Der ehemalige US-Offizier und UN-Waffeninspekteur Scott Ritter weist alle Spekulationen über ein bestehendes Atomwaffenprogramm des Irans zurück.
PRESS TV, 12.02.10
(Der iranische TV-Sender) Press TV hat Scott Ritter, den ehemaligen Chefwaffeninspekteur der Vereinten Nationen, zum Atomprogramm des Irans und zur Position des Westens zu diesem Programm interviewt.
Press TV: Herr Ritter, wir freuen uns, Sie hier zu haben. Lassen Sie uns mit einer Frage anfangen, die wir die Schlüsselfrage nennen möchten. Können Sie unseren Zuschauern als ehemaliger UN-Waffeninspekteur sagen, wer David Albright wirklich ist. (Der selbsternannte "Waffeninspekteur" David Albright vermutet, der Iran könne sich pakistanische Pläne für den Bau von Atomsprengköpfen verschafft haben.)
Scott Ritter: Nun, David Albright ist ein Physiker, der sich als Wissenschaftler mit dem Problem der Nichtverbreitung von Kernwaffen befasst. Er unterhält sehr enge Beziehungen zu bestimmten Personen in der International Atomic Energy Agency / IAEA und zu Kreisen in den USA, in Israel und in Europa, die sich ebenfalls mit der Nichtverbreitung von Kernwaffen beschäftigen.
Albright ist der (Gründer und) Kopf eines Think Tanks (des Institute for Science and International Security / ISIS), der das Problem der Nichtverbreitung von Kernwaffen untersucht und sich in den beiden letzten Jahren vor allem auf der Nichtweitergabe von Kernwaffen an den Iran konzentriert hat. Ich denke, es ist wichtig, das zu wissen, weil er deshalb nicht als unvoreingenommener Beobachter und Kommentator angesehen werden kann. Seine Kommentare und Analysen sind eher von die Meinungen seiner Kontaktleute und Verbindungen als von eigenen Erfahrungen aus erster Hand geprägt.
Er selbst hat keine persönlichen beruflichen Erfahrungen zu dem Problem der Nichtverbreitung von Kernwaffen. Er ist nur ein Berichterstatter und Kommentator, der sich auf die Informationen anderer Leute verlässt, die er bündelt und weitergibt.
Press TV: War dieser Herr Albright oder Dr. Albright, wie er sich nennt, jemals Chefwaffeninspekteur der UNO wie Sie selbst?
Scott Ritter: Nein. David Albright wurde von der IAEA zusammen mit anderen Wissenschaftlern nach der Flucht von Saddam Hussains Schwiegersohn Hussain Kamel eingeladen, bei der Sichtung von Millionen Seiten entdeckter Dokumente zu helfen. Die IAEA und die United Nations Special Commission baten die Wissenschaftler, bei der Durchsicht dieser Materialien zu helfen; man wollte schnell feststellen, was davon relevant und was nicht relevant war. Albright war anfangs daran beteiligt, er ist aber kein ausgebildeter Waffeninspekteur und wurde auch niemals als solcher anerkannt. Er war nur Gast bei dieser einzigen Inspektion, um bei der Sichtung des Materials zu helfen.
Press TV: Nur Gast, nach Ihren Worten "ziemlich voreingenommen" und – wie aus einem Ihrer Artikel hervorgeht – ein ungeübter Atomwaffen-Inspekteur, und trotzdem ist es ihm im letzten Jahrzehnt gelungen, sich einen guten Ruf als Analytiker von Atomproblemen zu verschaffen. Was motiviert ihn eigentlich dazu?
Scott Ritter: Nur er selbst kann diese Frage beantworten. Ich denke, es ist klar, dass er kein unvoreingenommener Kommentator ist. Er ist jemand, der eine bestimmte Absicht verfolgt. Er ist nicht jemand, der die Tatsachen auf dem Tisch ausbreitet und Sie aus diesen Tatsachen Ihre eigenen Schlüsse ziehen lässt. Er ist offensichtlich eine Person, die gegen den Iran voreingenommen ist. Er hat eine vorgefasste Meinung über den Iran und sieht die Schuld immer bei ihm; deshalb interpretiert er jeden Fetzen Information aus dem Iran als Beweis für dessen Fehlverhalten. Damit verfolgt er den Zweck, seinen eigenen Namen und den Namen seiner Organisation möglichst oft ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu rücken.
