Dienstag, 5. Mai 2009

Juden, die "Nein" sagen

Die Gerechten


AUTOR: John F. MAHONEY

Übersetzt von Ellen Rohlfs

Gerald Kaufman


Gerald Kaufman wurde 1970 ins Unterhaus gewählt. Von 1987 – 1992 arbeitete er als Schattenaußenminister unter Neil McKinock. 2002 machte er einen TV-Dokumentarfilm „Das Ende der Affäre“, in dem er seine frühere Unterstützung und seine später Desillusion mit Israel erzählt. Indem er den jüdischen Staat mit der Apartheid Südafrika vergleicht, ruft er zu wirtschaftlichen Sanktionen und einem Waffenembargo gegen Israel auf. Der Vertreterrat der britischen Juden erklärte ihn als selbsthassenden Juden. 2004 wurde er für seine Dienste im Parlament zum Ritter geschlagen. Am 15. Januar 2009 hielt Gerald Kaufmann folgende Rede im britischen Unterhaus:

„Ich bin als orthodoxer Jude und Zionist aufgewachsen . Auf einem Wandbrett unserer Küche stand eine Metalldose für den Jüdischen Nationalfond, in die wir Münzen steckten, um den Pionieren zu helfen, eine jüdische Präsenz in Palästina aufzubauen.

Meine Eltern kamen als Flüchtlinge aus Polen nach England. Die meisten ihrer Familienmitglieder wurden später von den Nazis im Holocaust ermordet. Meine Großmutter lag krank zu Bett, als die Nazis in ihre Stadt nach Staszow kamen. Ein deutscher Soldat erschoss sie im Bett.

Meine Großmutter starb nicht dafür, dass israelische Soldaten nun palästinensische Großmütter im Gazastreifen morden können. Die augenblickliche israelische Regierung nützt unbarmherzig und zynisch die bleibende Schuld ( der Deutschen) am Mord von Juden im Holocaust aus, um ihren Mord an Palästinensern zu rechtfertigen. Das heißt, dass jüdisches Leben kostbar ist, aber das Leben der Palästinenser nicht zählt.

Vor ein paar Tagen wurde die israelische Militärsprecherin Major Leibovich wegen der damals 800 getöteten Palästinenser gefragt –( inzwischen sind es mehr als 1400 ER )– Sie antwortete sofort: ‚500 von ihnen waren Militante.’

Das war die Antwort eines Nazi. Ich vermute, dass die Juden, die damals im Warschauer Ghetto kämpften, es abgewiesen hätten, als Militante bezeichnet zu werden.

Doch so viele Palästinenser auch von den Israelis umgebracht werden, so kann dieses existentielle Problem nicht mit militärischen Mitteln gelöst werden. Wann immer auch der Kampf endet, es wird weiterhin 1,5 Millionen Palästinenser im Gazastreifen und 2,5 Millionen auf der Westbank geben. Sie werden von den Israelis wie Schmutz behandelt mit Hunderten von Straßensperren und mit den schrecklichen Bewohnern der illegalen jüdischen Siedlungen, die sie auch noch schikanieren. Es wird die Zeit kommen – und es wird nicht mehr so lange hin sein, dass die palästinensische Bevölkerung größer ist als die jüdische Bevölkerung .

Es wird Zeit für unsere Regierung, der israelischen Regierung klar zu machen, dass ihr Verhalten und ihre Politik unannehmbar ist und dass sie ein totales Waffenembargo gegenüber Israel durchführen muss. Es wird Zeit für Frieden, für einen realen Frieden. Die Eroberung des Landes, wie es das Ziel der Israelis ist, ist keine Lösung. Sie werden es auch nicht erreichen. Sie sind nicht nur Kriminelle, sie sind Dummköpfe.“

Jeff Halper


Jeff Halper war an Bord des einen von zwei Schiffen, die Zypern am 23. August verließen, um Israels Seeblockade zu brechen und humanitäre Hilfe zur belagerten Bevölkerung zu bringen. Auf den Schiffen waren auch 44 Friedensaktivisten aus 17 Ländern, einschließlich der Schwägerin des früheren Ministerpräsidenten Tony Blair, Laureen Booth. Als Halper ein israelischer Bürger nach Israel zurückkehrte, wurde er verhaftet.

Er ist ein Anthropologe im Ruhestand der Ben-Gurion-Universität und ist der Vorsitzende von ICAHD, dem israelischen Komitee gegen Hauszerstörungen, einer Organisation, die dagegen ankämpft, dass das israelische Militär palästinensische Häuser in den besetzten Gebieten zerstört. 2006 wurde er für den Friedensnobelpreis nominiert. ‚Ich kann nicht weiter untätig Zeuge der Zerstörung meiner Regierung sein, die sie über ein anderes Volk bringt. Ich kann auch nicht zusehen, wie die Besatzung die moralische Substanz meines eigenen Volkes zerstört,“ sagte er, bevor er Israels 18 monatelanger Belagerung des Gazastreifens trotzte.

Im Januar 2009 - während Israels Invasion im Gazastreifen - floh Halper nach Kanada, wo er eine Vorlesung an der Dalhousi-Universität hielt. Der Saal war prope voll, die Zuhörer saßen im Gang und auf dem Podium. Mit klarer Stimme lobte er den Widerstand der Bevölkerung in Gaza gegen das versuchte ‚Massaker’ des jüdischen Staates. Er erklärte: ‚wenn man die Palästinenser in einen Käfig sperrt, was erwartet man dann von diesen Leuten? Die Palästinenser haben ein Recht, Widerstand zu leisten.“

Halper schloss seine Rede, indem er die internationale Gemeinschaft dringend bat, zur Kenntnis zu nehmen (was in den besetzten Gebieten geschieht) und offen Israels heimliches Programm zu verurteilen, Waffen zu testen und Taktiken im Kampf gegen Aufständische am palästinensischen Volk. Die Auswirkungen von Gaza sind global, klagte er an. Israel testet in Feldversuchen chemische Waffen und seine Nanotechnologieforschung für den Zweck, seine Technologie zu exportieren.

