Montag, 5. April 2010

Sind die USA "reif für den Faschismus"?

Chris Hedges
Von Chris Hedges
TruthDig, 29.03.10

Die Sprache der Gewalt kündigt immer Gewalt an. Ich habe das vor jedem Krieg beobachtet, von Lateinamerika bis zum Balkan. Die Verarmung der Arbeiterklasse und das Erlöschen der Hoffnung und der Lebenschancen erzeugt immer wütende Horden, die bereit sind, zu töten und sich töten zu lassen. Eine bankrotte, liberale Elite, die sich nicht gegen die Reichen und die Kriminellen durchsetzen kann, wird in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs immer weggefegt, wenn Schlägertrupps und Demagogen die Massen aufstacheln. Ich habe dieses Drama schon wiederholt angeschaut. Ich kenne jeden Akt. Ich weiß auch, wie es endet. Ich habe es in anderen Sprachen und in anderen Ländern erlebt. Ich kenne die immer gleichen Standardrollen – die Krawallmacher, die Scharlatane und die Narren – die immer gleichen aufgehetzten Massen und die immer gleiche unfähige und verachtete liberale Klasse, die den Hass verdient, den sie erzeugt.

Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de

"Wir werden nicht von zwei, sondern nur von einer Partei regiert," sagte mir Cynthia McKinney, die Präsidentschaftskandidatin der Green Party (der US-Grünen) "Es ist die Partei des Geldes und des Krieges. Unser Land ist uns geraubt worden. Und wir müssen es denen wieder wegnehmen, die es uns geraubt haben. Es kommt jetzt nur darauf an, wer die Revolution in Gang setzt."

Die Partei der Demokraten und ihre liberalen Anhänger sind so unempfänglich für die persönliche und wirtschaftliche Verzweiflung, die dieses Land bedrückt, dass sie glauben, wenn sie arbeitslosen Menschen das Recht geben, ihre arbeitslosen Kinder auf ihren wertlosen Krankenversicherungspolicen mitzuversichern, sei das ein Schritt vorwärts. Sie glauben, die Verabschiedung eines Gesetzes zur Schaffung von Arbeitsplätzen, das nur den Konzernen Steuererleichterungen verschaffen soll, sei die richtige Antwort auf eine Arbeitslosenquote, die in Wirklichkeit nahe bei 20 Prozent liegt. Sie glauben, es sei normalen US-Amerikanern, von denen jeder achte sich nur mit Hilfe von Lebensmittelgutscheinen ernähren kann, zuzumuten, Billionen Steuerzahler-Dollars für die Kriminellen von der Wall Street und deren Kriege aufzubringen. Sie glauben, das Versäumnis, die etwa 2,4 Millionen Menschen zu retten, die in diesem Jahr durch Zwangsversteigerungen aus ihren Häusern vertrieben werden, mit blutleeren Argumenten über fiskalische Zwänge rechtfertigen zu können. Die Botschaft ist klar: Die Macht-Elite braucht sich nicht an die Gesetze zu halten. Unsere Regierung tut nichts für uns. Und je länger wir stillhalten und nichts tun, je länger wir uns weigern, die legitime Wut der Arbeiterklasse wahrzunehmen und anzuerkennen, desto eher werden wir unsere blutarme Demokratie sterben sehen.

Im Niedergang der USA spiegelt sich der Niedergang Jugoslawiens wider. Der Balkankrieg wurde nicht durch alte ethnische Spannungen verursacht. Er entwickelte sich aus dem wirtschaftlichen Zusammenbruch Jugoslawiens. Die Kleinkriminellen und Schlägertypen, welche die Macht an sich rissen, nutzten die Wut und die Hoffnungslosigkeit der Arbeitslosen und Verzweifelten für ihre Zwecke aus. Sie suchten sich geeignete Sündenböcke – die kroatische Minderheit, die Muslime, die Albaner oder die Roma. Sie setzen Hasskampagnen in Gang, die in Krieg und Selbstzerstörung ausuferten. Es gibt nur geringe Unterschiede zwischen dem vor dem Krieg in Sarajewo verlachten Möchtegern-Dichter Radovan Karadzic und geistig sehr einfach gestrickten Figuren wie Glenn Beck oder Sarah Palin. Es gibt kaum Unterschiede zwischen den (ultrarechten) "Oath Keepers" (den ihren Eid Haltenden,) und den serbischen Milizen. Wir können über diese Leute lachen, aber nicht sie sind die Narren. Wir sind es, (weil wir sie unterschätzen).

Je länger wir uns auf die Demokraten verlassen, die zu Lakaien der Konzerne geworden sind, desto mehr verdummen wir, weil wir auf eine wirksame Gegenwehr verzichten. Nach einer neuen Umfrage, die im Auftrag des TV-Senders NBC News und des WALL STREET JOURNALS durchgeführt wurde, glauben 61 Prozent der US-Amerikaner, dass sich ihr Land im wirtschaftliche Niedergang befindet, und sie haben Recht. Nur 25 Prozent der Befragten gaben an, sie vertrauten darauf, dass die Regierung die Interessen des amerikanischen Volkes vertrete. Wenn wir die Wut und das Misstrauen der Mehrheit nicht selbst ausnutzen, werden sie einen furchtbaren Rechtsruck auslösen.

