Der immer wieder für das Amt des US-Präsidenten kandidierende links-alternative Einzelkämpfer Ralph Nader glaubt nicht, dass die Kritik, die liberale Kommentatoren zur Zeit in den US-Medien an Obama üben, von Dauer sein wird.
INFORMATION CLEARING HOUSE, 01.01.10
Jetzt beginnen sich auch die lange hoffenden, lange abwartenden Vertreter der liberalen Intelligenz von der Ideologie des kleineren Übels zu lösen, die ihre Kritik an Barack Obama während der Präsidenten-Wahlkampagne im Jahr 2008 dämpfte.
Sie glauben zwar immer noch, dass Obama viel besser ist, als sein republikanischer Gegenkandidat gewesen wäre. Einige hoffen sogar, dass Obama irgendwann und irgendwie doch noch seine liberale Seite zeigen wird. Sie glauben aber nicht mehr, dass sie sich – angesichts des eskalierenden Krieges in Afghanistan, der bevorstehenden Aufgabe von Schlüsselpositionen in dem Gesetzgebungsverfahren zur Krankenversicherung, des ziemlich zahnlosen Gesetzes zur Regulierung der Finanzmärkte oder der Unterordnung unter die geretteten (Vabanque-)Spieler der Wall Street – noch länger loyal und ruhig verhalten müssen. Erinnert sei auch daran, dass diese Regierung zwar dafür sorgt, dass die Bonzen (und Banker) fette Boni einstreichen können, es aber bisher versäumt hat, durch entsprechende staatliche Investitionen für mehr Jobs zu sorgen.

Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de
Unter den ersten loyalen Unterstützern, die abgefallen sind, war Bob Herbert, ein Kolumnist der NEW YORK TIMES. Er berief sich auf seine Freunde, die sich bei ihm darüber beklagt hätten, dass Obama ihre Angelegenheiten und sie selbst behandle, "als ob sie ihn nichts angingen." (s. hier und hier. ) Dann folgte der kluge Gary Wills – bisher ein standhafter Obama-Fan – der mit einem harten, warnenden Artikel über Afghanistan mit Obama brach. (s. hier. )
Wenn Sie die zweiwöchentliche Zusammenstellung von Artikeln progressiver und liberaler Kolumnisten und Experten in THE PROGRESSIVE POPULIST – einer meiner Lieblingspublikationen – lesen, können Sie feststellen, dass die Samthandschuhe ausgezogen werden.
Jim Hightower schreibt: "Obama lässt uns im Sumpf 'Absurdistan' versinken". Er klagt: "Ich habe gehofft, Obama wäre eine stärkere Führungspersönlichkeit und würde mit der alten interventionistischen Politik derjenigen aufhören, die von den andauernden Kriegen profitieren. Aber seine kürzlich verkündete Afghanistan-Politik zeigt, dass er das nicht ist." (s. hier. )
Ich wundere mich, woraus der gute alte Jim diese Hoffnung geschöpft hat – sicher nicht aus irgendwelchen Äußerungen, die Obama im Jahr 2008 gemacht oder nicht gemacht hat. Die Hoffnung scheint die Erinnerung an die schreckliche Wahrheit zu trüben, dass Obama von Anfang an der Kandidat der Wall Street und des militärisch- industriellen Komplexes war. Sie haben ihn ausgesucht und seinen Wahlkampf finanziert, und er tut nur, was ihm die Berater (aus diesem Lager) einflüstern.
Norman Solomon verabschiedet sich mit scharfer Kritik von seiner lang andauernden Bewunderung für den Politiker aus Chicago. Er schreibt: "Präsident Obama hat sich für den Friedensnobelpreis 2009 tatsächlich mit einer Rede zur Rechtfertigung des Krieges bedankt. Mit seinen Ausführungen hat er nur weitere Kriege angekündigt." Das sind wirklich starke Worte. (s. dazu auch Krieg in Afghanistan: Der große Durchmarsch)
Arianna Huffington drückt ihre wachsende Enttäuschung ratenweise aus. Sie schreibt: "Mit seiner Entscheidung, das immer schlimmer werdende Desaster in Afghanistan auch noch zu eskalieren, hat Obama nicht nur 'die Linke' verraten. Er verrät damit die nationalen Interessen unseres Landes." (s. auch http://www.huffingtonpost.com/arianna-huffington/ )
John R. MacArthur, der Herausgeber von HARPER'S MAGAZINE, war niemals ein Obama-Fan und hat sich schon immer über "die liberalen Anbeter Obamas" aufgeregt. In einem Artikel für das PROVIDENCE JOURNAL zählt er einige Autoren wie Frank Rich von der NEW YORK TIMES, Hendrick Hertzberg vom NEW YORKER und Tom Hayden auf, die immer noch loyal zu Obama halten, aber mit leichtem Unbehagen und gedämpften Erwartungen den kommenden Monaten der Obama-Herrschaft entgegen sehen. Sie haben ihre Bande zum Prediger "der Hoffnung und des Wandels" noch nicht gekappt.
Gary Wills hat seinen Rubikon bereits überschritten, als er Obamas Eskalation in Afghanistan "einen Verrat" nannte. Wills ist Historiker und hat sich mit der Präsidentschaft und der Sprache der Politiker befasst; sein kleines Buch über Lincolns Rede in Gettysburg ist eine klassische Interpretation einer Politiker-Rede. Deshalb sind auch seine folgenden Worte sorgfältig abgewogen: "Wenn wir Bushs Kriege, seine privaten Söldner und die Korruption hätten behalten wollen, hätten wir für John McCain stimmen können. Dann hätten wir dem Feind wenigstens ins Gesicht gesehen und ihn nicht – wie jetzt – hinter unserem Rücken gehabt."
Sie können sich darauf verlassen, dass den liberal-progressiven Kommentatoren auch in den beiden kommenden Jahren Kummer und Ärger nicht erspart bleiben werden. Aber 2012 wird ihre Kritik ganz plötzlich verstummen, weil dann in der Zweiparteien- Tyrannei wieder eine (Zwischen-)Wahl ansteht, die ihre Hirne erneut mit dem Syndrom des kleineren Übels infiziert – wie bei der letzten Präsidentenwahl.
Bei so viel Selbstzensur ist kaum eine moralische Umkehr zu erwarten. Warum sollten wir also auf einen Durchbruch hoffen?
Quelle und Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de
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