Montag, 5. Oktober 2009

Exklusiv: Interview mit dem Führer von Hamas Chalid Maschal


AUTOR: Ken LIVINGSTONE
Übersetzt von Susanne Schuster. Lektoriert von Fausto Giudice

In einem exklusiven Interview diskutiert Ken Livingstone, Londons Bürgermeister von 2000 - 2008, mit dem Hamas-Führer Chalid Maschal über Religion, Gewalt und die Chance auf Frieden.

Der Schlüssel zum Frieden im Nahen Osten ist die Wiederherstellung internationalen Rechts und die Anerkennung des Rechts sowohl von Palästinensern als auch israelischen Juden, Seite an Seite in Frieden und Sicherheit zu leben. Laut Präsident Obama gibt es momentan keinen Friedensprozess. Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu fährt damit fort, illegale Siedlungen in der Westbank und Ostjerusalem zu erweitern und die fast vollständige Blockade von Gaza aufrechtzuerhalten. Die Palästinenser beschießen Israel mit uneffektiven Raketen. Israel greift palästinensische Gebiete regelmäßig mit modernen Waffen an.

Jeder große Konflikt kann nur gelöst werden, wenn beide Seiten miteinander reden. Dies war der Fall in Südafrika, Irland und zahllosen anderen Situationen, in denen die Menschen sagten, sie würden nie mit ihren Gegnern reden. Ich wurde in den Achtzigerjahren verunglimpft, weil ich sagte, man müsse mit Gerry Adams und Martin McGuinness reden, um den irischen Konflikt zu lösen.

Im Nahen Osten kann Frieden nur durch einen Dialog zwischen den gewählten Repräsentanten sowohl der Israelis als auch der Palästinenser erreicht werden - und das bedeutet Hamas, die in der letzten palästinensischen Parlamentswahl eine große Mehrheit gewann, als auch Fatah. Das bedeutet nicht, dass ich mit den Ansichten von Hamas, Fatah oder der israelischen Regierung übereinstimme. Ganz im Gegenteil, das tue ich nicht. Ich meine zum Beispiel, dass einige Abschnitte in der Original-Hamas-Charta inakzeptabel sind und verworfen werden sollten. Viele Beobachter glauben, dass dies auch die Meinung einiger Hamas-Mitglieder ist.

Doch für zu viele Menschen bleibt Hamas als Organisation zu undurchsichtig. Was sie über sie wissen, entstammt feindlich gesinnten Medien; sie hat kein Gesicht. Die meisten denken wahrscheinlich, dass ihr Führer irgendein gestörter Osama Bin Laden-Typ ist. Tatsächlich sind die al-Qaida-Anhänger in Gaza Hamas gegenüber so feindlich gesinnt, dass sie Hamas den Krieg erklärt haben.

Aus diesen Gründen ist es meines Erachtens wichtig, den tatsächlichen Führer von Hamas, Chalid Maschal, der im Exil in Syrien lebt, zu interviewen. Nicht alle Punkte sind klar. Doch am Anfang jedes Friedensprozesses ist der Dialog am wichtigsten. Das Gespräch ist notwendig, um zu Klarheit und gegenseitigem Verständnis zu gelangen. Sinn Fein beantwortete am Anfang nicht jede Frage und Benjamin Netanjahu tut dies gegenwärtig auch nicht. Maschals Antworten kommen in einer Zeit verstärkter Spannungen und erneuter Todesdrohungen gegen ihn, zusätzlich zu der permanenten Gefahr eines Mordanschlags sowohl seitens der Israelis als auch der al-Qaida-Anhänger in der Region.

Ich hoffe, dieses Interview hilft dabei, Argumente zu liefern für den benötigten Dialog, der meines Erachtens unvermeidbar ist. Die Frage ist nur, wie viel Leid es auf beiden Seiten geben wird, bevor wir dahin gelangen.
Ken Livingstone: Könnten Sie ein bisschen über Ihre Kindheit erzählen und die Erfahrungen, die Sie in Ihrer Entwicklung zu dem Menschen, der Sie heute sind, geprägt haben?

Chalid Maschal : Ich wurde 1956 in Silwad, einem Dorf in der Westbank, nahe Ramallah geboren. In meiner frühen Kindheit lernte ich von meinem Vater, wie er bei der palästinensischen Revolution gegen das britische Mandat in Palästina in den 1930er Jahren mitmachte und wie er an der Seite anderer Palästinenser mit primitiven Waffen gegen die gut ausgerüsteten und gut trainierten zionistischen Banden, die 1948 palästinensische Dörfer angriffen, kämpfte.

Ich lebte 11 Jahre lang in Silwad, bis zum Krieg 1967, als ich mit meiner Familie, wie Hundertausende Palästinenser, dazu gezwungen wurde, unser Zuhause zu verlassen und uns in Jordanien anzusiedeln. Das war eine schockierende Erfahrung, die ich niemals vergessen werde.

KL: Wie ist es Ihnen nach dem Krieg ergangen?

CM: Bald danach zog ich von Jordanien nach Kuwait um; mein Vater war schon vor 1967 dort hingezogen und arbeitete dort. Nachdem ich 1970 die Grundschule und untere Sekundarstufe abgeschlossen hatte, ging ich in die angesehene Abdullah al-Salim-Schule. Anfang der 1970er Jahre war sie das Zentrum äußerst reger politischer und ideologischer Aktivität.

Während meines zweiten Jahres an der al-Salim-Schule schloss ich mich der Muslimbruderschaft (al-ichwan al-muslimun) an. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Oberstufe wurde ich zur Kuwait University zugelassen, wo ich Physik studierte.

An der Kuwait University gab es einen sehr aktiven Zweig der General Union of Palestinian Students (GUPS), der Allgemeinen Union der Palästinensischen Studenten, der unter der absoluten Kontrolle der Fatah-Bewegung stand. Ich und meine islamistischen Kommilitonen entschieden uns 1977, dem von uns zunächst gemiedenen GUPS anzuschließen und uns zur Wahl zur Führung aufstellen zu lassen. Es war jedoch unmöglich, innerhalb des GUPS zu agieren; wir fühlten uns ständig in unserer Arbeit behindert und realisierten, dass man uns Islamisten niemals eine Chance geben würde. 1980, zwei Jahre nach meiner Graduierung, entschlossen sich meine jüngeren Studienkollegen, GUPS zu verlassen und ihre eigene palästinensische Vereinigung zu gründen.

Viele der Studenten wurden enttäuscht von der palästinensischen Führung, die darauf bedacht schien, sich mit viel weniger zufriedenzugeben, als jene sich im Laufe ihres Erwachsenwerdens erträumt hatten, nämlich die vollkommene Befreiung Palästinas und die Rückkehr aller Flüchtlinge in ihre Heimat.

KL: Wie ist die gegenwärtige Situation in Gaza?

CM: Gaza steht im Augenblick unter Belagerung. Die Übergänge sind die meiste Zeit geschlossen und den Opfern des israelischen Krieges gegen Gaza wird seit Monaten der Zugang zu Baumaterialien zum Wiederaufbau ihrer zerstörten Häuser verweigert. In vielen Abschnitten des Gazastreifens müssen Schulen, Krankenhäuser und Häuser neu gebaut werden. Zehntausende Menschen sind immer noch obdachlos. Wenn der Winter kommt, wird sich der Zustand dieser Opfer in der Kälte und im Regen nur noch verschlimmern. Eineinhalb Millionen Menschen werden in einem der größten Gefängnisse in der Geschichte der Menschheit als Geiseln gehalten. Sie können nicht frei aus dem Streifen ausreisen, ob für ärztliche Behandlung, für Bildung oder aufgrund anderer Bedürfnisse. Was in Gaza passiert, ist eine Katastrophe und ein von den Israelis begangenes Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Weltgemeinschaft wirkt bei diesem Verbrechen durch ihr Schweigen und ihre Gleichgültigkeit insgeheim mit.

KL: Warum verhängt Israel Ihrer Meinung nach immer noch eine Blockade über Gaza?

CM: Die Israelis behaupten, dass die Blockade aus Sicherheitsgründen aufrechterhalten wird. Die wahre Absicht ist, durch die Bestrafung der gesamten Bevölkerung auf Hamas Druck auszuüben. Die Sanktionen wurden verhängt, bald nachdem Hamas die Wahlen in Palästina im Januar 2006 gewonnen hatte. Zwar ist Sicherheit eine ihrer Sorgen, doch ist sie nicht der Hauptbeweggrund. Das Hauptziel ist es, einen Staatsstreich zu provozieren, als Reaktion auf die demokratischen Wahlen, durch die Hamas an die Macht gekommen ist. Die Israelis und ihre Verbündeten versuchen, Hamas zu Fall zu bringen, indem sie das Volk verfolgen. Das ist ein furchtbares und unmoralisches Unterfangen. Die Blockade dauert gegenwärtig fort, trotz der Tatsache, dass wir in den letzten sechs Monaten einen Waffenstillstand eingehalten haben. Letztes Jahr wurde von Juni bis Dezember 2008 eine Waffenruhe eingehalten. Doch die Blockade wurde niemals aufgehoben und die Sanktionen blieben bestehen. Die Unterminierung von Hamas ist das Hauptziel der Blockade. Die Israelis hoffen, dass sie durch eine Erhöhung des Leidensdrucks auf die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens erreichen, dass sich das Volk von Gaza gegen Hamas wendet.

KL: Wieviele Hamas-Anhänger und gewählte Repräsentanten von Hamas sind in israelischen Gefängnissen? Sind sie alle eines Verbrechens angeklagt und verurteilt worden?

CM: Von insgesamt 12.000 palästinensischen Gefangenen in israelischer Haft sind etwa 4.000 Hamas-Mitglieder. Viele davon sind Minister und Parlamentarier (Mitglieder des palästinensischen Legislativrats). Etwa zehn sind kürzlich freigelassen worden, aber etwa 40 Mitglieder des palästinensischen Legislativrats sind noch in Haft. Einige erhielten einen Urteilsspruch, aber viele werden noch in einer von den Israelis sogenannten "Administrativhaft" festgehalten. Das einzige Verbrechen, dessen diese Leute bezichtigt werden, ist ihre Verbindung mit der parlamentarischen Gruppe von Hamas. Die Ausübung von demokratischen Rechten wird von Israel als ein Verbrechen angesehen. Alle diese Palästinenser werden vor ein israelisches Justizsystem gebracht, das mit Gerechtigkeit nichts zu tun hat. Das israelische Gerichtswesen ist ein Instrument der Besetzung. In Israel gibt es zwei Justizsysteme: eines gilt für Israelis und ein anderes gilt für Palästinenser. Dies ist ein Apartheid-Regime.

KL: Welche Rolle, wenn überhaupt, spielen andere Staaten und Institutionen wie die USA, die EU, Großbritannien, Ägypten oder die palästinensische Behörde bei der Blockade Gazas?

CM: Die Blockade von Gaza wäre ohne die stillschweigende Zustimmung der regionalen und internationalen Mächte niemals erfolgreich gewesen.

KL: Wie kann die Blockade Ihrer Meinung nach aufgehoben werden?

CM: Damit die Blockade aufgehoben werden kann, muß internationales Recht eingehalten werden. Die grundlegenden Menschenrechte der Palästinenser und Ihr Recht auf ein Leben in Würde und frei von Verfolgung müsste anerkannt werden. Es muß international den Willen geben, der Gerechtigkeit Genüge zu tun und die Grundlagen des internationalen Menschenrechts aufrechtzuerhalten. Die internationale Gemeinschaft müsste sich von den Fesseln israelischen Drucks befreien, die Wahrheit sagen und dementsprechend handeln.

KL: Israel sagt, die Bombardierung und Invasion von Gaza im letzten Jahr sei eine Reaktion auf den wiederholten Bruch der Waffenruhe durch Hamas und den Raketenbeschuss Südisraels gewesen. Ist dies der Fall?

CM: Die Israelis sagen nicht die Wahrheit. Wir schlossen mit Israel eine Waffenstillstandsvereinbarung von 19. Juni bis 19. Dezember 2008 ab. Doch die Blockade wurde nicht aufgehoben. Das Abkommen bedingte eine gegenseitige Waffenruhe, die Aufhebung der Blockade und die Öffnung der Übergänge. Wir hielten die Waffenruhe gänzlich ein, während Israel sie nur teilweise befolgte und bis zum Ende des Zeitraumes seine Kampfhandlungen wieder aufnahm. Den ganzen Zeitraum hindurch hielt Israel die Blockade aufrecht und öffnete einige der Übergänge nur periodisch, nur maximal 10 Prozent des Grundbedarfs der Gazaer Bevölkerung wurde durchgelassen. .Israel zerstörte das Potential für eine Verlängerung des Waffenstillstandes, weil es ihn absichtlich und wiederholt verletzt hat.

Ich habe meine westlichen Besucher, einschließlich den früheren US-Präsidenten Jimmy Carter, immer darüber informiert, dass sobald Hamas eine Waffenruhe angeboten wird, die die Aufhebung der Blockade und die Öffnung der Übergänge einschließt, Hamas eine positive Haltung einnehmen wird. Bis jetzt hat uns niemand ein solches Angebot gemacht. Was uns betrifft, so kommt die Blockade einer Kriegserklärung gleich, die Selbstverteidigung rechtfertigt.

KL: Was ist die Ideologie und was sind die Ziele von Hamas?

CM: Unser Volk ist das Opfer eines kolonialen Projekts, das Israel heißt. Seit Jahren erleiden wir verschiedene Formen der Unterdrückung. Die Hälfte unseres Volkes ist enteignet worden und ihm wird das Recht auf Rückkehr in seine Häuser verweigert, die andere Hälfte unseres Volkes lebt unter einer Besatzungsmacht, die seine grundlegenden Menschenrechte verletzt. Hamas kämpft für ein Ende der Besetzung und für die Wiederherstellung der Rechte unseres Volkes, einschließlich seines Rechts auf Rückkehr in seine Heimat.

KL: Was ist Ihrer Ansicht nach die Ursache des Konflikts zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern?

CM: Der Konflikt ist das Ergebnis von Gewalt und Besetzung. Wir kämpfen gegen die Israelis nicht weil sie Juden sind, sondern weil sie in unser Heimatland eingefallen sind und uns enteignet haben. Wir akzeptieren nicht, dass die Juden das Recht haben, unser Land zu nehmen und uns hinauszuwerfen, weil sie einst in Europa verfolgt wurden. Das von den Juden in Europa erlittene Unrecht war schrecklich und kriminell, aber es wurde nicht von den Palästinensern oder den Arabern oder den Moslems begangen. Warum also sollen wir für die Sünden anderer büßen oder für ihre Verbrechen bestraft werden?

KL: Glauben Sie, dass Israel weiterhin beabsichtigt, seine Grenzen zu erweitern?

CM: Israel hat offiziell keine festgelegten Grenzen. Als Israel vor 62 Jahren auf unserem Heimatland gegründet wurde, träumten seine Gründer von einem "Großisrael", das sich vom Nil bis zum Euphrat erstrecken würde. Der Expansionismus offenbarte sich zu verschiedenen Zeitpunkten: 1956, 1967 und danach mit der Besetzung verschiedener Gebiete im Libanon in den 1980er Jahren. Die Schwäche der Araber, die militärische Überlegenheit der Israelis, die Unterstützung Israels seitens der westlichen Mächte und die Massaker, die Israel bereit war, an unbewaffneten Zivilisten in Palästina, Ägypten und Libanon zu verüben, ermöglichten die schrittweise Expansion Israels. Obwohl der Expansionismus immer noch im Denken vieler Israelis verankert ist, scheint es so, als würde er keine praktikable Alternative mehr darstellen. Der libanesische und palästinensische Widerstand hat Israel dazu gezwungen, sich einseitig aus Gebieten zurückzuziehen, die es vorher durch Krieg und Angriffe besetzt hatte. Während Israel in der Vergangenheit noch mehrere arabische Armeen besiegen konnte, sieht es sich heute enormem Widerstand gegenüber, der nicht nur seinen Expansionismus in Schach halten wird, sondern es mit der Zeit auch dazu zwingen wird, mehr der von Israel illegal besetzten Gebiete aufzugeben.

KL: Was sind Ihre Hauptziele? Ist Hamas hauptsächlich eine politische oder eine religiöse Organisation?

