von Eva Bartlett
Am Morgen des 4. Mai 2009 setzten israelische Truppen an der Ostgrenze des Gazastreifens zu Israel palästinensische Pflanzen in Brand. Wie das Palästinensische Menschenrechtszentrum PCHR mitteilte, wurden 200 000 Quadratmeter Anbaufläche mit erntereifem Weizen und erntereifer Gerste, Gemüse, Oliven- und Granatapfelbäumen zerstört.
Laut der Bauern vor Ort zog sich der Brand an der Ostgrenze - auf palästinensischem Gebiet - über vier Kilometer hin. Ibrahim Hassan Safadi, 49, einer der betroffenen Bauern, deren Pflanzen durch das Feuer zerstört wurden, sagt, das Feuer habe noch bis in die Frühe des nächsten Morgens geglüht, obwohl die Feuerwehren zu löschen versucht hätten.
Safadi sagt, er sei vor Ort gewesen, als israelische Soldaten kleine Bomben auf die Felder abfeuerten. Kurz darauf sei der Brand ausgebrochen. "Die israelischen Soldaten feuerten aus ihren Jeeps heraus", sagt er, "so verursachten sie den Ausbruch des Feuers auf dem Land. Sie verbrannten den Weizen, sie verbrannten die Granatapfelbäume... Das Feuer breitete sich über das Tal aus. Wir alarmierten die Feuerwehren. Sie kamen in das Gebiet und löschten die Flammen, aber an manchen Orten ist es wieder aufgeflammt". so Safadi. Durch das Feuer habe er 30 000 Quadratmeter Land, 300 Granatapfelbäume, 150 Olivenbäume und Weizenfelder verloren.
In der Grenzregion war es schon seit langem fast nicht mehr möglich gewesen, das Land zu bestellen, da die israelischen Soldaten nahezu täglich Schüsse abfeuern. Die Pflanzen, die am 4. Mai brannten, waren trocken und erntereif, das heißt, sie waren extrem entzündbar.
"In drei Minuten hat das Feuer 65 000 Quadratmeter zerstört", sagt Nahed Jaber Abu Said, dessen Anbaufläche einige Kilometer von Safadis Land entfernt liegt - die Straße hinunter. "Es war kurz vor 9 Uhr. Ich war da, als die israelischen Jeeps kamen. Ein israelischer Soldat schoss vom Zaun aus ein Explosvigeschoss in unser Weizenfeld. Es ging sofort in Flammen auf". so Said.
Safadi sagt, dies sei schon der dritte, große Brandanschlag der Israelis auf seine Landwirtschaft. In den letzten 10 Jahren sei es zu verschiedenen weiteren Anschlägen gekommen, bei denen israelische Soldaten sein Land mit dem Bulldozer untergepflügt und seine Zitronen-, Oliven- und Clementinenbäume und Treibhäuser zerstört hätten.
"Wir haben sehr viel verloren. Die israelischen Soldaten zerstörten so viel von unserem Land, von unseren Bäumen und unserem Gerät. Eine Menge Geld ist uns verlorengegangen." Seit 2000, als die Einmärsche zunahmen, würden sich die Verluste häufen, sagt er. Insgesamt habe er $330 000 verloren. Beim letzten Angriff seien ihm Pflanzen, Bäume und Bewässerungsrohre im Gesamtwert von $130 000 zerstört worden.
Doch es ist nicht nur die Zerstörung. So beklagt er, dass die vernichteten Gerätschaften - wie etwa Plastikschläuche für die Bewässerung der Felder - nicht erneuert werden könnten. Bewässerungsschläuche, Dünger, und Maschinenersatzteile dürfen, aufgrund der umfassenden, von Israel geleiteten Belagerung, die mit internationaler Unterstützung durchgeführt wird, nicht in den Gazastreifen importiert werden.
Auf einem einzigen Stück Land sei ihm ein Schaden von $2000 entstanden, sagt Said. "Dabei ist das Land, das der Grenze am nächsten liegt, noch gar nicht berücksichtigt", sagt er. "Ich bin so traurig, was kann ich nur tun?"
Seine Erfahrungen reichen weiter zurück als bis zum 4. Mai, an dem der Angriff geschah. Nicht immer ging es um Ländereien: 2008 erschossen israelischen Soldaten 11 seiner Schafe und verletzten seinen 15jährigen Cousin Jaber schwer, indem sie ihm in den Mund schossen.
An der Grenze zwischen Gaza und Israel kommt es fast täglich zu Angriffen durch israelische Soldaten. Vor knapp zehn Jahren richtete Israel eine unilaterale "Pufferzone" oder "No-go-Zone" ein. Diese wurde an der gemeinsamen Grenze eingerichtet, allerdings ausschließlich auf palästinensischem Gebiet (Gaza). Laut der 'Organisation für Nahrung und Landwirtschaft' (FAO) der Vereinten Nationen und dem 'Palästinensischen Landwirtschaftlichen Hilfskomitee' wurde die ursprünglich 100 Meter lange "Verbotszone" an der Ostgrenze Gazas mittlerweile auf einen Kilometer ausgedehnt und erstreckt sich nun über weite Teile der Ostgrenze und über zwei Kilometer der Nordgrenze des Gazastreifens.
Wie die FAO weiter berichtet, liegen circa ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche des Gazastreifens in dieser abgeriegelten "Pufferzone".
Seit dem Waffenstillstand vom 18. Januar 2009 wurden drei palästinensische Zivilisten, darunter ein Kind, in der "Pufferzone" getötet. Sie wurden von israelischen Soldaten erschossen bzw. mit Granaten getötet. 12 Palästinenser, darunter 3 Kinder und 2 Frauen, wurden in dieser Zeit durch israelisches Feuer verletzt.
Neben den physischen Bedrohung und der Vernichtung landwirtschaftlicher Flächen und Gerätschaften ist Gazas Landwirtschaft Gazas durch ein weiteres Problem schwer betroffen: Es wird davon ausgegangen, dass beim Einmarsch der israelischen Truppen, Anfang 2009, hunderte Brunnen und Wasserquellen zerstört und Farmland verseucht wurden. Wie die britische Zeitung The Guardian im Februar 2009 berichtete, sind seit den israelischen Angriffen fast 60% der Anbaufläche des Gazastreifens nicht mehr nutzbar.
Die Folgen der bewussten Zerstörung des Agrarsektors von Gaza werden noch verschlimmert durch die Tatsache, dass der Wiederaufbau - infolge der israelischen Belagerung - seit dem Waffenstillstand nicht weitergeht. Die Hilfe für Gaza tröpfelt. Armut und Unterernährung nehmen dramatisch zu. Umso vitaler ist es für die Palästinenser in Gaza, dass sie ihre Nahrung anbauen können.
Eva Bartlett ist freie Journalistin und kanadische Menschenrechtlerin. Im November 2008 reiste sie nach Gaza ein (auf dem dritten Schiff der Bewegung 'Free Gaza'). Bartlett ist eine Freiwillige des International Solidarity Movement (ISM). Sie dokumentiert, wie die israelischen Angriffe gegen die Palästinenser in Gaza weitergehen. Während des Agriffs auf Gaza zu Beginn des Jahres begleitete sie - und eine weitere ISM-Freiwillige -, die Ambulanzen und dokumentierten die Angriffe der Israelis.
Quelle: znet
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