mohnhaupt nicht mehr auf. Bei weiteren Recherchen stellte Buback fest, dass die Vertuschung schon am Tattag begonnen hatte. So wurden Aussagen des Jugoslawen direkt nach dem Mord nur von der Karlsruher Polizei korrekt aufgenommen, während die schnell eingesetzte Sonderkommission des BKA so protokollierte, dass der Hinweis auf eine Frau als mögliche Tatbeteiligte aus den Akten nicht mehr ersichtlich war. Ähnlich wurden die Angaben des „Zeugen vom Vortag“ in den Akten der Bundesanwaltschaft manipuliert.
Becker und die Dienste
Warum aber sollten die Ermittlungsbehörden eine Terroristin decken? Des Rätsels Lösung hatte bereits im April 2007 ein Spiegel-Artikel angedeutet. Darin berichtete ein ehemaliger Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) über ausführliche Aussagen der inhaftierten Becker gegenüber seiner Behörde in den Jahren 1981/82. Das wäre ein Motiv, warum diese im Gegenzug Belastungsmaterial gegen Becker in der Versenkung verschwinden ließ, zum Beispiel im Prozess gegen Mohnhaupt und Klar ab 1983.
Becker4 Aber die Kooperation Beckers mit dem Staatsschutz ab 1981 klärt noch nicht, warum Hinweise auf ihre Tatbeteiligung schon weit vor diesem Zeitpunkt aus den Akten getilgt wurden. „Hieß das, dass es schon am Tattag ein Zusammenwirken gegeben hat?“, fragt sich Buback erschreckt.[8] Diese Möglichkeiten hat Buback nicht nur logisch aus seinen Recherchen über die scheinbaren Schlampereien der Staatsorgane nach der Ermordung seines Vaters deduziert – er hat mit Hilfe des Südwestrundfunks (SWR) auch noch ein handfestes Indiz dafür gefunden. Die DDR-Staatssicherheit hat nämlich Becker ebenfalls beobachtet, und bei der Birthler-Behörde fanden sich drei Berichte über die Terroristin. Am brisantesten ist der vom 2. Februar 1978. Darin heißt es: „Es liegen zuverlässige Informationen vor, wonach die B. seit 1972 von westdeutschen Abwehrorganen wegen der Zugehörigkeit zu terroristischen Gruppierungen bearbeitet bzw. unter Kontrolle gehalten wird. Diese Information wurde durch Mitteilungen der HVA von 1973 und 1976 bestätigt.“ (s. Faksimile)
Unklar ist allerdings, was die Formulierung bedeutet, Becker werde von westdeutschen Abwehrorganen seit 1972 „bearbeitet bzw. unter Kontrolle gehalten“. Wurde sie beobachtet – als Gegnerin des bundesdeutschen Staatsschutzes? Oder geführt – als dessen Agentin? Michael Buback scheint der zweiten These zuzuneigen. „Aus diesen Dokumenten ergaben sich Anzeichen, dass meine schlimmsten Befürchtungen zutreffen könnten. Verena Becker hätte demnach bereits Jahre vor der Ermordung meines Vaters Kontakt zu westdeutschen Geheimdiensten gehabt. (...) Es wäre grauenvoll, wenn die Informationen aus den Stasi-Unterlagen zuträfen. Allerdings müssten wir dann nicht weiter nach Klärung suchen, die Merkwürdigkeiten würden sich weitestgehend auflösen.“[9]
Ein mögliches Motiv
Je mehr Indizien Buback für einen Geheimdienst-Hintergrund der Ermordung seines Vaters fand, umso zurückhaltender berichteten die Medien. Ein Teil der Zurückhaltung lässt sich damit erklären, dass der Verdacht von Michael Buback für viele nicht nachvollziehbar ist. Wer im Staatsapparat sollte denn welches Interesse daran gehabt haben, Verena Becker bei der Ermordung des Generalbundesanwaltes zu helfen oder sie zumindest hinterher zu decken?