Halper sollte auch einen Vortrag im Gelber-Konferenz-Zentrum in Montreal halten, die vom Jüdischen Bund (Federation Combined Jewish Appeal) gesponsert worden war. Dies war Monate vorher geplant, musste aber in letzter Minute abgesagt werden, weil eine örtliche jüdische Gruppe, ‚Die Freunde Israels’, gegen den Redner waren. Es kam schließlich dahin, dass Halper den Vortrag hielt – und zwar in der Unitarischen Kirche von Montreal.

(Jeff Halper wird am 9.5.2009 in Freiburg der Imanuel-Kant-Menschenrechtspreis verliehen, Laudator Prof. Richard Falk s.u.)

Sara Roy


Sara Roy ist eine Wissenschaftlerin am Zentrum für Nahöstliche Studien an der Harvard Universität und eine der geachtetsten akademischen Autoritäten, was den Gazastreifen von heute betrifft.

Sie gesteht ein, dass der Holocaust in ihrem Leben eine entscheidende Rolle spielt. Ihr Vater war einer der beiden Überlebenden des Chelmo-Vernichtungslagers. Ihre Mutter war eine Überlebende von Holbstadt und Auschwitz. Hunderte aus ihrer Verwandtschaft haben nicht überlebt.

Sie konzentriert sich auf das arabisch-israelische Thema, schreibt sie, und gibt mehrere Beispiele von Parallelen, wie Nazis Juden behandelt haben und wie nun israelische Soldaten Palästinenser behandeln . Sie behauptet, dass ‚beide im Prinzip absolut äquivalent sind und die Absicht haben, zu demütigen und zu entmenschlichen.’

Solch ein Kommentar durch eine Harvard-Dozentin hat Kontroversen hervorgerufen. Die jüdische Psychologin Phyllis Chesler, für die Kritik an Israel mit Antisemitismus gleich gesetzt wird, nannte Roy eine der schlimmsten Kritiker der USA und Israel.

Andrerseits feiert der Journalist Richard Silverstein sie als Prophetin, deren Brandmarkung des israelischen Militarismus den zerstörerischen Versuch amerikanisch jüdischer Organisationen herausfordert, eine falsche Einheit der blinden Unterstützung Israels aufzuzwingen, ganz egal, was Israel tut.

Dr. Roy erhebt ihre Stimme in einem Artikel des Christian Science Monitor ( 2.Januar 2009) gegen Israels kürzlich angewandte exzessive militärische Gewalt. Hier ein Auszug:

„Ich höre noch immer die Stimmen meiner Freunde im Gazastreifen, als wären wir noch immer telefonisch verbunden. Ihre Agonie ihre Agonie hallt in mir wieder…( Lesen Sie den Artikel auf deutsch hier)

Randall Kuhn


Randall Kuhn ist ein Mitglied der Denver–Ortsgruppe der jüdischen Allianz für Gerechtigkeit und Frieden (JAJP). Diese Allianz wurde 2002 gegründet und beschreibt sich selbst als Amerikas größte jüdische Organisation, die sich der Zwei-Staatenlösung des israelisch-palästinensischen Problems widmet. Mit 40 000 Unterstützern, einschließlich 1000 Rabbinern, ist es ihr Ziel, die israelischen Siedlungen aufzulösen und ein vollständiges Ende der israelischen Militärbesatzung der besetzten Gebiete seit 1967.

Kuhn ist auch ein a.o-Professor und Direktor des Globalen Gesundheitsprogramms an der Universität von Denver, Hochschule für Internationale Studien. Sein Forschungsgebiet ist das Studium menschlicher Migrationen mit dem Schwerpunkt, welche Rolle die Familie und die Gemeinde bei Wanderungen spielt. Als Israels Verteidigungsminister Ehud Barak den Angriff seines Landes auf den Gazastreifen rechtfertigte, fragte Kuhn, was würden Amerikaner wohl getan haben, wenn Tijuana, Mexiko, sieben Jahre lang Raketen in hohem Bogen nach San Diego abgefeuert hätte – eine Frage, die von einem Chor von US-Punditen und Politikern nachgeplappert worden wäre – Kuhn wusste, dass der Vergleich hinkt und zwar schwer.

Kuhn schreibt in einem Artikel der The Washington Times am 14. Januar 2009 u.a.:

Man denke darüber nach, was geschehen würde, wenn San Diego die meisten seiner spanischen, afrikanischen und asiatischen Amerikaner und die einheimische amerikanische Bevölkerung vertreiben würde – etwa 48% der Bevölkerung und sie zwangsweise in Tijuana ansiedeln würde? Nicht nur die Arbeitslosen oder Kriminellen oder die Amerikahasser, sondern auch die Lehrer, die kleinen Geschäftsleute, die Soldaten sogar die Baseballspieler.

Was würde geschehen, wenn die Regierung und die auf Glauben gegründeten Agenturen mithelfen würden, die Weißen wieder in ihre früheren Häuser zu bringen. Und was würde geschehen, wenn wir Hunderte ihrer Häuser in ländlichen Gebieten abreißen würden und mit Hilfe großzügiger Spenden von Leuten in den USA und im Ausland über ihren früheren Städten Wälder angepflanzt und Naturreservate für die Weißen zu ihrem Vergnügen geschaffen hätten. Das klingt doch ziemlich schrecklich? Ich werde nun wohl als anti-semitisch angesehen werden, weil ich diese Wahrheit ausspreche. Nun ich bin jüdisch und das eben beschriebene Szenario beschreiben viele prominente israelische Wissenschaftler: dies sei geschehen, als Israel die Palästinenser aus dem Süden Israels vertrieben haben und sie in den Gazastreifen zwang. Aber diese Analogie hat eben erst begonnen.

