Donnerstag, 31. Juli 2008

Die globale Niedriglohnökonomie

Von Prof. Michel Chossudovsky
Der Rollback läuft: 42 Stunden für alle, die noch Arbeit haben; Betriebsverlagerungen en masse, Lohnkürzungen und Sozialabbau weit und breit - es sind nicht nur die Finanzmärkte, die über die Stränge schlagen, es ist das gesamte System der globalen Arbeitsteilung des kapitalistischen Weltsystems, das zum Himmel stinkt und zu chaotischen Zuständen und skandalöser sozialer Polarisierung führt. Wie der Strukturwandel in den entwickelten Industriestaaten zusammenhängt mit der aufgezwungenen ruinösen Konkurrenz in den exportorientierten Ländern der "Dritten Welt", das erklärt der kanadische Ökonom Michael Chossudovsky. Sein Buch GLOBAL BRUTAL hat inzwischen die 19. Auflage erreicht und ist angesichts der dreisten Offensive des Kapitals aktueller denn je. Hauptthese: Die Umformung der Weltwirtschaft nimmt dramatische Ausmaße an.


Mit der Globalisierung der Armut geht die Restrukturierung der Volkswirtschaften der Entwicklungsländer und eine Neubestimmung ihrer Rolle in der neuen Weltwirtschaftsordnung einher. Die makroökonomischen Reformen auf nationaler Ebene spielen eine Schlüsselrolle bei der Regulierung der Löhne und Lohnkosten weltweit. Die globale Armut ist dabei ein »Input« auf der Angebotsseite; das globale Wirtschaftssystem speist sich aus billiger Arbeit.


Industrielle Standortverlagerungen.


Kennzeichnend für die heutige Weltwirtschaft ist die Abwanderung eines erheblichen Teils der Industrieproduktion aus den entwickelten kapitalistischen Ländern an Standorte in den Entwicklungsländern, die über billige Arbeitskräfte verfügen. Die Entwicklung der auf Niedriglohnarbeit beruhenden Exportindustrie begann in den 60er und 70er Jahren in Südostasien in der arbeitsintensiven Fertigung. Zunächst auf ein paar Exportenklaven wie Hongkong, Singapur, Taiwan und Südkorea sowie auf einige wenige Branchen beschränkt, gewann die Verlagerung an billige Produktionsstandorte im Ausland in den 70er und 80er Jahren an Schwung.

Karikatur: Lurusa Gross
Obwohl die Dritte Welt weiterhin eine Rolle als wichtiger Rohstofferzeuger spielt, ist die heutige Weltwirtschaft nicht länger durch den traditionellen Gegensatz zwischen Industrie- und Rohstoffproduktion gekennzeichnet. Daher hat auch die Debatte über die Terms of Trade zwischen Rohstoff- und Industrieproduzenten an Aktualität eingebüßt. Ein immer größerer Anteil der weltweiten Fertigung - und zwar in fast allen Branchen - findet heute in Südostasien, China, Lateinamerika und Osteuropa statt.

Diese weltweite Entwicklung zur Billiglohnproduktion technologisch zunehmend höherwertiger und schwerindustrieller Güter beruht auf der Schrumpfung der Inlandsnachfrage in den einzelnen Nationalökonomien der Dritten Welt und der Herausbildung einer billigen, stabilen und disziplinierten Industriearbeitnehmerschaft in einem relativ sicheren politischen Umfeld. Begünstigt wird dieser Prozess durch die Zerstörung des für den Binnenmarkt produzierenden Fertigungssektors in den Entwicklungsländern - also der Importsubstitutionsindustrie - und die Entstehung einer auf billiger Arbeit basierenden Exportwirtschaft. Mit dem Abschluss der Uruguay-Runde in Marrakesch und der Gründung der WTO 1994 haben sich diese »Billiglohnfreihandelszonen« auf alle Entwicklungsländer ausgedehnt.

Das heimliche Ziel der den Schuldnerländern von den Bretton-Woods-Organisationen auferlegten Strukturanpassungen ist der Rückgang der Lohnkosten. Die sinkenden Löhne in der Dritten Welt und in Osteuropa erleichtern die Standortverlagerung der Wirtschaftstätigkeit von den reichen in die armen Länder.

So unterstützt die Globalisierung der Armut die Entwicklung einer weltweiten Billiglohnexportwirtschaft. Die Möglichkeiten der Produktion sind angesichts der Masse verarmter Arbeiter auf der ganzen Welt immens. Im Gegensatz dazu treiben die armen Länder keinen Handel untereinander: Arme Leute stellen keinen Markt für die Waren dar, die sie produzieren. Anders als der französische Ökonomen Jean Baptiste Say verkündet hat, schafft Angebot eben nicht seine eigene Nachfrage. Die Verbrauchernachfrage ist auf annähernd 15 Prozent der Weltbevölkerung beschränkt: auf die reichen Länder sowie kleine Wohlstandsoasen in der Dritten Welt und den ehemaligen Ostblock.

