Freitag, 19. März 2010

Unsere Überlegenheit

Eine sehr alte Geschichte


AUTOR: Einar SCHLERETH


Ein Gespenst rumort wieder in allen Ecken und rundumher. Verkleidet in den verschlissenen Rassistenmantel und die Schlafmütze der Überlegenheit. Als die Scheinwerfer der Aufklärung Licht und Verstand verbreiteten, damit das Volk sich in harten Kämpfen befreien konnte, da verscwand das Gespenst – obwohl nicht richtig, es versteckte sich und ging in den Untergrund, um seine Zeit abzuwarten.

Und die Zeit kam auch wie das Amen in der Kirche.

Um zu verstehen, wie das Gespenst in regelmäßigen Abständen wieder auftauchen kann, muß man begreifen, daß es die Bürger sind, die die Stellung halten, wenn das Gespenst sich verstecken muß. Und deren Werkzeuge sind allumfassend und effektiv. In erster Linie haben sie die Kirche und die Schulen und das Militär und dann haben sie alle Medien. Damit halten sie den Geist des Gespenstes am Leben. Auf Sparflamme gewissermaßen. Ist der Widerstand des Volkes stark, hält man den Deckel drauf; ist er schwach, dann hebt man den Deckel vorsichtig und bei passender Gelegenheit läßt es man es wieder frei.

Es ist nicht so, daß die Bürger das Gespenst besonders lieben – die rümpfen die Nase, denn es ist ungebildet und vulgär – aber es ist gut, es in Reserve zu haben. Wenn ihre Positionen, ihre Privilegien, ihre Börsengeschäftchen und ihre Macht in Gefahr sind. Dann darf das Gespenst verleumden und trakassieren und drohen und gelegentlich auch Menschen morden. Und oft muß man ihm leider auch völlig freie Zügel lassen wie jetzt in Kossovo, Irak, Haiti, Afghanistan, Pakistan, Jemen, Somalia und seit 60 Jahren in Palästina. Da sieht man dann sein wahres Gesicht, das eigentlich niemand sehen will – nicht einmal die Bürger. Und deshalb dürfen wir auch nicht die Opfer der Bombardements, der Attacken, der Folter, der Vergewaltigungen, der Verstümmelungen sehen. Sieht man sie nicht, gibt es sie nicht. Wie Pinter sagte: Es geschieht nichts. Es ist nicht geschehen. Es ist nie geschehen.

Das Problem mit dem Gespenst ist, daß man nicht mit ihm reden kan, nicht diskutieren oder argumentieren, weil das Gespenst nicht will und nicht kann. Sein Hühnergehirn hat nur Platz für ein paar Schlagworte und primitve Vorstellungen: Wir sind die Größten – wir sind die Besten – Gott ist mit uns – wir haben Recht – wir sind überlegen – die anderen sind Scheiße – die, die nicht wie wir denken, müssen weg, vernichtet, ausgerottet werden. Punkt Schluß. Und sein Gefühlsleben besteht aus ein paar geliehenen Klischees aus alten Western und Kriegsfilmen.

Und die Bürger? Deren große Zeit liegt ein paar hundert Jahre zurück und davon wollen sie nichts mehr wissen. Kommt man ihnen heute mit ihren eigenen Gedanken und Ideen und Plänen aus jener Zeit, da ist man unmodern, veraltet oder gar Kommunist!

Die einzigen, die man vielleicht erreichen kann, sind Menschen aus dem Volk. Aber auch das ist ein harter Job, denn deren Gehirne sind verkleistert mit dem Mist der Bürger. Sie sind träge geworden und Hirnamputiert. Es ist schwer, eine Bresche in ihr Denken zu schlagen. Aber es ist jedenfalls möglich und Beweise gibt es rundum in der Welt. Von Bolivien und Ekuador bis Nepal und Venezuela.

Und wie steht es mit der Rassenlehre und unserer sogenannten Überlegenheit? Was liegt dem zugrunde? ”Racism has many definitions, the most common and widely accepted being the belief that members of one race are intrinsically superior or inferior to members of other races.” (Rassismus hat hat viele Definitionen – die gewöhnlichste und am meisten aktzeptierte ist der Glaube, daß Mitglieder einer Rasse anderen Rassenmitgliedern eindeutig überlegen oder unterlegen sind.[1] Aber diese bürgerliche Definition bleibt auf der Oberfläche, wie gewöhnlich beim Glauben und Denken.

