Platitüden, Nonsens, albernes Gekicher: Der Dalai Lama soll Ehrendoktor der Universität Marburg werden. Gespräch mit Colin Goldner
Colin Goldner ist klinischer Psychologe und Autor der kritischen Biographie: »Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs« (Aschaffenburg, akt. Neuauflage 2008)
Am 3. August 2009 soll dem Dalai Lama die Ehrendoktorwürde der Marburger Philipps-Universität verliehen werden, um ihn, wie es heißt, »für sein wissenschaftliches Wirken zu würdigen«. Was steckt da dahinter?
Der Dalai Lama wird anläßlich seines diesjährigen Deutschlandbesuches vom 30. Juli bis zum 2. August in der Frankfurter Commerzbank-Arena buddhistische Belehrungen abhalten. Anschließend bekommt er in Marburg einen Ehrendoktorhut aufgesetzt, den 54. seiner Karriere, wenn ich mich nicht verzählt habe. Wie bei all den anderen Ehrendoktoraten, die er von Hochschulen in aller Welt erhalten hat, steht auch in Marburg nicht das geringste akademische Verdienst dahinter. Aber auch kein anderes: kein politisches, kein soziales, kein humanitäres und kein sonstiges.
Vor genau 20 Jahren hat er doch den Friedensnobelpreis bekommen. Auch das ohne Verdienst?
Ja, ohne den geringsten Beitrag zu irgendeinem Demokratisierungs- oder Friedensprozeß. 1989 war das Jahr des Massakers auf dem Tiananmen-Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Man suchte in den westlichen Industrieländern einen Weg, wie man Entrüstung zum Ausdruck bringen könnte, zugleich aber die sich anbahnenden Wirtschaftsbeziehungen zur Volksrepublik China nicht gefährden würde. Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Dalai Lama, den Inbegriff alles Antichinesischen, war dieser moralischen Verpflichtung Genüge getan.
Was rechtfertigt die Marburger Ehrendoktorwürde für den Dalai Lama?
Nichts. Was der »Gottkönig« in seinen Vorträgen zum besten gibt, ist eine absurde Dialektik von Platitüde und Nonsens. Zum einen läßt er positiv-denkerischen Trivialkram ab, dessen Niveau nur selten über das der Glückskekse hinausreicht, die man nach dem Essen im Chinarestaurant bekommt, beispielsweise »Nur wer Leid erträgt, wird Glück erfahren«. Alle können dabei mit dem Kopf nicken und sich der Erleuchtung ganz nahe wähnen, auch wenn der Aussagewert gleich null ist. Zum anderen schwadroniert er endlos in pseudophilosophischer Metaphysik herum und reiht, begleitet von unmotiviertem Gekichere und sonstigen Hanswurstiaden, wie etwa dem Herumschaukeln auf seinem Thron, sinnleere Worthülsen aneinander. Schon nach dem ersten Satz schalten die Zuhörer ab, weil es schlechterdings keinen Sinn macht, was er da von sich gibt. Dieses kognitive Abschalten halten sie dann auch noch für bewußtseinsfördernde Meditation. Wenn man’s nicht versteht, dann nur, weil man selbst doch noch nicht erleuchtet genug ist.
Ein Beispiel?
O-Ton »Seiner Heiligkeit«: »Daß Erscheinungen unter letztgültiger Analyse nicht gefunden werden können, zeigt an, daß sie nicht wirklich existieren. Da sie leer sind in bezug auf die konkrete Existenzweise, in der sie erscheinen, ist klar, daß sie im Kontext und Wesen der Leere in bezug auf inhärente Existenz existieren.« Es ist wie in Andersens Märchen von den neuen Kleidern des Kaisers: Niemand traut sich zu sagen, daß der Dalai Lama einen Unsinn verzapft, daß die Lichter ausgehen.
Warum legt sich die Universität Marburg so ein Ei ins Nest?
Offenbar glaubt man, der Glanz all der vorherigen Ehrungen, einschließlich des Nobelpreises, falle irgendwie auch auf die Uni Marburg zurück. Die Ehrendoktoratsverleiherei an den Dalai Lama ist zu einem grotesken Selbstläufer geworden. Die Uni Marburg muß sich gleichwohl fragen lassen, weshalb sie einen Mann auszeichnet, der als oberster Repäsentant eines der ausbeuterischsten und blutsaugerischsten Systeme gilt, die es je in der Menschheitsgeschichte gab: eines feudaltheokratischen Priesterstaates, in dem bis Mitte des 20. Jahrhunderts – also bis in die Ägide des jetzigen Dalai Lama hinein! –Leibeigenschaft und Sklaverei vorherrschten. Sie muß sich fragen lassen, weshalb sie das Oberhaupt eines religiösen Wahnsystems ehrt, zu dessen wesentlichen Ritualen der sexuelle Mißbrauch kleiner Mädchen zählt; einen Obskuranten, der auf Astrologie, Orakel- und Dämonenkult abstellt und von sich behauptet, frei durch die Luft fliegen zu können.
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