Montag, 27. Oktober 2008

Israelischer Bestseller bricht nationales Tabu

Jonathan Cook
Keiner ist mehr überrascht als Shlomo Sand, dass seine letzte akademische Arbeit seit 19 Wochen auf Israels Bestsellerliste steht – und dass der Professor für Geschichte solch einen Erfolg hat, obwohl sein Buch Israels größtes Tabu bricht.

Dr. Sand behauptete, dass die Idee einer jüdischen Nation --die dringend einen sicheren Hafen benötigte, ursprünglich dazu verwendet wurde, um die Gründung des Staates Israel zu rechtfertigen – ein Mythos ist, der erst seit gut 100 Jahren besteht. Dr. Sand, ein Experte der europäischen Geschichte an der Tel Aviver Universität, machte gründliche historische und archäologische Untersuchungen, um nicht nur seine Behauptung zu bestätigen, sondern noch einige mehr – die alle gleich kontrovers sind. Außerdem behauptet er, dass die Juden niemals aus dem Heiligen Land vertrieben worden waren, dass die meisten der heutigen Juden gar keine historischen Verbindungen zum Land, das Israel genannt wird, haben, und dass die einzige politische Lösung für den Konflikt des Landes mit den Palästinensern der wäre, den jüdischen Staat abzuschaffen. Der Erfolg des „Wann und wie wurde das jüdische Volk erfunden?“ wird sich wahrscheinlich rund um die Erde wiederholen. Eine französische Ausgabe kam im letzten Monat heraus und wird so schnell verkauft, dass es schon eine dritte Auflage gibt. Übersetzungen in ein Dutzend Sprachen, einschließlich arabisch und englisch wurden schon in Angriff genommen. Aber er sagte bereits eine scharfe Reaktion von Seiten der Pro-Israel-Lobby voraus, wenn es von seinem englischen Verleger Verso im nächsten Jahr in den USA herausgegeben wird. Im Gegensatz dazu sind die Israelis – wenn auch nicht gerade hilfreich - so doch wenigstens neugierig auf seine Argumente gewesen. Tom Segev, einer der führenden Journalisten des Landes, nannte das Buch „faszinierend und herausfordernd“. Überraschenderweise schreckten seine akademischen Kollegen in Israel zurück, sich mit seinen Argumenten aus einander zu setzen, sagte er. Eine Ausnahme sei Israel Bartal, ein Professor für jüdische Geschichte an der hebräischen Universität in Jerusalem.

In Haaretz der israelische Tageszeitung gibt er sich keine große Mühe, Dr. Sands Behauptungen zu widerlegen. In seinem Artikel geht es ihm weniger darum, seinen Beruf zu verteidigen: er meint, dass die israelischen Historiker über das Wesen der jüdischen Geschichte nicht so ignorant seien, wie Dr. Sand es behauptet. Die Idee zu diesem Buch sei ihm schon vor vielen Jahren gekommen, sagte Dr. Sand, aber er wartete damit und begann es erst vor kurzem. „Ich kann nicht behaupten, dass ich besonders mutig bin, das Buch erst jetzt zu veröffentlichen, “ich wartete damit bis ich Ordinarius bin. Man muss in der israelischen akademischen Welt für Ansichten dieser Art einen Preis bezahlen.“ Dr. Sands Hauptargument ist, dass bis vor etwas mehr als einem Jahrhundert, Juden sich selbst nur als Religionsgemeinschaft verstanden. Zur Jahrhundertwende des19./20. Jahrhundert stellten zionistische Juden diese Idee in Frage und begannen eine nationale Geschichte mit der Idee zu erfinden, dass es abgesehen von einer jüdischen Religion auch ein jüdisches Volk gebe. Genauso war den Juden die zionistische Idee, dass Juden verpflichtet seien, aus dem Exil in das „verheißene Land“ zurückzukehren , ganz fremd, fügte er hinzu. „Der Zionismus veränderte die Idee von Jerusalem. Vorher waren die heiligen Stätten nur als Orte der Sehnsucht angesehen, nicht als solche, an denen man leben sollte. 2000 Jahre lang blieben Juden von Jerusalem weg, nicht weil sie nicht zurückkehren konnten, sondern weil es ihnen ihre Religion verwehrte, bevor der Messias kommt.