Was würde geschehen, wenn die UN San Diegos ausrangierte Minderheiten 19 Jahre lang in überfüllte, schwärende Lager in Tijuana einsperren würde? Dann würden die USA Mexiko überfallen, Tijuana besetzen und damit beginnen, große Wohngebiete zu bauen, in denen nur Weiße leben könnten.

Und was würde geschehen, wenn die USA ein Netzwerk von Schnellstraßen bauen würde, die Tijuana mit den USA verbinden? Dazu Checkpoints, nicht nur zwischen Mexiko und den USA, sondern auch rund um jeden Stadtteil von Tijuana? Was wäre, wenn wir von jedem Bewohner von Tijuana, ob Flüchtling oder Einheimischer, verlangen würde, seine ID-Karte dem US-Militär zu zeigen? Was wäre wenn Tausende von Tijuana-Bewohner ihre Wohnungen, ihre Arbeit, ihre Geschäfte, ihre Kinder, ihr Selbstwertgefühl an die Besatzung verlieren würden? Wäre man überrascht, wenn man von einer Protestbewegung in Tijuana hören würde, die zuweilen auch gewalttätig und hasserfüllt wäre? OK, jetzt zum unglaublichen Teil.

Denkt darüber nach, was geschehen würde, wenn nach der Vertreibung aller Minderheiten aus San Diego nach Tijuana und nach 40 Jahren brutaler Besatzung wir nur Tijuana verlassen würden, alle weißen Siedler und die Soldaten rausgehen? Anstatt ihnen nun die Freiheit zu geben, bauen wir 8 m hohe unter Strom stehende Zäune und Mauern rund um Tijuana, nicht nur auf der Seite nach San Diego, sondern auch zur mexikanischen Seite und den Kreuzungen dort . Was würde geschehen, wenn wir 20 m hohe Wachtürme mit Maschinengewehren bauen würden und ihnen sagen, dass wer innerhalb von 50 Metern neben der Mauer steht, erschossen wird. Und an vier von fünf Tagen würden wir jeden einzelnen der Grenzübergänge geschlossen halten und auch den Transport von Nahrungsmitteln, Kleidung, Medikamenten untersagen. Außerdem würden wir auch den Luftraum mit unsern hochmodernen Kampfflugzeugen kontrollieren und ihnen nicht mal Schädlingsbekämpfung erlauben. Wir kontrollieren ihre Gewässer mit Zerstörern und Unterseebooten, erlauben ihnen aber nicht einmal zu fischen.

Würde man dann gar überrascht sein, wenn man hört, dass diese Widerstandsgruppen in Tijuana, selbst nachdem sie von ihrer Besatzung ‚befreit’ worden sind, aber ausgehungert werden, weiter Raketen in die USA abfeuern? Wahrscheinlich nicht. Aber man mag überrascht sein, wenn man erfährt, dass die Mehrheit der Leute in Tijuana niemals eine Rakete abgefeuert haben oder ein Gewehr oder eine Waffe irgend einer Art in der Hand hatten.

Stattdessen unterstützt die Mehrheit gegen alle Hoffnungen eine friedliche Lösung, die Sicherheit, Freiheit und gleiche Rechte für beide Völker in zwei unabhängigen Staaten bringt, die Seite an Seite als Nachbarn leben wollen. Dies ist die fundierte Analogie zu Israels militärischen heftigen Angriffen auf den Gazastreifen heute. Vielleicht wird der Tag nicht mehr fern sein, und der gesunde Menschenverstand wird sich durchsetzen und keine Sammlung irreführender Analogien über Tijuana .., wird in der Lage sein, die Wahrheit zu verdunkeln. Und in diesem Augenblick werden wir uns alle in einem Land vereinigen, in dem ‚We shall overcome..’, ‚Ich bin ein Berliner’ ‚Schluss mit der Apartheid!’ , ’Befreit Tibet!’ und ‚Rettet Darfur!’ geschrieen wird – dann werden wir alle zusammen ‚Befreit den Gazastreifen! Befreit Palästina!’ schreien. Und weil wir Amerikaner sind, wird die Welt davon Notiz nehmen, und sie werden frei sein, und vielleicht wird sich der Frieden für alle Bewohner des Heiligen Landes durchsetzen.

Amira Hass


Amira Hass ist die erste und einzige israelische Journalistin, die tatsächlich in den besetzten palästinensischen Gebieten lebt. Seit 1991 hat sie in Artikeln der Zeitung Haaretz Zeugnis über Israels zunehmende grausame militärische Besatzung und Siedler-Landnahme Zeugnis abgelegt. 2003 erhielt sie den UNESCO/ Guillermo Cano-Weltpresse Freiheitspreis für ihr hervorragendes professionelles Engagement und ihre Unabhängigkeit. Sie ist mit einem biblischen Propheten verglichen worden, der die biblischen Israeliten mit ihrem moralischen Versagen konfrontiert hat.

Amira wurde 1956 in Jerusalem als Tochter von zwei Holocaustüberlebenden geboren. An der Hebräischen Universität studierte sie die Geschichte des Nazismus und die Beziehungen der europäischen Linken zum Holocaust. Sie hat Israel einen Apartheidstaat genannt mit Privilegien, die hauptsächlich Juden vorbehalten sind. 2001 wurde sie vom Jerusalemer Magistratgericht zu 60 000 $ Strafe verurteilt, weil sie die jüdische Siedlergemeinde von Beit Hadassa verunglimpft haben soll. Am 1. Dezember 2008 wurde sie von der israelischen Polizei bei der Rückkehr nach Israel vom Gazastreifen verhaftet, wohin sie mit einem Boot der ‚Befreit-Gaza-Bewegung’ gereist war, um ihre Opposition gegen Israels Blockade zu demonstrieren.