Die marxistische Definition geht einen Schritt weiter und legt das Gewichtt auf den instrumentellen Inhalt: Rassismus ”ist der unwissenschaftliche Versuch, mittels des Biologismus die barbarische Praxis der reaktionären Ausbeuterklassen mit ihrer Unterdrückung, Ausplünderung und Vernichtung von gewissen Bevölkerungsschichten, politischen Vereinigungen und ganzen Völkern zu legitimieren”.[2]

Hier haben wir das Wesen des Gespenstes und seine kriminellen Absichten.


Rassismus muß streng unterschieden werden von Rassenbiologie, die ja nichts anderes ist als beispielsweise Ornitologie auf dem Gebiet der Vögel. D.h. Forschung über die verschiedenen Arten, Familien, ihr Entstehen, Verbreitung, Verhalten usw. Und da hat die Rassenbiologie ja längst völlig eindeutig bewiesen, daß der Mensch in Afrika entstanden ist, und daß wir alle so vor ungefähr 30 000 Jahren Afrikaner waren, d.h. Schwarze, Neger, Nigger, Schwarzköpfe.

Wenn die Rassisten also nur ein klein wenig denken könnten, dann könnten sie ein bißchen graben und würden ihre schwarze Urururgroßmutter finden. Der Cartoon, wo ein skinhead seinen Kumpel im Himmel mit den Worten empfängt: Damit du es nur gleich weißt – der liebe Gott ist ein Neger [und steht groß und gewaltig im Hintergrund] – ist also in gewissem Sinne wahr.

Aber denken und nachforschen, das machen Rassisten ja nicht. Warum?

Vielleicht aus Angst, daß sie auf unbequeme Wahrheiten stoßen könnten?

Genau.

Was ist ein Schwarzer? Ja natürlich – der schwarze Mann, Lucifer, das Böse und all das, wovor wir alle so eine Scheißangst haben, nichtwahr?

Und was ist er noch?

Genau – das Tier. Das Hemmungslose, Weibliche, das Sexuelle, das sinnlich Dunkle und Tierische. Das, was die meisten Bürger und insbesondere die Rassisten am meisten verabscheuen und hassen und darauf herumtrampeln und am liebsten in das allertiefste Loch stopfen – was aber teuflischerweise immer wieder auftaucht.

Aber wie gesagt – selbst die Bürger haben Angst davor. Wie soll man sonst deren bessene und sture Leugnung deuten, daß die Zivilisation in Afrika entstand? Sie entstand in dem schwarzen Ägypten ein paar tausend Jahre bevor es Kultur in Mesopotamien gab und ganz zu schweigen von Palästina, wo es nur ehemalige Sklaven der Ägypter und verachtete Hirten gab.

4000 Jahr v.u.Z. baute man in Mesopotamien noch mit Lehm, aber da gab es bereits Luxor, Karnak und Theben. 4236 v.u.Z. hatten die Ägypter bereits den Kalender (der von uns übernommen wurde und bis ins Mittelalter gültig war) und Monumentalbauten und 3100 v.u.Z. die Schriftkunst – eine von mehreren, die im Laufe der Zeit entwickelt wurden. Und viel später wurde Ägypten mindestens tausend Jahre lang für die griechischen Mathematiker, Astronomen und Philosophen das Land, wo man studierte und lehrte. All dies kann man nachlesen bei Cheikh Anta Diop.[3]

Seine wissenschafltichen Arbeiten wurden auf einem internationalen UNESCO Symposium in Kairo 1974 bestätigt. Aber seither haben ”Wissenschaftler” aller Couleur weitergemacht, als wäre nichts geschehen. Und sie versuchen immer noch zu ”beweisen”, daß die Ägypter weiß waren und die Wiege der Kultur am Euphrat oder in Jerusalem stand oder vom Mars fiel.