"Wir sollten aufhören, über rechts und links zu reden," sagte Frau McKinney zu mir. "Die alten politischen Schablonen dienen nur den Interessen der Leute, die uns in diese missliche Lage gebracht haben, und mit irgendwelchen Vorurteilen werden wir uns nicht daraus befreien können. Ich bin ein Kind des Südens. Janet Napolitano (die Heimatschutzministerin Obamas, ) riet mir, mich vor weißen Rassisten in Acht zu nehmen. Ich bin doch mit weißen Rassisten aufgewachsen und habe deshalb keine Angst vor ihnen. Ich fürchte mich mehr vor unserer Regierung. Den Patriot Act (das sofort nach den Anschlägen am 11.09.2001 verabschiedete Gesetz zur Einschränkung der US-Bürgerrechte,) haben nicht die rechtsextremen Rassisten eingeführt; die Vorlage kam aus dem Weißen Haus und wurde vom Kongress beschlossen. Das Urteil des Supreme Court (des höchsten US-Gerichts), das den Konzernen Wahlspenden in unbegrenzter Höhe erlaubt, wurde nicht von rechtsextremen Rassisten, sondern von Citizens United (den Vereinigten Bürgern,) erwirkt. Unsere Probleme erwachsen aus der Art, wie wir regiert werden. Ich bin bereit, die Hand über die Zäune hinweg auszustrecken, die von Leuten errichtet wurden, die aus dem bestehenden System Nutzen ziehen."

Wir fühlen uns immer noch an eine Partei gebunden, die jedes Wahlversprechen gebrochen hat, das sie angeblich realisieren wollte: von der Krankenversicherung für alle, über die Beendigung der ständigen Kriege und die Errichtung eines leistungsfähigen und erschwinglichen öffentlichen Bildungssystems bis zur Schaffung von Jobs für die Arbeiterklasse. Und der Hass, der unserer an Universitäten ausgebildeten Elite aus rechtslastigen Bewegungen entgegenschlägt, weil sie das Finanzdebakel verschuldet oder zumindest nicht verhindert hat, ist nicht unberechtigt. Unsere gebildete Elite hat sich in Selbstgerechtigkeit gesonnt, ihre Zeit mit Shopping vergeudet und über Political Correctnes schwadroniert, während Millionen Arbeiter ihre Jobs verloren. Die Beschimpfung schwarzer oder homosexueller Kongressmitglieder mit rassistischen oder diskriminierenden Ausdrücken, das Anspucken eines schwarzen Abgeordneten des Repräsentantenhauses und der Steinwurf in das Fensters eins Abgeordnetenbüros sind Zeichen des Aufruhrs. Die Revolte richtet sich nicht nur gegen die gebildete Elite, sondern auch gegen die Regierung. Die Schuld liegt bei uns. Wir haben das Monster geschaffen.

Wenn jemand wie Sarah Palin eine Landkarte verteilt, auf der die von Demokraten gehaltenen Wahlbezirke mit Fadenkreuzen markiert sind und gleichzeitig auffordert: "Zieht euch nicht zurück, ladet lieber eure Gewehre nach!", hören ihr genügend verzweifelte Menschen zu und beginnen, ihre Waffen zu reinigen. Wenn christliche Faschisten auf den Kanzeln großer Religionsgemeinschaften Barack Obama als Antichrist verteufeln, hören ihnen viele Gläubige zu, die auf die Ankunft des Messias warten. Wenn ein republikanischer Abgeordneter den Demokraten Bart Stupak aus Michigan als "Kindermörder" beschimpft, gibt es genügend gewalttätige Extremisten, welche die Rettung ungeborenen Lebens als ihre heilige Pflicht ansehen. Sie haben kaum noch etwas zu verlieren. Wir haben es zugelassen, dass es so weit kam. Und die Gewalt, die sie anderen zufügen werden, ist nur eine Reaktion auf die Gewalt, die sie selbst erleiden.

Diese Strömungen sind noch keine voll entwickelten faschistischen Bewegungen. Noch fordern sie nicht offen die Ausrottung ethnischer oder religiöser Minderheiten. Noch predigen sie die Gewalt nicht öffentlich. Aber wie schon Fritz Stern, ein Wissenschaftler, der sich mit die Entstehung des Faschismus beschäftigte, geschrieben hat: "Deutschland drängte zum Faschismus, bevor der Faschismus erfunden wurde." Es ist der gleiche Drang, den wir jetzt erleben, und er ist gefährlich. Wenn wir die Arbeitslosen und die Armen nicht bald wieder in die Wirtschaft integrieren, wenn wir ihnen nicht umgehend Jobs verschaffen und sie von den drückendsten Schulden befreien, dann werden der latente Rassismus und die an den Rändern der amerikanischen Gesellschaft bereits glimmende Gewalt zu einer gewaltigen Feuersbrunst auflodern.

Wenn wir nicht gegensteuern, wird der Hass auf den radikalen Islam sich zum Hass auf alle Muslime entwickeln. Der Hass auf illegal eingewanderte Arbeiter wird zum Hass auf alle Mexikaner und Südamerikaner werden. Der Hass auf alle, die nicht dieser größtenteils weißen Bewegung amerikanischer "Patrioten" angehören, wird sich vor allem gegen die Afro-Amerikaner richten. Der Hass auf die Liberalen wird sich in Hass auf alle demokratischen Institutionen verwandeln und sich gegen Universitäten, Behörden und die Presse richten. Unsere andauernde Untätigkeit und Feigheit, unsere Weigerung, der allgemeinen Wut eine Stimme zu geben und der Politik der Demokraten und der Republikaner offen Widerstand zu leisten, werden uns in einer Ära des Terrors und Blutvergießens untergehen lassen.

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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