Hier ein Auszug aus ihrem Artikel von Haaretz vom 7. Januar 2009:

Wie gut dass meine Eltern tot sind. 1982 konnten sie nicht den Lärm der israelischen Kampfflugzeuge ertragen, die über die palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon flogen. Der grässliche Ton eines Flugzeuges erschreckte sie in ihrem Haus in Tel Aviv. Wir müssen es nicht sehen, um zu wissen, sagten sie.

Bevor die Sprach-Waschmaschine ihre augenblickliche Raffinesse entwickelt hat, waren meine Eltern

von Sätzen angewidert wie ‚der Krieg für Frieden in Galiläa’ oder ‚Störung der öffentlichen Ordnung’, als die öffentliche Ordnung die Besatzung war und die Unruhe der Widerstand dagegen war …Wie gut, dass sie nicht mehr leben, und Ehud Barak und Zipi Livnis Erklärung hören, dass sie nichts gegen das palästinensische Volk haben und der Kabinettsminister erklärt, es gebe keine humanitäre Krise und dass dies nur Hamaspropaganda sei. Um Lügen zu erkennen, benötigten meine Eltern keine Namen der Leute, die fünf Tage lang oder länger kein fließendes Wasser haben. Vergiss die Bombardements, die Stromsperre, die nicht vorhandenen Lebensmittel, das nicht Schlafen können. Aber kein Wasser? Wegen der Bombardements vom Meer her, vom Land und aus der Luft wagen sich die Leute nicht nach draußen, um Wasser am städtischen Wasserhahn zu holen. Und wenn jemand zu Hause fließendes Wasser hat, dann ist es untrinkbar.

Auf Grund der Geschichte meiner Eltern wussten sie, was es heißt, wenn Menschen in einem kleinen Areal hinter Stacheldraht eingesperrt sind. Ein Jahr, fünf Jahre, 10 Jahre. Ab 1991. Wie gut, dass sie nicht mehr erleben, wie diese im Gefängnis lebenden Menschen mit all der ruhmreichen militärischen Technologie Israels und der USA bombardiert werden. „Wir laden dringend Mohamed ElBaradei ein, er solle herkommen und nachweisen, dass wir keine Nuklearwaffen haben“, sagt Iyad – ein wohlbekannter Komiker, sogar noch während des Bombardement. Aber Samstagnacht sagte er nur noch ‚schwierig, schwierig,’ und hängte den Hörer auf.

Die persönliche Geschichte meiner Eltern brachte sie dahin, die lockere Art zu verachten, wenn der Nachrichtenansager über Ausgangssperren berichtete. Wie gut, dass sie nicht mehr hier sind und nicht hören können, wie die Menge im Kolosseum brüllt.

Brant Rosen


Brant Rosen ist der geistliche Führer der jüdischen Rekonstruktionisten-Kongregation von Evanston, Illinois, ein Amt, das er seit zehn Jahren inne hat. 2008 wurde er vom Newsweek-Magazin als einer der 25 Spitzenkanzelrabbiner Amerikas geehrt. Am 28. Dezember 2008 schrieb Rabbiner Rosen eine öffentliche Mitteilung an seine Kongregation über das, was im Gazastreifen geschieht. Was veranlasste diesen jüdischen Führer seiner Kongregation gegenüber und darüber hinaus seine Meinung deutlich zu vertreten? Die Gräueltaten. Hier ist seine öffentliche Mitteilung:

Die Nachrichten von heute aus Israel und dem Gazastreifen machen mich krank. Ich weiß, ja ich höre schon die Reaktionen: jede Nation hat eine Verantwortung für die Sicherheit ihrer Bürger. Wenn keine Qassems mehr abgeschossen werden, wäre Israel nicht gezwungen, eine militärische Aktion zu unternehmen. Die Hamas trägt auch Verantwortung für diese tragische Situation. Ich könnte jedem einzelnen auf diese Behauptungen abwechselnd antworten. Aber ich mag dieses perverse Spiel des rhetorischen Ping-Pong nicht mehr.

Ich glaube diese vernünftige Betrachtung nicht mehr. Ich habe diese Entschuldigungen satt. Wie soll bloß das Vernichten des Lebens im Gazastreifen, geschweige das Bombardieren …die Sicherheit der israelischen Bürger gewährleisten? Wir guten liberalen Juden sind bereit, gegen die Besatzung und die Verletzungen der Menschenrechte in aller Welt zu protestieren, aber wir sind zu schnell bereit, Israel eine Freikarte zu geben.

Es ist ein faszinierendes Messen mit zweierlei Maß, das ich nur zu gut verstehe. Ich verstehe dies, weil ich genau so verantwortlich bin wie jeder andere, der dies tut. Also keine vernünftigen Betrachtungen mehr. Was Israel den Menschen im Gazastreifen angetan hat, sind Gräueltaten. Dies hat den Menschen in Israel keine Sicherheit gebracht und nichts als Elend und eine Tragödie für die Menschen des Gazastreifens.

Das habe ich gesagt und was kann ich jetzt tun?

Eines der Dinge, die Rabbiner Rosen getan hat, war, einen Brief an Präsident Obama zu unterzeichnen zusammen mit 1011 anderen Rabbinern im ganzen Land. In dem Brief riefen sie den neunen Präsidenten auf, sich der Aufgabe zu widmen, einen lebensfähigen palästinensischen Staat in Frieden neben Israel zu errichten.

