Donnerstag, 29. April 2010

Warum Töten Soldaten Spaß macht

John Horgan

Haben manche Soldaten Spaß am Töten? Wenn ja, warum? Auf diese Frage sind wir gestoßen durch das vor kurzem veröffentlichte Video, auf dem zu sehen ist, wie Piloten eines Apache Helikopters der Vereinigten Staaten von Amerika 2007 einen Reuters-Kameraman und dessen Fahrer in Bagdad erschießen. Nachdem sie die Kamera des Reuters-Reporters für eine Waffe hielten, erschossen die Piloten den Reporter und seinen Fahrer und weitere Menschen in der Nähe mit Maschinengewehren.


Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de

Der abstossendste Aspekt des von Wikileaks veröffentlichten Videos ist das Gespräch zwischen den beiden Piloten, deren Namen nicht bekannt gegeben wurden. Wie Elizabeth Bumiller von der New York Times es ausdrückt, „schwelgen die Soldaten in ihrem Töten.“ „Schau dir diese toten Bastarde an,“ sagt ein Pilot. „Nett“ antwortet der zweite.

Dieser Wortwechsel erinnert mich an eine Geschichte in der Times im März 2003, während der Invasion Bagdads durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Der Reporter zitiert Sergeant Eric Schrumpf, einen Marinescharfschützen, mit den Worten: „Wir hatten einen großartigen Tag. Wir töteten eine Menge Leute.“ Nachdem er erwähnte, dass sein Trupp eine irakische Frau getötet hat, die sich in der Nähe eines Kämpfers aufgehalten hatte, fügt Schrumpf hinzu: „Tut mir leid, aber die Puppe stand im Weg.“

Kommt die offenkundige Genugtuung – nennen wir sie Schrumpf-Effekt – die einige Soldaten aus dem Töten schöpfen, in erster Linie aus der Natur oder aus der Erziehung? Natur, behauptet Richard Wrangham, Anthropologe an der Harvard-Universität und Autorität im Bereich Schimpansen. Wrangham behauptet, dass die natürliche Selektion in männlichen Menschen und Schimpansen – unseren engsten genetischen Verwandten – eine angeborene Veranlagung für „gruppenmäßig organisiertes Töten“ eingebettet hat, durch die die Mitglieder einer Gruppe Mitglieder einer rivalisierenden Gruppe attackieren. Männliche Menschen „genießen die Möglichkeit“ andere zu töten, besonders wenn ihr Risiko, selbst getötet zu werden, dabei klein ist.

Vor ein paar Jahren stellten Genetiker an der Victoria-Universität in Neuseeland eine Verbindung her zwischen gewalttätiger männlicher Aggression und einer Variante eines Gens, das das Enzym Monoaminoxydase A verschlüsselt, das die Funktion von Neurotransmittern wie Dopamin und Serotonin regelt. Laut diesen Forschern findet sich dieses Gen bei 56% der Maori-Männer, die bekannt dafür sind, „furchtlose Krieger“ zu sein, und nur bei 34% der kaukasischen Männer.

Studien an Veteranen des Zweiten Weltkriegs legen allerdings nahe, dass sehr wenige Männer von Natur aus kriegerisch sind. Die Psychiater Roy Swank und Walter Marchand fanden heraus, dass 98% der Soldaten, die 60 Tage anhaltenden Kampfes mitgemacht hatten, an psychiatrischen Symptomen litten, zeitweilig oder chronisch. Die zwei aus den 100 Soldaten, die durch lange Kampfzeiten unbeeinträchtigt erschienen, wiesen „aggressive psychopathische Persönlichkeiten“ auf, berichteten die Psychiater. Anders ausgedrückt, hat der Kampf diese Männer nicht verrückt gemacht, weil sie schon von Anfang an verrückt waren.

Erhebungen an Infanteristen des Zweiten Weltkriegs durch Brigadegeneral S.L.A. Marshall von der Armee der Vereinigten Staaten von Amerika ergaben, dass nur 15 bis 20 Prozent ihre Waffen im Kampf abgefeuert hatten, sogar obwohl ihnen das befohlen worden war. Marshall schloss daraus, dass die meisten Soldaten es vermeiden, auf den Feind zu schießen, weil sie das Töten genauso fürchten wie das Getötetwerden. „Das durchschnittliche und gesunde Individuum,” behauptete Marshall in seinem nach dem Krieg veröffentlichten Buch Men Against Fire (Männer gegen Feuer), „hat einen derartigen inneren und normalerweise nicht wahrgenommenen Widerstand gegen das Töten eines Mitmenschen, dass er nicht willentlich töten wird, wenn es möglich ist, aus dieser Verantwortung herauszukommen ... Am entscheidenden Punkt wird er zum Kriegsdienstverweigerer.”

Kritiker haben Marshalls Behauptungen bestritten, aber die Armee der Vereinigten Staaten von Amerika nahm sie so ernst, dass sie ihre Ausbildung umorganisierte, um in den nachfolgenden Kriegen die Feuerquoten zu steigern, laut Dave Grossman, einem ehemaligen Oberstleutnant der Armee der Vereinigten Staaten von Amerika und Psychologieprofessor in West Point (Militärakademie). In seinem 1995 erschienenen Buch On Killing (Über das Töten) argumentiert Grossman, dass Marshalls Resultate erhärtet worden sind durch Berichte aus dem Ersten Weltkrieg, dem amerikanischen Bürgerkrieg, den Napoleonischen Kriegen und anderen Konflikten. „Der außerordentliche Mangel an Enthusiasmus am Töten eines Mitmenschen findet sich in der gesamten Militärgeschichte,” bestätigt Grossman.

Der Widerwille normaler Männer gegen das Töten kann überwunden werden durch intensives Training, direkte Befehle von Offizieren, weitreichende Waffen und Propaganda, die die Sache des Soldaten glorifiziert und den Feind enthumanisiert. „Mit der entsprechenden Konditionierung und unter den entsprechenden Umständen sieht es so aus, dass fast jeder töten kann und töten wird,” schreibt Grossman. Viele Soldaten, die Feinde in der Schlacht töten, freuen sich anfänglich, sagt Grossman, aber später fühlen sie oft tiefgehenden Ekel und Reue, was sich in posttraumatisches Stressleiden und andere Krankheiten umwandeln kann. Grossman glaubt, dass in Wirklichkeit die Probleme vieler Kriegsveteranen der Beweis sind für einen „starken angeborenen Widerstand des Menschen gegen das Töten seiner eigenen Art.”

Mit anderen Worten - der Schrumpf-Effekt ist normalerweise weniger ein Ergebnis der Natur als der Erziehung – obwohl „Erziehung“ ein ungewohnter Begriff ist für eine Ausbildung, die aus normalen jungen Männern begeisterte Killer macht.


erschienen am 23. April 2010 in SCIENTIFIC AMERICAN > http://www.scientificamerican.com/blog/post.cfm?id=why-soldiers-get-a-kick-out-of-kill-2010-04-23

Quelle: antikrieg.com

Mittwoch, 28. April 2010

ITALIEN: Es war ein Mal der Artikel 18

AUTOR: Severo LUTRARIO

Übersetzt von Coorditrad


Im Jahr 2002 fanden sich in Rom drei Millionen Arbeiter zusammen zur Verteidigung des Artikels 18 des Arbeitsgesetzes. Also jenes Instruments, das die Arbeiterbewegung in 150 Jahren mit Blut, Schweiß und Tränen erkämpft hat – Voraussetzung für die effektive Ausübung aller anderen Rechte – und welches festlegt, dass ohne gerechtfertigtes Motiv und grundlos niemand entlassen werden kann.

Wir waren damals drei Millionen und es ist uns gelungen, zumindest diesen Teil der geplanten Präkarisierung der Arbeitswelt zu blockieren.

Heute verabschiedet das Parlament dieser Republik ohne Blutvergießen einen Gesetzesentwurf, der von der Regierung unter anderem zum Thema „Streitigkeiten am Arbeitsplatz“ eingebracht wurde, ohne dass es eine einzige Stunde Streik, eine Betriebsversammlung, eine Demonstration, eine Diskussion, oder sonst irgendwas gegeben hätte.

Zwar haben die wachsamsten Arbeitsrechtler den Alarm geschlagen. Aber in einem von Zwergen, Feuerschluckern und TV-Showtänzerinnen regierten Land, einem Land, in dem die politische Agenda von den juristischen Problemen des Bosses, von Konkubinen, Zuhältern, von Gelagen der Despoten mit ihren Tänzen aus Bestechern und Bestochenen, bestimmt wird und dessen Staatspräsident die elementarsten Regeln zur Umsetzung der letzten, noch erhaltenen Spuren von Demokratie mit den Füßen tritt - wer hat in einem solchen Land Lust, mit den juristischen Feinheiten eines Rechtsverdrehers seine Zeit zu verbummeln?


Lass ihn Dir nicht wegnehmen! Zeichnung von Tiziano Riverso für die Gewerkschaft CGIL


Wer könnte sich über den Abbau der letzten Überbleibseln des Arbeitsrechtes empören?

Durch die Verbindung mit dem neuen Finanzgesetz – gegen das sich die Opposition Seiner Majestät (ob Demokratische Partei PD, oder Italien der Werte (IdV) macht keinen Unterschied) geweigert hat, sich zu stellen, es sei denn mit ihrer harmlosen und unschädlichen parlamentarischen Opposition, und das die Gewerkschaften (und auch hier haben sich keine Unterschiede offenbart) einfach ignoriert haben (die in den Schieds- und Versöhnungsstellen arbeitenden Kollegen werden ein optimales Instrument zur Zufriedenstellung und Finanzierung bieten) – wurden die Bedingungen geschaffen, um einen bereits seit über 10 Jahren andauernden Prozess zu vervollständigen, welcher zum Ziel hat, alle Arbeitnehmenden nur noch alleine vor ihren Arbeitgebern dastehen zu lassen.

Das Arbeitsrecht entsteht aus der Feststellung, dass der Arbeitsvertrag nicht als ein Vertrag wie alle anderen betrachtet werden kann. Und zwar, weil eines der beiden Seiten, nämlich der Arbeitnehmer - derjenige, welcher arbeiten muss, um zu überleben - sich dem anderen Vertragspartner, dem Arbeitgeber, gegenüber in einer unterlegenen Position befindet.

Daraus ist, und zwar um den Preis schwerer Kämpfe, einerseits jener Komplex von Gesetzen und Prozeduren entstanden, die unter der Bezeichnung Arbeits- und Sozialgesetze laufen, und andererseits die Arbeitsgerichtsbarkeit, die sich von den normalen Zivilgerichten unterscheidet, die für alle anderen Vertragsformen zuständig sind.

Die Bindung an das Finanzgesetz verbindet die Prozeduren der Bescheinigung von Arbeitsverträgen, die im Übrigen auch rückwirkend Geltung haben (also auch für bestehende Verträge angewendet werden können) mit dem nunmehr möglich gewordenen und immer häufiger angekurbelten und geförderten Einspruch bei den zigtausenden Versöhnungs- und Schlichtungsstellen.

Stellt sich nun heraus, auf welche Weise die Versöhnungs- und Schlichtungsstellen, auf „bescheinigte“ Anfrage der Vertragsparteien nach Rechtigkeit (und eben nicht auf der Basis von Gesetzen und Verträge) entscheiden. Wir können feststellen, dass es unter solchen Verhältnissen möglich wird, wenn nicht der Form, so doch zumindest dem Inhalt nach, zum Nachteil der Arbeitnehmer von den im Gesetz und Arbeitsverträgen festgelegten Regelungen abzuweichen.

Es wird für den Arbeitnehmer immer schwieriger und kostenaufwändiger und schlussendlich unmöglich, sich an einen Richter zu wenden, um seinen Rechten Geltung zu verschaffen.

Um das Ganze abzurunden, genügt es, dass willige Gewerkschaften – und es finden sich bestimmt welche – die vorgesehenen Abkommen unterschreiben, oder die gebührenden Vorschriften in die Tarifverträge einführen. Um jedes Risiko vorzubeugen, hat die Regierung aber für den Fall, dass die Gewerkschaften innerhalb eines Jahres nach Inkrafttreten des Gesetzes ihre Pflicht nicht erfüllen, die Entscheidung in diesem Bereich für sich in Anspruch genommen.

Und so würde der Prozess abgeschlossen sein. Die Arbeiternehmenden werden alleine bleiben und als schwächerer Vertragspartner werden sie um jedes Recht (im Übrigen auf eigene Kosten) feilschen müssen, inklusive das Recht auf Wiedereinstellung nach einer ungerechtfertigten Entlassung (Ade Artikel 18!)

