Sogar das Pentagon ist besorgt über die wachsende Anzahl von Selbstmorden bei aktiven Soldaten und Kriegsveteranen und versucht sie mit fragwürdigen Methoden zu verringern.
STARS AND STRIPES, 31.12.09
Die vielen Selbstmorde und Morde im Jahr 2009 haben das (US-)Militär gezwungen, sich eingehend mit der psychischen Verfassung der Soldaten zu befassen, die seit Jahren in den langen Kriegen im Irak und in Afghanistan kämpfen.
Nach einem Jahr mit einem neuen Rekord an Selbstmorden hat die Army im Januar 2009 angeordnet, dass alle Untergliederungen stärker auf Selbstmordgefährdete achten müssen, und unter Führung von General Pete Chiarelli, dem stellvertretenden Generalstabschef der Army, eine Spezialeinheit zur Vermeidung von Selbstmorden geschaffen. Im Mai 2009 wurde in Fort Campbell, Kentucky, eigens eine dreitägige Beratung abgehalten, nachdem auf dieser Basis zwischen Januar und März fast jede Woche ein Soldat Selbstmord begangen hatte und durch zwei weitere Selbstmorde im Mai die Gesamtzahl der Selbstmörder auf 11 angestiegen war; diese Einrichtung hatte (im letzten Jahr) die höchste Selbstmordrate in der Army zu verzeichnen. Aus der Tatsache, dass die Selbstmorde im zweiten Halbjahr zurückgegangen sind, schloss Chiarelli, dass die Army im Umgang mit diesem komplizierten Problem Fortschritte macht.
Die Fortschritte reichen aber nicht aus. Bereits im November 2009 hatte die Army mit 147 Selbstmorden den Rekord aus dem Vorjahr gebrochen, der bei insgesamt 140 Selbstmorden lag. Auch beim Marine Corps (bei der Marineinfanterie) stieg die Anzahl der Selbstmorde im Vergleich zum Jahr 2008 um 20 Prozent.
Dabei fanden im Jahr 2009 die bisher ausgeprägtesten Anstrengungen des Pentagons statt, das Schweigen über psychische Probleme zu durchbrechen und den Betroffenen Hilfe anzubieten. Mit der Kampagne "Real Warriors" (s. Echte Kämpfer,) sollten Soldaten dazu gebracht werden, über ihre psychischen Probleme – wie Post Traumatic Stress Disorder / PTSD (s. Posttraumatische Belastungsstörung,) – zu sprechen.
In einer bei höheren Offizieren seltenen Offenheit gab General Carter Ham, der Kommandeur der U.S. Army Europe / USAREUR (s. http://www.hqusareur.army.mil/ ) Anfang 2009 zu, dass er selbst schon Probleme mit Kampfstress hatte. 2004 war der Humvee (Nachfolger des Jeeps) des Generals in Mosul (im Irak) in eine am Straßenrand angelegte Sprengfalle geraten, wobei sein MG-Schütze schwer verletzt wurde, und kurz vor dem Ende seines Irak-Einsatzes wurden bei einem Selbstmordattentat in einem Speiseraum seines Befehlsbereichs 22 Menschen getötet.
Das im Jahr 2009 im Zusammenhang mit psychischen Problemen am häufigsten gebrauchte Wort war "Widerstandsfähigkeit"; darunter versteht die Army die Wiedergewinnung der psychischen Stabilität durch ein spezielles Training. Mit dem Programm "Comprehensive Soldier Fitness" (s. Komplette Fitness des Soldaten,) versucht die Army ihren Soldaten in der Grundausbildung und auf allen Karrierestufen neben körperlicher Fitness auch zu mentaler und emotionaler Stabilität zu verhelfen.
Die Streitkräfte haben eine ganze Reihe neuer Programme zur Behandlung psychischer Probleme getestet, darunter eine Therapie, in der das Gedächtnis des PTSDPatienten mit der virtuellen Realität des Ereignisses konfrontiert wird, welches sein Trauma verursacht hat, und eine Therapie, die mit Videos von realen Vorkommnissen über das Internet arbeitet.
Quelle und Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de
Durch Selbstmord sterben mehr US-Soldaten als im Afghanistan-Krieg

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