Montag, 27. Juli 2009

Kampagne: Freiheit für Leonard Peltier

Von Jürgen Heiser

junge Welt

Der Lakota/Anishinabe Leonard Peltier wurde am 12. September 1944 in Grand Folk im US-Bundesstaat North Dakota geboren und wuchs in der Turtle Mountain Chippewa Reservation auf. 1968 schloß er sich dem neugegründeten American Indian Movement (AIM) an.

Seit in den 1950er Jahren Uranvorkommen auf dem Gebiet der Pine-Ridge-Reservation in South Dakota entdeckt worden waren, versuchten US-Behörden, die dort lebenden Lakota trotz eines 1868 geschlossenen Vertrages von ihrem Land zu vertreiben. In den 1970er Jahren herrschten dort bürgerkriegsähnliche Zustände. 1973 riefen die Lakota AIM zu Hilfe, auch Peltier folgte dem Ruf. Am 26. Juni 1975 wurde der 23jährige Lakota Joe Stuntz von der US-Bundespolizei FBI erschossen, Stunden später wurden die FBI-Agenten Jack R. Coler und Ronald Williams tot aufgefunden. Das FBI setzte unter anderem Peltier sofort auf die Fahndungsliste, er konnte aber nach Kanada fliehen. Dort wurde er am 6. Februar 1976 verhaftet und an die USA ausgeliefert, nachdem das FBI die gefälschte Aussage einer angeblichen Tatzeugin vorgelegt hatte.

Leonard Peltiers Prozeß war unfair, er sollte zum Sündenbock gemacht werden und wurde im April 1977 nur aufgrund eines vom FBI fabrizierten ballistischen Gutachtens zu zweimal Lebenslänglich verurteilt. Das folgende jahrelange juristische Tauziehen änderte nichts mehr an diesem Urteil.

Mehr als 20 Millionen Menschen haben seitdem weltweit Petitionen für seine Freilassung unterschrieben, darunter so bekannte Fürsprecher wie Nelson Mandela, Rigoberta Menchú, Harry Belafonte und Marlon Brando.

Peltiers letzte Anhörung vor dem Bewährungsausschuß fand 1993 statt. Seine Entlassung wurde abgelehnt und der nächste Termin ursprünglich auf Dezember 2008 gelegt. Im Laufe der Jahre fanden mehrere Sitzungen der Behörde statt, die alle Eingaben der Anwälte Peltiers ablehnte, da er »sich weigert, die Verantwortung für die Morde an den beiden FBI-Agenten zu übernehmen«. Man erwartet von ihm Reue für eine Tat, die er nicht begangen hat.

Das FBI ließ keine Gelegenheit aus, seine Chancen auf eine Begnadigung zu sabotieren. Stichhaltige Beweise dafür entdeckten seine Anwälte im Juli 2005 in einem vierseitigen FBI-Memorandum, das sie im Rahmen des »Freedom of Information Act« auf Antrag erhalten hatten. Die interne Aktennotiz belegt, daß das FBI eine intensive Kampagne entwickelt hatte, um eine Begnadigung durch den früheren US-Präsidenten William Clinton zu verhindern. Mit Erfolg, wie man weiß.


Weitere Informationen: www.leonardpeltier.net

»Genießt euer Leben«

Leonard Peltier vom American Indian Movement, seit 34 Jahren politischer Gefangener, wendet sich vor seinem heutigen Haftprüfungstermin an die Solidaritätsbewegung

Zunächst möchte ich Euch von Herzen dafür danken, daß Ihr mich unterstützt und daß Ihr für das Recht kämpft, wo immer ihr auch leben mögt. Ich finde keine Worte für meine außerordentliche Dankbarkeit nicht nur gegenpüber den Menschen in Amerika, sondern überall auf der Welt, die für meine und die Sache der indianischen Völker kämpfen. Ihr habt Euch nicht geschont und mir in meiner mißlichen Lage zur Seite gestanden. Täglich werde ich auf die Lage so vieler politischer Gefangener auf der Welt aufmerksam gemacht. Viele wurden umgebracht oder gefoltert, nur weil sie versucht haben, dem Unrecht in ihrem Ort oder Land zu begegnen. (…)

Wir müssen uns bewußt machen, daß es auf der Erde immer schon Menschen gab, die an einer Krankheit namens Habgier litten. Sie haben einen unstillbaren Hunger nach materiellen Reichtümern und nach Land. Das bekannteste Symptom ihrer Krankheit ist die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden, das sie durch ihr Besitzstreben erzeugen. Diese Menschen haben wir als unseren gemeinsamen Feind erkannt. Es ist furchtbar, wie sie hinter der Maske der Religion und vorgeblichen Rufen nach Freiheit ein Volk gegen das andere ausspielen. Das ist nichts Neues. Die Geschichte ist voll davon. Aber im Verlaufe der Geschichte waren es auch immer wieder Menschen, spirituelle Menschen, große Denker und Philosophen, die versucht haben, uns gegen diesen gemeinsamen Feind zu vereinen.