Im Übrigen hatte sich der Arbeits- und Sozialminister bereits sehr klar über die Zielrichtung der Regierung geäußert.

In der Tat hat er in den vergangenen Monaten die regionalen Arbeitsdirektionen dazu verpflichtet, einen Versuch der gütlichen Einigung im Sinne des Gesetzes 133 vom Jahr 2008 vorzunehmen, falls ein Arbeitnehmer eine finanzielle Entschädigung beanspruchen würde, auch gegen den Willen jenes Arbeitnehmers.

Was soll das bedeuten?

Der Einspruch bei den Inspektionsdiensten der regionalen Arbeitsdirektionen setzt strafrechtliche, oder als Ordnungswidrigkeit strafbare Rechtsverletzungen voraus. Der Vorrang des vom gleichen Staatsorgan auferlegten versöhnlichen Schiedsspruchs setzt diese Rechte außer Kraft; bei jedem anderen Vertrag wäre so was ungültig, doch wird es hier zur Gewohnheit durch die vorangehende Einigung zwischen den beiden Vertragspartnern, die vor jeder Feststellung der Tatsachen durch die Inspektionsdienste erfolgt und sie somit ausschaltet.

Im Grunde genommen sind wir schon ganz unten, doch wird in der allgemeinen Gleichgültigkeit mit der Spitzhacke weiter gegraben.


Quelle: C'era una volta l'articolo 18

Originalartikel veröffentlicht am 9.3.2010

Über den Autor

Coorditrad ist ein Partner von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, dass der Text nicht verändert wird und dass sowohl der Autor, der Übersetzer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10403&lg=de

Der weichgezeichnete Krieg

Wie Hollywood die Schrecken des Krieges kaschiert

Slavoj Žižek

Völlig unsichtbar steckt hier Ideologie, mehr denn je: Wir sind dort, mit unseren Jungs, anstatt zu fragen, was sie überhaupt im Krieg machen.

Als Kathryn Bigelows The Hurt Locker all die großen Oscars im Gegensatz zu James Camerons Avatar gewann, wurde dieser Sieg als gutes Zeichen für die Lage in Hollywood gesehen: eine bescheidene Produktion, die eher in den Rahmen von Independent Festivals passte, punktete klar gegen eine Superproduktion, deren technische Brillanz nicht über die Einfachheit der Geschichte hinwegtäuschen konnte. Heißt das nun, dass Hollywood nicht nur eine Blockbustermaschine ist, sondern immer noch kreative Leistungen am Rand zu würdigen weiß? Vielleicht – aber mit großem Fragezeichen.


Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de

Mit allen seinen Mystifikationen ergreift Avatar klar Partei für diejenigen, die gegen den globalen militärisch-industriellen Komplex auftreten, indem es die Armee der Supermacht als eine Kraft der brutalen Zerstörung porträtiert, die den Interessen der großen Konzerne dient. Auf der anderen Seite präsentiert The Hurt Locker die Armee der Vereinigten Staaten von Amerika auf eine Weise, die viel feiner auf deren öffentliches Image in unserer Zeit der humanitären Interventionen und des militaristischen Pazifismus abgestimmt ist.

Der Film ignoriert weitgehend die breite Debatte über die militärische Intervention der Vereinigten Staaten von Amerika im Irak und beschäftigt sich statt dessen mit den täglichen Leiden einfacher Soldaten, die gezwungen sind, sich mit Gefahr und Zerstörung auseinanderzusetzen. In pseudodokumentarischer Manier erzählt er die Geschichte – oder präsentiert eine Reihe von Ausschnitten aus dem Alltag – eines Bombenentschärfungstrupps und dessen potentiell tödlicher Arbeit, gelegte Bomben zu entschärfen. Diese Auswahl ist zutiefst symptomatisch: Obwohl sie Soldaten sind, töten sie nicht, sondern setzen Tag für Tag ihr Leben aufs Spiel, um Terroristen-Bomben zu entschärfen, die dazu bestimmt sind, Zivilisten zu töten. Kann es etwas sympathischeres für unsere liberale Empfindsamkeit geben? Sind unsere Armeen in dem laufenden Krieg gegen den Terror (auch bekannt als der Lange Krieg), auch wenn sie bombardieren und zerstören, letzten Endes nicht wie Entschärfungstrupps, die geduldig terroristische Netzwerke entschärfen, um das Leben der Zivilbevölkerung sicherer zu machen?

Zu dem Film ist aber noch mehr zu sagen. The Hurt Locker brachte den Trend nach Hollywood, der hinter dem Erfolg von zwei neuen israelischen Filmen über den Krieg gegen den Libanon 1982, Ari Folmans Zeichentrickfilm Waltz With Bashir und Samuel Maozs Lebanon steckt.

Lebanon beruht auf Maozs Erinnerungen als junger Soldat und handelt von Kriegsangst und Klaustrophobie, die hauptsächlich durch Aufnahmen des Großteils der Handlung aus der Innensicht eines Panzers vermittelt werden. Der Film handelt von vier unerfahrenen Soldaten, die mit einem Panzer losgeschickt werden, um Feinde in einer libanesischen Stadt „zu erledigen“, die bereits von der israelischen Luftwaffe bombardiert worden war. In einem Interview beim Filmfestival in Venedig 2009 sagte Yoav Donat, der Schauspieler, der den Soldaten Maoz von vor einem Vierteljahrhundert früher spielt: „Das ist kein Film, der dir den Eindruck gibt ‚Ich war gerade in einem Film.’ Das ist ein Film, der dich fühlen lässt, als wärst du im Krieg gewesen.“ In ähnlicher Weise vermittelt Waltz With Bashir die Schrecken des Konflikts im Jahr 1982, vom Standpunkt israelischer Soldaten aus gesehen.

Maoz sagte, sein Film sei keine Verurteilung der israelischen Politik, sondern eine persönliche Abrechnung mit dem, was er mitgemacht hat. „Der Fehler, den ich gemacht habe, war den Film Lebanon zu nennen, da sich der Krieg im Libanon im Wesen von keinem anderen Krieg unterscheidet und für mich jeder Versuch, die Politik hineinzubringen, den Film abgeflacht hätte.“ Das ist Ideologie in Reinkultur: Der Rückblick auf die traumatischen Erfahrungen des Täters ermöglicht uns, den gesamten ethisch-politischen Hintergrund des Konflikts auszublenden: Was hat die israelische Armee tief im Libanon gemacht? Eine derartige „Vermenschlichung“ dient der Vernebelung des entscheidenden Punkts: Die Notwendigkeit der rücksichtslosen Analyse, was wir bei unserer politisch-militärischen Tätigkeit betreiben und worum es dabei geht. Unsere politisch-militärischen Kämpfe sind nicht eine undurchsichtige Geschichte, die brutal unsere intimen persönlichen Lebensläufe unterbricht – sie sind etwas, an dem wir voll und ganz beteiligt sind.

Allgemeiner gesprochen ist eine derartige „Vermenschlichung” des Soldaten (entsprechend der sprichwörtlichen Weisheit „Irren ist menschlich“) ein entscheidender Bestandteil der ideologischen (Selbst-) Präsentation der israelischen Armee. Die israelischen Medien beschäftigen sich gerne mit den Unzulänglichkeiten und psychischen Problemen der israelischen Soldaten und präsentieren diese weder als perfekte Militärmaschinen noch als übermenschliche Helden, sondern als einfache Menschen, die, gefangen in den Traumata der Geschichte und des Krieges, Fehler machen und die Orientierung verlieren können, wie das jedem normalen Menschen passieren kann.

Zum Beispiel zerstörte die israelische Armee im Januar 2003 das Haus der Familie eines vermuteten Terroristen. Sie machten das mit betonter Liebenswürdigkeit und halfen sogar der Familie, die Möbel aus dem Haus zu bringen, bevor sie dieses mit einem Bulldozer niederrissen. Über einen ähnlichen Zwischenfall war kurz vorher in der israelischen Presse berichtet worden. Als ein israelischer Soldat ein palästinensisches Haus nach Verdächtigen durchsuchte, rief die Mutter der Familie ihre Tochter beim Namen, um sie zu beruhigen, und der überraschte Soldat fand heraus, dass der Name des verschreckten Mädchens der gleiche war wie der seiner eigenen Tochter. In einer sentimentalen Aufwallung zog er seine Brieftasche heraus und zeigte deren Bild der palästinensischen Mutter.

Es ist leicht, die Falschheit einer solchen Geste der Empathie zu erkennen: Die Ansicht, dass wir alle ungeachtet der politischen Differenzen menschliche Wesen sind, mit den selben Vorlieben und Sorgen, neutralisiert den Einfluss dessen, was der Soldat wirklich in diesem Moment macht. Die einzige angebrachte Antwort der Mutter sollte die Forderung sein, der Soldat solle diese Frage beantworten: „Wenn du wirklich ein Mensch bist wie ich, warum tust du, was du jetzt tust?“ Der Soldat kann sich dann nur auf seine vergegenständlichte Pflicht berufen: „Ich mag das nicht, aber das sind meine Befehle,“ und geht auf diese Weise jeder Verantwortlichkeit für seine Handlungen aus dem Weg.

Die Botschaft derartiger Vermenschlichung ist die Betonung der Kluft zwischen der komplexen Realität der Personen und der Rolle, die sie – entgegen ihrer wahren Natur - spielen müssen. „In meiner Familie liegt das Militär nicht in den Genen,“ sagt einer der interviewten Soldaten, der überrascht ist, sich selbst als Karriereoffizier zu finden, in Claude Lanzmanns Dokumentation über die israelische Armee, Tsahal.

Und das bringt uns zurück zu The Hurt Locker. Seine Darstellung des täglichen Schreckens und der traumatischen Auswirkungen des Dienstes in einer Kriegszone scheint diesen Film meilenweit von den sentimalen Abfeierungen der humanitären Rolle der Armee der Vereinigten Staaten von Amerika wie etwa in John Waynes berüchtigten Green Berets abzurücken. Wir sollten allerdings immer im Kopf haben, dass die knapp-realistische Präsentation der Absurditäten des Krieges in The Hurt Locker die Tatsache vernebelt und daher akzeptabel macht, dass dessen Helden genau die gleiche Arbeit verrichten wie die Helden von Green Berets. In ihrer ganzen Unsichtbarkeit steckt hier mehr Ideologie denn je: Wir sind dort, mit unseren Jungs, identifizieren uns mit ihren Ängsten und Leiden, anstatt zu fragen, was sie überhaupt im Krieg machen.

erschienen am 21. April 2010 in IN THESE TIMES > http://www.inthesetimes.com/article/5864/a_soft_focus_on_war

Quelle: antikrieg.com

Dienstag, 27. April 2010

Interview mit Gladson Dundung, einem Adivasi-Aktivisten aus Jharkhand in Indien

"Tut, was immer ihr könnt, für die Stärkung der Macht unseres Volkes. Du kannst gewiss auch jemand sein, der zur Veränderung beiträgt. Willst du?"

AUTOR: Livio KUJUR

Übersetzt von Einar Schlereth. Herausgegeben von Fausto Giudice


Livio: Johar Gladson, willkommen bei joharadivasi.org und danke, dass du dir Zeit für uns genommen hast. Erzähle uns bitte etwas über dich.

Gladson: Danke dir, Livio. Ich gehöre zu der Kharia Adivasi Gemeinschaft. Ich komme aus dem Dorf Lathakhamhan, etwa 20 Kilometer südlich der Distrikthauptstadt Simdega. Ich habe einen älteren Bruder und zwei ältere Schwestern. Unser Leiden begann mit dem 'Kelaghagh Staudamm', der schönste Damm am Chhindra-Fluss im Simdega Distrikt von Jharkhand. Ein Dorf namens Bernibera war das Dorf meiner Vorfahren, 5 km östlich vom Simdega Distrikt, ganz nahe beim Damm. Wir sind einige der unglücklichen Opfer aus dem Dorf Bernibera, die beim Bau des Kelaghaghdamms vertrieben wurden. Meine Familie war wohlhabend, da mein Großvater Jakarias Kharia 20 Acres (ca 4 ha) fruchtbaren Landes im Dorf hatte, und er auch als Lehrer in einer Regierungsgrundschule arbeitete. Er hatte noch weitere 10 Acres Land in einem Dorf namens Lathakhamhan dazugekauft, wo er in der Schule unterrichtete. Er träumte davon, seinen beiden Söhnen ein gutes Leben zu sichern, indem er sie in zwei verschiedenen Orten ansiedelte, damit es nicht zu Streitigkeiten zwischen ihnen käme. Aber sein Traum wurde durch den Damm hinweggespült. Das Land von Bernibera wurde unter Wasser gesetzt, und er bekam für seine 20 Acres Land bloß 11 000 Rs [=185 €, 247 US$] als Vergütung.