Richard Falk


Richard Falk ist Professor Emeritus für Internationales Recht an der Princeton Universität. 2007 schrieb er in einem Artikel „ Slouching toward a Palestinian Holocaust ( etwa: „Langsam in einen palästinensischen Völkermord rutschen“) „ Es ist besonders schmerzlich für mich als amerikanischer Jude, gezwungen zu sein, die anhaltende und intensiver werdende Misshandlung des palästinensischen Volkes durch Israel durch eine so entsetzliche Metapher wie den ‚Holocaust’ zu porträtieren. Ist es eine unverantwortliche Übertreibung, die Behandlung der Palästinenser mit diesem kriminellen Nazi-Rekord kollektiver Gräueltaten zu verbinden? Ich denke nicht.“

Im März 2008 wurde Falk zum UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte in den besetzten Gebieten ernannt. Am 14. Dezember reiste er nach Israel, um einen Bericht zu verfassen, inwieweit sich Israel an den Standard der Menschenrechte und das Völkerrecht hält und mit dem speziellen Fokus der Auswirkungen von Israels Blockade auf den Gazastreifen.

Israel war vorher von seinen Plänen informiert. Aber als er in Tel Aviv ankam, wurde ihm die Einreise verweigert, er wurde in eine Haftzelle gesperrt und einer Leibesvisitation unterzogen. Dann wurde er in einen verschlossenen Raum gesteckt, in dem schon fünf andere Verhaftete eng zusammen waren, die Luft nach Urin stank, die Bettwäsche schmutzig war, das Essen ungenießbar und das Licht blendete. Zusammengefasst: der UN-Sonderberichterstatter war 30 Stunden verhaftet, bevor er in ein Flugzeug gesetzt wurde, das ihn aus dem Land brachte.

Kurz nach seinem misslungenen Versuch, die Palästinenser unter Besatzung zu erreichen, fiel Israel in den Gazastreifen ein. Am 2. Januar 2009 erschien in der Huffington Post ein Artikel, in dem Falk folgenden Schluss zog.

„Die Bevölkerung des Gazastreifens ist ein Opfer der Geopolitik, wie sie ihren unmenschlichsten Höhepunkt erreicht hat. Israel führte einen Krieg, den es selbst ‚totalen Krieg’ nannte, gegen eine im wesentlichen wehrlose Bevölkerung, der es an jeder Fähigkeit militärischer Verteidigung mangelt und darum sehr verletzlich gegenüber Israels Angriffen von F-16-Bombern und Kampfhubschraubern ist.

Dies bedeutet auch, dass die eklatanten Verletzungen des internationalen humanitären Rechts, wie sie von den Genfer Konventionen festgelegt wurden, still und heimlich beiseite geschoben wurden, während das Gemetzel weiterging und die Leichen aufgehäuft wurden. Dies bedeutet außerdem, dass die UN – wie jetzt wieder deutlich wurde - machtlos ist, wenn seine Hauptmitglieder sie ohne den politischen Willen lässt, ein Volk zu schützen, das ungesetzlicher Anwendung von Gewalt großen Ausmaßes ausgesetzt ist.

Schließlich bedeutet dies, dass die Öffentlichkeit laut schreiend in aller Welt demonstrieren kann, dass das Töten aber weitergeht, als ob nichts geschieht. Das Bild, das Tag für Tag im Gazastreifen entsteht, ist eines, das inständig um ein erneuertes Engagement des Völkerrechts und die Autorität der UN-Charter bittet, indem man hier in den USA damit beginnt, besonders mit der neuen Führung, die seinen Bürgern eine Veränderung versprochen hat, einschließlich einer weniger militaristischen Methode ….

Avi Shlaim


Avi Shlaim ist Professor für internationale Beziehungen an der Oxford-Universität in England und ist Mitglied der britischen Akademie. Er wurde im Irak geboren. Er hat doppelte Staatsangehörigkeit. 1960 diente er in Israels Armee und obwohl er einer der israelischen ‚neuen Historiker’ ist, der viele der Staatgründungsmythen hinterfragt, hat er nie Israels legales Recht zu existieren in Frage gestellt. Doch der vor kurzem statt gefundene Angriff auf den Gazastreifen hat ihn zu kritischem Nachdenken gebracht.

In einem Artikel, der am 7. Januar 2009 in The Guardian erschien, behauptet Shlaim, dass es nur eine Möglichkeit gebe, einen Sinn in Israels sinnlosem Krieg im Gazastreifen zu sehen, zu seiner Gründung 1948 zurückzugehen. Damals behauptete der britische Diplomat Sir John Troutbeck, dass die Amerikaner für die Schaffung eines Gangsterstaates verantwortlich seien, der von einer “äußerst skrupellosen Gruppe von Leuten angeführt wird.“ Shlaim dachte damals, dass dieses Urteil zu hart gewesen sei. Aber im Lichte von Israels brutalem Angriff auf den Gazastreifen und die Komplizenschaft der Buschregierung, hat der Historiker die Frage neu gestellt.

Er schrieb: Gaza ist ein klassisches Beispiel für koloniale Ausbeutung in der post-kolonialen Ära. In den 80er Jahren spielte Israel das alte koloniale Spiel von ‚teile und herrsche’, indem es die gerade entstandene religiöse Organisation Hamas unterstützte, um die Fatah, die säkulare nationalistische Bewegung von Yasser Arafat zu schwächen. Als dann im Januar 2006 freie und faire Wahlen die Hamas an die Macht brachten, weigerte sich Israel, sie anzuerkennen und nannte sie eine terroristische Organisation. Und als ob sie aufs Stichwort gewartet hätten, schlossen sich Amerika und die EU Israel an und versuchten, die Hamasregierung zu stürzen, indem sie die Steuereinnahmen und die ausländische Hilfe zurückhielten.

