Von Rüdiger Göbel
Mit Blick auf das heutige Gelöbnis vor dem Reichstag verweist der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe (SPD), auf die besondere Bedeutung der Ostdeutschen bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr. »Wenn ich in die Einsatzgebiete fahre, herrscht dort oft der sächsische Dialekt vor«, zitierte ihn die in Halle erscheinende Mitteldeutsche Zeitung (Montagausgabe) in einer Vorabmitteilung. »Die Zahlen belegen das eindrucksvoll. Die Soldatinnen und Soldaten aus den neuen Bundesländern sind auch in den Einsätzen überproportional vertreten und somit überproportional belastet.« Robbe bestätigte damit inhaltlich den Bericht »Ossis als Kanonenfutter« (jW vom 11./12. Juli) – ohne ihn eigens zu nennen. Der Wehrbeauftragte regte sich gleichwohl auf: Die Ostdeutschen seien kein »Kanonenfutter«, »allein die These ist verwerflich«.
Die folgenden Ausführungen des SPD-Politikers über Leiden und Sterben im Krieg sollte man sich ausschneiden und aufheben: Die Ostdeutschen sind laut Robbe »kein Kanonenfutter«, nein, der Wehrbeauftragte nennt sie lieber »oftmals etwas flexibler und weniger anspruchsvoll. Sie lassen sich eher ein auf Versetzungen und andere ›unbequeme‹ Dinge, weil sie in der Bundeswehr oft die einzige Möglichkeit sehen, eine sichere berufliche Zukunft zu haben. (...) Mit Blick auf die Kameradschaft macht es kaum einen Unterschied, woher ein Soldat kommt. Das wird oft erst dann deutlich, wenn ein Soldat fällt.« Besorgt ist Robbe ob der mangelnden Kriegsbegeisterung in der deutschen Bevölkerung: »Eine ganz andere Frage ist, wie der Soldat in der Bevölkerung anerkannt wird. Da herrscht nicht nur, aber eben auch in den neuen Bundesländern eine stark ablehnende Haltung gegenüber den Auslandseinsätzen. Diese steht in krassem Widerspruch zum Engagement der ostdeutschen Soldaten.«
Der Hintergrund: Aus einer Antwort des parlamentarischen Staatssekretärs im Verteidigungsministerium, Thomas Kossendey (CDU), an den Grünen-Bundestagsabgeordneten Peter Hettlich geht hervor, daß Ostdeutsche in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr stark überproportional vertreten sind (siehe jW vom 11./12. Juli). Während der Anteil der Ostdeutschen an der Gesamtbevölkerung knapp 20 Prozent beträgt, stellen ostdeutsche Soldaten gegenwärtig bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr 49,1 Prozent. Bei den niedrigen Mannschaftsdienstgraden liegt die Quote mit 62,4 Prozent sogar noch deutlich darüber. Nach dem jW-Artikel hat das Verteidigungsministerium erstmals auch die Herkunft der im Afghanistan-Krieg bisher gestorbenen deutschen Soldaten nach Ost und West aufgeschlüsselt. Von den 35 Bundeswehrangehörigen, die seit 2001 in Afghanistan getötet wurden, waren 13 Ostdeutsche – also mehr als 37 Prozent.
Trost spendet da die ostdeutsche Pfarrerstochter Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin spricht beim Gelöbnis, das die Bundeswehr heute abend zum zweiten Mal vor dem Reichstag in Berlin abhalten will. Dabei sollen rund 400 Soldaten geloben, »der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen«. Um Störungen durch Kriegsgegner möglichst zu unterbinden, wird das Gelände weiträumig von Polizei und Feldjägern der Bundeswehr abgesperrt.
Einzig die von Oskar Lafontaine und Gregor Gysi angeführte Bundestagsfraktion Die Linke verweigert sich dem Aufmarsch kollektiv. Das Bündnis »Gelöbnix« ruft ab 17 Uhr zu einer Protestkundgebung am Potsdamer Platz auf. Ziel bleibt, »das Militaristenspektakel durcheinander zu bringen und die Bundeswehr zum Rückzug zu zwingen«.
Quelle: junge Welt
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Montag, 20. Juli 2009
Ossis sterben klaglos
Labels:
Bundeswehr,
Deutschland
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