Die Buchautorin Regine Igel, die über die verdeckte Zusammenarbeit der NATO-Geheimarmee Gladio mit italienischen Terrorgruppen ein dickes Buch verfasst hat, hat eine Erklärung gefunden. Buback war als Generalbundesanwalt nämlich auch mit der Anklage gegen den DDR-Spion Günter Guillaume befasst gewesen, über den Bundeskanzler Willy Brandt 1974 gestürzt war. „Buback war nun – so die italienischen Zeithistoriker – während seiner Ermittlungen möglicherweise darauf gestoßen, dass die westdeutschen Geheimdienste – wie in Italien von den Amerikanern gesteuert – schon lange über die Rolle Guillaumes Bescheid wussten, jedoch zögerten, seine Doppelrolle auffliegen zu lassen, um zum richtigen Zeitpunkt die Wirkung des Rücktritts (von Brandt - Anm. Red.) zu erzielen.“[10] Den Hardlinern in Pullach und in Langley war Brandt wegen seiner Entspannungspolitik gegenüber Moskau ein Dorn im Auge. Hatte der Generalbundesanwalt herausbekommen, dass und wie der BND zum Sturz des Bundeskanzlers beigetragen hatte – und musste er deswegen sterben?
Igel informiert Michael Buback im Mai 2007 über ihren Verdacht. „Das war ein Schock. (...) Nein, es konnte und durfte einfach nicht wahr sein, dass mein Vater mit Duldung oder gar Unterstützung von Geheimdiensten ermordet worden war. Das wäre Verrat gewesen, unerträglicher Verrat.“[11] Er findet heraus, dass sein Vater tatsächlich im Zuge der Guillaume-Anklage zumindest auf eine Mitschuld des BND gestoßen war. „Eine zu spät einsetzende Kontrolle habe dem Agentenehepaar die geheimdienstliche Nachrichtentätigkeit zum Schaden der Bundesrepublik und auch des Atlantischen Bündnisses zu leicht gemacht“, habe Siegfried Bubacks engster Mitarbeiter bei der Bundesanwaltschaft, Ernst Träger, im Prozess vorgetragen.[12] Sein Vater jedenfalls habe sich in den Fall Guillaume geradezu verbissen, die Bekämpfung von Spionage sei seine Passion gewesen. „Und falls jemand ein Verbrechen in diesem Bereich verbergen wollte, könnte er meines Vaters Unabhängigkeit und Geradlinigkeit durchaus als Bedrohung empfunden haben.“[13]
Michael Buback, der sich vordem mit Überlegungen über die möglichen Motive des BND bei der Ermordung seines Vaters zurückgehalten hat, folgt in seinem Buch der von Regine Igel gefundenen Hypothese fünf Seiten lang. Am Ende verlässt er sie, ohne sie zu verwerfen. „Ich mag an die Möglichkeit, dass es eine Verknüpfung zwischen dem Karlsruher Attentat und der Guillaume-Affäre gibt, nicht weiter denken; sie wäre so grausam, so ekelhaft, kaum zu ertragen. Es darf diese Verbindung nicht geben.“[14]
Die geheime Akte
„Fragen von enormer Wucht“ (Michael Buback) hätten sich klären lassen, hätte der Verfassungsschutz die Verhörprotokolle Verena Beckers für weitere Ermittlungen freigegeben. Doch das Gegenteil geschah. Mitte Dezember 2007 stellte die Behörde beim Bundesinnenministerium den Antrag, die Becker-Akten „für immer“ zu sperren.[15] „Der Verfassungsschutz beruft sich auf die Strafprozessordnung, nach der die Vorlegung von Akten durch andere Behörden nicht gefordert werden darf, (...) wenn die Weitergabe der Schriftstücke ‚dem Wohl des Bundes oder eines Landes Nachteile bereiten würde’.“[16] Am 18. Januar 2008 hat das Bundesinnenministerium dem Antrag entsprochen und die Akte für immer unter Verschluss genommen.[17]
Michael Buback konnte immerhin als Erfolg seiner unermüdlichen Recherchen verbuchen, dass im April 2008 – mit 31 Jahren Verzug - endlich ein Ermittlungsverfahren gegen Verena Becker wegen des Buback-Attentats eröffnet wurde. Im Zuge dessen wurden auch die in verschiedenen Tatutensilien gefundenen Mischspuren mit dem DNA-Material von Becker verglichen. Das Ergebnis war negativ, und die entsprechenden Kommentare in den Medien ließen nicht lange auf sich warten. „Die Verdächtigungen gegen Verena Becker, sie sei die Todesschützin im Buback-Mord, sind in sich zusammengebrochen“, hieß es etwa im Südwestrundfunk.[18]
Doch das ist ein unbegründeter Schnellschuss - schließlich hat selbst die Bundesanwaltschaft das Verfahren gegen Verena Becker auch nach diesem DNA-Test nicht eingestellt. Buback fiel sofort auf, wie bei dem Spurenabgleich getrickst worden war: „Es war ja nur ein (Motorrad-) Helm untersucht worden, und noch dazu der weißgrundige. Mit Verena Becker aber war eine Haarspur im rotgrundigen Helm in Verbindung gebracht worden.“[19] Für ihn ist diese Auslassung kein Zufall: „Nachdem ich nun schon so viele Hinweise auf Schutz- und Deckungsmaßnahmen für Verena Becker entdeckt habe, beunruhigt mich dieser Umstand sehr.“[20]
Der Autor hat angekündigt, „auch nach Erscheinen des Buches für Diskussionen bereitzustehen“. Es könnte also spannend bleiben.