Einmal an der Macht, wurde die Hamas wie andere radikale Bewegungen in ihrer politischen Agenda moderater. Im März 2007 bildete sie mit der Fatah eine Einheitsregierung, die bereit gewesen wäre, mit Israel über eine lange Feuerpause zu verhandeln. Israel weigerte sich. Stattdessen setzte es sein ‚Teile-und-herrsche’ fort und ermutigte die korrupten Fatahführer, ihre religiösen politischen Gegner zu stürzen. Amerikanische Neo-konservative spielten beim

Kollaps der nationalen Einheitsregierung auch ein größere Rolle, indem sie die Hamas dazu antrieb, im Juni 2007 im Gazastreifen die Macht zu ergreifen und so einem Coup der Fatah zuvor zu kommen.

Mit all diesem ging die wirtschaftliche Strangulierung im Gazastreifen weiter. Militante von der Hamas und vom islamischen Jihad protestierten, indem sie Qassamraketen auf israelische Siedlungen nahe der Gazagrenze abfeuerten. Israel hat das Recht der Selbstverteidigung, aber seine Antwort auf Nadelstiche war total unverhältnismäßig, wie folgende Zahlen zeigen: zwischen 2005 – 2008 wurden 11 Israelis durch Raketen getötet, während von 2005-2007 allein 1290 Palästinenser des Gazastreifens vom israelischen Militär getötet wurden, einschließlich 222 Kindern.

Im Juni 2008 wurde durch ägyptische Vermittlung eine sechsmonatige Feuerpause vereinbart.

Der Angriff auf Gaza begann am 27. Dezember . Die Brutalität dieses Angriffes – behauptete Shlaim – wurde durch die Verlogenheit seiner Sprecher ebenbürtig gemacht. Acht Monate vor Beginn des Krieges errichtete Israel ein Nationales Informationsbüro, dessen Hauptbotschaft an die Medien war, die Hamas habe die Feuerpause gebrochen; dass es Israels Ziel sei, seine Bevölkerung zu verteidigen; dass Israels Militärkräfte die äußerste Sorgfalt verwenden würde, um keine unschuldigen Zivilisten zu verletzen. ‚Dies ist alles ein Packen Lügen’, sagt Shlaim.

Israel brach die Feuerpause und nicht die Hamas. Es tat dies mit einem Überfall auf den Gazastreifen am 4. November und tötete sechs Hamasleute. Israels Kriegsziel war nicht nur die Verteidigung seiner

Bevölkerung, sondern auch das Stürzen der Hamasregierung im Gazastreifen, indem es die Bevölkerung gegen die Hamas aufbringen wollte. Und weit davon entfernt, die Zivilisten zu schonen, ist Israel des willkürlichen Bombardements schuldig geworden, und eine drei Jahre lange Blockade hat 1,5 Millionen Menschen an den Rand einer humanitären Katastrophe gebracht.

Bismarck sagte einmal, man kann mit einem Bajonette eine Menge tun, aber nicht darauf sitzen. Shlaim würde dem zustimmen. Israel kann Sicherheit nur erreichen, wenn es mit der Hamas redet, die wiederholt ihre Bereitschaft erklärt hat, wegen einer lang anhaltenden Feuerpause mit dem jüdischen Staat - in den Grenzen von vor 1967 - zu verhandeln. Israel hat dies zurückgewiesen, weil dies Konzessionen und Kompromisse einschließen würde.

Shlaim schloss seinen Artikel mit folgenden Worten ab:

Dieser kurze Überblick über Israels Geschichte der vergangenen vier Jahrzehnte macht es schwierig, sich gegen die Schlussfolgerung zu sträuben, dass es zu einem Schurkenstaat mit einer äußerst skrupellosen Bande von Führern geworden ist. Ein Schurkenstaat verletzt regelmäßig das Völkerrecht, besitzt Massenvernichtungswaffen und praktiziert Terror – d.h. es wendet aus politischen Gründen Gewalt gegen Zivilisten an. Israel erfüllt alle drei Kriterien; der Deckel passt genau . Israels wirkliches Ziel ist nicht friedliche Koexistenz mit seinen palästinensischen Nachbarn, sondern militärische Beherrschung.

Michael Ratner


Michael Ratner ist Präsident des Zentrums für Verfassungsrecht, eine Menschenrechts-Organisation in New York und früherer Präsident der Nationalen Anwaltsgilde. 2004 vertrat er erfolgreich Gefangene des Guatanamo Bay-Gefängnisses beim Obersten Gerichtshof der US. 2006 wurde er mit dem Hans-Litten-Preis ausgezeichnet, der nach dem berühmten anti-faschistischen Anwalt benannt wurde, der von den Nazis zu Tode gefoltert wurde.

Am 12. Januar 2009 während des stärksten Nachmittagsverkehrs hielt eine Gruppe „Juden sagen: Nicht in unserm Namen“ eine Mahnwache vor dem israelischen Konsulat mitten in Manhattan. Michael Ratner war dabei.

Eine Woche später, am Martin-Luther-King-Tag setzte Ratner einen Artikel auf seinen Blog mit dem Titel „Eine Zeit wird kommen, wo Schweigen Verrat sein wird“. King war zuerst zögerlich, gegen den Krieg in Vietnam seine Stimme zu erheben, weil dies Präsident Johnson geärgert hätte und die Bewegung für zivile Rechte getroffen hätte. Aber wie ist es mit dem augenblicklichen Krieg im Gazastreifen? Fragt Ratner: Was mit den 1200-plus getöteten Palästinensern und den 13 getöteten Israelis – ein Verhältnis von fast 1:100 ? Was mit den bombardierten UN-Gebäuden, den Wohnhäusern, den Moscheen, Polizeistationen, Universitäten und Medien-Stützpunkten. Was ist mit den kollektiven Strafen? Was ist mit dem Schweigen der amerikanischen Juden?