Press TV: Auch mit Informationen, die nicht zutreffen?
Scott Ritter: Sie müssen verstehen, dass immer dann, wenn es um den Iran geht – genau wie damals beim Irak – die Wahrheit nicht gefragt ist. Es geht nur darum, die Öffentlichkeit durch die Medien zu konditionieren, und die Medien benutzen Personen wie David Albright und andere, um eine Hetze in Gang zu setzen und einen Mythos des Fehlverhaltens zu kreieren, in dem die tatsächliche Situation keine Rolle spielt. Sie verbreiten vorgefasste Meinungen, hinter denen sich böse Absichten verbergen, und darauf ist David Albright spezialisiert; es geht ihm nicht um Fakten über das Atomprogramm des Irans, sondern um die Verbreitung vorgefassten Meinungen, die im Westen, in den USA und anderswo, über die (angeblich) bösen Absichten des Irans bestehen. Da stören Tatsachen nur. Albrights Analysen basieren nicht auf Fakten, sondern nur auf Glaubenssätzen. Wir sollen einfach nur glauben, dass David Albright und andere es gut meinen, wenn sie ihre Analysen verbreiten, die sich immer wieder als unvollständig und häufig als unzutreffend erwiesen haben.
Press TV: Herr Ritter, wir haben nur eine begrenzte Zeit, ich möchte Ihnen aber gern noch folgende Frage stellen: Albrights jüngste Kommentare zu den atomaren Fähigkeiten des Irans und ihre Verbreitung durch einige Nachrichten-Medien haben viele Emotionen gegen den Iran geweckt. Warum wird er in Anbetracht seiner beschränkten Kompetenz, die sicher nicht schwer herauszufinden wäre, so häufig zitiert, und warum traut man seinen Informationen überhaupt?
Scott Ritter: Nun, vor allem ist er sehr redegewandt. Im Endeffekt spielt David Albright die Rolle des Sachverständigen sehr gut. Er versteht es, gut zu formulieren. Er ist mit der Fachterminologie vertraut und liefert den Reportern gute Zitate für ihre Artikel; außerdem wirkt er im Fernsehen sehr glaubwürdig. Es geht immer mehr um die Art der Darstellung als um die Substanz; so ist das leider, wenn sich die westlichen Mainstream-Medien mit dem Iran und seinem Atomprogramm befassen. Es geht nicht um die Substanz. Es geht nicht um die Wirklichkeit. Es geht nur um Vorstellungen, und der Westen ist nun einmal voreingenommen; hier wird nur Negatives über den Iran akzeptiert und alles zurückgewiesen, was den Iran in einem positiven Licht erscheinen lässt. Und David Albright ist sehr gut darin, ein sehr negativen Bild vom Iran zu malen.
Press TV: Noch eine letzte Frage: Als sich Albright über die Kernforschungs-Aktivitäten Syriens und des Iraks aufgeregt hat, wurden deren Reaktoren von Israel angegriffen und bombardiert, und jetzt schreibt er über den Iran. Was, meinen Sie, kommt dabei daraus?
Scott Ritter: Ich hoffe, dass es nicht wieder eine Militäraktion ist. Das Ergebnis müsste eigentlich ein anderes sein, denn im Iran handelt es sich um ein ganz anderes Programm. Der Iran hat das Recht auf seiner Seite. Für den Iran sprechen die Tatsachen, und deshalb glaube ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht an eine Militäraktion gegen den Iran. Ich denke, die Wahrheit über das Atomprogramm des Irans wird über die Märchen siegen, die Albright und andere darüber verbreiten.
Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de
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