Die Exportfalle

»Exportiere oder stirb« ist das Motto der Billiglohnökonomie, während Importsubstitution und die Produktion für den Inlandsmarkt obsolete Konzepte sind. Die einzelnen Länder sind aufgefordert, sich nach Maßgabe ihrer »komparativen Vorteile« zu spezialisieren, die im Überfluss und den niedrigen Kosten ihrer Arbeit liegen. Das Geheimnis des wirtschaftlichen »Erfolgs« ist die Exportförderung. Unter strenger Aufsicht von Weltbank und IWF wird in einer Vielzahl von Entwicklungsländern simultan der Export der gleichen, nichttraditionellen Güter gefördert. Diese Staaten, zu denen heute die Billigproduzenten der osteuropäischen Länder hinzugekommen sind, werden zu einem mörderischen Konkurrenzkampf gezwungen. Jeder will in dieselben europäischen und nordamerikanischen Märkte exportieren, und so zwingt das Überangebot die Produzenten der Dritten Welt, ihre Preise zu senken. Die Erzeugerpreise von Industriegütern purzeln auf den Weltmärkten in ganz ähnlicher Weise wie die Rohstoffpreise. Der Wettbewerb zwischen und innerhalb von Entwicklungsländern drückt die Löhne, Erlöse und Preise. So führt die Exportförderung letztlich zu niedrigeren Warenpreisen und geringeren Exporteinnahmen, aus denen die Auslandsschulden bezahlt werden müssen. Es ist bittere Ironie, dass ausgerechnet die erfolgreichsten Exportwirtschaften unter den Entwicklungsländern auch die größten Schuldnernationen der Welt sind.

Darüber hinaus schlagen die Maßnahmen zur wirtschaftlichen Stabilisierung, die dem Süden und Osten aufgezwungen werden, auch auf die Wirtschaften der reichen Länder durch: Armut in der Dritten Welt trägt zu einer globalen Schrumpfung der Importnachfrage bei, die wiederum das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigung in den OECD-Ländern in Mitleidenschaft zieht.

Strukturanpassung verwandelt die Volkswirtschaften in offene Wirtschaftsräume. Länder werden zu bloßen Territorien, zu Billiglohn- und Rohstoffreservoirs. Aber weil dieser Prozess auf der Globalisierung der Armut und der weltweiten Verminderung der Verbrauchernachfrage beruht, kann die Exportförderung in der unterentwickelten Welt nur in einer begrenzten Zahl von Ländern Erfolg haben. Die gleichzeitige Ausweitung der Exporttätigkeit in einer großen Anzahl von Ländern fuhrt also zu größerer Konkurrenz zwischen den Entwicklungsländern, sowohl bei der Rohstoffproduktion als auch in der Fertigung. Soweit die Weltnachfrage nicht steigt, steht der Schaffung neuer Produktionskapazitäten in einigen Ländern der wirtschaftliche Niedergang und Zerfall an anderen Standorten der Dritten Welt gegenüber.

Wenn es in einem Land der Dritten Welt erfolgreiche Arbeitskämpfe gibt, aufgrund deren die Löhne erhöht werden, kann das transnationale Kapital seine Produktionsstandorte ohne weiteres in andere Billiglohnländer verlagern oder durch Untervergabe Produktion auslagern. Die Existenz von »Reserveländern« mit einem Überschuss an billigen Arbeitskräften drückt also tendenziell auf die Löhne in den aktiveren (Billiglohn-)Exportwirtschaften z.B. in Südostasien, Mexiko, China und Osteuropa. Diese weltweite "Überschussbevölkerung" bedingt die internationale Wanderung von Produktivkapital in ein und demselben Industriesektor von einem Land zum anderen. Aus der Sicht des Kapitals gehören die nationalen Arbeitskräftereserven zu einem einzigen internationalen Reservepool, innerhalb dessen Arbeitnehmer aus verschiedenen Ländern in offene Konkurrenz zueinander gebracht werden. Die Weltarbeitslosigkeit wird so zu einem Hebel der globalen Kapitalakkumulation, welche die Lohnkosten in jeder der nationalen Wirtschaften bestimmt.

Daher hat in vielen exportorientierten Billiglohnländern der Anteil der Löhne am Bruttoinlandsprodukt und an der Wertschöpfung dramatisch abgenommen. Während die Löhne der Beschäftigten in den Industrieländern annähernd 40 Prozent der Wertschöpfung in der Produktion ausmachen, liegt der entsprechende Prozentsatz in Lateinamerika und Südostasien nur etwa bei 15 Prozent.

Die Entindustrialisierung des Nordens.


Der Entwicklung der Billiglohnexportfabriken in der Dritten Welt entspricht die Stilllegung von Industriestandorten in fortgeschrittenen Ländern. Die erste Welle von Fabrikschließurigen betraf weitgehend die arbeitsintensiven Bereiche der Leichtindustrie. Seit den 80er Jahren sind jedoch alle Sektoren der westlichen Wirtschaft und alle Kategorien von Beschäftigten diesem Prozess ausgesetzt. Dies belegt die Umstrukturierung von Unternehmen der Luftfahrtindustrie, die Auslagerung der Autoproduktion nach Osteuropa und in die Dritte Welt, die Schließung von Stahlstandorten usw.

Die Entwicklung der exportorientierten Fertigungsindustrie südlich des Rio Grande an der Grenze zwischen USA und Mexiko war während der 80er Jahre begleitet von Entlassungen und Arbeitslosigkeit in den US- und kanadischen Industriezentren. In ähnlicher Weise verlagern japanische Konzerne einen bedeutenden Teil ihrer Fertigung an Standorte in Thailand oder auf den Philippinen, wo Industriearbeiter für drei oder vier Dollar am Tag - oft genug unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns - arbeiten. Der deutsche Kapitalismus dehnt sich über die Oder-Neiße-Grenze wieder in seinen alten »Lebensraum« aus. In Polen, Ungarn, der Tschechischen Republik und der Slowakei liegen die Lohnkosten für Fabrikarbeiter mit etwa 120 Euro im Monat beträchtlich niedriger als in der EU. Im Gegensatz dazu haben Arbeiter in deutschen Autofabriken Bruttostundenlöhne von etwa 25 Euro. Trotz brachliegender Fabriken und hoher Arbeitslosenraten in der ehemaligen DDR war es daher für deutsche Unternehmen profitabler, ihre Produktion nach Osteuropa zu verlegen.
Karikatur: Lurusa Gross

Durch jeden Arbeitsplatz, der in den Industrieländern verloren geht und in die Dritte Welt verlagert wird, sinkt der Verbrauch in diesen Ländern. Fabrikschließungen und Entlassungen werden in der Presse gewöhnlich als isolierte und unzusammenhängende Fälle von Umstrukturierungen einzelner Unternehmen dargestellt, doch ihre kombinierten Auswirkungen auf die Reallöhne und die Beschäftigung sind verheerend. Die Verbrauchermärkte schrumpfen, weil eine große Zahl von Firmen in mehreren Ländern gleichzeitig ihre Belegschaften reduziert. Schwacher Konsum wiederum schlägt auf die Produktion zurück und trägt zu einer weiteren Spiralumdrehung von Fabrikschließurigen und Bankrotten bei.

Im Norden wird die Schrumpfung der Verbraucherausgaben noch von der Deregulierung des Arbeitsmarktes verschärft: von der Abkoppelung der Löhne vom Preisindex, Teilzeitarbeit, Frühpensionierung und der Erzwingung »freiwilliger « Lohnkürzungen. Da ausscheidende Arbeitnehmer nicht ersetzt werden, müssen die jüngeren Altersgruppen die Last der Arbeitslosigkeit tragen. Einer ganzen Generation ist so der Zugang zum Arbeitsmarkt erheblich verstellt worden.

Der Prozess der Industrieabwanderung aus den Industriestaaten, der zur Schwächung der Marktnachfrage beiträgt, untergräbt damit zugleich die Bemühungen der Entwicklungsländer, Fertigprodukte auf den schrumpfenden Märkten des Westens zu verkaufen. Ein Teufelskreis: Gerade die Ausweitung der Produktion durch ihre Verlagerung in den Süden und Osten treibt über steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Verbrauchsausgaben im Norden und Westen die Weltwirtschaft tendenziell in eine globale Stagnation, wenn nicht gar Rezession.

Die Standortverlagerung der Produktion findet zunehmend auch innerhalb der Handelsblöcke statt. Sowohl Westeuropa als auch Nordamerika entwickeln jeweils eigene »Billiglohnhinterhöfe « an ihren unmittelbaren geografischen Grenzen. In Europa ist es die Oder-Neiße-Grenze zu Polen, in Nordamerika der Rio Grande zwischen den USA und Mexiko, die beide die Hoch- von der Niedriglohnwirtschaft trennen.

Oder und Neiße auf der einen und der Rio Grande auf der anderen Seite unterscheiden sich allerdings insofern voneinander, als die eine Grenze tatsächlich die (bis zum 1.5.2004 - SiG) vorläufige Grenze des Maastrichter Vertrages ist, der die Freizügigkeit der Arbeitskräfte innerhalb der EU garantiert, die andere Grenze hingegen mitten in der Nordamerikanischen Freihandelszone (NAFTA) liegt. Dennoch trennt der Rio Grande zwei ganz unterschiedliche Arbeitsmärkte: Die »Immobilität der Arbeitskräfte «, weniger der Freihandel und der Abbau der Zollgrenzen ist daher das zentrale Merkmal der NAFTA.

Dieses Freihandelsabkommen erlaubt es US-Firmen, ihre Lohnkosten um mehr als 80 Prozent zu reduzieren, indem sie die Produktion nach Mexiko auslagern und an dortige Subunternehmen vergeben. Das ist beileibe nicht auf die Fertigungsindustrie oder den Einsatz unqualifizierter Arbeitskräfte beschränkt: Nichts hindert die Verlagerung auch der amerikanischen Hightech-Industrie nach Mexiko, wo Ingenieure und Wissenschaftler für ein paar hundert Dollar im Monat angeheuert werden können. Standortverlagerung betrifft potentiell einen großen Anteil der Wirtschaft der USA und Kanadas einschließlich des Dienstleistungssektors.

Die NAFTA beruht von Anbeginn auf der Schrumpfung der Beschäftigung und der Reallöhne. Die Industrieverlagerung nach Mexiko zerstört Arbeitsplätze in den USA und Kanada und drückt die Reallöhne. Deshalb verschärft die NAFTA die Wirtschaftsrezession: Arbeiter, die in den USA und Kanada entlassen werden, finden in der übrigen Wirtschaft keine neue Verwendung, und durch die Abwanderung der alten entstehen keine neuen Wachstumsindustrien. Die Schrumpfung der Verbraucherausgaben, die aus den Entlassungen und Fabrikschließurigen resultiert, führt zu einem allgemeinen Rückgang des Absatzes und der Beschäftigung und zu weiteren Entlassungen in der Industrie.

Durch die NAFTA können amerikanische und kanadische Unternehmen darüber hinaus den mexikanischen Markt durchdringen und die dort heimischen Unternehmen verdrängen. Die Industriekonzentration wächst, kleine und mittlere Unternehmen werden vernichtet und ein Teil der mexikanischen Dienstleistungswirtschaft wird durch Lizenzvergabe übernommen. So exportieren die USA ihre Rezession nach Mexiko. Mit Ausnahme eines kleinen Marktes privilegierten Verbrauchs begünstigen Armut und niedrige Löhne in Mexiko nicht gerade eine wachsende Verbrauchernachfrage. In Kanada führte das Freihandelsabkommen, das 1992 mit den USA unterzeichnet wurde, zum Niedergang der Zweigwerke US-amerikanischer Firmen, die alsbald ihre Tochtergesellschaften geschlossen und sie durch regionale Verkaufsbüros ersetzt haben.

Die Bildung der NAFTA hat folglich, ganz im Gegensatz zu den gängigen Vorurteilen, in allen drei Ländern zur Verschärfung der Wirtschaftsrezession beigetragen. Auch hier führt die Expansion der Produktion durch Standortverlagerung zur Schrumpfung der Verbraucherausgaben.

Luxusverbrauch und »parasitäre Wirtschaft«.


Die wachsende Konzentration von Einkommen und Reichtum in der Hand einer Minderheit, die nicht nur in den entwickelten Ländern, sondern auch in kleinen Wohlstandsoasen in der Dritten Welt und Osteuropas zu Hause ist, hat zu einem dynamischen Wachstum der Luxuswirtschaft geführt, die sich um Reisen und Freizeit, Autos, Unterhaltungselektronik, moderne Telekommunikation usw. dreht. Die »Drive-in«- und "Duty-free-Kultur", die sich vor allem um die Knotenpunkte des Luftverkehrs gebildet hat, ist der Brennpunkt der modernen Konsum- und Freizeitwirtschaft für Besserverdienende, in denen sich riesige finanzielle Ressourcen bündeln.

Während sich das Spektrum der Konsumgüter, die dem Lebensstil oberer Einkommensschichten dienen, grenzenlos erweitert hat, schrumpft seit der Schuldenkrise in den frühen 80er Jahren das Verbrauchsniveau der großen Mehrheit der Weltbevölkerung. 85 Prozent aller Menschen müssen sich in ihrem Verbrauch mit den Grundnahrungsmitteln und lebensnotwendigen Waren begnügen.

Dieses dramatische Wachstum des Luxusverbrauchs verschafft - im Verein mit den steigenden Militärausgaben - einer von Rezession bedrängten Weltwirtschaft eine Atempause, steht jedoch im Kontrast zur Stagnation der Sektoren, die notwendige Güter und Dienstleistungen produzieren. In der Dritten Welt und in Osteuropa stagnieren Nahrungsmittelproduktion, Wohnungsbau und wichtige soziale Dienste, während der Luxusverbrauch der alten und neuen Eliten floriert. Die soziale Ungleichheit und Einkommensdisparität in Ungarn und Polen sind heute mit den Zuständen in Lateinamerika vergleichbar. Ein Porsche Carrera konnte z.B. vor zehn Jahren bei einem Vertragshändler im Zentrum von Budapest für die bescheidene Summe von 9.720.000 Forint erworben werden. Ein durchschnittlicher ungarischer Industriearbeiter hätte dafür den Verdienst von 70 Jahren Arbeit hinblättern müssen.

Das globale Produktionssystem richtet sich daher zunehmend auf begrenzte Märkte aus, auf hohe Einkommensgruppen im Norden sowie auf kleine Oasen des Luxusverbrauchs im Süden und Osten, während gerade dort die vorherrschenden Niedriglöhne die proklamierte Entwicklung der Massenkaufkraft blockieren. Jene, die produzieren, sind nicht diejenigen, die konsumieren - das ist ein wesentliches Merkmal der globalen Billiglohnwirtschaft.

Mit dem Niedergang der Fertigungsindustrie hat sich in den reichen Ländern eine »parasitäre Wirtschaft« entwickelt, die praktisch nichts mehr produziert. Sie konzentriert sich auf den Dienstleistungssektor und schöpft die Gewinne aus der Fertigung in der Dritten Welt ab. Die Hochtechnologie-Wirtschaften, die auf der Verfügungsmacht über industrielles Know-how, Produktdesign, Forschung und Entwicklung basieren, ordnen sich die Sektoren der materiellen Produktion unter. Oder anders: Die materielle Produktion wird der nichtmateriellen unterworfen, indem sich der Dienstleistungssektor die Wertschöpfung des Fertigungssektors aneignet. Darüber hinaus werden außer den Zahlungen für Urheberrechte und Lizenzen für die Nutzung westlicher und japanischer Technologie die Gewinne der Produzenten in der Dritten Welt unweigerlich durch den Zwischen-, Groß- und Einzelhandel der Industrieländer aufgezehrt. Die Wachstumsschwerpunkte in den entwickelten Ländern liegen vor allem in der Dienstleistungswirtschaft, dem Immobilienhandel, der kommerziellen und finanziellen Infrastruktur, der Kommunikation und dem Verkehr statt in der materiellen Produktion.

Damit findet eine offenkundige »Entindustrialisierung« der Industrieländer statt. Die Bedeutung des Begriffs »Industrie « hat sich grundlegend geändert. Die Wachstumsschwerpunkte der Hochtechnologie erleben eine rasche Entwicklung auf Kosten der alten traditionellen Industrien, die sich seit Beginn der industriellen Revolution in den fortgeschrittenen Ländern entwickelten.

Wir haben es mit einer Weltwirtschaft zu tun, in der die Mehrheit der Volkswirtschaften Fertigwaren für den Export in die Märkte der OECD-Länder produziert. Von einigen wichtigen Ausnahmen wie Südkorea, Brasilien und Mexiko abgesehen können diese Länder jedoch nicht als »neu industrialisiert « angesehen werden, denn ihre "Industrialisierung" verdankt sich weitgehend der Standortverlagerung der Produktion aus den Industrieländern in Billiglohnregionen der Dritten Welt. Sie ist durch die Umformung der Weltwirtschaft bedingt.

Die parasitäre Wirtschaft eignet sich die Gewinne der Direkterzeuger an. Zwar wird die materielle Produktion in Billiglohnwirtschaften der Dritten Welt ausgelagert, doch findet das gröi3te Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in den reichen, importierenden Ländern statt. Es ist in dieser Hinsicht »importbedingt«: Mit billiger Arbeit produzierte Importe (Rohstoffe und Fertigprodukte) schaffen ein korrespondierendes Einkommenswachstum in der Dienstleistungswirtschaft der reichen Länder.

Die vom IWF geförderten Strukturanpassungen tragen ebenfalls zur Konsolidierung der parasitären Wirtschaft bei: Da dadurch jedes Entwicklungsland gezwungen ist, das gleiche Spektrum von Rohstoffen und Industriewaren für den Weltmarkt zu produzieren, muss es mit anderen Ländern konkurrieren. Die Kanäle des internationalen Handels ebenso wie des Groß- und Einzelhandels in den Industrieländern werden jedoch durch monopolistische Konzerne kontrolliert. Diese Dualität zwischen Wettbewerb und Monopol ist ein grundlegendes Merkmal des globalen Handelssystems. Dem mörderischen Wettbewerb zwischen den direkten Produzenten aus den diversen Ländern unter den Bedingungen globalen Überangebots steht die monopolistische Kontrolle einiger weniger globaler Unternehmen über den internationalen Handel, die Industriepatente und den Groß- und Einzelhandel gegenüber.

Der Handel macht die Gewinne. Weil Güter, die in Entwicklungsländern produziert werden, zu sehr niedrigen internationalen (Fob-)Preisen importiert werden, ist der offizielle Wert der OECD-Importe aus Entwicklungsländern im Vergleich zu dem des gesamten Handelsvolumens und der Inlandsproduktion relativ gering. Doch sobald diese Waren in die Groß- und Einzelhandelskanäle der reichen Länder einfliessen, multipliziert sich ihr Wert um das Mehrfache. Die Einzelhandelspreise von Waren, die in der Dritten Welt produziert werden, sind häufig zehnmal höher als die Importpreise. So schafft die Dienstleistungswirtschaft der reichen Länder eine »Wertschöpfung<< 38 =" 226">Mobile und immobile Sektoren.

Die Standortabwanderung der materiellen Produktion in Billiglohnländer umfasst alle international »mobilen« Sektoren. »Mobile Sektoren« sind solche, die durch Auslandsinvestitionen in Billiglohnländern oder durch Vergabe von Unterverträgen an unabhängige Produzenten in der Dritten Welt von einem geografischen Standort zu einem anderen verlegt werden können. Zu den »immobilen Sektoren« der Industrieländer gehören im Gegensatz dazu Wirtschaftstätigkeiten, die sich ihrem Wesen nach international keine neuen Standorte suchen können: Bauwesen, öffentliche Arbeiten, Landwirtschaft und die meisten Dienstleistungen.

Während sich das Kapital frei von einem Arbeitsmarkt zum anderen bewegt, werden Arbeitskräfte daran gehindert, internationale Grenze zu überschreiten. Die nationalen Arbeitsmärkte sind in der Regel geschlossene Bereiche mit streng bewachten Grenzen. So ist z.B. im Rahmen der NAFTA mexikanischen Arbeitern der Grenzübertritt in die USA weitgehend verwehrt, um sie innerhalb der Billiglohnwirtschaft zu halten. Für Bau-, öffentliche und landwirtschaftliche Arbeiten, die aufgrund ihrer Ortsgebundenheit nicht international mobil sind, sind jedoch Kontingente von Saisonarbeitern erlaubt - mit dem erwünschten Nebeneffekt, die Löhne der amerikanischen und kanadischen Arbeiter zu drücken sowie die Rolle der Gewerkschaften zu unterminieren.

Umbruch des Industriestruktur

Mit den Standortverlagerungen verändert sich die Industriestruktur der fortgeschrittenen Länder grundlegend. Die alten Industriezentren verschwinden: Das »Fabriksystem« geht unter. Ein beträchtlicher Teil der Beschäftigten in den Industrieländern arbeitetnuninden neuen Wachstumspolen: in der Dienstleistungswirtschaft, in »nichtmateriellen« Wirtschaftssektoren und in den neuen Industrien der Informationssysteme, der Telekommunikation usw. Die Dualität zwischen materiellen und nichtmateriellen bzw. mobilen und immobilen Sektoren ist für das Verständnis des Strukturwandels der Wehwirtschaft von zentraler Bedeutung. Globale Rezession ist mit dem dynamischen Wachstum der neuen Hochtechnologie-Sektoren durchaus nicht unvereinbar. Design, Technologie und Know-how gehören den internationalen Unternehmen und werden von ihnen kontrolliert. Die nichtmaterielle Produktion und die Kontrolle über geistige Eigentumsrechte ordnen sich die materielle Produktion unter. Die nichtmateriellen Sektoren eignen sich die Gewinne der materiellen Industrieproduktion an.
Karikatur: Lurusa Gross
Der unglaubliche Schub, der in den 80er und 90er Jahren die Telekommunikation, Computertechnologie und Produktionstechnik erfasst hat, stellt einen entscheidenden Hebel im Prozess der industriellen Standortverlagerung dar: Die Unternehmenszentralen stehen nunmehr mit ihren Produktionsstandorten und Montagefabriken auf der ganzen Welt in unmittelbarem Kontakt und verfügen damit über ein machtvolles Instrument weltweiter Kontrolle und Aufsicht. Global agierende Firmen minimieren die Lohnkosten weltweit durch ihre Fähigkeit, sich Produktionsstandorte (oder Subunternehmer) in Billiglohnländern überall auf der Welt zunutze zu machen.

Obwohl die technologische Revolution in den Industrieländern neue Berufsfelder entstehen lässt, vermindert sie den Arbeitskräftebedarf der Industrie erheblich. Neue, von Robotern bediente Montagebänder werden gebaut, während die Arbeitnehmer der vorhandenen Produktionsstätten entlassen werden. Der technologische Wandel in Verbindung mit der Standortabwanderung und der Umstrukturierung der Unternehmen begünstigt daher tendenziell neue Fusionswellen und Übernahmen in den Schlüsselindustrien. Zugleich werden auch bestimmte Dienstleistungen an Billiglohnstandorte in der Dritten Welt und Osteuropa ausgelagert. Ein Teil der Dienstleistungswirtschaft gehört somit nicht mehr zum »immobilen« Sektor. Unternehmen und Finanzinstitute können bei etlichen Bürotätigkeiten ihr Personal reduzieren: Die Buchführungssysteme großer Firmen z.B. lassen sich heute problemlos und via Computernetze und E-Mail unter beträchtlichen Einsparungen in Entwicklungsländern betreiben, wo qualifizierte Buchhalter und Computerspezialisten für weniger als 100 Dollar im Monat beschäftigt.

Quelle: sandimgetriebe.attac

Samstag, 19. Juli 2008

Was ist Geld?

Geld als Schuld

Von Paul Grignon

Geld regiert die Welt.
Wer also das Geld regiert …

„Einige der größten Männer in den USA, zugange in Handel und Herstellung, haben Angst vor etwas. Sie wissen, dass es eine Macht gibt, so organisiert, subtil, aufmerksam, verzweigt und allumfassend, dass sie besser nur flüstern, wenn sie ihre Stimme gegen sie richteten.“

(Woodrow Wilson, ehemaliger Präsident der USA)


„Jedes Mal, wenn eine Bank einen Kredit gibt, wird neues Guthaben erzeugt – neue Einlagen – brandneues Geld.“

(Graham F. Towers, Direktor der Bank von Kanada 1934-54)


„Der Vorgang, mit dem Banken Geld erzeugen, ist so simpel, dass der Geist ihn kaum fassen kann.“

(John Kenneth Galbraith, Ökonom
)

„Erlaubt mir, das Geld eines Staates auszustellen und zu kontrollieren, und es ist mir egal, wer seine Gesetze macht.“

(Mayer Anselm Rothschild, Bankier)


Geld als Schuld

Zwei große Geheimnisse bestimmen unser Leben: Liebe und Geld.
Was Liebe ist, dieser Frage wurde schon ausführlich nachgegangen in Geschichten, Liedern, Büchern, Film und Fernsehen. Dasselbe kann aber nicht über Geld gesagt werden. Es ist nicht überraschend, dass Geldtheorie keine Kinohits inspiriert hat, aber sie wurde ja nicht einmal an den Schulen, die die meisten von uns besucht haben, erwähnt. Den meisten kommt auf die Frage, wo denn das Geld überhaupt herkommt, das Bild der Münzanstalt in den Sinn, die Noten druckt und Münzen presst. Geld, so glauben die meisten, wird von der Regierung hergestellt.
Das stimmt … aber nur teilweise.

Diese Symbole für Wert aus Metall und Papier, von denen wir als Geld sprechen, werden tatsächlich von einer Behörde des Staates hergestellt (Bei uns diverse nationale Münzanstalten). Aber der Großteil des Geldes kommt nicht von diesen Anstalten, er wird hergestellt – alltäglich und in riesigen Mengen – von privaten Gesellschaften, die sich Banken nennen. Die meisten von uns glauben, dass Banken Geld verleihen, dass ihnen andere anvertraut haben – leicht vorstellbar, aber nicht die Wahrheit. Tatsächlich schaffen Banken das Geld, das sie verleihen; es stammt weder aus ihren eigenen Einnahmen, noch aus verwalteten Guthaben, sondern unmittelbar aus dem Versprechen des Schuldners, es zurückzuzahlen. Des Schuldners Unterschrift auf dem Vertrag stellt eine Verpflichtung dar, der Bank das Geld zurückzuzahlen, plus Zinsen, oder das Haus, das Auto oder sonstige Güter zu verlieren, die man als „Sicherheit“ vorweisen musste. Das ist eine bedeutende Verbindlichkeit für den Schuldner.

Zu was verpflichtet sich die Bank durch diese Unterschrift?

Die Bank darf nun das Volumen des Kredits herbeizaubern und einfach auf das Konto des Schuldners buchen.

Klingt unglaublich? Das kann doch bestimmt nicht wahr sein …

Aber das ist es.

Um zu zeigen, wie es zu diesem „Wunder“ des modernen Bankwesens kam, betrachten wir einmal das „Märchen des Goldschmieds“:

Geld als Schuld


„Wir sind dankbar gegenüber der Washington Post, New York Times, TIME Magazin und anderen großen Publikationen, deren Chefs unseren Treffen beigewohnt und ihre Versprechen der Verschwiegenheit für beinahe 40 Jahre gehalten haben. Es wäre unmöglich gewesen, unseren Plan für die Welt zu entwickeln, wenn wir in all den Jahren im Rampenlicht der Öffentlichkeit gestanden hätten. Aber die Welt ist nun weiter fortgeschritten und bereit, in Richtung einer Weltregierung zu marschieren. Die übernationale Herrschaft einer intellektuellen Elite und den Weltbankiers ist sicherlich vorzuziehen gegenüber der nationalen Selbstbestimmung, die in vergangenen Jahrhunderten praktiziert wurde.“

(David Rockefeller, in einer Ansprache eines Treffens der Trilateral Commission 1991)

„Nur die kleinen Geheimnisse müssen gewahrt werden, die großen wahren sich selbst aufgrund öffentlichen Unglaubens.“

(Marshall McLuhan, Medienguru)



Siehe vollständigen Artikel: Geld regiert die Welt

Dienstag, 8. Juli 2008

Die Demokratische Republik Kongo kann ganz Afrika und die Länder der Europäischen Union ernähren

von Joseph M. Kyalangilwa, Präsident des Great Lakes Forum International (Schweiz)

In mehreren bereits publizierten Artikeln wurde gezeigt, dass, wenn die Länder Afrikas ihre landwirtschaftlichen Möglichkeiten wirklich ausschöpften, sie die in grossen Mengen konsumierten Nahrungsmittel (Reis, Mais, Sorgho, Soja, Bananen, Maniok, süsse Kartoffeln, Palmöl usw.) mit Sicherheit nicht mehr aus anderen Kontinenten importieren müssten. Die Milliarden afrikanischer Öldollars flössen nicht mehr in die Taschen der Multimilliardäre jenseits des Atlantiks, sondern könnten für Aufbau und Entwicklung ganz Afrikas verwendet werden. Die Erdöl produzierenden afrikanischen Länder, die über wenig Ackerland verfügen, könnten ihrer Bevölkerung Nahrungssicherheit garantieren, indem sie zu niedrigeren Preisen absolut frische Nahrungsmittel aus denjenigen afrikanischen Ländern importierten, die über reiche landwirtschaftliche Ressourcen verfügen. Dieser wirtschaftliche Austausch würde die Entwicklung der einen und der anderen ermöglichen, ohne Rückgriff auf unmenschliche Konditionen, wie sie momentan den afrikanischen Regierungen von den traditionellen westlichen Geldgebern aufgezwungen werden.

Der Landwirtschaft muss Vorrang gegeben werden

Die Rohstoffvorkommen und die Erdölreserven werden eines Tages erschöpft sein, die Landwirtschaft nicht. Man sagt, regieren heisse vorausschauen. Demzufolge müssen die afrikanischen Regierungen, die verkünden, im obersten Interesse ihrer Länder zu handeln, ein Minimum von 25% des Staatshaushalts für die Landwirtschaft freistellen. Die Chinesen betonen immer wieder, dass es viel besser sei, ein Volk zu lehren, für sich selbst zu sorgen, als unnötig Zeit zu verlieren, indem man es punktuell mit Hilfe von aussen versorgt. Deshalb sollten bei der Nominierung von Ministern für Landwirtschaft, Fischerei und ländliche Entwicklung nicht nur deren unternehmerische Fähigkeiten, sondern auch ihr Fachwissen und ihre Erfahrung im Bereich der Landwirtschaft berücksichtigt werden. Die Zeit der zuckersüssen, unterhaltsamen Reden afrikanischer Politiker, die seit über 40 Jahren nur den falschen Versprechungen der westlichen Geldgeber und internationaler Organisationen Rechnung tragen, ist vorbei. All diese Versprechen haben nie zu Resultaten geführt, die die Bevölkerung der afrikanischen Länder befriedigt hätten, und werden auch nicht dazu führen. Doch auch diese Völker haben das Recht auf Nahrungssicherheit und auf eine friedliche Entwicklung von innen heraus.

Zentralafrika verfügt über viel Ackerland

Die Demokratische Republik Kongo verfügt heute über 80 000 000 ha bzw. 800 000 km2 Ackerland und steht diesbezüglich weltweit direkt hinter Brasilien. Sie wäre in der Lage, zwei Milliarden Menschen zu ernähren, was ganz Afrika (918 014 166 Einwohner) und Amerika (902 157 549 Einwohner) oder Afrika und Europa (734 129 205 Einwohner) und Ozeanien (33 594 581 Einwohner) entspräche.

Die Demokratische Republik Kongo ist eines der Länder Zentralafrikas. Gemäss der Resolution Nr. CM/Res. 464 (XXXVI), die am 23. Februar und am 1. März 1976 von der Afrikanischen Union verabschiedet wurde, setzt sich die Region Zentralafrikas aus folgenden Ländern zusammen: 1. Kamerun, 2. Zentralafrikanische Republik, 3. Kongo Brazzaville, 4. Demokratische Republik Kongo, 5. Gabun, 6. Äquatorialguinea, 7. Sao Tomé und Principe und 8. Tschad. Diese Länder verfügen über riesige Wälder, die entlang des Flussbeckens des Kongo wachsen und speziellem weltweitem Schutz unterstellt sind. Die folgende Tabelle gibt Auskunft über die Fläche der acht Länder und den Anteil an genutztem Ackerland. (vgl. Tabelle 1)Aus der Tabelle 1 geht deutlich hervor, dass, mit Ausnahme Kameruns, die Fläche des genutzten Ackerlandes aller anderen Länder Zentralafrikas im Verhältnis zu deren Gesamtfläche, die vorwiegend mit tropischem Regenwald bedeckt ist, verschwindend klein ist. In Anbetracht des Bevölkerungswachstums (die Bevölkerung Zentralafrikas verdoppelt sich alle zwanzig Jahre und besteht zu 67% aus unter 18jährigen) ist es dringend notwendig, dass jedes Land dieser Region 15% seines Bodens zu nutzbarem Ackerland macht. Die folgende Tabelle zeigt die Flächen des im Moment bebauten Ackerlandes und diejenigen, die in naher Zukunft genutzt werden können. Was die Demokratische Republik Kongo betrifft, macht das Ackerland 80 000 000 ha oder 800 000 km2 aus, also 34,115% der Gesamtfläche des Landes. (vgl. Tabelle 2)Mit dem bis 2018 nutzbar gemachten Ackerland wird Zentralafrika in der Lage sein, die Nahrungssouveränität für seine Bevölkerung, dann etwa 150 000 000 Einwohner, zu garantieren und zusätzliche 2 Milliarden Menschen zu ernähren. In dieser Periode wird die Demokratische Republik Kongo erst 35,2 Millionen seiner 80 Millionen ha Ackerland genutzt haben. Länder des Westens, die über den sukzessiven Rückgang der Erdölproduktion beunruhigt sind, beabsichtigen, die Produktion von Biotreibstoffen zu intensivieren. Die Länder, die auf Grund ihrer landwirtschaftlichen Möglichkeiten dafür ins Auge gefasst werden, sind Brasilien und die Demokratische Republik Kongo. Die Regierung der Demokratischen Republik Kongo muss ab sofort wachsam bleiben und muss mit allen Mitteln vermeiden, sich durch die verlockenden Angebote von Milliarden von US-Dollars blenden zu lassen, die die Investoren bringen, um Lizenzen für die Nutzung von Millionen von Hektaren Ackerland zu erwerben, um dort Palmöl zu produzieren, das dann zu Bio­treibstoff verarbeitet wird. Solche Investitionen sind nicht grundsätzlich abzulehnen, aber es kommt nicht in Frage, dass dafür Flächen im tropischen Regenwald freigegeben werden. Das Land besitzt bereits enorm grosse Flächen an nutzbarem Ackerland, das im Moment brachliegt. Der Diktator Mobutu hatte es 1974 im Rahmen der Verstaatlichung von Ländereien ­Politikern aus seinen Reihen zugeschanzt. Diese haben es aber mangels Erfahrung vernachlässigt und schliesslich ganz verlassen. Man wird beipflichten, dass die Demokratische Republik Kongo es nicht versäumt, ihre Bevölkerung zu ernähren. Die im Ackerbau tätigen Bauern fahren fort, Nahrungsmittel zu produzieren, aber 1984 zum Beispiel verfaulten ihre Produkte, weil Verbindungs­strassen fehlten, auf denen die Lebensmittel in die Konsumzentren hätten transportiert werden können. Diese isolierte Lage der ländlichen Anbaugebiete leistete der Unsicherheit Vorschub und führte dazu, dass die Landbewohner in die Städte abwanderten.

1980 lebten mehr als 80% der kongolesischen Bevölkerung innerhalb des Landes von Unterstützung. Die Landesregierung muss schwerpunktmässig in die nationale Infrastruktur investieren und alles tun, um die landwirtschaftlichen Transportwege, in der Regel Naturstrassen, die innert nützlicher Frist instand gesetzt werden können, zu allen Jahreszeiten passierbar zu machen. Dann werden die Leute mit Sicherheit aus der Stadt wieder aufs Land zurückkehren. Als Beispiel sei die Wiederherstellung der Verkehrsachse Bukavu–Kasongo über Mwenga–Kamituga erwähnt, die leider 150 km vor Bukavu noch ihrer Fertigstellung harrt. Viele Bewohner Bukavus erwerben aber bereits Parzellen und zur Nutzung freigegebenes Landwirtschaftsland längs dieser Strasse. Sie bauen dort Wohnhäuser, Läden und bald auch Fabriken zur Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte (Öl, Reis, Getreide), aber auch Hotels und Restaurants mit ländlicher Küche, usw. Dasselbe gilt für die kürzlich eröffnete Verkehrsachse in der Äquator-Provinz. Die Bewohner von Lubumbashi (Katanga) hingegen beklagen einen Mangel an Mais, während Tausende von Tonnen Mais im Distrikt Tanganyila verfaulen. Die Ursache ist überall dieselbe: fehlende Transportwege für die landwirtschaftlichen Produkte. Die Minister für Landwirtschaft, Verkehr und Infrastruktur, Tiefbau und Wiederaufbau müssen etwas unternehmen, damit die Bauern nicht entmutigt aufgeben. Die Demokratische Republik Kongo darf nicht als Land betrachtet werden, das nicht in der Lage ist, sich selber zu ernähren.•



Quelle: Zeit-Fragen