Die größte Überraschung während seiner Nachforschungen kam, als er nach den archäologischen Beweisen aus der biblischen Ära zu suchen begann. „Ich war nicht als Zionist großgezogen worden, aber wie alle andern Israelis nahm ich es als selbstverständlich, dass die Juden ein Volk waren, das in Judäa lebte und dass alle von den Römern im Jahre 70 n.Chr. vertrieben worden waren.

„Aber als ich begann, nach den Beweisen zu schauen, entdeckte ich, dass die Königreiche von David und Salomo Legenden waren. „ So ähnlich ist es mit dem Exil. Tatsächlich kann man das Judentum nicht ohne das Exil erklären. Aber als ich damit anfing, nach Geschichtsbüchern zu suchen, die die Ereignisse dieses Exils beschreiben, konnte ich nichts finden, nicht eines. „ Und zwar deshalb, weil die Römer keine ganzen Völker vertrieben hatten. Tatsächlich waren Juden in Palästina vor allem Bauern, und aller Wahrscheinlichkeit nach blieben sie deshalb auf ihrem Land.“

Bild: Orphans, © Ursula Behr, http://www.atelier-behr.de/
Stattdessen glaubt er, dass eine alternative Theorie plausibler ist: das Exil war ein Mythos, der von den frühen Christen erfunden wurde, um die Juden dem neuen Glauben zuzuführen. „Die Christen wollten, dass spätere Juden glaubten, ihre Vorfahren seien als Strafe Gottes vertrieben worden ( weil sie Jesus nicht als Messias angenommen hatten R.). Wenn es also kein Exil gab, wie ist es dann möglich, dass es so viel Juden über den ganzen Globus zerstreut gab, bevor der moderne Staat Israel damit begann, sie zur „Rückkehr“ zu ermutigen? Dr. Sand sagte, dass in den Jahrhunderten vor und nach der christlichen Ära, die jüdische Religion eine missionarische Religion war, die sich sehr um neue Anhänger bemühte. Dies wird in der römisch-lateinischen Literatur jener Zeit erwähnt.“ Juden reisten in andere Regionen und versuchten Konvertiten zu gewinnen, besonders im Yemen und unter den Berbern in Nordafrika. Jahrhunderte später konvertierte das Volk der Khazaren im Süden Russlands en masse zum Judentum und wurden so der Ursprung der aschkenazischen Juden Mittel- und Osteuropas. Dr. Sand weist auf den seltsamen Zustand der Leugnung hin, in dem die meisten Israelis leben, und macht auf Zeitungen aufmerksam, die vor kurzem ausführlich von der Entdeckung der Hauptstadt des Khazaren-Königreichs nahe des Kaspischen Meeres berichteten. Ynet, die Internetside von Israels meist gelesener Tageszeitung Yedioth Ahronoth hat die Überschrift: „Russische Archäologen finden die seit langem verlorene jüdische Hauptstadt.“ Doch keine der Zeitungen – so fügt er hinzu – hat die Bedeutung dieses Fundes zu den üblichen Berichten jüdischer Geschichte berücksichtigt.

Eine weitere Frage legt Dr. Sands Bericht nahe, wie er selbst bemerkt: wenn die meisten Juden nie das Heilige Land verlassen haben, was wurde aus ihnen?

„Es wird nicht in israelischen Schulen gelehrt, aber die meisten frühen zionistischen Führer, einschließlich David Ben Gurion glaubten, dass die Palästinenser die Nachkommen der ursprünglichen Juden des Gebietes waren. Sie glaubten, dass die Juden später zum Islam konvertierten. Dr.Sand schreibt seinen Kollegen (zu große) Zurückhaltung zu, um sich mit ihm zu einer stillschweigenden Anerkennung durch viele zu engagieren, damit das ganze Gebäude der „Jüdischen Geschichte“, wie sie noch an den israelischen Universitäten gelehrt wird, wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Das Problem mit dem Fach Geschichte in Israel hängt mit einer Entscheidung in den 30er-Jahren zusammen, wo man die Geschichte in zwei Disziplinen teilte: allgemeine Geschichte und jüdische Geschichte. Man nahm an, dass jüdische Geschichte ein eigenes Studienfach benötige, weil die jüdische Erfahrung als einzigartig betrachtet wurde. „Es gibt keine jüdische Abteilung für Politik oder Soziologie an den Universitäten. Nur Geschichte wird auf diese Weise gelehrt und hat so Spezialisten jüdischer Geschichte erlaubt, in einer insularen und konservativen Welt zu leben, in der sie nicht von modernen Entwicklungen der historischen Forschung berührt wurden.

„Ich bin in Israel dafür kritisiert worden, weil ich über jüdische Geschichte schreibe, obwohl mein Fachgebiet europäische Geschichte ist. Aber ein Buch wie dieses braucht einen Historiker, dem die üblichen Konzepte historischer Nachforschungen der akademischen Welt von überall vertraut sind.

Anmerkungen
Dieser Artikel erschien ursprünglich in The National, die in Abu Dhabi veröffentlicht wurde. www.antiwar.com/cook

Quelle: ZNet

Zum Thema:

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Freitag, 24. Oktober 2008

Kolonialer Zionismus



AUTOR: Zeev STERNHELL

Übersetzt von Ellen Rohlfs


Seit 30 Jahren sind die Siedlungen für mich ein destruktives Phänomen, das hinter Israels Zukunft ein großes Fragezeichen setzt. Tatsächlich ist das Siedlungsunterfangen ein ideologisches, politisches und soziales Phänomen, dem es gelungen ist, ein Zwittergebilde zu schaffen: den kolonialen Zionismus.

Es gab schon mehrere Variationen von Zionismus: den allgemeinen, den revisionistischen, den sozialistischen – mit oder ohne Anführungsstriche . Nun haben wir auch den kolonialen Zionismus, der sich auf ethnische und religiöse Ungleichheit gründet, ein Zionismus, der sich selbst als exklusiver Abgesandter der jüdischen Geschichte sieht. Das göttliche Versprechen und nicht die natürlichen Menschenrechte von Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstverwaltung sind in seinen Augen der einzige Ursprung für die Rechtmäßigkeit der Rückkehr der Juden ins Land Israel. Nach diesem Verständnis gehört das Land nicht nur den lebenden Juden, sondern auch allen früheren und zukünftigen Generationen; deshalb haben Mitglieder der gegenwärtigen Generation nicht das Recht, das Land mit Mitgliedern einer anderen Nation zu teilen.

Wenn wir von „ den Siedlungen“ sprechen, meinen wir natürlich nicht die große Mehrheit von Israelis, die aus Gründen von Annehmlichkeiten oder notgedrungen ( billigere Wohnung ) in der Westbank leben. Außerdem sprechen wir nicht über den einzelnen Siedler: wir reden über das Siedlungsunternehmen in der Weise, wie man über „Sozialismus“, „Konservatismus“ oder „Nationalismus“ redet, mit andern Worten über das, was für die Ideologie und die Bewegung wesentlich ist und sie charakterisiert.

Selbst der ideologische Kern, der im Wesentlichen die „Siedlungsbewegung“ ausmacht, ist nicht von einem Schlag. Zwischen der Hilltop-Jugend und vielen ihrer Eltern besteht eine große Kluft, nicht nur im Benehmen, sondern auch im Grad der Beziehungen zu universalen Werten.

Insgesamt werden sie jedoch alle von denselben Prinzipien genährt und haben dieselben Ziele. Da diese kleine Minderheit davon überzeugt ist, die absolute Wahrheit zu besitzen, glaubt sie, sie dürfe diese der ganzen Gesellschaft aufzwingen.

Deshalb zeigen ihre Führer und Sprecher gegenüber den schwachen Politikern und den Grundsätzen der Demokratie selbst nur Verachtung. Sie wissen, wie man die demokratischen Institutionen ausnützen kann, ignorieren aber die Menschenrechte und erkennen nur die Rechte der Juden an. Seit der Entscheidung des Obersten Gerichthofes zu Elon Moreh 1979, bei der das Gericht festlegte, es sei illegal, Privatland an sich zu reißen, greifen sie diese Institution der israelischen Demokratie an, den Wächter der individuellen Rechte.

Trotz der Macht, die der ideologische Siedler dank der Feigheit der Regierung erlangt hat, umgibt er sich mit dem Mantel eines Märtyrers, der von der linken Elite und den Medien angeblich kontrolliert wird. Obwohl er die besetzten Gebiete kontrolliert, möchte er als ständiges Opfer der linken Verschwörung dargestellt werden. Obwohl der ideologische Siedler seit fast vier Jahrzehnten eine Realität geschaffen hat, über die der israelische Wähler nie aufgerufen worden war zu entscheiden und auf subversive Weise die Militärbesatzung in eine „zivile“ Kontrolle verwandelt hat, die allen westlichen Normen widerspricht, hört er nicht zu schreien auf, er sei beraubt worden.

"Siedler" in Hebron


In Hebron ist eine Situation geschaffen worden, die eine nationale Schande ist, eine echte Sünde und ein Verbrechen: „hier ist Apartheid“, wie der Jurist Boaz Okun letzte Woche in Yedioth Achronot schrieb. Aber nicht nur in Hebron: die Situation in den (besetzten) Gebieten allgemein und die illegalen Außenposten im Besonderen, zusammen mit dem Raub privaten Landes, ist ein Beweis für den Bankrott des Staates, wenn er der Kühnheit und Entschlossenheit gegenübersteht, nicht vor ethischen oder rechtlichen Hindernissen aufzugeben. Auf diese Weise verletzt die Siedlungsbewegung täglich das Gesetz und schafft eine Gewaltkultur: Ofra und Beit El mögen ruhige und angenehme Orte sein, die von Idealisten bewohnt sind, aber zusammen mit ihren Außenposten Amona, Beit Hagedud und Ofra Nordost, Beit El Ost und Hügel 909 haben sie ein Gebiet an sich gerissen, das nach Aufnahmen aus der Luft und Informationen des Peace Now- Prüfungskomitees über 90% davon privates palästinensisches Land sind. (Zahlen vom Oktober 2006).

Schließlich will ich einen Punkt ein für alle Mal klar machen – ohne Verbindung zu dem Attentatversuch auf mich, dessen Täter zu irgend einer Fraktion der extremen Rechten und nicht unbedingt zur Siedlungsbewegung gehören. In drei Artikeln schrieb ich im Mai und Juni 2001 und erklärte meine Position hinsichtlich der Siedler ( Einer der Artikel schloss einen Paragraphen ein, der nicht sauber formuliert war) : Das Leben von Juden auf beiden Seiten der Grünen Linie ist gleich kostbar.

Und an anderer Stelle: „Die Siedlungsbewegung ist eine historische Katastrophe. Aber jetzt leben Menschen dort, deren Leben geschützt werden muss.“ Tatsächlich müssen wir unterscheiden zwischen den Individuen, für die wir verantwortlich sind, so lange sie dort sind – die Betonung liegt auf der Vorläufigkeit – und dem Siedlungsunternehmen als einem historischen Phänomen.

Ich hatte schon in der Vergangenheit in dieser Zeitung geschrieben, und ich wiederhole es noch einmal: wenn die israelische Gesellschaft nicht in der Lage ist, den nötigen Mut aufzubringen, mit den Siedlungen ein Ende zu machen, dann werden die Siedlungen dem Staat der Juden ein Ende machen und ihn in einen binationalen Staat verwandeln.

"Siedler" in Hebron


Quelle: Colonial Zionism

Originalartikel veröffentlicht am 17.10.2008

Über den Autor

Ellen Rohlfs ist eine Mitarbeiterin von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=6153&lg=de

KANAAN: 23/10/2008