Michael Buback, Der zweite Tod meines Vaters, München 2008, 362 Seiten
Interview mit Bommi Baumann
Jahrgang 1948. Mitglied der militanten Haschrebellen (1968 - 1971) und der Terrororganisation 2. Juni (ab 1972). Er hat nach eigenen Angaben Verena Becker für die „Bewegung 2. Juni“ rekrutiert.Baumann: Die Organisation Schwarze Hilfe, der sie vor dem 2. Juni angehört hat, war jedenfalls durchsetzt mit Leuten des Verfassungsschutzes. Möglicherweise Ingeborg Bartz, die später angeblich von Andreas Baader wegen Illoyalität erschossen worden sein soll. Oder Angela Luther, die einzige aus der ersten Generation der RAF, die nie gefasst wurde. Oder Ulrich Schmücker, erwiesenermaßen ein Spitzel. Bei Verena Becker könnte ich mir vorstellen, dass sie während ihrer ersten Gefängnisstrafe 1974 umgedreht wurde.
HINTERGRUND: Sie wissen von einem Fall, wo sie wie ein Agent provocateur agiert hat.
Baumann: Das muss 1973 oder 1974 gewesen sein. Da wurde in den Medien behauptet, die RAF wolle in Stuttgart wahllos Bombenanschläge begehen. Ich habe in der Zeit Gudrun Ensslin und Andreas Baader getroffen, und die haben gleich gesagt, das ist eine Geheimdienst-Falschinformation, das setzen die in Umlauf, um uns zu diskreditieren. Alle haben sich aufgeregt, mit einer Ausnahme: Verena Becker. Ja, ist doch gut, sagte sie, das kann man doch machen, diese Scheißspießer, die kann es ruhig treffen.
HINTERGRUND: Die Recherchen von Michael Buback zeigen eindeutig, dass Verena Becker spätestens ab 1981 gedeckt wurde.
Baumann: Von staatlicher Seite wird ja die Version gestreut, die Becker sei belohnt worden, weil ihre Hinweise bei der Vernehmung 1981 dazu geführt hätten, dass das verbliebene Führungstrio der RAF – Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt, Adelheid Schulz - im November 1982 sukzessive gefasst werden konnte. Aber das stimmt nicht. Das weiß ich definitiv, denn Wolfgang Pfaff, damals leitender Ermittler der Bundesanwaltschaft, hat es mir gesagt.
HINTERGRUND: Wer hat die Drei dann verpfiffen?
Baumann: Gute Frage. Es gab die irre Geschichte von den drei Joggern, die die RAF-Leute in der Nähe eines Erddepots, in dem ein RAF-Waffenlager war, gesehen haben wollen und die der Polizei den entscheidenden Tipp gaben. Was seltsam ist: Die drei verzichteten auf die Belohnung, die für die Ergreifung der RAF-Führungsspitze ausgesetzt war, das waren immerhin stolze 300 000 Deutsche Mark. Das klingt unglaubwürdig. Die Polizei musste vielmehr selbst gewusst haben, wo die RAF-Depots waren. Jedenfalls: Durch diese Festnahme wurde der bis dahin existierenden RAF die Spitze abgeschlagen. Die sogenannte zweite Generation wurde ausgeschaltet. Damit war der Weg frei für die sogenannte dritte Generation der RAF, eine äußerst dubiose Mannschaft, deren Verbindungen zu Geheimdiensten noch wesentlich offensichtlicher sind.
Interview: Jürgen Elsässer
Quelle: Hintergrund




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