Jharkhand


Am Ende blieb uns nichts anderes übrig, als uns in Lathakhamhan anzusiedeln, wo wir 10 Acres Land hatten. Das Land des Dorfes Lathakhamhan war aufgeteilt zwischen zwei Brüdern – meinem Onkel Mangaldas und meinem Vater Isaac, was zu einer großen Spaltung in der Familie führte. Zwar konnte Mangaldas überleben, weil er den Regierungsposten als Lehrer statt meines Großvaters bekam, doch wir litten umso mehr, weil wir nichts anderes hatten. All dies geschah, als ich gerade ein Jahr alt war. Der Konflikt in der Familie wegen des Landbesitzes nahm von Tag zu Tag zu, was zur brutalen Ermordung meiner Eltern 1990 führte. Alle wir Kinder verließen das Dorf und lebten an verschiedenen Orten bei Verwandten. Wie üblich begannen sie, uns als Diener zu behandeln. Ich wurde in Simdege in ein Adivasi-Heim gesteckt bei freier Kost. Aber meine Klassenkameraden begannen, mich zu beleidigen. Ich verließ das Heim und ging zurück in mein Dorf, wo ich mit meinem Onkel lebte. Irgendwie machte ich den Schulabschluss, wurde aber nicht auf der Hochschule zugelassen, weil mir 250 Rs. [=4,20 €, 5,62 US] fehlten. Dadurch verlor ich zwei wertvolle Jahre. Ich wanderte nach Patna aus und begann, Tee zu servieren, Büros und Toiletten zu reinigen.

Meinen ersten Lohn erhielt ich im November 2005. Das war phantastisch. Ich wurde zur Hochschule zugelassen, aber ich konnte nicht anwesend sein, weil ich dazu keine Zeit hatte. Das Überleben war der wichtigste Punkt der Tagesordnung. Schließlich habe ich meine Abschlussprüfung gemacht und hatte eine sehr große Erfahrung durch meine Arbeit mit einer Organisation für soziale Veränderung. Einmal wurde ich auch von einer Volkskriegsgruppe gefangen genommen, die mich in ein Zimmer einsperrte, mich aber nach einer langen Diskussion freiließ. Zwischendurch lernte ich Schreibmaschine schreiben sowie Computer- und Projektmanagement. 2002 wurde ich für ein Praktikum in public advocacy [Interessenvertretung] in Pune ausgewählt. Ich war am ersten Tag schockiert, als die Vorlesung auf Englisch gehalten wurde, und man kaum ein Buch auf Hindi in der Bibliothek fand. Ich dachte, dass ich mich wohl kaum in dem Institut würde halten können, aber ich wusste auch, dass es die einzige Chance war, mein Leben zu verändern, und dass die Gelegenheit kein zweites Mal käme. In jener Nacht entschied ich mich, harte Arbeit zu leisten – Tag und Nacht. Ich machte einen Plan und befolgte ihn. Nach drei Monaten schrieb ich einen Artikel über das Thema der Diskriminierung auf Englisch „Der Vogel namens Gleichheit“, der in Indian Currents veröffentlicht wurde. Es gab riesige Komplimente und Lob von allen Seiten; ich war meinen Klassenkameraden weit voraus, die von den feinen englischen Fachhochschulen kamen.

Ich stellte Untersuchungen über die Auswirkungen der Forst-Politik auf die Urbevölkerung in Orissa an, woraufhin ich viele Arbeitsangebote von internationalen Organisationen bekam, doch ich wollte für mein Volk in Jharkhand arbeiten, weshalb ich nach Ranchi ging und die Navjeev Stiftung gründete. Ich habe 450 Untersuchungsberichte über Polizeigreueltaten und -Menschenrechtsverletzungen durchgeführt. Ich habe 2000 Fachleute für Menschenrechte ausgebildet, einschließlich Polizeioffiziere, Anwälte, Journalisten, Lehrer, Ärzte, Psychiater, Volksvertreter und soziale Aktivisten. Ich habe auch etwa 200 Artikel (auf Hindi und Englisch) geschrieben über Themen wie Rechte der Urbevölkerung, Vertreibung, Land-Veräußerung und soziale Veränderungen, die von führenden Zeitungen, Wochenzeitschriften und auf Webseiten veröffentlicht wurden.


Der Kelaghagh Staudamm

Livio: Du bist Zeuge des Baus von dem Kelaghagh Staudamm in Simdega gewesen und wurdest vertrieben. Erzähl uns, wie du dazu getrieben wurdest, deine Erziehung voranzutreiben.

Gladson: Ich gehöre einer gut ausgebildeten Familie an. Mein Großvater war Lehrer und bekannter sozialer Aktivist. Später wurde der ältere Bruder meines Vaters auch Lehrer und mein Vater wurde für die Luftwaffe ausgewählt, aber meine Großmutter wollte nicht, dass er das machte, weshalb er sich für eine Arbeit im Büro für Block Development [die Blocks sind indische Verwaltungseinheiten. D.Ü.] entschied. Da wir 30 Acres Land an zwei Orten hatten (vor dem Bau des Kelaghagh Staudamms), gab mein Vater seine Arbeit auf, um sich auf Vorschlag seines älteren Bruders der Landwirtschaft zu widmen. Aber unglücklicherweise änderten sich die Zeiten, und die wohlhabende Familie wurde weggespült. Meine Eltern wussten, dass nur Erziehung uns wieder auf die rechte Spur bringen könnte, und deshalb erduldeten sie sehr viel, um uns eine Grunderziehung zu ermöglichen, solange sie am Leben waren. Sie hatten die Grundlage in unseren Köpfen und unserem Verhalten gelegt. Deshalb habe ich sehr gelitten, als sie brutal ermordet wurden, aber mein Ziel war es, meine Erziehung zu vollenden, und es war mir klar, dass nur Erziehung mein Leben verändern konnte, und so tat ich es.

Livio: Jetzt, wo du ein Menschenrechtsaktivist bist, erzähle uns etwas, was genau ein Menschenrechts-Aktivist bedeutet mit einfachen Worten.

Gladson: Schau mal, die Menschenrechte wurden am 10. Dezember 1948 in die Welt verankert, nachdem die Generalversammlung der Vereinten Nationen de Universelle Erklärung der Menschenrechte annahm und proklamierte. Dann wurde beschlossen, dass alle Mitgliederländer die UDHR in ihre Verfassung einbinden müssten. Die grundlegenden Menschenrechte in Indien sind das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit, das Recht auf Gleichheit und das Recht auf die Würde des Individuums; sie werden von der Verfassung Indiens garantiert (in der Präambel, den Grundlegenden Rechten und der Hauptdirektive der staatlichen Politik), sind Teil der internationalen Abkommen (Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte von 1976 und der Internationale Pakt über ökonomische, soziale und kulturelle Rechte von 1976) und einklagbar an den Gerichten Indiens. Die Leute, die für den Schutz und die Förderung der Menschenrechte arbeiten, werden als Menschenrechtsaktivisten bezeichnet. Wer ein solcher Aktivist werden will, muss gut beschlagen sein über Menschenrechte, internationale Normen und die einheimischen Gesetze. Das ist sehr aufreibend, denn oft wird man mit der Polizei konfrontiert, mit den Bürokraten und den Grosskopfeten, da sie die größten Menschrechtsverletzer sind, und auch mit den Behörden des Gesetzesvollzugs.

Livio: Du hast auch das Buch „Ulgulan Ka Sauda“ geschrieben. Erzähl uns etwas darüber.

Gladson: Dieses Buch handelt von Vertreibung. Der Fokus liegt auf dem gigantischen Arcelor Mittal Stahlunternehmen, das ein MoU [Memorandum of understanding=Vereinbarung] mit der Regierung von Jharkhand unterzeichnet hat zur Errichtung eines 12 Mill t Stahlwerkes in der Torpa-Kardara-Region nahe Ranchi. Die Gesellschaft fordert 25 000 Acres Land und 20 000 Wassereinheiten pro Stunde für die Fabrik, was bedeutet, dass auch ein Damm am Koel-Karo gebaut werden muss, wo ein 30-jähriger Kampf des Volkes tobt, bei dem schon 8 Leute von der Polizei erschossen wurden. Wenn das Stahlwerk gebaut wird, werden 265 Dörfer umgesiedelt werden. Die Mundha-, Kharia- und Orao-Völker werden den Preis für die Entwicklung zahlen, aber wohin werden sie gehen? Was ist in Jamshedpur passiert? Es war auch ein Gebiet, das überwiegend von Adivasi bewohnt wurde, aber nach der Errichtung des Tata-Stahlwerks, sind die Adivasi verschwunden. Wohin wurden sie geschickt? Niemand wird sie finden.

Das Buch enthüllt, welche Tricks von der Arcelor Mittal Gesellschaft angewandt wurden, um Land von den Adivasi zu erwerben. Das Buch erzählt auch davon, weshalb die Adivasi gegen die Vertreibung im ganzen Staat Widerstand leisten. Es legt auch einen Plan dar für die Entwicklung von Jharkhand. Mein Argument ist: Wie können wir es verkaufen, wenn es unseren Vorfahren gehört? Wenn wir unser Land des Gewinns wegen verkaufen, dann bedeutet das, dass wir auch unsere Vorfahren verkaufen. Wie können wir so etwas tun? Birsa Munda, Talka Manjhi und Sidhu-Kanhu kämpften, um das Land, das Territorium und die Ressourcen zu retten, aber unsere sogenannten Adivasi-Führer wie Arjun Munda, Babulal Mamadi und Madhu Koda verkauften das Land an die Gesellschaften um des Profits willen. Wohin gehen wir, das Adivasi-Volk? Ist unsere ruhmreiche Geschichte des Kampfes vorüber?

Protest gegen Arcelor Mittal

31. Juli 2009

Adivasis and Moolvasi Protesting against displacement in Jharkhand

Adivasi und Moolvasi protestieren gegen Zwangsverteibungen aus ihren Dörfern in Jharkhand

Ms. Dayamani Barla addressing a mass meeting near governor house  at   Ranchi
Frau Dayamani Barla spricht am Sit-In vor dem Haus des Gouverneurs in Ranchi am 30. Juli 2009

Livio: Erzähl uns etwas über deine NGO, die Navjeevan Stiftung und woraus ihre Hauptbeschäftigung besteht.

Gladson: Ich glaube, wenn man verschiedene Vorgänge in Frage stellt, dann sollte man auch eine Option haben oder sollte praktische Arbeit leisten, um das Thema anzugehen. Wir können nicht einfach faul herumsitzen und andere in Frage stellen, inklusive den Staat, auch wenn es in der Verantwortung des Staates liegt, die Rechte des Volkes sicherzustellen. Ich wollte dafür kämpfen, die Macht des Volkes zu stärken. Ich glaube, dass sich der gegenwärtige Zustand nicht ändern wird, wenn das Volk keine Macht hat. Die erzieherische, soziale, ökonomische, politische und kulturelle Stärkung sollte gleichzeitig verlaufen. Deshalb gründete ich 2004 die Navjeevan Stiftung mit Hilfe meiner Freunde. Die Stiftung unterstützt hilflose Kinder, um ihre Ausbildung und Stärkung zu verwirklichen. Wir arbeiten für den Schutz und die Förderung der Menschenrechte und geben den Organisationen des Volkes Rechtsbeistand. Wir haben auch begonnen, mit den Rikscha-Fahrern, mi Jugendlichen und Frauen zu arbeiten. Aber wegen mangelnder finanzieller Unterstützung können wir nicht viele Themen aufgreifen und nicht schnell vorankommen. Die Stiftung ist den Kindern, Adivasi, Dalits, Frauen und Armen verpflichtet.

Livio: Würdest du gerne über einige deiner künftigen Pläne zur Entwicklung deines Volkes sprechen?