Zerstörung und Entzweiung



Brüder und Schwestern, wenn wir uns nicht gegen die Zerstörung unserer Mutter Erde zusammenschließen, gehen wir einer Zukunft entgegen, in der es weder saubere Luft, sauberes Wasser noch grundlegende Freiheiten geben wird. Wir müssen anderen die Hände reichen, um sie in den Kampf für die Sache des Lebens einzubeziehen. Egal, wo wir stehen, müssen wir unser Bestes geben und mit allen Mitteln unsere Lebensqualität verbessern. Wir müssen die Barrieren niederreißen, die ein Volk vom anderen trennen. Wir müssen unsere Gemeinsamkeiten herausfinden und Lösungen für das finden, was uns trennt. Wir müssen eine höhere Ebene des Denkens erreichen oder, wie andere sagen würden, eine traditionelle Ebene des Denkens, die höherstehend ist als das, was heute Fortschritt genannt wird. Unsere traditionellen Werte lehrten uns, mit der Erde in Harmonie zu leben. Unsere Traditionen lehrten uns, unseren Körper zu achten und die Umwelt für unsere Kinder und alle kommenden Generationen zu bewahren. Wir vom American Indian Movement traten immer für diese Werte ein.

Armut wird nicht durch Geld überwunden, sondern durch eine Veränderung unserer Geisteshaltung. Unsere heutigen Probleme haben ihre Ursache in unserer Einstellung. Diese Geisteshaltung vermittelte man uns in Internatsschulen (von 1896 bis ins 20. Jahrhundert bestehende Zwangsschulen für »Indianerkinder«, wo sie ihrer Sprache und Kultur beraubt wurden; Anm. d. Übers.) und Reservationen, die seit jeher nichts anderes waren als Konzentrationslager. Die Weißen erzählten uns von Gott und wollten, daß wir ihre Religion annehmen. Wie es ein Bruder einst ausdrückte: »Sie ließen uns unsere Häupter beugen, und als wir wieder aufschauten, war unser Land verschwunden, unsere Kultur, unsere Kinder, unsere ganze Lebensweise war verschwunden.« Und nun schwindet auch noch unsere Luft zum Atmen.

Ich befinde mich seit nunmehr 34 Jahren in diesem Käfig, aber obwohl ich hier eingesperrt bin, habe ich im Gebet den Geist des Adlers, unseres Bruders, aufgespürt und habe versucht, mir einen Überblick über die Vorgänge draußen zu verschaffen. Wie jeder weiß, habe ich hier drin nicht mehr die Freiheit, das Leben aus einer unmittelbaren Perspektive zu betrachten. Aber obwohl ich nur einen fernen, einen abstrakten und von allem losgelösten Blick auf die Dinge habe, kann ich doch die Zerstörung und die Entzweiung erkennen, die die politischen Mächte, die uns zersplittert haben, unter unseren Leuten vorangetrieben haben. (…)

Es war mir verwehrt, meine Kinder großzuziehen, ich konnte sie und auch meine Enkelkinder nicht wirklich kennenlernen. Vielleicht werde ich das auch nie können, aber ich liebe sie alle gleich. Und ich liebe das Leben wie jeder Mensch draußen. Ich weiß nicht, wie lange ich noch in diesem Käfig umherwandern muß. An einigen Tagen fühle ich mich gesund und energiegeladen, an anderen wiederum wie der 64 Jahre alte Mann, der ich bin. Ich bin immer voller Hoffnung, daß ich irgendwann frei sein werde, vielleicht schon Ende Juli nach meiner Anhörung vor dem Bewährungsausschuß, vielleicht aber auch nicht. Wie mir erzählt wurde, haben die Bundespolizei FBI und dieses Konglomerat aus Konzernen und Institutionen, die schon so lange die Ressourcen dieses Landes sowie andere Länder kontrollieren, alles getan, um die Stimmen der Unterdrückten zu ersticken und zu verleumden. Sie sind die am besten ausgestatteten politischen Kräfte dieser Erde. Das FBI besteht aus einigen zehntausend Leuten.