Wo gab es da die Weißen? Indogermanen oder Germanen? Die ersten deutlichen bildlichen Darstellungen von ihnen finden wir überall auf ägyptischen Reliefs an Tempelwänden und zwar als Gefangene und Sklaven. Es waren Barbaren, die wieder und wieder versuchten, in das reiche Ägypten einzudringen, aber wieder und wieder in unzähligen Schlachten besiegt und gefangen genommen wurden, um Sklavenarbeit für die Ägypter zu verrichten, denn ein Ägypter selbst konnte niemals Sklave werden. Daß die Pyramiden mit Sklavenarbeit errichtet wurden, ist auch nur eine Erfindung von uns, die von allerneuesten Untersuchungen eindeutig widerlegt wurde. Die Arbeiter lebten in wohl geordneten Orten mit anständigen Häusern, wo es für sie sogar einen Gesundheitsdienst mit ausgebildeten Ärzten gab.

Aber von so etwas spricht man nicht so gerne.

Allmählich entstanden dann an mehreren Stellen der Welt große Zivilisationen: Am Indus und Ganges, in China, Mesopotamien in Mittel- und Südamerika. Aber da gab es weit und breit immer noch keine indogermanische oder germanische Kultur.

Und selbst 711 n.u.Z., als das westgotische Königreich in Spanien in einer einzigen vernichtenden Schlacht bei Jerez de la Frontera besiegt wurde, und die Araber von Juden und Christen als Befreier begrüßt wurden, da die Unterdrückung durch die christlichen Könige unerträglich war, selbst da hatten die germanischen Eroberer des Römerreiches sich gerade erst einigermaßen in verschiedenen Königreichen stabilisieren können. Und diese wurden bald in den Schatten gestellt durch die arabische Zivilisation, die sich mit Baghdad als Zentrum im Osten bis Indien und über das ganze nördliche Afrika und im Westen bis Sizilien, das südliche Italien und Spanien bis zu den Pyrenäen ausbreitete. Was wir den Arabern zu verdanken haben – von der Literatur, Philosophie, Astronomie, Mathematik, Technologie bis zur Medizin und Seefahrt – das hat Sigrid Hunke ausfühlich in ihren Büchern beschrieben.[4]

Was den chinesischen Einfluß auf unsere Zivilisation angeht, so hat der Engländer Joseph Needham einen unglaublichen Einsatz geleistet.[5] Richtig ist, daß wir viel von ihrem Wissen durch die Araber vermittelt bekommen haben, weil sie damals enge Beziehungen mit China hatten, und zwar nicht nur Handelsbeziehungen.

Auch das schwarze Afrika, das vom Hauptstrom der Kulturen durch die Sahara nicht vollständig aber stark beschnitten wurde, hatte sich trotz allem enorm entwickelt bis zu der Zeit, als die christlichen, weißen Kolonisatoren auf dem afrikanischen Kontinent zu wüten begannen.

Darüber kann man in dem monumentalen Werk Heinrich Barths nachlesen. Er war u.a. mit Alexander v. Humboldt, Leopold v. Ranke befreundet und der einzige Afrikaforscher, der kein Rassist war. Er hatte Mitte des 18. Jahrhunderts das zentrale Afrika besucht und fünf voluminöse Bände mit insgesamt 3500 Seiten über seine Forschungen geschrieben.[6]

Außerdem muß man Basil Davidson nennen, der ganz Schwarzafrika bereiste und viele der bedeutenden Freiheitskämpfer kannte wie Edvard Mondlane und Luis Cabral, die Führer des Freiheitskampfes in Mosambik bzw. Guinea-Bissao, die beide ermordet wurden.[7]

Wir dürfen auch nicht die großen Beiträge der indianischen Hochkulturen vergessen, die Europa ihnen zu verdanken hat. Es waren die Indios, die als erste Mais und Kartoffel veredelten, die bis heute die Grundernährung für einen großen Teil der Menschheit darstellen.