Gladson: Gegenwärtig habe ich wenig Geld und deshalb liegt mein Fokus auf der Unterstützung von mehr und mehr Kindern bei ihrer Erziehung. Ich plane auch, eine Kooperative für die Rikschafahrer in Ranchi zu gründen und ein wirtschaftliches Programm für Frauen. Davon abgesehen ist unsere Perspektive, die Jugendarbei zu stärken durch vierteljährliche Jugend – Workshops, Stärkung der Bewegungen des Volkes durch gemeinsame Aktionen und Mobilisierung des Volkes unter dem Banner des Jharkhands Indigenous People's Forum (Forum der Urbevölkerung von Jharkhand). Ich möchte auch fortfahren, in verschiedenen Fragen durch meine Schriften, Mobilisierungen und Rechtsbeistand die Stimme zu erheben. Später möchte ich gerne für die Stärkung der ländlichen Wirtschaft arbeiten, auf Basis der Entwicklung von Land- und Gartenwirtschaft, Viehzucht, Waldprodukten und traditionellem Handwerk und Kunst.

Livio: Hast du eine Botschaft für die Leser von joharadivasi.org?

Gladson: Lasst uns die Adivasi-Gesellschaft neu aufbauen, auf Basis des kommunalen Lebens, der Ko-Existenz mit der Natur, kollektiver Beschlussfassung, nicht-kommerziell und mit Gleichheit für alle. Gegenwärtig steuert die Welt auf eine kritische Situation zu, weshalb wir einen Plan für eine inklusive Entwicklung den sogenannten entwickelten Völkern zeigen müssen, deren Entwicklungstheorien auf Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Konfrontation mit der Natur beruhen. Freunde, ihr mögt eine gute Erziehung haben, einen befriedigenden Beruf, einen großartigen Lebenspartner, ein schönes Haus und einen tollen Wagen, aber wisst ihr auch, dass die meisten unserer Adivasi-Brüder und Schwestern keine gute Erziehung genießen können, dass ihr Land ihnen weggenommen wird, ihre Häuser zerstört werden, sie keine Arbeit haben und man sie dem Tod überlässt? Wer wird an sie denken? Wenn du dich nicht um dein eigenes Volk kümmerst, dann wird es bestimmt niemand tun. Sie brauchen unsere Unterstützung. Tut, was immer ihr könnt, für die Stärkung der Macht unseres Volkes. Du kannst gewiss auch jemand sein, der zur Veränderung beiträgt. Willst du?

Livio: Danke, Gladson, dass du uns deine kostbare Zeit geschenkt hast, um hier zu sein. Wir wünschen dir alles Gute für deine Arbeit und deine Aktivitäten, die du für die Entwicklung deiner Gemeinschaft unternimmst.

Gladson: Es war wirklich eine großartige Gelegenheit, mit dir zusammenzuarbeiten. Vielen Dank.

Quelle: Adivasi   Community Forum, News and Articles Interview with Gladson Dungdung, an Adivasi activist from Jharkhand in India


Originalartikel veröffentlicht am 19.7.

Über den Autor

Über Gladson Dungdung

Einar Schlereth und Fausto Giudice sind Mitglieder von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Herausgeber als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10392&lg=de

Deportationen sind ethnische Säuberung! Happy Birthday Israel!

von Evelyn Hecht-Galinski, Publizistin

Pünktlich zum „62. Geburtstag“ der Staatsgründung des „Jüdischen Staates“ (Israel) stürzt die verlogene Mystifizierung wieder mit aller Medien- und politischen Gewalt auf uns ein. Unter Aussparung der Nakba, der größten Katastrophe für das palästinensische Volk, feiert sich der Jüdische Staat, der es bis heute aus gutem Grund versäumt hat, seine Staatsgrenzen festzulegen, da das die ständig neue zionistische Landnahme und den Landraub palästinensischen Landes verhindern würde.
Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, http://www.koufogiorgos.de

Jedes Jahr wird die Geburtstagstorte Israel ein Stück weniger für die Palästinenser, und jedes Jahr wird eine Kerze mehr ausgelöscht für die Palästinenser, für die sich das Leben dadurch immer mehr verdunkelt. Vehement wird an einem Gesetz gearbeitet, das sogar das Gedenken der Palästinenser an die Nakba unter Strafe stellen will. So erschien es als Hoffnungsschimmer, als Hamas und Fatah gemeinsam den „Tag der Gefangenen begingen“, um an die in etwa 10.000 ( genaue Zahlen werden verschwiegen) gefangenen Palästinenser in israelischer Haft zu erinnern. Frauen, Kinder, Schwerstkranke und die palästinensische Intelligenz, u.a. ungeachtet seiner Immunität als Legislativrat – Mitglied und Fatah-Anführer Marwan Barghouti. Stelle man sich im Umkehrschluss die Inhaftierung eines israelischen Politikers wegen seiner Kriegsverbrechen zu „fünfmal lebenslänglich“ vor.

Wie sagte Professor Francis Boyle, Professor für Völkerrecht an der Universität Illinois: „Was wir jetzt im Gazastreifen sehen, ist immer noch ein schleichender Völkermord an 1,5 Millionen Palästinensern, die im Gazastreifen leben.“ Wenn man die Genozid-Konvention von 1948 liest, sagt diese klar, dass ein Genozid die absichtliche Auferlegung von Lebensbedingungen ist, die mit der physischen Zerstörung eines Volkes im Ganzen oder in Teilen rechnet. Und das ist genau das, was im Gazastreifen ausgeführt worden ist und zwar seit der Auferlegung der Blockade durch Israel; das wurde dann weitergeführt während der Operation „Gegossenes Blei“, dem Massaker von 1.400 Palästinensern, von denen Zweidrittel Zivilisten waren. Bei dieser Operation sind auch andere Elemente der Genozid Konvention beteiligt: Mord, Folter und Ähnliches.

Um detaillierte Angaben und Fakten zu haben, empfehle ich den soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Goldstone Report. Nebenbei wurde Richter Goldstone nicht nur als Jude und Zionist in Israel zur unerwünschten Person erklärt, sondern auch in seiner Heimat Südafrika auf Druck zionistischer Organisationen und der Synagoge seiner Familie gebeten, der Bar Mitzwah seines Enkels in Johannesburg nächsten Monat fernzubleiben. Es würde sonst zu Protesten vor der „Shul“ (Synagoge) gegen Goldstone kommen. Der Rabbiner der Familie, Moshe Kurtstag, meinte Goldstone hätte Israel und den Juden in der Welt einen schlechten Dienst erwiesen. Seinen Report würden Israel-feindlich gesinnte Elemente benutzen, und es würde antisemitische Wellen aufkommen lassen. Der unabhängige Richter Goldstone versprach der Bar Mizwah (Einsegnung) fernzubleiben. So viel zu jüdischer Familientradition und Nächstenliebe. Zu diesem Thema empfehle ich Israel Shahak „Jüdische Geschichte, Jüdische Religion“, neu erschienen in der Semit-Edition.

Anlässlich seines USA Besuchs im März konnte Netanjahu den kühlen Empfang von Obama verschmerzen, konnte er doch vor 7.500 jubelnden AIPAC Verbandsmitgliedern und unter Absingen der amerikanischen und israelische Nationalhymnen und flatternden Nationalflaggen auf gewaltiger Videowand das „Roll Call“ erleben, der Namensnennung aller anwesenden Senatoren, Abgeordneten, Regierungsmitglieder und Botschafter. So beflügelt konnte Netanjahu zu seiner Propagandarede ansetzen: Israel werde – gelehrt von katastrophaler geschichtlicher Erfahrung - „sich immer das Recht vorbehalten, sich selbst zu verteidigen.“ Denn die Zukunft des Jüdischen Staates dürfe nie „vom guten Willen anderer abhängen, auch nicht von dem der größten Staatsmänner.“ (Israel besteht seit seiner Gründung nur aus Abhängigkeiten) Dies gipfelt dann in den Sätzen: Das jüdische Volk hat vor 3000 Jahren Jerusalem gebaut (eine glatte Unwahrheit und eine historisch falsche Behauptung!). Und das jüdische Volk baut heute Jerusalem. Jerusalem ist keine Siedlung. Jerusalem ist unsere Hauptstadt. Mit diesen Sätzen verletzt er die Vierte Genfer Konvention, berücksichtigt nicht die Rechte der Palästinenser und verhindert damit alle wirklichen Friedensverhandlungen mit der palästinensischen Seite. Im gleichen Sinne äußerten sich ja auch schon Kabinettsmitglieder, wie u.a. Ayalon und Lieberman. Man sieht also, Israel will alles, nur keinen Frieden!

In die gleiche Richtung weist der neue IDF Erlass, der Massendeportationen von der Westbank nach Selektion ermöglicht und Zehntausende von Palästinensern automatisch zu kriminellen Tätern macht, die sie unter die alleinige Jurisdiktion der israelischen Militärgerichte stellt. Zehn israelische Menschenrechtsgruppen haben gegen diesen Willkürakt protestiert. Angesichts der Tatsache, dass gerade wir als deutsche Bürger Deportationen noch in allzu unguter Erinnerung haben, wäre es die Pflicht unserer Regierung gegen diese Tyrannei massiv Protest einzulegen!

Es verstößt gegen unser Grundgesetz und gegen allen Anstand, Israel zur deutschen Staatsräson zu erklären. Dagegen müssen wir alle vehement protestieren. Hatte nicht der „Terminator“ Frau Merkel wegen ihres Einsatzes für die Menschenrechte so gelobt? Bedauerlicherweise sieht Frau Merkel die Verletzung der Menschenrechte als Chefsache besonders im Iran, in Afghanistan, in China oder sonst wo – bloß nicht im „Jüdischen Staat“.

Letztendlich haben wird ja schon die Quittung bekommen: Wir, als Kritiker der Afghanistanpolitik fördern die Taliban, und als Kritiker der israelischen Politik fördern wir den Terror und den Antisemitismus. Diese Außenpolitik unserer politischen Würdenträger ist eine Katastrophe und wird uns in ein Desaster führen. Israel ist das einzige Land auf der Erde, das sich ein Freiluftgefängnis für 1,5 Millionen eingesperrte Palästinenser hält und Deportationen in dieses abgeriegelte Gaza plant. Außerdem hält sich Israel als einziger Staat der Welt zwei Mauern, nämlich die Klagemauer und zweitens die 8 Meter hohe Apartheid-Mauer, tief in geraubtes palästinensisches Land gebaut. Diaspora Juden werden aufgefordert in den Jüdischen Staat zu kommen, überall zu siedeln, damit die Westbank, lt. Israelischer Minister nicht „judenrein“ wird. Auf wundersame Weise sind von 100 Millionen US $ von Spendengeldern von der Darfur Hilfe nur 10% auch bei dieser gelandet. Die restlichen 90% sind auf Bankkonten Israels aufgetaucht und für die illegalen Siedlungen im Westjordanland verwendet worden (lt. Spezialreport von Thomas C. Mountain). Wird man aus diesem Grund – wenn man Kritik an der israelischen Politik übt – von den Interessenvertretern des „Jüdischen Staates“ ständig auf Darfur hingewiesen?

In der Tat pünktlich zum 62. Geburtstag des „Jüdischen Staates“ hat sich Obama auch wieder gemeldet, hat sich wieder als treuer Freund Israels geoutet und versprochen, dass die Beziehungen zwischen den USA und Israel in den kommenden Jahren noch enger werden. Noch enger? Obama sollte aufpassen, dass daraus nicht eines Tages eine tödliche Umarmung wird, aus der wir uns alle nicht mehr lösen können. Hillary Clinton meinte gar, die USA wollen Risiken und Lasten mit Israel teilen: „Unserer Nation wird nicht wanken, wenn es um den Schutz und die Förderung der Zukunft Israels geht.“ Welch ein furchtbares Geburtstagsgeschenk und ein Freibrief für die Menschenrechtsverletzung und Unrechtspolitik gegenüber dem palästinensischen Volk. Wir Deutschen und Europäer sollten diesem Irrweg Einhalt gebieten. Wie sagte schon der langjährige Ministerpräsident Bayerns, Edmund Stoiber: Recht auf Heimat ist Menschenrecht. Oder sollte das nur für deutsche „Heimatvertriebene“ gelten?

43 Jahre Besatzung des palästinensischen Westjordanlandes, des palästinensischen Gazastreifen und der syrischen Golan-Höhen sind genug!

Frieden wäre sofort möglich, wenn Israel sich an die internationalen Resolutionen halten würde, die Besatzung beenden und sich hinter die Grenze von 1967 zurückziehen würde. Außerdem muss für das Rückkehrrecht der Diaspora Palästinenser eine annehmbare Lösung gefunden werden

Mein Geburtstagswunsch für Israel: Aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Menschenrechte §17, Abs.:2 Niemand darf willkürlich seines Eigentums beraubt werden.

© Evelyn Hecht-Galinski - 21.4.2010

Quelle: Das Palästina Portal

Montag, 26. April 2010

Die Zeitbombe Ägypten tickt

Die führende Nation der arabischen Welt ist zur politischen und kulturellen Stauzone geworden – und das ist nicht gut

Eric Margolis

Während die geplagten Flugreisenden sich langsam vom großen isländischen Vulkanausbruch erholen, baut sich ein neuer Explosionsherd auf.

Dieses Mal ist es ein politischer, der den gesamten Nahen Osten erschüttern könnte, wo die Gerüchte über einen Krieg, in den die Vereinigten Staaten von Amerika, Syrien, Israel und der Iran verwickelt sind, immer intensiver werden.

Präsident Hosni Mubarak, der von der Vereinigten Staaten von Amerika unterstützte starke Mann, der Ägypten fast dreißig Jahre lang mit eiserner Faust beherrscht hat, ist 81 und sein Gesundheitszustand ist gebrechlich. Er hat keinen designierten Nachfolger.

Mubarak, ein General, kam mit Hilfe der Vereinigten Staaten von Amerika nach der Ermordung von Präsident Anwar Sadat 1981 durch nationalistische Soldaten an die Macht. Sadat war ein „Aktivposten“ der CIA seit 1952.

Mit 82 Millionen Einwohnern ist Ägypten das bevölkerungsreichste und wichtigste arabische Land und Kairo das kulturelle Zentrum der arabischen Welt. Kairo ist auch ein überfülltes Irrenhaus mit 8 Millionen Menschen, deren Zahl sich verdreifacht hat, seit ich als Bub dort gelebt habe.

Wenn man Nordafrika nicht einrechnet, ist einer von drei Arabern ein Ägypter.

Ägypten war einst Herz und Seele der arabischen und muslimischen Welt. Unter Sadats Vorgänger, dem weithin verehrten Nationalisten Gamal Abdel Nasser, führte Ägypten die arabische Welt an. Die Ägypter verachteten Sadat als korrupten Speichellecker des Westens und akzeptierten Mubarak mürrisch.

Nach drei Jahrzehnten unter Mubarak ist Ägypten zur politischen und kulturellen Stauzone geworden. Es spricht Bände, dass Mubarak vor kurzem zur Behandlung seines Darms und der Gallenblase nach Deutschland flog. Nach Milliarden Dollars an Hilfe der Vereinigten Staaten von Amerika konnte Mubarak sich nicht einmal auf ein Spital in der führenden Nation der arabischen Welt verlassen.

Die Vereinigten Staaten von Amerika gewähren Ägypten jährlich US$ 1,3 Milliarden an Militärhilfe, um die Generale bei der Stange zu halten, und rund US$ 700 Millionen Wirtschaftshilfe, nicht eingerechnet geheime Zahlungen der CIA, sowie riesige Mengen von billigem Weizen.

Mubaraks Ägypten ist der Eckstein des nahöstlichen Reichs der Vereinigten Staaten von Amerika. Ägyptens 469.000 Mann starke bewaffneten Streitkräfte, 397.000 Mann paramilitärische Polizei und eine brutale Geheimpolizei halten das Regime an der Macht und brechen jeden Widerstand.

Obwohl groß, bekommt Ägyptens Militär von Washington kaum moderne Waffen, Munition und Ersatzteile, so dass es keinen Krieg gegen Israel führen kann. Seine einzige Funktion ist es, das von den Vereinigten Staaten von Amerika unterstützte Regime an der Macht zu halten.

Mubarak war lange einer der wichtigsten Verbündeten Israels bei der Bekämpfung islamistischer und nationalistischer Gruppen. Ägypten und Israel arbeiten zusammen beim Einsperren der unter der Führung der Hamas in Gaza lebenden Palästinenser.

Ägypten baut jetzt mit Unterstützung der Vereinigten Staaten von Amerika eine neue Stahlwand an der Grenze zu Gaza. Mubaraks Mauer, die 12 Meter in die Tiefe reichen wird, soll die Tunnels blockieren, auf die die Palästinenser in Gaza zur Versorgung angewiesen sind.

Während Washington gegen Iran und China wegen der Menschrechte wettert, sagt es gar nichts über seinen Klienten Ägypten – wo alle Wahlen gefälscht sind, Gegner des Regimes brutal gefoltert werden und die politische Opposition liquidiert wird.

Wenn es wollte, könnte Washington eine wirkliche Demokratie in Ägypten einführen, wo es alle Fäden in der Hand hat.

Ayman Nour, der letzte Mann, der es wagte, in einer Wahl gegen den ewigen Mubarak – bei seinen islamistischen Gegnern als „Pharaoh“ bekannt – anzutreten, wurde eingesperrt und gefoltert.

Jetzt, wo es um Mubaraks Gesundheit schlecht bestellt ist, steigen in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Israel die Befürchtungen, sein Tod könnte einen politischen Ausbruch im lange unterdrückten Ägypten zur Folge haben.

Schon seit langem war Mubarak bemüht, seinen Sohn Gamal zu seinem Nachfolger aufzubauen. Aber die Ägypter sind total dagegen. Der mächtige 72 Jahre alte Geheimdienstchef General Omar Suleiman, ein Verbündeter der Vereinigten Staaten von Amerika und Israels, käme auch als starker Mann in Frage. Die CIA wird ebenfalls einen Armee- oder Luftwaffengeneral für das Amt aufbauen.

In Ägypten gibt es kaum eine säkulare politische Opposition. Der wirkliche Gegner des Regimes bleibt die relativ gemäßigte äußerst populäre Islamische Brüderschaft. Diese würde eine freie Wahl aus dem Stand heraus gewinnen. Ihre Führung ist allerdings alt und müde. Die Hälfte der Ägypter ist unter 20.

Mohammed El-Baradai, der intelligente, prinzipientreue, hoch respektierte ägyptische vormalige Chef der UNO-Atomagentur, fordert wirkliche Demokratie in seinem Heimatland. Er ist ein sehr attraktiver Kandidat für die Führung Ägyptens nach Mubarak.

Washington hofft, dass es einen weiteren gefügigen General an die Macht bringen und die Sicherheitskräfte bei der Stange halten kann, ehe 30 Jahre aufgestauter Wut gegen die Diktatur Mubaraks und Ägyptens politische Entmannung, Hunger nach Veränderung und schreckliche Armut zu einem Vulkanausbruch am Nil führen.


erschienen am 25. April 2010 in der TORONTO SUN > http://www.torontosun.com/comment/columnists/eric_margolis/2010/04/23/13697251.html

Quelle: antikrieg.com

Operation Grüne Jagd: ein schmutziger Krieg - INDIEN: Maoisten-Säuberung?

AUTOR: Gladson DUNGDUNG

Übersetzt von Einar Schlereth. Herausgegeben von Fausto Giudice


Im Frühling legen Bäume, Pflanzen und Kräuter ein grünes Kleid an mit neuen wunderschönen Blättern. Es ist die Wiederauferstehung des Waldes nach dem Herbst. Es ist eine der herrlichsten Jahreszeiten für die Vögel, Tiere und Insekten und natürlich für die Adivasis – es ist der Beginn ihrer Hochzeit mit der Natur. Die Adivasis1 beginnen Blumen, Früchte und andere Waldprodukte zu sammeln zum Unterhalt ihrer Gemeinschaften, der vollständig auf natürlichen Ressourcen basiert. Die einzigartigen Züge dieser Gemeinschaften ist das gemeinsame Zusammenleben mit dem Teilen-Sich kümmern, der Gleichheit für alle, Gerechtigkeit und einem auf Bedürfnisse orientiertem Wirtschaftssystem. Am interessantesten ist, dass die Adivasis im Frühling ihrem übernatürlichen Gott ihren Dank darbringen, zusammen feiern und ihre neue Reise mit der Natur beginnen.

Gemäß der Santal2-Tradition wird die erste Blume der Saison dem übernatürlichen Gott 'Baha Parap' dargeboten – danach dürfen nur die Mitglieder der Gemeinschaft irgendwelche Waldprodukte ernten. Die erste Blume wird 'Baha Parap' gemeinsam auf dem Blumenfest dargebracht. Ähnlich feiern die Oraon ihr 'Khadi', auch als 'Sarhul' bekannt. Diese Danksagungstradition findet sich in allen Adivasi-Gruppen. Unglücklicherweise konnten sie diesmal nicht einmal daran denken. Indiens Innenminister P. Chidambarams bewaffnete Räuber (die Sicherheitskräfte), die mit der Operation Green Hunt beauftragt waren, haben ihnen nicht erlaubt, das Dankopfer ihrem Gott darzubringen. Man stoppte ihre gemeinsamen Tänze und es wurden ihnen auch alle kommunalen Feste verboten. Was ist das für eine Operation?


Märchenstunde:
"Und diese bösen Naxaliten haben Eure ganze Nahrung aufgegessen, die seit 62 Jahren in unserer sicheren Verwahrung war"

Kann man sich vorstellen, was passieren würde, wenn die Sicherheitskräfte den Hindus nicht erlauben würden, ihr Ramnaumi zu feiern, die Muslime daran hindern würden, ihre Prozessionen am Muharram [erster Monat des Jahres] zu organisieren und die Christen verbieten würde, Ostern zu feiern? Wahrscheinlich hätte es irgendeine Art von Krawallen gegeben, Spannungen oder zumindest wäre es zu einer nationalen Angelegenheit geworden. Aber niemand hat davon gehört, wie den Adivasis die Ausübung ihrer uralten Tradition und Kultur von den Sicherheitskräften verweigert wurde, da die sogenannte vierte Gewalt (die Medien) der Demokratie darauf pfeift, uns davon zu berichten. Die Adivasis wurden ihrer kulturellen Rechte in ihrem eigenen Land beraubt im Namen der Säuberung von Maoisten, die der Staat als größte Bedrohung des Investitionsklimas im Lande ansieht.

Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Die Freiheit der Dorfbewohner ist auch verschwunden; sie werden verhört, untersucht und am Zugang zu lebensnotwendigen Gütern gehindert. Sie werden auf Schritt und Tritt von den Sicherheitskräften überwacht. Adivasis, die auf Hügeln leben (der indische Staat liebt es, sie als 'Primitive' zu bezeichnen und ihren Status quo aufrechtzuerhalten) sind von diesem Prozess am meisten betroffen. Sie haben aufgehört, Waldprodukte zu sammeln, die einzigen Nahrungsmittel, die es im Wald für sie noch gibt. Sie verlassen aus Angst vor den Sicherheitskräften nicht ihre Häuser, und manche von ihnen sind sogar in sichere Orte ausgewandert. Derlei traurige Geschichten kann man im ganzen Staat hören, wo die Operationen seit dem 10. März im Gange sind.

Unter den neuen Bedingungen haben die Sicherheitskräfte einige der ländlichen Märkte in Beschlag genommen, nachdem sie schon Schulen, Wasserreserven und Wälder in Beschlag genommen hatten. Zum Beispiel ist es den Dorfbewohnern des Rania Blocks im Distrikt Khunti, wo die Arcellor Mittal ein auf 12 Millionen Tonnen ausgelegtes Stahlwerk vorgeschlagen hat, nicht erlaubt, irgendwelche Dinge nach eigenem Gutdünken zu kaufen. Die Sicherheitskräfte verhindern, dass sie zu viele Nahrungsmittel kaufen, da sie annehmen, dass extra Nahrung den Maoisten gegeben wird. Die Operation Green Hunt hat die ländlichen Märkte in Jharkand schwer getroffen. Die vom Wald abhängigen Gemeinden haben mit dem Sammeln von Waldprodukten aufgehört. Deswegen sieht man nur sehr wenige Leute auf den Märkten. Es ist klar, dass die Dorfbewohner nichts zu verkaufen haben und daher nichts kaufen können; es hat einen rasanten Ausfall auf den Märkten der Dorfbewohner gegeben, was einen schweren Angriff auf die ländliche Wirtschaft bedeutet, zumal die Dorfbewohner bereits in einer wirtschaftlichen Krise auf Grund der Preiserhöhungen für lebensnotwendige Waren stecken.

Die Krise wird in diesen Gebieten rapide zunehmen, da die vom Wald abhängigen Gemeinden ihre wichtigste Wirtschaftssaison verlieren durch das Verbot, Waldprodukte zu sammeln (Mahua, Chiranji und Tendu-Blätter), was ihnen normalerweise wenigstens über sechs Monate zu überleben verhalf. Eine interessante Frage ist, weshalb die Sicherheitskräfte in dem sogenannten roten Korridor eine Nahrungsmittelkrise schaffen, anstatt gegen die Maoisten vorzugehen, wie es uns vom Staat erzählt wird.

Man muss in den Staat Chhattisgarh gehen, um den Kern des Problems zu verstehen. Die Adivasis aus 644 Dörfern sind zu anderen Orten gewandert, und jetzt versuchen die Unternehmens-Haifische – Tata. Jindan und Bhushan Stahl – ihre Projekte in jenen Dörfern zu verwirklichen. Da Jharkand als ruhmreicher Staat des Adivasi-Widerstands bekannt ist, wo sogar die Briten das Spiel verloren haben, ist der indische Staat sehr vorsichtig und benutzt die Strategie, Angst zu erzeugen, Unsicherheit und Ungewissheit statt jene Gebiete zu bombardieren, damit die Adivasis ihre Dörfer verlassen und in andre Staaten wandern wie sie es in Chhattisgarh getan haben. Der indische Staat beabsichtigt, in Jharkand eine ähnliche Situation zu schaffen, damit niemand übrig bleibt, um gegen die vorgesehenen Mega-Stahlwerke, Kraftwerke und Bergwerke im sogenannten roten Korridor zu protestieren.


Der "rote Korridor"

Für das liberale Gewissen ist es einfacher zu glauben, dass der Krieg in den Wäldern ein Krieg zwischen der Regierung von Indien und den Maoisten ist, die Wahlen einen Betrug nennen, das Parlament einen Schweinestall, und die offen ihre Absicht erklärt haben, den indischen Staat zu stürzen. Es ist auch bequem zu vergessen, dass die Stammesvölker in Zentralindien eine Geschichte des Widerstandes haben, die Jahrhunderte älter als Mao ist. (Das ist natürlich eine Platitude. Wäre es nicht so, würden sie nicht existieren.) Die Ho, Oraon, Kol, Santal, Munda und Gond haben alle mehrmals rebelliert, gegen die Briten, gegen die Zamindars [Großgrundbesitzer, aber ursprünglich die Steuereintreiber des Moguls, die schließlich eine eigene Schicht im Feudalsystem bildeten. D.Ü.] und gegen die Geldverleiher. Die Rebellionen wurden grausam niedergeschlagen, viele tausend Menschen wurden getötet, aber die Völker wurden niemals erobert. Selbst nach der Unabhängigkeit standen die Stammesvölker an der Spitze des ersten Aufstandes, der als maoistisch bezeichnet werden konnte, im Dorf Naxalbari in Westbengalen (daher das Wort Naxaliten, das jetzt synonym mit 'Maoisten' benutzt wird). Seit damals ist die Politik der Naxaliten unlösbar mit den Stammesaufständen verbunden, was ebenso viel über die Stämme wie über die Naxaliten aussagt.

Obwohl die Adivasis die ursprünglichen Bewohner dieses Landes sind, hat die Globalisierung die Bedeutung von 'Adivasi' völlig verändert. Jetzt wird das Wort 'Adivasi' als Synonym für 'Naxalit' und 'Maoist' benutzt. Daher wird jeder, der sich dem sogenannten Entwicklungsprojekt entgegenstellt, der Feuerholz im Wald sammelt und mit den traditionellen Waffen umherstreift als Maoist verdächtigt oder zumindest als ihr Unterstützer oder Sympathisant. Es gab eine ähnliche Situation, die für die Muslime geschaffen wurde, wo jeder Muslim, der traditionelle Kleidung trug, als Terrorist verdächtigt wurde. Es gibt ferner den Versuch des Staates und der Medien, Übereinstimmung darin herzustellen, dass jede Massenbewegung gegen Zwangsumsiedlung von den Maoisten unterstützt wird, was direkt bedeutet, dass die Adivasis nicht von sich aus kämpfen können. Das ist natürlich lächerlich, weil es eine ruhmreiche Geschichte des Adivasi-Widerstands gegen Ungerechtigkeit in Jharkand gibt.

Es erhebt sich auch die Frage, ob die Verfassung von Indien es dem Staat erlaubt, seinem eigenen Volk seine Rechte im Namen der nationalen Sicherheit zu verweigern? Wer hat die Sicherheitskräfte ermächtigt, mit ihren unmenschlichen Machenschaften gegen das Volk fortzufahren? Werden die Sicherheitskräfte dasselbe mit den Unternehmenshaien machen? Warum ergreift der Staat keine Maßnahmen gegen diese Haie, die die Gesetze des Landes verletzt haben, die dem Volk seine Rechte verweigern und kriminelle Aktivitäten geduldet haben? Und wie lang sollen wir das erdulden?

Das einzige Ziel der sogenannten Operation Green Hunt ist es, den sogenannten 'roten Korridor' in den 'korporativen Korridor' zu verwandeln. Das Geschrei und Gezeter des indischen Staates über den Maoismus und den Naxalismus ist nur eine Strategie, den Mega-Unternehmen im Mineral-Korridor die Hintertür offenzuhalten. Obwohl uns noch nicht gesagt wurde, wie viele Maoisten bei der Operation Green Hunt getötet wurden, so ist der Chef der Operation Green Hunt, P. Chidambaram recht zuversichtlich, die Maoisten bis 2013 ausradiert zu haben. Deshalb bin ich sicher, dass in dem Moment, wo die korporativen Haie in den Mineralkorridor eingedrungen sind, die Frage des Maoismus und Naxalismus selbigen Tages von der Tagesordnung des Staates gestrichen wird. Oder nicht? Es bleibt jedoch die Frage unbeantwortet, wie lange die Adivasis für das nationale Interesse, die nationale Sicherheit und die nationale Entwicklung bezahlen sollen.

Anm. d. Hrsgb.:

1- Adivasi: aus dem Hindi आदिवासी, âdivâsî, wörtl.: erster Bewohner, Ureinwohner, erster Mensch bzw. erster Siedler. Selbstbezeichnung der indigenen Bevölkerung im heutigen Indien. Die Verwendung dieses Wortes wurde von den Schöpfern der indischen Verfassung ausdrücklich verworfen, da es den Eindruck vermittelt, die Tribals (Volksstämme) seien länger ansässig als die Kasten-Hindus. Stattdessen verwendet man seitdem offiziell den Begriff scheduled tribes (eingetragene Volksstämme, auch eine Art e.V…), deren Sonderstatus im 5. Verfassungsanhang geregelt wird. Im Government of India Act 1935 hatte man sie sogar als backward tribes (rückschrittliche Volkstämme!!!) bezeichnet. Die Adivasis waren offiziell 68 Millionen 1991.

2 - Die Santal (Hindi: संताल, Bengali: সাওতাল) oder Santhal, sind die größte Stammes-Gemeinschaft in Indien. Sie leben hauptsächlich in den Bundesstaaten Jharkhand, Westbengalen, Bihar, Orissa und Assam. Es gibt auch eine bedeutende Santal -Minderheit im benachbarten Bangladesch und eine kleine Gruppe in Nepal.

Quelle: INDIA: Cleansing The Maoists?

Originalartikel veröffentlicht am 6.4.2010

Über den Autor

Einar Schlereth und Fausto Giudice sind Mitglieder von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Herausgeber als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10373&lg=de

Mehr zum Thema:
Gegenmeinung: Der städtische Avatar der Operation Green Hunt

Gegenmeinung: Vorläufige Beobachtungen und Empfehlungen der Jury des unabhängigen Tribunal des Volkes (Indien)

Gegenmeinung: Wanderung mit den Genossen - In den Dschungeln Zentralindiens mit der Guerilla

Sonntag, 25. April 2010

Krieg der Erde

Gegen den Willen der Völker entscheiden die Regierungen und die Kriegsindustrie sich für Zerstörung statt Schutz


AUTOR: Chris BENJAMIN

Übersetzt von Einar Schlereth. Herausgegeben von Fausto Giudice



Wenn das Geld bestimmt, was heißt es dann, dass Kanada 12 mal mehr für das Verteidigungsministerium ausgibt als für Environment Canada [das Umweltministerium] und 120 mal mehr für die Verteidigung als für die Schadensminderung des Klimawechsels?

Im vergangenen Jahr haben wir 18.8 Milliarden $ [=14, 06 Mrd. €] für Verteidigung ausgegeben, der größte einzelne Posten, mehr als doppelt so viel wie wir für öffentliche Unternehmen, und dreimal so viel wie wir für das Ministerium für Umwelt, Naturressourcen, Fischerei und Meere zusammen aufwenden. Das Verteidigungs-Budget ist unsere am schnellsten wachsende Ausgabe und wird 2027 wohl 30 Mrd. $ [=22, 44 Mrd. €] übersteigen.

Wir folgen dem Beispiel der USA, die seit langem der große Spender für den Offiziersclub ist. Laut Zentrum für Globalisierungs-Forschung hatte im Jahre 2007 „die US-Flotte 285 Kampf- und Versorgungsschiffe und etwa 4000 einsatzfähige Flugzeuge. Die US-Armee hatte 28 000 gepanzerte Fahrzeuge, 140 000 leichte geländegängige Fahrzeuge, mehr als 4000 Kampf-Helikopter, mehrere hundert Starrflügelflugzeuge und 187 493 Flottenfahrzeuge.“

Alle diese Instrumente der Zerstörung laufen mit Erdöl und geben Treibhausgase ab. Das US-Militär ist in der Tat der größte Verschmutzer in der Welt und verbraucht 6 % der Energie der Welt. Wäre es ein Land, würde es an 38. Stelle des Erdölverbrauchs stehen – d.h. 320 000 Barrels (= 159 l) Erdöl pro Tag – gleich nach den Philippinen mit einer Bevölkerung von 90 Millionen.



Das Militär der gesamten Welt jagt beinahe ein Zehntel aller Kohlendioxidemissonen in die Luft, wird aber gleichwohl von allen internationalen Klimawechsel-Abkommen ausgenommen. Diese Ausnahme war ein schlauer Trick der Bush-Regierung, die dafür in Kyoto die Werbetrommel rührte, aber dennoch nicht diesen verdammten Vertrag unterschrieb.

Kanada hat ebenfalls die Zerstörung dem Schutz vorgezogen. Beinahe das ganze Geld, das wir in Afghanistan ausgeben, geht für den Kampf drauf. Ein winziger Teil für humanitäre Hilfe.

Die Auswirkungen dieser 'Investitionen' sind mehr als tragisch. Lasst uns nur die bleibenden Restposten betrachten, mal abgesehen von den offenbaren direkten menschlichen Opfern.

Seit 1991 hat das US-Militär den Brotkorb der Welt, das eigentliche Eden, in eine Woody Guthrie 'dustbowl'-Ballade verwandelt [Woodys berühmte Ballade vom 'Staubkessel' handelte vom Mittleren Westen der USA, der durch Monokultur in eine Halbwüste verwandelt worden war und hunderttausende Menschen zur Flucht zwang. D.Ü.]. Irak leidet unter massivem Wassermangel und 90 prozentiger Desertifikation (dies ist der wissenschaftliche Begriff – Verwüstung lässt an andere Dinge denken; vielleicht Wüstenbildung). Seine Auenlandschaften sind trocken und sein Grundwasser stark erschöpft, seine Sümpfe sind drainiert worden, und der frühere Getreide-Exporteur muss nun 80% seiner Nahrungsmittel importieren.

Die glücklichen Iraker, die nicht in die Luft gesprengt werden oder zu Tode hungern, leben vielleicht lange genug, um an Krebs zu sterben, der durch abgereichertes Uran verursacht wurde. Ein durchgesickerter Report der britischen Atomenergie-Behörde enthüllt, dass 50 Tonnen an abgereichertem Uran, die im Irak während des ersten Ölkrieges freigesetzt wurden, „bis zu einer halben Million zusätzliche Krebstote über mehrere Jahrzehnte hinweg verursachen“ können.

In den alten Zeiten benutzte das Militär Agent Orange, um die vietnamesischen Wälder zu entlauben und die feindlichen Truppen sichtbar zu machen, die Ernten zu zerstören und die Bauern verhungern zu lassen. Vierzehn Prozent der südvietnamesischen Wälder wurden zerstört.

Vietnamesische Kinder, die lange nach dem Krieg geboren werden, haben Dioxin-Werte, die 300-mal über den erlaubten Werten liegen. Sie haben Geburtsfehler, Haut- und Lungenkrebs und ernste mentale und psychologische Störungen.

Die Schäden finden sich nicht alle an weit entfernten Krisenpunkten. John Hummel, ein Gesundheitsforscher in British Columbia, hat 12 von chemischen oder biologischen Waffen verseuchte Gebiete auf kanadischem Bundesland ausgemacht. Sie umfassen nicht die Verseuchung der Ozeane durch das Militär.

Direkt hier in Halifax erfreut sich ein 42.7 Mrd. $ [=32 mrd. €]schweres Unternehmen, Lockheed Martin, der finanziellen Unterstützung von Staat und Nova Scotias Provinzregierung. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen 1.8 Millionen $ [=1,35 Mill. €] von der Provinz an Lohnzuschüssen erhalten, nachdem es 100 neue Jobs versprach. Und das, nachdem es von der Bundesregierung 2 Mrd. $ [=1,5 Mrd. €] für Aufrüstung und Unterhalt der Flottenfregatten im Hafen von Halifax erhalten hatte.

„Für eine Milliarde Dollar hätten wir 6000 Arbeitsplätze bei Environment Canada schaffen können,“ merkt Tamara Lorincz an, Direktorin des Nova Scotia Environment Network (Umweltnetzwerk).

Sie fügt hinzu, dass Nova Scotia die einzige Provinz ist, die einen Minister für Militärische Beziehungen hat und einen Ratgeber für Militärische Angelegenheiten. „Dies spiegelt die lange und stolze Geschichte der Beziehungen zwischen dem Militär und dem Wirtsland Nova Scotia wider.“

Cabinet of the Province of Nova Scotia


http://www.gov.ns.ca/LEGISLATURE/images/2009MLAHigh/NDP/Dexter_Darrell.jpg
The Honourable Darrell Dexter

Premier

President of the Executive Council
Minister of Policy and Priorities
Minister of Intergovernmental Affairs
Minister of
Aboriginal Affairs
Minister responsible for Military Relations
MLA for Cole Harbour


„Selbst meine Umweltfreunde haben eine heroische Vorstellung vom Militär“, sagt Lorincz. „Aber Kanada steht bezüglich Friedenssicherung an 55. Stelle in der Welt. Unser Fokus ist nicht mehr der Frieden.“

Diese Veränderung spiegelt nicht die kanadischen Werte wider, wie sie in Umfragen zutage treten. Unsere höchsten Prioritäten sind immer Gesundheit, Erziehung und Umwelt. Weshalb also sieht die Ausgabenpolitik der Regierung so anders aus?

Lockheed Martin hat 21 bezahlte Lobbyisten auf dem Parlamentshügel“, sagt Lorincz, „und die Umwelt-, Frauen- oder Friedensgrupppen haben nicht einen, weil sie die nicht bezahlen könnten.“

Das Geld bestimmt.

Quelle: War on Earth

Über den Autor

Einar Schlereth und Fausto Giudice sind Mitglieder von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Herausgeber als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10382&lg=de

Freitag, 23. April 2010

Vorläufige Beobachtungen und Empfehlungen der Jury des unabhängigen Tribunal des Volkes (Indien)

AUTOR: Independent People's Tribunal

Übersetzt von Einar Schlereth

Das Unabhängige Tribunal des Volkes fand vom 9.-11. April 2010 im Verfassungsclub, Neu-Delhi statt. Es wurde von einem Kollektiv ziviler Gesellschaftsgruppen, Aktivisten, Akademiker und betroffener Bürger des ganzen Landes organisiert. Die Jury des Volks, bestehend aus den Ehrenwerten Richtern P. B. Sawant und H. Suresh, den Professoren Yash Pal, Dr. V. Mohini Giri, Dr. P. M. Bhargava und Dr. K. S. Subramanian hörte die Zeugenaussagen von betroffenen Menschen, sozialen Aktivisten und Experten aus Andhra Pradesh, Chhattisgarh, Jharkand, Orissa und Westbengalen.
Die Jury hat die Zeugenaussagen einer großen Zahl von Leuten aus Chhattisgarh, Jharkand, Westbengalen und Orissa als auch einige Expertenaussagen über die Landerwerbung, die Verletzung der Schürf- und Menschenrechte in der Operation Green Hunt drei Tage lang gehört. Die unmittelbaren Beobachtungen der Jury sind die folgenden:

Die Ursprungsvölker haben einen beträchtlichen und wichtigen Anteil an der indischen Bevölkerung und dem indischen Erbe. Nicht einmal zehn Länder der Welt haben mehr Menschen als wir an Ursprung-Bevölkerung haben. Sie sind nicht nur eine wesentliche Komponente für die menschliche Biovielfalt des Landes, die größer ist als insgesamt in der übrigen Welt, sondern sie sind auch eine wichtige Quelle sozialer, politischer und wirtschaftlicher Weisheit, was gegenwärtig relevant sein könnte und Indien einen Vorteil verschaffen könnte. Außerdem verstehen sie die Sprache der Natur besser als sonst jemand, und sie sind der erfolgreichste Hüter unserer Umwelt, einschließlich der Wälder gewesen. Es gibt auch eine Menge von ihnen zu lernen auf so verschiedenen Gebieten wie Kunst, Ressourcenwirtschaft, Medizin und Metallurgie. Sie sind auch weit humaner gewesen und weltweit akzeptierten Werten verpflichtet gewesen als unsere städtische Gesellschaft.

Es ist klar, dass das Land Zeuge gewesen ist einer groben Verletzung der Rechte der Armen, insbesondere der Rechte der Urbevölkerung, die ein niemals dagewesenes Niveau seit der neuen ökonomischen Politik der 90er Jahre erreicht hat. Die 5th Schedule Rights der Urbevölkerung [ich verweise auf diesen Artikel im Internet, der die Rechte in den Schedule Areas behandelt: http://www.mmpindia.org/Fifth_Schedule.htm D.Ü.] insbesondere der Panchayat Extension to Scheduled Areas (PESA)-Gesetz und das Wald-Rechte-Gesetz sind grob verletzt worden. Diese Verletzungen sind jetzt so weit gegangen, dass Dörfer der Urbevölkerung zu nicht-indigenen Gebieten erklärt wurden. Der gesamte exekutive und rechtliche Apparat scheint völlig gleichgültig seiner Verantwortung gegenüber gewesen zu sein.


"Wenn die Operation Green Hunt (Grüne Jagd) vorbei ist, kann endlich die wirkliche Operation Greenback (=Dollars) anfangen!" Cartoon von Hemant Morparia


Das bislang geltende Entwicklungsmodell, das deutlich in der neuen ökonomischen Politik der Liberalisierung, Privatisierung und Globalisierung verkörpert ist, hat in den vergangenen Jahren dem Staat einen riesigen Antrieb gegeben, Ressourcen, insbesondere Land und Wald, die für die Ernährung und das Überleben der Urbevölkerung notwendig sind, an Unternehmen, SEZs [Sonderwirtschaftszonen. D.Ü.] und andere Industrien, von denen die meisten extrem schädlich für die Umwelt sind, zur Ausbeutung mineralischer Ressourcen zu übertragen. Diese Industrien haben Wasservorräte, Land, Bäume, Pflanzen ernsthaft geschädigt und haben eine verheerende Wirkung auf die Gesundheit und die Lebensgrundlage der Menschen gehabt. Die Beratung mit den Gram Sabhas [sind alle Personen über 18, die an der Lokalverwaltung auf dörflicher Ebene teilnehmen und einmal vierteljährlich zusammentreten. Mehrere Gram Sabhas bilden ein Gram Panchayat, dem der Sarpanch vorsteht. D.Ü.], vorgeschrieben von dem PESA-Gesetz, ist in eine Farce verwandelt worden, genau wie die Environment Impact Assessment [Gesetz zur Feststellung der Auswirkungen auf die Umwelt, bevor eine Fabrik gebaut wird. D.Ü.] dieser Industrien. Dies hat dazu geführt, dass die Urbevölkerung in einen Zustand akuter Unterernährung und des Hunger geraten ist, was sie an den Rand des Untergangs gebracht hat. Dies könnte sehr wohl die schwerste Anklage gegen den Staat in der Geschichte der Demokratien überhaupt sein, in Anbetracht der bloßen Zahl der betroffenen Menschen (Urbevölkerung) und der diabolischen Natur der begangenen Grausamkeiten, die gegen sie vom Staat, insbesondere der Polizei begangen wurden, ganz abgesehen von dem enormen und nicht wieder gutzumachenden Schaden für die Umwelt. Es ist auch ein eklatantes Beispiel von Korruption – finanziell, intellektuell und moralisch – vom Staat gefördert und/oder eingebettet, die das Indien von heute charakterisiert, quer über alle Parteigrenzen hinweg.

Die gewaltlosen Widerstandsbewegungen der Gemeinschaften der Urbevölkerung gegen ihre gewaltsame Verjagung und den Raub ihrer Ressourcen durch die Unternehmen hat man versucht, brutal zu zerschlagen unter Benutzung der Polizei, der Sicherheitskräfte und Milizen, die von Staat und Unternehmen finanziert und bewaffnet wurden. Die staatliche Gewalt ist durch die Operation Green Hunt verschärft worden, bei der eine riesige Zahl von paramilitärischen Streitkräften hauptsächlich gegen die Urbevölkerung eingesetzt wurden. Die Militarisierung des Staates hat ein Niveau erreicht, bei dem Schulen von Sicherheitskräften besetzt werden.

Selbst friedliche Aktivisten, die gegen diese gewaltsamen Aktionen des Staates demonstrierten, wurden vom Staat angegriffen und schikaniert. Dies hat zu einer totalen Entfremdung des Volkes vom Staat geführt und auch zu einem Verlust des Glaubens an die Regierung und die Sicherheitskräfte. Die Regierung - sowohl die zentrale als die der Teilstaaten – muss sich darüber klar werden, dass ihre oben genannten Aktionen zusammen mit der totalen Gleichgültigkeit sehr wohl die Saat einer gewaltsamen Revolution säen könnten zur Forderung von Gerechtigkeit und Herrschaft des Rechts, die das ganze Land ergreifen könnte. Wir sollten nicht die französische, russische und amerikanische Geschichte vergessen, geschweige denn unsere eigene.

Empfehlungen:

1. Einstellung der Operation Green Hunt und Beginn eines Dialogs mit der örtlichen Bevölkerung.

2. Sofortiger Stopp jeder Zwangserwerbung von Landwirtschafts- oder Waldland und der Zwangsumsiedlung der Urbevölkerung.

3. Erklärung der Einzelheiten der MOUs[Memorandum of Understanding oder Absichtserklärung, die zwischen Unternehmen und Staat oder auch zwischen Unternehmen getroffen werden. D.Ü.], der industriellen und infrastrukturellen Projekte in diesen Gebieten und Einfrieren aller MOUs und Verpachtung solchen Landes für nicht-landwirtschaftliche Zwecke, was der Innenminister vorgeschlagen hat.

4. Rehabilitierung und Rückgabe des Landes und Waldes an die zwangsumgesiedelte Ur-Bevölkerung.

5. Stopp aller umweltschädlichen Industrien, auch auf dem Land, das ohne Zustimmung der Gram Sabhas in diesen Gebieten erworben wurde.

6. Abzug der paramilitärischen und polizeilichen Kräfte aus den Schulen und Gesundheitszentren, die mit entsprechendem Lehrpersonal und Infrastruktur versehen werden müssen.

7. Stopp der Schikane der Dissidenten und jener, die die Aktionen des Staates in Frage stellen.

8. Ersetzen des Entwicklungsmodells, das ausbeuterisch und umweltschädlich, schändlich und unangemessen für das Land ist, durch ein vollständig anderes Modell, das partizipatorisch ist und den Fokus auf Landwirtschaft und den ländlichen Sektor legt, sowie Gleichheit und Umwelt respektiert.

9. Es muss sichergestellt werden, dass jede Entwicklung, insbesondere die Nutzung des Landes und der natürlichen Ressourcen, mit Zustimmung und Teilnahme der indigenen Gemeinden geschieht, wie von der Verfassung vorgeschrieben. Glaubwürdige Bürger- Kommissionen müssen eingerichtet werden, die dies überwachen und sicherstellen.