Neue Reservationen



Ich aber bin nur ein einfacher Mann. Ich bin kein Wortführer, aber ich habe das Wort ergriffen. Ich bin nicht übermäßig groß, aber ich gehe aufrecht. Ich bin kein Philosoph, Dichter oder Sänger oder jemand, der die Menschen besonders inspirieren kann, aber ich bin eines: Ich bin der Beweis dafür, daß dieser Staat log, als er verlauten ließ, in diesem Land widerfahre jedem Menschen Recht. Ich bin der Beweis dafür, daß sie logen, als sie meine Auslieferung aus Kanada betrieben. Ich bin der Beweis dafür, daß sie in deinem Prozeß lügen können, daß sie Beweise fabrizieren, Zeugen einschüchtern und im Hinterzimmer mit dem Richter Absprachen gegen dich treffen können. Ich bin der Beweis dafür, daß uns die Mächtigen mit ihrer Geisteshaltung fest im Griff halten. Sie haben unsere Gefühle im Griff. Sie halten uns mit der Armut im Griff und mit der Entfremdung von unserer Kultur. Ich könnte fortfahren mit meiner Aufzählung dessen, was gegen unser Volk gerichtet wird, aber die Quintessenz ist, daß mein Fall durch alle Instanzen, Anhörungen und Erklärungen vor Gericht gut dokumentiert wurde. Und wir als Volk sind der Beweis dafür, daß dieser Staat seine Verträge mit uns nicht einhält und sein Wort bricht. Dieser Staat bricht seine eigene Verfassung – den Vertrag zwischen Bevölkerung und Regierung. Wir alle sind der Beweis dafür, ich bin der bloße Beweis dafür. Das ist der Grund, warum Menschen überall auf der Welt und hier im Land den Kampf um Gerechtigkeit in meinem Fall unterstützt haben. (…)

Mehr denn je müssen wir die Wunden unserer Kinder heilen und den sozialen Krankheiten vorbeugen, die überhandnehmen in unseren Reservationen und Gemeinden. Wir haben die Werkzeuge dazu, die Lehren, die Kultur, die Künstler und die Philosophen. Wir müssen alles dafür tun, für unsere Kinder eine bessere Zukunft zu bauen, damit sie selbst in die Lage versetzt werden, die heilenden Lehren unserer Kultur und unserer Lebensweise voranzubringen. Ich habe keinen Zweifel, daß wir auf diese Weise die Welt verändern können. (…)

Unser Volk hat mit seiner Ernährungsweise, seiner Medizin, seinem Glauben an die Freiheit und an das Recht, selbst zu entscheiden, die Welt beeinflußt. Es ist schade, daß sie (die weißen Eroberer) nicht unsere gesunde Geisteshaltung gegenüber der Erde übernommen haben oder eine respektvolle Haltung gegenüber uns als den ersten Hütern dieses Teils der Erde. (…) Aber ich möchte auch daran erinnern, daß es die Politik war, die sie seit jeher betrieben haben, die uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Diese Politik hat jetzt mit Irak und Afghanistan neue Reservationen geschaffen, und sie lügen weiter und weiter. Was dort heute geschieht, ist früher hier passiert und überall in Nord- und Süd­amerika.

Ich bin nur ein einfacher Mann und ein Beweis, den die Mächte, die mich ins Gefängnis gebracht haben, gern unter den Teppich kehren würden, wie sie es in der Vergangenheit mit unseren Anführern, Kriegern und allen Menschen machten, die sie massakriert haben. Wie in Wounded Knee, wo die 5. Kavalleriearmee Rache für (US-General) Custers Niederlage nahm und mehr als 300 unserer Männer, Frauen und Kinder massakrierte. Hinterher zeichneten sie 23 Soldaten mit Tapferkeitsorden aus, um von ihren Verbrechen abzulenken. (…)

Kürzlich dachte man, ich hätte einen Herzanfall gehabt. Nachdem ich im vergangenen Jahr brutal geschlagen und getreten wurde wie noch nie zuvor, war ich mir nicht sicher, was jetzt die Schmerzen in meiner Brust ausgelöst hatte. Aber ich bin auch noch nie zuvor 64 Jahre alt gewesen. Dies alles ließ mich wieder meine eigene Sterblichkeit spüren. Ich möchte nicht den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringen. Und ich möchte auch nicht, daß ihr mit euern Gedanken, Herzen und eurer Geisteshaltung für den Rest eures Lebens in eine Art inneres Gefängnis gesperrt werdet. Ich möchte, daß ihr euer Leben genießt.

Im Geiste von Crazy Horse,

Leonard Peltier

Vollständige Fassung des redaktionell leicht gekürzten Briefes im Internet: www.freedom-now.de. Übersetzung: Jürgen Heiser


Quelle: junge Welt

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen