US-Vernehmer sollen Dutzende Häftlinge umgebracht haben, sagen ein Menschenrechtler und eine Menschenrechts-Gruppe
Von John Byrne
THE RAW STORY, 06.05.09
http://rawstory.com/08/news/2009/05/06/us-interrogators-killed-dozens-human-rights-researcher-and-rights-group-say/
US-Vernehmer sollen nach dem Bericht eines Menschenrechtlers, der sich auf einen Report von HUMAN RIGHTS FIRST (einer US-Menschenrechtsgruppe) und weitere Recherchen beruft, während und nach Verhören fast vier Dutzend Häftlinge umgebracht haben.
(Die Website von HUMAN RIGHTS FIRST ist aufzurufen unter http://www.humanrightsfirst.org/us_law/etn/dic/index.asp, der komplette Report steht als pdf-Datei unter http://www.humanrightsfirst.info/pdf/06221-etn-hrf-dic-rep-web.pdf zur Verfügung.
Insgesamt sind 98 Häftlinge in US-Haft gestorben. Vierunddreißig der Todesopfer wurden ermordet, mindestens acht – wahrscheinlich sogar zwölf – zu Tode gefoltert. Das steht auch in dem Report von HUMAN RIGHTS FIRST aus dem Jahr 2006, der die von einem Menschenrechtler veröffentlichten Zahlen bestätigt. Die Ursachen 48 weiterer Todesfälle sind noch ungeklärt.
John Sifton, der die Nachforschungen anstellte, arbeitete fünf Jahre lang für HUMAN RIGHTS WATCH (eine andere US-Menschenrechtsgruppe). In einem am Dienstag veröffentlichten Bericht dokumentiert er viele Fälle von Häftlingen, die unter den Händen ihrer US-Vernehmer starben. Einige der beschriebenen Beispiele sind sehr drastisch.
Die meisten Gefangenen wurden in Afghanistan und im Irak getötet. Unter ihnen befindet sich mindestens ein afghanischer Soldat – Jamal Naseer – der 2004 irrtümlich verhaftet wurde. "Gefangene, die mit Naseer eingesperrt waren, sagten später aus, sie seien währendder Verhöre von US-Wärtern geschlagen und getreten, kopfüber aufgehängt und mit mit Stöcken oder Kabelenden ausgepeitscht worden," schreibt Sifton. "Einige berichteten, man habe sie mit kaltem Wasser übergossen und gezwungen, im Schnee liegen zu bleiben. Naseer kollabierte etwa zwei Wochen nach der Verhaftung; er hatte über Magenschmerzen geklagt, die wahrscheinlich durch innere Blutungen verursacht wurden.
Ein weiterer Mord in Afghanistan geschah im Jahr 2002. Mohammad Sayari wurde von vier US-Soldaten getötet, weil er angeblich "ihre Bewegungen überwacht" hatte. In einem Pentagon-Dokument, das die AMERICAN CIVIL LIBERTIES UNION (die Amerikanische Union für Bürger-Freiheiten) 2005 erhielt, bestätigt das Verteidigungsministerium, dass ein Captain (Hauptmann) und drei Sergeants (Unteroffiziere) Sayari "ermordet" haben, aber die Passage über das Untersuchungsergebnis wurde inzwischen redigiert.
Der vielleicht makaberste Fall ereignete sich im Irak; er wurde im Report von HUMAN RIGHTS FIRST (s. o.) dokumentiert.
"Nagem Sadoon Hatab … ein 52-jähriger Iraker, wurde in US-Gewahrsam in einem Gefangenenlager in der Nähe von Nassirija getötet," steht in dem Report der Gruppe. "Obwohl ein medizinischer Sachverständiger der US-Army herausfand, dass Hatab durch Strangulierung gestorben war, wurde Hatabs Körper – der Beweis, mit dem man die für seinen Tod Verantwortlichen hätte anklagen können – dem Gericht in unbrauchbarem Zustand ausgehändigt. Hatabs innere Organe hatte man stundenlang auf dem Beton des Flughafens liegen lassen, damit die glühenden Hitze Bagdads sie zerstörte; die Halswirbel, mit denen die von dem medizinischen Prüfer festgestellte Strangulierung hätte belegt werden können, wurden niemals gefunden."
In einem anderen bezeichnenden Beispiel wurde ein ehemaliger irakischer General von US-Soldaten geschlagen und erstickt. Der (US-)Offizier, dem der Mord angelastet wurde, erhielt nur eine Art "Hausarrest" von 60 Tagen.
"Abed Hamed Mowhoush, ein ehemaliger irakischer General, wurde tagelang von Soldaten der US-Army, von CIA-Agenten und anderen nichtmilitärischen Personen geschlagen in einen Schlafsack gezwängt, mit einem Elektrokabel umwickelt und zu Tode erstickt,"heißt es in dem Report von HUMAN RIGHTS FIRST. "In der kürzlich abgeschlossenen Gerichtsverhandlung erhielt ein Offizier der unteren Ränge, der für den Tod des Generals Mowhoush verantwortlich gemacht wurde, einen schriftlichen Verweis und eine Geldstrafe. Außerdem wurde er 60 Tage in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt: Er durfte nur zur Arbeit, nach Hause und in die Kirche gehen."
Ein anderer irakischer Mann wurde 2003 in einem US-Gefängnis in Mosul ermordet.
"Die US-amerikanischen Militärpersonen, die Kenami bei seiner Ankunft in der Haftanstalt untersuchten, stellten fest, dass es keine medizinisch relevanten Befunde gab," steht in dem HUMAN RIGHTS FIRST-Report. "In der Haft wurden gegen Kenami, um ihn zum Sprechen zu bringen, sofort disziplinarischen Maßnahmen ergriffen; er wurde zu extrem anstrengenden körperlichen Übungen gezwungen – eine Praxis die in Afghanistan und im Irak üblich war. Dann band man ihm die Hände mit Plastikfesseln auf den Rücken, stülpte ihm eine Kapuze über den Kopf und zwang ihn, sich in einer überfüllten Zelle auf den Boden zu legen. Kenami wurde am Morgen nach seiner Einlieferung – immer noch gefesselt und mit der Kapuze über dem Kopf – tot aufgefunden. Es fand keine Autopsie und keine offizielle Feststellung der Todesursache statt.
Nach dem Abu Ghraib-Skandal wurde angeordnet, Kenamis Tod zu untersuchen; die Prüfer der Army kritisierten, dass keine Autopsie durchgeführt worden war; Vernehmer, Sanitäter und Häftlinge, die Kenamis Tod miterlebt hatten, sollten befragt und eventuell noch vorhandene Beweisstücke gesichert werden. Bis heute hat die Army aber nichts unternommen, um den Fall aufzuklären."
Es ist schwierig, den Tod eines Gefolterten, der während eines Verhörs eintritt, vom "normalen" Tod eines Häftlings in US-Gewahrsam zu trennen. Aber ein besonderer Fall macht da eine Ausnahme – der Mord an Manadel al-Jamadi, einem "Geister"-Gefangenen der CIA, der 2003 in Abu Ghraib von einem CIA-Team zu Tode gefoltert wurde.
"Bilder von den Abu Ghraib-Wärtern Charles Graner und Sabrina Harman, die mit al-Jamadis Leiche, dem so genannten Eismann, posieren, gehören zu den schrecklichsten Abu Ghraib-Fotos, die im April 2004, veröffentlicht wurden," merkt Sifton an.
"Ein CIA-Agent namens Mark Swanner und ein Dolmetscher leiteten das Team, das al-Jamadi verhörte. Neun Angehörige der Navy waren ebenfalls beteiligt. Eine Autopsie, die das US-Militär fünf Tage nach al-Jamadis Tod durchführte, stellte als
Todesursachen "durch rohe Gewalt zugefügte Verletzungen und Behinderung der Atmung" fest.
"Nach Berichten von John McChesney in dem Magazin THE NEW YORKER und Jane Mayers im NPR (National Public Radio) wurde al-Jamadi an seinen auf den Rücken gefesselten Händen aufgehängt; das ist eine Folter-Methode, die manchmal als 'palästinensisches Hängen" bezeichnet wird," führte Sifton aus. "Nach einer Untersuchung verwies die CIA den Fall an das Justizministerium – wegen einer möglichen Strafverfolgung der beteiligten CIA-Leute; gegen die wurde aber niemals Anklage erhoben. Staatsanwälte beschuldigten nur 10 Angehörige der Navy des Verbrechens. Neun wurden disziplinarisch mit Degradierungen und Verweisen bestraft, der Zehnte wurde freigesprochen."
Sifton berichtet auch, dass bei weiteren CIA-Verhören Häftlinge beinahe gestorben seien. In dem am 10. Mai 2005 von Stephen Bradbury vorgelegten Folter-Memo der Bush-Administration wird festgehalten, dass beim "Waterboarding" (beim vorgetäuschten Ertränken) anwesende Ärzte angewiesen sind, einen Luftröhrenschnitt durchzuführen, wenn der Verdächtige zu sterben droht.
"Es ist zu befürchten, dass die Versuchsperson wegen physischer Erschöpfung oder psychischer Resignation einfach aufgibt, und das Eindringen großer Wassermengen in die Atemwege zulässt, um bewusstlos zu werden" schrieb Bradbury. "Ein widerspenstiges Subjekt sollte sofort an einem solchen Verhalten gehindert, und das Wasser vom "Integrator" (Reanimateur ?) durch Druck unterhalb des Brustbeins ausgetrieben werden. Wenn dadurch die normale Atmung nicht wieder hergestellt werden kann, ist sofortiges medizinisches Eingreifen erforderlich.'"
Aus dem Memo geht hervor, dass beim Waterboarding immer CIA-Ärzte mit der notwendigen Ausrüstung anwesend waren, um notfalls einen Luftröhrenschnitt durchzuführen:
"Wir wurden darüber informiert, dass die notwendige Ausrüstung für diesen medizinischen Notfall bei jeder Waterboarding-Verabreichung immer vorhanden ist – natürlich unsichtbar für den Häftling."
Quelle: http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_09/LP10809_140509.pdf

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