10. Einrichtung einer Bürgerkommission mit Machtbefugnissen, um Untersuchungen anzustellen und Aktionen gegen Personen, die für Menschenrechtsverletzungen gegenüber der Urbevölkerung verantwortlich sind, zu empfehlen. Diese Kommission muss auch die Befugnis haben sicherzustellen, dass die Urbevölkerung wirklich die Unterstützungen erhält, die ihr gemäß existierenden Regierungsprogrammen zustehen.
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Der Grosse Kampf: Die Maoisten gegen die Regierung und die Grossunternehmen. Cartoon von Hemant Morparia


Quelle: ICAWPI.ORG-People's Tribunal Jury: Interim Observations and Recommendations

Originalartikel veröffentlicht am 12.4.2010

Über die Autoren

Einar Schlereth ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl die Autoren, der Übersetzer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10367&lg=de


Mehr zum Thema: Gegenmeinung: Wanderung mit den Genossen - In den Dschungeln Zentralindiens mit der Guerilla

Donnerstag, 22. April 2010

Planet Erde oder Tod

Boliviens Präsident Evo Morales mahnt auf Klimagipfel ein Umdenken an: "Die Menschheit steht am Scheideweg"

Von Roswitha Yildiz
amerika21.de
Planet Erde oder Tod

Evo Morales während der Eröffnung des Klimagipfels

Cochabamba. Der Hauptfeind der Mutter Erde ist der Kapitalismus, so die Kernaussage der Rede, mit der Boliviens Präsident Evo Morales am Dienstag den Weltklimagipfel in Cochabamba eröffnet hat. Um die Menschheit zu retten, müsse ein neuer Weg beschritten werden, der das Gleichgewicht mit der Natur und den Respekt vor dem Leben zum Ziel habe, betonte Morales nach Angaben der venezolanischen Nachrichtenagentur ABN vor zehntausenden Teilnehmern aus fünf Kontinenten. Das kapitalistische System, per se ein Feind der Mutter Erde, zwinge dem Planeten grenzenloses Wachstum auf und sei derart Ursache für die großen Asymmetrien und das Ungleichgewicht auf der Erde.

"Für den Kapitalismus sind wir Menschen nur Konsumenten und Arbeitskräfte. Eine Person wird nur nach dem bemessen, was sie besitzt, nicht, was sie ist. Außerdem macht dieses System alles zur Ware, das Wasser, den Boden, die Kultur der Vorfahren, die Gerechtigkeit und die Ethik", mahnte Morales, der zu Beginn seiner Rede in Abwandlung des historischen Ausrufs "Patria o Muerte" (Vaterland oder Tod) ein leidenschaftliches Bekenntnis seiner politischen Heimat ablegte: "Planeta o Muerte" (Planet oder Tod).

Solange man das kapitalistische System nicht verändere, hätten alle Aktivitäten, auch eine wie dieser Gipfel in Bolivien, einen "begrenzten und prekären Charakter", so Morales weiter. Die Menschheit stehe am Scheideweg, sie könne den Weg des Kapitalismus weitergehen oder einen Weg einschlagen, der zur Harmonie mit der Natur und Respekt vor dem Leben führe.

"Es kann nur dann ein Gleichgewicht mit der Natur geben, wenn es ein Gleichgewicht unter den Menschen gibt. Es kann keine Harmonie mit der Mutter Erde geben in einer Welt, in der sich fünfzig Prozent des Reichtums auf diesem Planeten bei einem Prozent der Bevölkerung konzentrieren", so die eindringliche Mahnung des bolivianischen Präsidenten.

Dieses neue Wertesystem, auf das Morales sich in seiner Rede bezog, begründet sich auf dem Prinzip der Solidarität und der Gerechtigkeit, auf Respekt vor den Menschenrechten und der Mutter Erde, auf den Schutz des gemeinsamen Erbes der Menschheit wie die Atmosphäre, das Wasser und die Biodiversität.

Garant für den Frieden zwischen den Menschen und mit der Mutter Erde sei in organisatorischer Hinsicht das neue sozialistische kommunitäre System, das in seiner Funktionsweise jegliche Formen des Kolonialismus und des Imperialismus beseitigen könne, so Morales.

"Das Modell, das wir verfechten, ist nicht das eines grenzenlosen irrationalen Wachstums. Wenn die Staaten einen gewissen Grad an Verbesserungen benötigen und den Weg der Industrialisierung suchen , um die Grundbedürfnisse der Bevölkerung befriedigen zu können, dann dürfen sie auf keinen Fall den Weg der sogenannten entwickelten Länder gehen, denn diese haben eine ökologische Narbe hinterlassen, die fünfmal größer ist als das, was der Planet ertragen kann", führte der Präsident weiter aus und betonte in diesem Kontext die Bedeutung der sozialen Bewegungen, und hier vor allem der indigenen, als wahrhaftes Vorbild für ein alternatives Entwicklungsmodell.

Mittwoch, 21. April 2010

Der höchste Talibanführer ist bereit, über Frieden zu reden

Von Stephen Grey in Kandahar
TIMES ONLINE, 18.04.10

Der höchste Führer der Taliban, Mullah Mohammed Omar, hat erklärt, dass er und seine Anhänger zu Friedensgesprächen mit westlichen Politikern bereit seien.

In einem Interview mit der SUNDAY TIMES haben zwei angesehene islamische Gelehrte der Taliban-Bewegung eine Botschaft der Quetta Shura, des herrschenden Rates der Taliban, übermittelt; daraus geht hervor, dass Mullah Omar nicht mehr die Absicht hat, über Afghanistan zu herrschen. Sie erklärten, er sei zu "ernsthaften und ehrlichen" Gesprächen bereit.


Karikatur: © Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de

Ein höherer US-Militär sagte dazu, die Äußerungen ließen vermuten, dass ein "Durchbruch" möglich sei. "Es gibt Hinweise aus vielen geheimdienstlichen Quellen, dass die Taliban zu einer Art Friedensprozess bereit sind," äußerte er.

Bei einem Treffen, das nachts auf von den Taliban kontrolliertem Territorium stattfand, erklärten die führenden Taliban gegenüber der TIMES, dass ihre militärische Kampagne nur drei Ziele habe: die Wiedereinführung der Scharia (des islamisches Rechts), den Abzug der Ausländer und die Wiederherstellung der Sicherheit.

"Mullah Omar ist nicht mehr daran interessiert, an der Politik oder der Regierung beteiligt zu werden," sagte Mullah "Abdul Rashid", der Ältere der beiden Gesprächspartner, der ein Pseudonym benutzte, um seine Identität zu verbergen.

"Den Mudschaheddin geht es nur darum, die Ausländer, diese Eindringlinge, aus unserem Land zu vertreiben und dann der Verfassung unseres Staates wieder Geltung zu verschaffen. Die Verwaltung des Landes interessiert uns nicht, wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind."

Das Interview wurde von einem angesehenen afghanischen Journalisten, der für die SUNDAY TIMES arbeitet, mit zwei Mitgliedern der Shura geführt, die alle Taliban- Aktivitäten im ganzen südlichen Afghanistan, einschließlich der Provinzen Helmand und Kandahar, kontrolliert. Es kam durch einen gut vorbereiteten Kontakt mit der höchsten Führung der Taliban zustande.

In den fünf Jahren, in denen die Taliban Afghanistan regierten, bis sie nach den Anschlägen am 11. September 2001 von US-Truppen vertrieben wurden, habe sich ihre Bewegung zu sehr in die Politik eingemischt, erklärten die beiden Talibanführer in dem Gespräch.

Abdul Rashid sagte: "Wir waren nicht fähig, das Land zu regieren, und wurden von vielen Entwicklungen überrascht. Wir hatten weder die Leute, noch die Erfahrung oder die technischen Voraussetzungen zum Regieren."

"Jetzt geht es uns nur noch darum, die Eindringlinge zu vertreiben. Wir werden die Politik der Zivilgesellschaft überlassen und uns in unsere Madrasas (religiösen Schulen,) zurückziehen."

Das Angebot der Taliban erfolgt zu einer Zeit, in der nach Aussage eines amerikanischen Offiziellen seine Kollegen in Washington darüber diskutieren, ob Präsident Barack Obama eine langjährige politische Einstellung der USA nicht aufgeben und direkte Gespräche zwischen den USA und den Taliban anstreben sollte.

Wenn die Übernahme der afghanischen Regierung nicht mehr zu den militärischen Zielen der Taliban gehöre, sei das "ein großes und wichtiges Zugeständnis", äußerte der US-Offizielle.

Auch auf ihrer Website haben die Taliban nach Aussage von NATO-Offiziellen ihre Zielvorstellungen schon geändert; sie forderten jetzt nicht mehr den Sturz der "Marionettenregierung", sondern die Einsetzung einer von dem afghanischen Volk gewünschten Regierung.

Im Interview bestanden die beiden Talibanführer darauf, dass Berichte von Kontakten zwischen den Taliban und der Kabuler Regierung "erschwindelt" gewesen seien und "von Scharlatanen" verbreitet wurden. Bis jetzt habe es keine offiziell anerkannten Gespräche gegeben.

Sie stellten keine Vorbedingungen für ernsthafte Verhandlungen, sondern erklärten einfach, die Taliban seien zu einem "ehrlichen Dialog" bereit. Eine weitere Taliban- Quelle mit engen Verbindungen zur Quetta Shura bestätigte, dass die Taliban- Bewegung dazu bereit sei, direkt mit "glaubwürdigen" Politikern des Westens – auch mit Amerikanern – zu sprechen, aber nicht mit Geheimdiensten wie der CIA.

Nach dieser Quelle bleibt der Abzug aller ausländischen Truppen das erklärte Ziel der Taliban, als Vorbedingungen für Gespräche verlangten sie aber nur sicheres Geleit für ihre Delegation und eine von der NATO garantierte Waffenruhe.

Nach Auskunft einer NATO-Geheimdienstquelle haben Talibanvertreter direkte Kontakte zu mehreren Ministern der Regierung des Präsidenten Hamid Karzai aufgenommen. Sie lehnen aber jeden direkten Kontakt mit Karzai ab, den sie als "illegitime Marionette" betrachten.

Während des Interviews, das mehrere Stunden dauerte und nur durch die Ankunft und das Wegfahren von Boten auf Motorrädern unterbrochen wurde, hörte unser Reporter von den Talibanführern nichts über eine von einigen westlichen Analysten behauptete Kriegsmüdigkeit der Taliban.

Statt dessen wurde ihm gesagt, dass die Taliban an ihren Sieg glauben und aus einer Position der Stärke verhandeln wollen. Als er nach der bevorstehenden NATO-Offensive in der Region Kandahar gefragt wurde, prahlte ein örtlicher Talibankommandeur, der neben den beiden Gelehrten saß: "Wir sind darauf vorbereitet. Wir werden den Amerikanern die Zähne einschlagen."

Die Talibanführer sagten, sie hätten aus der letzten großen Offensive der NATO, die vor kurzem bei Marjah in der Provinz Helmand stattgefunden hat, ihre Lehren gezogen. Die vorzeitige Ankündigung der NATO-Operation habe zu viele Taliban-Kämpfer angelockt, von denen einige umgekommen seien.

Die Talibanführer erklärten, der Plan zu Abwehr der NATO-Offensive bei Kandahar sei schon fertig.

"Sie werden uns dort nicht überraschen können," sagte Abdul Rashid. "Wir haben unsere Leute schon überall postiert, in der Stadt, in der Regierung und bei den Sicherheitskräften."

Er fügte hinzu, die USA hätten sich ohnehin schon zu viele Feinde gemacht und durch Kämpfe in Kandahar würden sie nur noch mehr Menschen gegen sich aufbringen.

"Die Menschen vertrauen den Ausländern nicht mehr, weil sie die Warlords unterstützen. Die Leute haben deren Verbrechen und deren Brutalität satt, und das ist ein großes Problem für die Amerikaner. Wir sind gut positioniert und werden überall unterstützt."

Bei den Vorbereitungen auf die traditionellen Kämpfe im Sommer legen die Talibanführer genauso viel Wert wie die NATO darauf, die Herzen und Hirne der Bewohner zu gewinnen.

Abdul Rashid sagte, es habe Talibankommandeure gegeben, die ihre Kampagnen mit Bestechungsgeldern finanziert hätten, die sie für das ungehinderte Passieren von Nachschubkonvois der NATO oder von Rauschgift-Schmugglern kassiert hätten. Die Taliban-Führung habe diese Praxis aber abgestellt.

"Wir kämpfen nicht um weltliche Güter – wir streiten für Allah. Noch wichtiger als das Kämpfen ist uns der Prozess der Reinigung. Wir werden uns von den faulen Äpfeln trennen," fügte er hinzu.

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de