Dienstag, 5. Januar 2010

McChrystal glaubt noch an einen Sieg in Afghanistan

US-General Stanley McChrystal, der Chef aller ausländischen Truppen in Afghanistan, hofft durch den verstärkten Einsatz von Killerkommandos die Taliban doch noch besiegen zu können.

Von Drew Brown
STARS AND STRIPES, 02.01.10

Die Truppen der USA und der Verbündeten hätten in Afghanistan "noch nicht gewonnen, werden aber gewinnen," erklärte General Stanley McChrystal, der Oberkommandierende der von der NATO geführten International Security Assistance Force / ISAF, am Freitag in einem Interview mit STARS AND STRIPES.

Der General äußerte, es sei nicht möglich, jetzt schon zu sagen, wie lange man noch bis zum Sieg brauche, den er als eine Situation definierte, in der "die Aufständischen die Regierung oder das afghanische Volk nicht mehr existenziell bedrohen können". Er fügte hinzu, das Ziel der Alliierten bei der Aufstandsbekämpfung bleibe der Schutz der Zivilisten.


"Dafür lässt sich kein genauer Zeitpunkt festsetzen; wie ich bereits gesagt habe, wird das afghanische Volk zu entscheiden haben, wann der Sieg errungen ist," sagte McChrystal am Telefon in Kabul. "Ich denke aber, dass wir in 12 bis 18 Monaten das Vordringen der Aufständischen stoppen und ihre Erfolge zunichte machen können."

Präsident Barack Obama gab am 1. Dezember bekannt, dass er weitere 30.000 Soldaten nach Afghanistan entsenden werde, um die Landgewinne der Taliban zu annullieren und das Training der afghanischen Sicherheitskräfte so zu forcieren, dass sie die Führung in der Aufstandsbekämpfung übernehmen können. In Afghanistan befinden sich bereits 68.000 US-Soldaten. Obama kündigte auch an, dass er im Juli 2011 mit dem Abzug einiger US-Kampfverbände beginnen möchte.

Das Kernstück der Strategie, die McChrystal verfolgt, seit er im letzten Sommer das Kommando über die Streitkräfte der 44-Staaten-Koalition übernommen hat, ist die Konzentration auf den Schutz wichtiger Bevölkerungszentren. McChrystal teilte am Freitag mit, dass zu diesen Gebieten nicht nur größere Städte, sondern auch landwirtschaftlich genutzte Regionen gehören, in denen "ein bedeutender Prozentsatz der Bevölkerung lebt".

Im Süden Afghanistans, der überwiegend von Paschtunen bewohnt wird und am stärksten unter Taliban-Einfluss steht, werde man sich auf das Gebiet konzentrieren, das vom Tal des Flusses Helmand – das mehr als 10.000 US-Marineinfanteristen gemeinsam mit Briten und Truppen anderer Staaten sichern – bis zur Stadt Kandahar – dem ehemaligen geistigen Zentrum der Taliban – im Osten reicht und Spin Boldak, eine wichtige Handels- und Transitstadt an der Grenze mit Pakistan einschließt.

"Das ist eine Wirtschaftszone, in der etwa 80 bis 85 Prozent der Bevölkerung der beiden Provinzen Helmand und Kandahar leben," sagte McChrystal. "Wenn wir dort einen Sicherheitsbereich in Form eines Hufeisens schaffen, können wir eine ganze Menge Leute in einem wirtschaftlich und politisch wichtigen Gebiet schützen."

Afghanistan, Wikipedia


Nach McChrystals ursprünglichem Plan sollten die afghanischen Sicherheitskräfte bis zum Beginn des US-Truppenabzugs in 18 Monaten auf insgesamt 400.000 Soldaten und Polizisten aufgestockt werden; die Obama-Regierung hat nach einem kürzlich von der WASHINGTON POST veröffentlichten Artikel diese Zahl aber für zu ehrgeizig gehalten und beschnitten. McChrystal gab zu, dass sein ursprünglicher Plan "modifiziert" worden sei, und fügte hinzu, die Koalition habe sich noch nicht auf eine endgültige Anzahl festgelegt.