Zu lange sagten die amerikanischen Juden wenig oder gar nichts – und Ratner schließt sich ein - über Israels massive Verletzungen der palästinensischen Rechte, hauptsächlich aus Angst vor sozialer und wirtschaftlicher Vergeltung. Doch die Wahrheit ist, solange dieses Schweigen andauert, werden die Milliarden Dollar an US-Militär-Hilfe und Waffen nach Israel gehen, um dort Palästinenser zu töten.

Welche Lektion sollte daraus gelernt werden? Nach Ratner:

Wir - und zwar jeder einzelne von uns - ist an dem Mord in Gaza mitschuldig. Unser Schweigen ist Verrat. Jedes Mal zögern wir auszusprechen; jedes Mal, wenn wir mit unserer Verurteilung nachlassen, werden wir Komplizen beim Töten. Wenn es je eine Zeit gab, um unsern Mut zu zeigen, dann ist sie jetzt. Ja, es wird für viele schwierig sein. Wie King über das Zögern einiger Leute gegen den Vietnam-Krieg sagte: „Der menschliche Geist bewegt sich nicht ohne große Schwierigkeiten gegen all die Apathie der konformistischen Gedanken innerhalb seiner eigenen Brust und der umgebenden Welt. Wenn außerdem die vorhandenen Probleme so perplex sind wie sie es oft im Falle dieses schrecklichen Konfliktes sind, dann werden wir fast von Unsicherheit hypnotisiert. Aber wir müssen weitermachen.“

Wir müssen Kings Worte zu Herzen nehmen. Wir - und zwar jeder von uns - muss weiter machen. Wir müssen irgendwo beginnen, selbst wenn wir nur sagen, dass das Problem nicht von unserem Programm verschwunden ist. Beginnt die Diskussion; beginnt zu handeln; zeigt, dass ihr euch darum kümmert. Und denkt daran: „Es kommt eine Zeit, in der Schweigen Verrat ist“.

Die Zeit ist gekommen.

Greta Berlin


Greta Berlin reagierte auf die Katastrophe im Gazastreifen, indem sie half, Ärzte zusammen zu bringen, Menschenrechtsarbeiter und drei Tonnen von verzweifelt benötigten medizinischem Material. Alles wurde auf ein Boot mit Namen Dignity geladen, das am 29.Dezember 2008 von Zypern aus abfuhr. Seine Aufgabe war es, Israels Schiffsblockade zu durchbrechen.

Sie ist 66 Jahre alt, eine Geschäftsfrau aus Los Angeles, Mutter von zwei palästinensischen Amerikanern, ihre Tochter Kristen Raifa und ihr Sohn Michael Ribhi. Sie traf ihren Mann Ribhi in Chikago; sie heirateten 1963. Er war ein Flüchtling von 1948 aus Safed. So lernte sie aus erster Hand die Wahrheit über Israels ethnische Säuberung von 750 000 Palästinensern, um einen jüdischen Staat zu errichten. Sie und Ribhi gründeten eine Non-Profit-Hilfsorganisation, um Medikamente, Decken und Kleidung in palästinensische Flüchtlingslager zu schicken. Das wurde dadurch beendet, dass die Jüdische Defense League drohte, ihre Kinder zu töten, wenn sie nicht damit aufhören würde. Greta wurde eine Vollzeitmutter.

1997 begann sie wieder – die Kinder waren inzwischen erwachsen – sich für die Rechte der Palästinenser einzusetzen. Sechs Jahre später geht sie nach Palästina, um selbst zu erleben, was Besatzung bedeutet. Sie schloss sich der von Palästinensern geführten Internationalen Solidaritätsbewegung (ISM) an, die gewaltfreie Prinzipien vertritt, um der anhaltenden Besatzung und Kolonisierung Palästinas zu widerstehen. Im Juli 2003 wurde sie von israelischem Geschützfeuer ins Bein geschossen, während sie gegen die Mauer protestierte, die Israel baut, um die Palästinenser wie in einem Pferch zu halten. Sie hat ihre Erfahrungen mit Tränengas, Lärmbomben und Steinen gemacht. Zwei davon wurden von Siedlerkinder geworfen und verletzten sie an der Hand und am Oberschenkel.

Sie ist auch eine Mitbegründerin von Free Gaza, dem Bootprojekt, dessen Ziel es ist, der Welt zu zeigen, dass Israel, obwohl es sagt, es habe sich aus dem Gazastreifen zurückgezogen, diesen noch enger als vorher stranguliert. Seit August 2008 hat Free Gaza erfolgreich mit einigen kleinen Booten

Israels Seeblockade durchbrochen. Alle brachten internationale Aktivisten und medizinische Hilfe mit.

Das war leider nicht mit der Dignity der Fall. Sie kam nie in Gaza an. Während sie noch in internationalen Gewässern war, wurde sie zwei mal von vorne und einmal von der Seite von israelischen Kriegsschiffen gerammt. Ein israelischer Regierungssprecher nannte den Vorfall als nichts anderes als ein „Propagandastück“ und fügte hinzu: „Israel würde nie etwas gegen das Völkerrecht getan haben, das ist unvorstellbar. Diese Leute wollten nur eine Schlagzeile, die wollten gar nicht wirklich den Menschen im Gazastreifen helfen“.

