Mittwoch, 13. Mai 2009

Reden verboten – Zum Teufel noch mal!! Die israelische Polizei greift bei den New-Profile-Frauen scharf durch


AUTOR: Deb REICH דבורה רייך ديبورا رايش

Übersetzt von Ellen Rohlfs

"Police arrested magic
And magic went with them
For magic loves the hungry"
Leonard Cohen

Die israelische Polizei hat sich vor der ganzen Welt lächerlich gemacht. Schau’n wir mal, was sie getan hat:

Es war ein zielgenaues Manöver zu einem Zeitpunkt mit größter Auswirkung: es war genau vor dem nationalen Gedenktag. Es war dafür bestimmt, unbewaffnete zivile Idealisten einzuschüchtern, deren angebliches Verbrechen war, unerschütterlich die Weisheit der herrschenden militärischen Denkweise in diesem Land zu hinterfragen ( indem sie es zu zivilisieren versuchen). New Profile ist eine Bewegung, die hauptsächlich von Frauen gegründet worden war. Sie wurde ein Jahrzehnt in gleichberechtigter, nicht hierarchischer Weise in Partnerschaft aller Aktivisten geführt. Es gab keine Befehlskette! Wow! Unerträglich!

Am Morgen des 26. April 2009 kam die Polizei zu den Wohnungen von fünf Aktivisten, um ihre Computer zu konfiszieren, um die kühnen „Täter“ freier Rede zu verhaften und um allgemein ihr offiziell polizeiliches Gewicht zu verbreiten. Angeblich hatten sie Durchsuchungsbefehle ( ob dies die Sache besser oder schlechter macht?)

Zwei der fünf angeblichen Täter der Redefreiheit sind ältere gewissenhafte Frauen. Die wegen „‚krimineller’ Aktivitäten verdächtigt und angeklagt wurden, die ‚Öffentlichkeit dahin zu bringen, mit gesundem Menschenverstand den Krieg zu stoppen.“. Sie wurden verhört und schließlich nach mehreren Stunden gegen Kaution entlassen …(hier kommt der Teil über den sich die Polizei später schämen wird) - und unter der Bedingung, dass sie einen Monat lang nicht mit anderen Frauen der Bewegung reden. Keine Telefonanrufe, keine Emails, keine Treffen! Reden verboten – Zum Teufel noch mal!

Meine Damen und Herren, denken sie darüber nach: Nicht reden? Ist das realistisch? Ist das erreichbar? Frauen reden zusammen; das ist es , was sie tun . Einen ganzen Monat ??

Was tun diese New Profile-Frauen wirklich?

New-Profile-Frauen arbeiten eng zusammen und haben dies seit Jahren getan. Sie widmen lange Stunden ihrer gemeinsamen Aufgabe als Freiwillige. Was ist das denn für eine Arbeit?

Viele junge Israelis sind in großen Nöten, wenn sie sich gezwungenermaßen bei der Armee, einer Armee der Besatzung, einschreiben müssen, die brutal über 3,5 Millionen herrschen, über Nachbarn, denen alle Bürgerrechte aberkannt werden. Aber ein israelischer Teenager voller Zweifel über die Armee kann nicht immer mit seiner Mutter und dem Vater reden. Zu oft haben die Eltern die vorherrschende Denkweise, die die ( palästinensischen) Nachbarn als eine permanente existentielle Bedrohung ansehen und den Militärdienst deshalb als eine unglückliche Notwendigkeit. Die umfassende Gehirnwäsche, die schon in der Vorschule beginnt, wird als normal angesehen. Junge Israelis, die dies zurückweisen, wandern einfach aus – und Legionen haben dies bereits getan. Aber nicht jeder hat die Möglichkeit, irgendwo hin zu gehen.

Die Realität, in einer Eroberungsarmee zu dienen, die routinemäßig die Menschenrechte der anderen mit Füßen tritt, bringt viele junge Soldaten dazu, sich ohne Erlaubnis von der Truppe zu entfernen oder treibt sie sogar in den Selbstmord. Dies geschieht wahrscheinlich viel häufiger, als uns bekannt ist, da die Armee aus offensichtlichen Gründen, darüber schweigt und wegschaut.


New Profile versucht nun, dieser Realität mit Dialoggruppen, Darbietungen, Ausstellungen Einzelberatungen, Literatur, einer Website etc etwas entgegen zu setzen. All dieses ist dafür bestimmt, im international anerkanntem Kontext der Menschenrechte den Dilemmatas der jungen IDF-Soldaten entgegen zu wirken – eine Gegenstimme zum dominanten militärischen

Wahnsinn. New Profile-Aktivisten stellen eine Kraft dar, die möglicherweise Dutzende von jungen Leben (vor Selbstmord) pro Monat rettet. Sie sollten eigentlich einen Preis bekommen!

Man überlege: Ist eine Gesellschaft auf einer Basis mit permanentem Krieg wirklich die Art Heimstätte, die vor Pogromen in Europa fliehende Juden in Palästina suchen? Ist der Erfolg von Israels Militarismus so fehlerfrei, dass keine öffentliche Debatte über ihre Verdienste angezeigt ist? Ist die langfristige Durchführbarkeit von Israels augenblicklichen Beziehungen zu seinen Nachbarn wirklich so beruhigend, dass es niemandem erlaubt ist, zu sagen: He – der Kaiser ist nackt?“

Leider ist da historisch nichts Neues über die obersten Ränge in einer Landesregierung, unterstützt von einer bösartigen Verleumdungskampagne in vielen seiner Hauptmedien, in denen man kritische freie Rede als Verrat hinstellt. Dass nun erwachsene Frauen, die in einem Gewissenskampf vereint sind, um ihrem Land eine gewisse Balance im Weltbild zu bringen, einen ganzen Monat sich zurückziehen und nicht mit einander reden sollen ? Das ist eine neue Idee.

Andrerseits weiß die Polizei, dass dies unmöglich und nicht durchzusetzen ist. Vielleicht wird genau dies zur Bedingung gemacht, um einen guten Vorwand zu haben, die Kaution der Frauen rückgängig zu machen und sie einzusperren, wann immer es der Polizei gerade passt ( ‚Ihr Frauen redet wieder mit einander! Das ist umstürzlerisch’). Vielleicht ist dies doch nicht zum Lachen?

Da gibt es noch etwas zum Überlegen. Wenn eine Bande Offizieller bei einer Schwesternschaft mutiger Frauen sich tyrannisch durchzusetzen und sie zu unterwerfen versucht, dann werden die Frauen eher entschiedener – und nicht weniger – weitermachen.

Macht ist nur dann langfristig aufrecht zu erhalten, wenn man sie aufteilt, wie die Frauen von New Profile sehr wohl wissen. Sie praktizieren das, was sie predigen sehr konsequent. Wie lange es jedoch dauert, um einen wirklichen Wandel hier zu sehen – ich weiß, mit wem ich wette.

Quelle: No Talking, Dammit!

Originalartikel veröffentlicht am 1.5.2009

Über die Autorin

Ellen Rohlfs ist eine Mitarbeiterin von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl die Autorin, die Übersetzerin als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=7610&lg=de

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