Donnerstag, 25. Februar 2010

Ein Kriegsspiel zeigt, was ein Angriff auf den Iran auslösen könnte

Ein Kriegsspiel in Washington, das sehr bald schreckliche Realität werden könnte, beginnt mit einem "präventiven Luftschlag" Israels gegen iranische Atomanlagen

Von Warren P. Strobel, McClatchy Newspapers
STARS AND STRIPES, 22.02.10


WASHINGTON – Bei einem Kriegsspiel, das den Iran, Israel und die USA einschloss, zeigte sich, dass ein (Angriff auf den Iran durch) unbeabsichtigte Folgen außer Kontrolle geraten könnte. (Man ging von folgendem Szenario aus:)

Nachdem die Diplomatie gescheitert ist und sein Geheimdienst ihm wertvollem Informationen über zwei neue geheime Atomanlagen des Irans geliefert hat, startet Israel einen Präventivschlag gegen den Atomkomplex Teherans. Der Angriff ist erfolgreich, löscht sechs iranische Schlüsseleinrichtungen aus und wirft den vermuteten Bau einer Atombombe um Jahre zurück.

Aber was dann folgt, ist nicht angenehm.


Der US-Präsident und sein National Security Council (sein Nationaler Sicherheitsrat) versuchen, die Krise zu begrenzen. Das belastet die Beziehungen zwischen den USA und Israel, die bereits angespannt sind, weil Israel Washington vor dem Überfall nicht informiert hat. Das Weiße Haus sucht das Gespräch mit dem Iran, wird aber zurückgewiesen.

Stattdessen greift der Iran Israel an, und zwar sowohl direkt als auch durch seine Verbündeten im Libanon und im Gaza-Streifen. Er missdeutet das Verhalten der USA als Schwäche und vermint die Straße von Hormuz, die Hauptader für die Ölversorgung der Welt. Das führt zu einem Zusammenstoß und zu einer massiven Verstärkung der US-Streitkräfte im Persischen Golf.

Dieses neue Kriegsspiel fand im Saban Center for Middle East Policy statt, das zur Brookings Institution in Washington gehört, einem links der Mitte stehenden Think Tank; sein Verlauf dämpfte die Hoffnungen auf eine einfache Beseitigung der auch in der realen Welt bestehenden atomaren Bedrohung durch den Iran.

"Wenn man damit anfängt, ist es schwer, wieder aufzuhören." Das sei die aus diesem Kriegsspiel zu ziehende Lehre, sagte Kenneth Pollack, ein ehemaliger Offizieller des Weißen Hauses und der CIA, der die Simulation beaufsichtigte.

Pollack und andere, die an der Ende letzten Jahres durchgeführten ganztägigen Übung teilgenommen haben, beeilten sich, darauf hinzuweisen, dass Kriegsspiele die Realität nur unvollkommen nachbilden können. Wie die bekanntermaßen undurchsichtige und unnachgiebige iranische Führung in einer wirklichen Krise reagieren würde, ist besonders schwer vorherzusagen.

Aber das Ergebnis unterstreicht, was Diplomaten, Offiziere und Analysten schon lange sagen: Sogar ein "erfolgreicher" Luftangriff auf die Atomanlagen des Irans – der dessen Programm um zwei bis vier Jahre verzögern würde – könnte einen gewaltigen unvorhersehbaren Preis fordern.

"Das ist ... eine Option, die sehr, sehr, sehr sorgfältig durchdacht werden muss," sagte ein führender europäischer Diplomat am Freitag. "Wir wissen, welche furchtbaren Folgen sie haben könnte." Er wollte anonym bleiben, um offener über dieses heikle Problem reden zu können.

Die wegen des iranischen Atomprogramms bestehenden Spannungen sind in dieser Woche wieder gestiegen, nachdem die UN-Überwachungsorganisation IAEA berichtet hat, dass der Iran heimlich an einem atomarem Sprengkopf arbeiten könnte, der auf eine ballistische Rakete zu montieren ist. Außerdem hat der Iran begonnen, Uran höher anzureichern, und ist damit dem Reinheitsgrad näher gekommen, der für eine Atomwaffe gebraucht wird.

Israel, das den Iran als direkte Bedrohung ansieht, hat sich geweigert, militärische Gewalt auszuschließen, obwohl Offizielle dieses Landes sagen, dass sie auch weiter auf diplomatischen Druck setzen. Es hat sogar Hinweise aus sunnitischen arabischen Staaten, besonders aus Saudi-Arabien, gegeben, dass sie im Falle eines Angriffs auf den schiitischen Iran, einen historischen Gegner, wegschauen würden.

Eines der Hauptergebnisse des Kriegsspiels in der Brookings Institution ist aber auch, dass Israel einen Angriff auf den Iran teuer bezahlen müsste. Am Ende der Simulation, acht Tage nach dem (angenommenen) israelischen Überraschungsangriff, sieht sich der israelische Premierminister unter starkem innenpolitischen Druck gezwungen, einen 48-stündigen Blitzkrieg aus der Luft über dem südlichen Libanon zu starten, um den Raketenbeschuss durch die Hisbollah, eine militante, vom Iran unterstützte Gruppe, zu stoppen. Israelische Offizielle erkennen, dass sie mit dem Blitzkrieg aus der Luft ihr Ziel kaum erreichen werden und bereiten eine größere, aufwendige Operation mit Bodentruppen im Libanon vor.