Und heute, wo der weiße Mann ungeheure Mengen der Reichtümer und Kenntnisse der ”Dritten Welt” geraubt hat (und immer noch mit seinen Raubzügen fortfährt); wo er sogar versucht, deren Erfindungen und Kulturpflanzen ”zu patentieren” für den eigenen Profit; wo er nun mit ”the big landgrab” beginnt (der große Landraub), wobei die reichen Länder ungeheure Länderen vor allem in Afrika mit Hilfe einheimischer Marionettenregime aufkaufen, um alles von Kartoffeln bis hin zu Luxusprodukter zu züchten [8] – da gibt es Leute hier, die sich mit ”unseren Werten” brüsten.

Welche Werte denn? Daß wir über alle Völker in der Welt hergefallen sind, die sich nicht verteidigen konnten (weil die Weißen EINEN großen Vorsprung hatten: in der Waffenentwicklung), sie vergewaltigten und Millionen Menschen in Nordamerika, 60 Millionen in Mittel- und Südamerika, Millionen in Afrika töteten und verschleppten, Millionen im Nahen Osten und Asien und Fernen Osten und Australien und immer noch Millionen Menschen ”dort unten” massakrieren, die uns nicht das Geringste getan haben? Daß wir einen ”Krieg der Zivilisationen gegen den Islam” führen, bei dem wir immer mehr moslemische Länder kurz und klein schlagen und ”zurück in die Steinzeit” bomben und immer noch mehr Länder bedrohen?

Daß wir gestohlen haben, was nicht niet- und nagelfest war und mit dem Diebesgut Imperien bauten? Daß wir uns wie Schurken, Folterknechte, Kriminelle und Verrückte aufführen? Und Völker und Menschen verhöhnen und beleidigen, die bereits am Boden liegen, auf ihnen herumtrampeln und sie bespucken?

Daß wir Guantanamo und Abu Ghraib geschaffen haben?

Daß wir Atombomben auf die Gelben geworfen haben?

Daß wir rundum in der Welt sweatshops unterhalten, wo Frauen und Kinder 15 Stunden Schicht arbeiten, um unsere kostbaren Körper für ein paar Groschen zu kleiden?

Daß wir ein paar arme Flüchtlinge aufnehmen, die unsere Toiletten und unsere dreckigen Klamotten reinigen dürfen – für Schwarzgeld natürlich?

Daß ganze Völker vom Erdboden verschwunden sind, als hätte es sie nie gegeben?

Aber da hieß es Bingo für die weißen christlichen Herren. So muß es sein. Völker sollen auf deren Kommando einfach verschwinden. Das ist es, wovon die Bushratte und der ”Friedens-Nobelpreisträger” und deren Kumpane träumen. Armageddon. The final battle between God and the Devil. Gott und seine Verbündeten sind wir und der Rest sind die Teufel.

Und hier sitzen wir, stecken den Kopf in den Sand und hoffen, daß alles vorübergeht.

Ich interessiere mich nicht für Politik.

Nein – aber die Politik interessiert sich für dich.

Eines schönen Tages wirst auch du erwachen, wenn sie Feuer unter deinem Arsch machen.


[1] Wer sich näher mit dem Thema beschäftigen will, kann hierhin gehen: http://en.wikipedia.org/wiki/Rasism

[2] Marxistisch-leninistisches Wörterbuch der Philosophie, s. 905, Hamburg 1972

[3] "The African Origin of Civilization myth or reality" by Cheikh Anta Diop, USA, Lawrence Hill & Co, 1974

[4] Beonders in "Allahs Sonne über dem Abendland unser arabisches Erbe", Frankfurt a.M.,1991

[5] Joseph Needham "Science and Civilization in China" in 8 dicken Bänden (s. Wikipedia)

[6] Heinrich Barth "Travels and Discoveries in North and Central Africa" (1857-1858, 5 vols., aprr. 3,500 pages)

[7] Basil Davidson (der Grand old man of African Studies) "Afrika Geschichte eines Erdteils" , Frankfurt a.M, 1966

[8] Siehe: http ://www.countercurrents.org/vidal080310.htm

Quelle: der Autor - Våran överlägsenhet

Originalartikel veröffentlicht in 2007 auf fib.se, im März 2010 überarbeitet und ins Deutsche vom Autor übersezt

Über den Autor

Einar Schlereth ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor und Übersetzer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10186&lg=de

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