Dieser Zwischenfall hat Greta Berlin und ihre Mitaktivisten nicht abgeschreckt. Dass die Medikamente und Ärzte nicht zeitig ankamen, um den Menschen im Gazastreifen in ihren Krankenhäusern zu helfen, als diese voller Todesfällen waren, war natürlich verheerend. Andere Bootprojekte werden geplant und die gewaltfreien Protestierer denken auch an kleine Flugzeuge, sogar an ein Kleinluftschiff, das über Gaza fliegen soll, um Israels Kontrolle nicht nur der Meeresküste, sondern auch die Kontrolle über den Luftraum zu demonstrieren.

Als Greta nach Hause nach Kalifornien zurückkehrte, schloss sie sich den Frauen in Schwarz in Los Angeles an. Dies ist eine Gruppe von vor allem jüdischen und arabischen Frauen, die sich an vorherbestimmten Plätzen in der Stadt treffen. Sie halten Posters hoch, die zu einem Ende der von den USA unterstützten Besatzung Palästinas aufrufen. Außerdem hält sie Vorträge und hat CDs zusammengestellt mit Graphiken, eigenen Berichten von Israels kriminellem Verhalten.

Schließlich geht sie zurück nach Palästina, um unter den Menschen zu sein, um die sie sich kümmert – die Leute, die sie Umm- Ribhi, Mutter von Ribhi nennen.

Henry Siegman


Henry Siegman ist früherer Nationaldirektor des amerikanisch-jüdischen Kongresses und früherer Exekutivdirektor des Synagogenrates von Amerika.

Als 1933 die Nazis zur Macht kamen, floh er mit seinem Vater, der schwangeren Mutter, den Schwestern und Brüdern nach Belgien. Während die Schlacht von Dünkirchen wütete, versteckte er sich mit seiner Familie zusammengedrängt in einem pechrabenschwarzen Keller. Am Morgen wurde die Tür von den siegreichen deutschen Soldaten aufgestoßen. Die Familie floh nach Vichy-Frankreich, wo sie dem ständigen Zusammentreiben von Juden ausweichen mussten. Schließlich gelang es ihnen, nach Casablanca und dann nach Amerika zu kommen.

Diese Szenen verfolgen ihn noch heute, aber diese machen es ihm leichter, zu verstehen, was es heißt ein Palästinenser zu sein, der unter ‚Ängsten und Demütigungen’ der israelischen Besatzung lebt.

In New York wurde Henry ein ordinierter Rabbiner. Er diente als Kaplan mit Kampfsoldaten in Korea, wo er mit einem Bronzestern und einem Purple Heart ausgezeichnet wurde.

In einem Artikel, der im London Review of Books am 29.1.2009 erschien, äußerte sich Rabbiner Siegman gegen den Angriff Israels auf den Gazastreifen. Der Artikel ging durchs Internet.

In ihm widerlegte Siegman alle Gründe, die Israelis für ihren ‚Verteidigungsschlag’ angaben: dass die Hamas ständig die 6-Monate-Feuerpause verletzt habe, die Israel eingehalten habe und dann verweigerte sie sie zu verlängern; dass Israel deshalb keine andere Wahl hatte, als Hamas’ Fähigkeit, Raketen in israelische Städte abzuschießen, zu zerstören; dass Hamas eine Terroristen-Organisation sei, ein Teil eines globalen Jihadi-Netzwerkes; und dass Israel nicht nur wegen seiner eigenen Verteidigung so handelt, sondern wegen eines internationalen Kampfes der westlichen Demokratien gegen dieses Netzwerk.

Siegman fährt dann fort und stellt eine Frage, mit der sich bis jetzt noch wenige Medien beschäftigt haben: Warum wollen Israels Führer die Hamas unbedingt zerstören? Seine Antwort : Weil sie glauben, dass die Hamasführung – anders als die Fatah – nicht eingeschüchtert werden kann, um ein Friedensabkommen zu akzeptieren, das einen palästinensischen ‚Staat’ errichtet, der aus nicht zusammenhängenden Enklaven besteht, über die der jüdischen Staat permanente Kontrolle hat.

Er beschloss seinen Artikel mit einem Rat für denjenigen, der Präsident Obamas Nahost-Gesandter sein wird ( inzwischen weiß man es: der frühere Senator George Mitchell) : wenn Sie die Israelis und die Palästinenser ihre Differenzen alleine sortieren lassen, dann versichere ich Ihnen einen zukünftigen palästinensischen Widerstand, der viel extremer als die Hamas ist, eine, die sich wahrscheinlich mit al-Qaida verbindet. Einige Israelis, einschließlich der Siedler, mögen Ihnen dafür applaudieren, da es ihnen einen Vorwand gibt, ganz Palästina festzuhalten. Aber dies ist ein Irrglaube. Das würde das Ende Israels als eines jüdischen Staates bedeuten.

Unser Botschafter muss seinen eigenen Vorschlag für ein gerechtes und haltbares Friedensabkommen machen und dann die Parteien unter Druck setzen, dass sie dies auch annehmen.

Bemerkung der Herausgeber: Mehr Platz haben wir nicht. Aber wir laden die Leser ein, andere Juden zu nennen, die sich gegen das Blutbad im Gazastreifen ausgesprochen haben. Unsere e-mail ist ameu@aol.com. Wir werden die Namen auf unserer website: www.ameu.org eintragen. Unterdessen applaudieren wir allen, die ihre Stimmen erhoben haben. Mag ihr Mut uns übrige, Gläubige oder Ungläubige, ermutigen, aufzustehen und zu sagen : ‚Nicht mehr!’

Quelle: The Link Band 42, April-Juni 2009 - The Righteous

Originalartikel veröffentlicht im April 2009

Über den Autor

Ellen Rohlfs ist eine Mitarbeiterin von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=7555&lg=de

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