Israels Beziehungen zu den USA, seinem wichtigsten Verbündeten, sind schwer beschädigt. Um sie nicht noch weiter zu zerrütten, beugt sich Israel dem starken US-Druck und nimmt gelegentliche Raketeneinschläge aus dem Iran hin, ohne sich gleich zu rächen.

Ein Teilnehmer des Teams "Israel" erklärte, das Zurückwerfen des iranischen Atomprogramms habe sich trotz der ziemlich heftigen Reaktion des Irans gelohnt. Er bat darum, seinen Namen nicht zu nennen, da es zu den Grundregeln des Kriegsspiels gehöre, dass die Teilnehmer anonym bleiben.

Jonathan Peled, ein Sprecher der israelischer Botschaft, lehnte einen Kommentar zu dem Kriegsspiel oder zu dessen Ergebnis ab.

"Wir können dazu nur sagen, dass der Iran nicht nur für Israel eine Bedrohung ist, sondern auch für die ganze Region, die USA und die Welt; deshalb sollte sich die internationale Gemeinschaft unverzüglich zur Wehr setzen, zuerst und vor allem durch wirksame Sanktionen," äußerte er.

Das Brookings-Kriegsspiel war eine von drei Simulationen zum Umgang mit dem Atomprogramm des Irans, die im Dezember 2009 durchgeführt wurden. Die beiden anderen, die an der Harvard University und an der Universität Tel Aviv stattfanden, sollen zu dem Ergebnis gekommen sein, dass der Iran weder durch Sanktionen noch durch Drohungen zur Aufgabe seiner vermuteten Bestrebungen zum Bau von Atomwaffen abzubringen sei.

Bei dem Brookings-Kriegsspiel bildeten drei Experten-Teams, darunter auch ehemals führende US-Offizielle, die israelische, iranische und amerikanische Führung. Sie arbeiteten im Washingtoner Hauptquartier der Denkfabrik in getrennten Räumen. Die Führungen Israels und der USA kommunizierten miteinander, aber nicht mit den Iranern.

Eines der Hauptergebnisse der Simulation war, dass die Iraner sehr aggressiv auf den Angriff reagierten, viel aggressiver als sie das in Wirklichkeit tun würden – wie einige der Teilnehmer meinten. Auffallend war auch, dass sich Washington und Teheran häufig falsch einschätzten, weil sie keine direkte Verbindung miteinander hatten.

Der Iran rächte sich nicht direkt an den USA oder an den US-Truppen im Irak oder in Afghanistan. Er schlug gegen Israel zurück, griff dann Dhahran im östlichen Saudi Arabien (am Persischen Golf) an und begann damit, die Straße von Hormuz zu verminen.

"Die Iraner hatten kaum eine andere Wahl, als mit Gewalt zu antworten," sagte ein anderer Teilnehmer, der zum iranischen Team gehörte. "Es war interessant zu sehen, wie nützlich es für Teheran war, bis an die Grenze seiner Möglichkeiten zu gehen."

Ohne es zu wissen, überquerte der Iran mit seinen beiden letzten Aktionen (dem Angriff auf Saudi Araien und der Verminung der Straße von Hormuz) die von den USA gezogenen "roten Linien" und provozierte damit eine militärische Antwort der USA.

"Keiner konnte sich durchsetzen – aber die Iraner schnitten ganz gut ab," sagte das Mitglied des iranischen Teams.

Das iranische Führung war auch im Stande, ihre innenpolitische Opposition zu zerschlagen.


Unser Kommentar

Das Szenario des Washingtoner Kriegsspiels haben wir bereits in der LUFTPOST164/09 beschrieben. Israel überfällt mit einem "Präventivschlag" den Iran, und wenn der sich zur Wehr setzt, eilt der große Bruder USA seinem bedrohten Verbündeten zur Hilfe.

Da die Bundeskanzlerin Angela Merkel und führende Politiker der FDP und der SPD "das Existenzrecht Israels zum Bestandteil der deutschen Staatsräson" erhoben haben, dürfte auch die Bundeswehr sehr früh in diesen Konflikt verwickelt werden, der sich ganz schnell zum Dritten und letzten Weltkrieg ausweiten könnte. Russland und China, die sich durch einen großen Krieg im Mittleren Osten bedroht fühlen müssen, kommen zwar in dem geschilderten Kriegsspiel nicht vor, dürften aber nicht tatenlos zusehen, wenn die USA nach dem irakischen Öl auch das iranische Öl an sich reißen und ihre strategische Plattform im Mittleren Osten um ein weiteres muslimisches Land erweitern wollen.

Die logistischen Vorkehrungen für den Angriff auf den Iran sind längst abgeschlossen (s. hier und hier. Die der psychologischen Kriegsvorbereitung dienende Hetzkampagne gegen den Iran läuft auf Hochtouren (s. hier).

Der innenpolitischen Druck auf die erfolglose US-Regierung wird immer größer. Obama kann nicht mehr lange warten, wenn er mit einem neuem Krieg seine Präsidentschaft retten will. Wir können nur weiter warnen und unsere Leser bitten, das zu tun, was wir bereits am Ende der LUFTPOST 037/10 empfohlen haben (s. hier).

Übersetzung, Kommentar: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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