"Es gibt noch keine feste Zahl," sagte er. "Wir werden die afghanischen Sicherheitskräfte so schnell verstärken, wie wir können, und im Lauf der nächsten zwei Jahre sehen, wie weit wir kommen."

McChrystal bestätigte, dass die Koalition den Einsatz von Spezialkommandos zum Ausschalten führender Taliban bedeutend verstärkt hat.

"Die Spezialkommandos, die immer aus Soldaten der USA, der Koalition und Afghanistans zusammengesetzt sind, operieren wirklich sehr erfolgreich; deshalb haben wir diese gezielten Aktionen auch ausgeweitet," sagte er. "Damit können wir viel Druck auf die Netzwerke (der Taliban) ausüben."

Er wies die kürzlich verbreitete Behauptung, die Taliban hätten bereits 80 Prozent des Landes unter Kontrolle, entschieden zurück.


"Sie sind in zahlreichen Gebieten präsent, in einigen üben sie sogar ein bedeutendes Maß an Kontrolle aus," gab er zu. "In den meisten Gegenden reicht ihre Anwesenheit aber nicht zur Kontrolle aus. Sie versuchen natürlich den Eindruck zu erwecken, dass sie nicht aufzuhalten sind, das sehe ich aber nicht so."

Durch die Verstärkung der US-Truppen und die Zusicherung von NATO-Ländern, ebenfalls mindestens 7.000 zusätzlich Soldaten zur Verfügung zu stellen, drängen sich Vergleiche mit der Besetzung Afghanistans durch die sowjetische Armee auf, die vor 30 Jahren begann. McChrystal meinte, die Sowjets seien von den meisten Afghanen sehr schnell als Besatzer betrachtet worden, die Streitkräfte der USA und der Koalition hingegen nicht.

"Ich bestätige allen Leuten gern, dass die Sowjets ihre Sache taktisch und militärisch ganz gut gemacht haben. Weil sie aber mehr als eine Million Afghanen umbrachten, hat sich die afghanische Gesellschaft gegen sie erhoben," sagte McChrystal. "Wir hingegen versuchen der afghanischen Bevölkerung zu vermitteln, dass wir nur die Aufständischen bekämpfen und die anderen Menschen schützen wollen. Deshalb werden wir auch nicht als Besatzer betrachtet."

(Wir haben den Artikel komplett übersetzt und mit einer Ergänzung in Klammern und Hervorhebungen versehen. Nach unserem Kommentar drucken wir den Originaltext ab.)


Unser Kommentar

Natürlich muss der neue eiserne Besen McChrystal, den Obama mit dem ausdrücklichen Auftrag, die Taliban aus dem Land zu fegen, nach Afghanistan geschickt hat, möglichst viel Zweckoptimismus verbreiten und einen baldigen Sieg verkünden.

Dabei steht heute schon fest, dass auch die US- und NATO-Truppen in absehbarer Zeit geschlagen abziehen werden, wenn sie noch mehr Afghanen umgebracht und das ganze Land verwüstet und mit Geschossen aus abgereichertem Uran radioaktiv verseucht haben. Was McChrystals Killerkommandos anrichten, ist hier nachzulesen. Eine ausführliche Darstellung der eigentlichen US-Absichten in Afghanistan kann hier aufgerufen werden.

Es ist eine Schande, dass sich auch die Bundeswehr immer stärker in den völkerrechts- und verfassungswidrigen US-Angriffskrieg in Afghanistan verstricken lässt. Warum findet sich im Bundestag keine Mehrheit, die diese für alle Demokraten, Friedensfreunde und mitfühlenden Menschen unerträgliche Entwicklung stoppt und den sofortigen Abzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan beschließt?

Quelle, Kommentar und Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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