Mittwoch, 6. Mai 2009

Es wird lebhafter

Unruhe in Wiesbaden

Von Daniel Behruzi, Wiesbaden

Viel ist dieser Tage von »sozialer Unruhe« die Rede. Vor dem Tor eins des Autozulieferers Federal Mogul in Wiesbaden ist sie zu besichtigen: Mittwoch früh wurden die Bänder gespoppt, die Beschäftigten blockieren in roten Streikwesten die Werkszufahrt. »Es kommt keiner mehr rein«, stellt Betriebsratschef Alfred Matejka klar. »Seit heute sechs Uhr ticken die Uhren anders: Wir bestimmen jetzt, was hier passiert – und sonst niemand.«


Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de

Tatsächlich haben die Wiesbadener Arbeiter des US-Konzerns das Heft des Handelns in der Hand. Als erste Belegschaft, die durch die dramatische Absatzkrise der Automobilindustrie durch Kündigungen bedroht ist, ist sie in einen unbefristeten Streik getreten. 94,39 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder haben sich dafür ausgesprochen. So wollen sie die geplante Entlassung von 436 der insgesamt 1600 Kollegen verhindern. »Wir lassen uns nicht aus dem Betrieb rausschmeißen wie die Hunde«, ruft Matejka auf der Kundgebung vor dem Tor.

Einen kämpferischen Ton schlägt auch IG-Metall-Bezirksleiter Armin Schild an: »Dies ist der Ausgangspunkt für einen heißen Sommer 2009, der zeigen wird: Wir zahlen nicht für eure Party.« Das Vorgehen des Konzerns sei »eine fürchterliche Entgleisung des Kapitalismus, den wir doch soziale Marktwirtschaft nennen sollen«, so der Gewerkschafter. Deshalb sei »soziale Unruhe« durchaus angebracht: »Wenn wir solidarisch zusammenstehen, dann ist das soziale Unruhe.«

Die Solidarität unter den Beschäftigten ist in der Tat vorhanden. Auch Ugur Cil hat sich zu den Streikposten gesellt. Er ist seit 20 Jahren bei Federal Mogul. Deshalb glaubt er nicht, daß er unmittelbar von Kündigung bedroht ist. »Man muß auch an die Kollegen denken, die vielleicht auf der Abschußliste stehen«, sagt er auf die Frage, warum er sich dennoch am Ausstand beteiligt. »Keiner weiß, wen es treffen wird«, meint hingegen Michael Harz, der hier seit fast 33 Jahren als Elektriker arbeitet. Seine Frau ist ebenfalls bei Federal Mogul angestellt. »Wenn es uns beide trifft, dann wird es extrem hart«, sagt der Vater einer 14jährigen Tochter. In der gleichen Situation ist Christine Isaak-Mrazek. Die 39jährige arbeitet normalerweise in der Qualitätskontrolle. Doch am Mittwoch bewacht sie das verschlossene Betriebstor, das mit einem großen Banner mit der Aufschrift »Arbeitszeit kürzen statt kündigen« dekoriert ist. Ihr Mann, mit dem sie zwei schulpflichtige Kinder versorgt, ist ebenfalls im Unternehmen. »Die meisten Kollegen wohnen hier in der Gegend. Wenn die Chefs das hier durchsetzen, trifft man sich auf dem Arbeitsamt wieder«, meint die junge Frau.

»Wir ziehen das durch bis zum bitteren Ende«, heißt es von den Streikenden immer wieder. Ein Arbeiter gibt zu bedenken, daß die Auftragslage tatsächlich schlecht ist. »Wenn es nur 50 Prozent Aufträge gibt, werden 50 Prozent Streik nicht reichen. Ich gehe davon aus, daß es länger dauern muß, damit der Arbeitgeber überhaupt was merkt.« Richard Altz, Leiter des IG-Metall-Vertrauenskörpers, berichtet hingegen, die Liefertermine seien sehr eng. Bei einem längeren Ausstand »würde innerhalb kürzester Zeit die gesamte Autoindustrie lahmgelegt«.

Das hat die Gewerkschaftsspitze aber offenbar noch nicht vor. »Es kann sein, daß wir einen Teil der Produktion wieder aufnehmen müssen, um Dinge zu vermeiden, die wir anderswo nicht vermitteln können«, sagt Bezirksleiter Schild. Die IG Metall werde aber »alles daransetzen, daß dieser Streik von allen getragen wird«.

Quelle: junge Welt

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