CM: Hamas ist eine nationale Befreiungsbewegung. Wir sehen keinen Widerspruch zwischen unserer islamischen Identität und unserer politischen Mission. Während wir uns mit der Besatzungsmacht durch Widerstand und Kampf auseinandersetzen, um die Rechte unseres Volkes zu verwirklichen, sind wir gleichzeitig stolz auf unsere vom Islam abgeleitete religiöse Identität. Im Gegensatz zu den europäischen Erfahrungen mit dem Christentum, ist im Islam eine kirchliche Autorität weder vorgesehen noch erforderlich bzw. anerkannt. Er liefert nur umfangreiche Verhaltensrichtlinien, deren detaillierte Interpretation von menschlichen Bemühungen abhängig und ihr Produkt sind (ijtihad).

KL: Haben Sie sich der Zerstörung Israels verschrieben?

CM: Was wirklich passiert, ist die Zerstörung des palästinensischen Volks durch die Israelis; sie sind es, die unser Land besetzen und uns verbannt haben, uns töten, uns einkerkern und unser Volk verfolgen. Wir sind die Opfer, Israel ist der Unterdrücker und nicht umgekehrt.

KL: Warum unterstützt Hamas in diesem Konflikt militärische Gewalt?

CM: Militärische Gewalt ist eine Option, auf die unser Volk zurückgreift, weil sonst nichts funktioniert. Israels Gebaren und die Kollusion der internationalen Gemeinschaft, ob durch Schweigen, Gleichgültigkeit oder eigentliche Verwicklung rechtfertigen bewaffneten Widerstand. Wir würden sehr gerne eine friedliche Lösung dieses Konflikts sehen. Wenn die Besetzung beendet würde und unser Volk das Recht auf Selbstbestimmung in seinem Heimatland erhielte, dann bestünde keine Notwendigkeit, Gewalt anzuwenden. Die Realität ist, dass fast 20 Jahre friedlicher Verhandlungen zwischen den Palästinensern und den Israelis keine unserer Rechte wiederhergestellt haben. Im Gegenteil, infolge der von den palästinensischen Unterhändlern eingegangenen einseitigen Kompromisse haben wir mehr Leiden und mehr Verluste auf uns gezogen.

Seit die PLO 1993 den Osloer Friedensvertrag mit Israel abgeschlossen hat, ist mehr palästinensisches Land in der Westbank von den Israelis enteignet worden, um mehr illegale jüdische Siedlungen zu bauen, bestehende zu erweitern und Fernstraßen zu bauen, die nur von den in diesen Siedlungen lebenden Israelis benutzt werden können. Die von den Israelis entlang der Westbank errichtete Apartheidmauer hat große Gebiete verschlungen, die dem Friedensabkommen zufolge eigentlich an die Palästinenser zurückgegeben werden sollten.

Die Apartheidmauer und Hunderte Checkpoints haben die Westbank in isolierte Enklaven verwandelt, wie Zellen in einem großen Gefängnis, was das Leben unerträglich macht.

An Jerusalem wird ständig herumgebastelt, um seine Landschaft und Identität zu verändern; Hunderte palästinensischer Häuser innerhalb der Stadt und rund um die Stadt sind zerstört worden, wodurch Tausende von Palästinensern in ihrer eigenen Heimat obdachlos gemacht wurden. Anstatt palästinensische Häftlinge freizulassen, haben die Israelis seit der Friedenskonferenz 2007 in Annapolis zusätzlich 5.000 Palästinenser festgenommen - diese Aktionen zeugen davon, dass sie an Frieden einfach nicht interessiert sind.

KL: Beteiligt sich Hamas an militärischen Aktionen außerhalb von Palästina?

CM: Nein; seit seiner Gründung vor 22 Jahren beschränkt Hamas seine Militäreinsätze auf das besetzte Palästina.

KL: Wünschen Sie in Palästina einen islamischen Staat zu errichten, in dem alle anderen Religionen untergeordnet sind?

CM: Unsere Priorität als eine nationale Befreiungsbewegung ist die Beendigung der israelischen Besetzung unseres Heimatlandes. Wenn unser Volk in seinem Land einmal frei ist und das Recht auf Selbstbestimmung genießt, dann hat es allein das letzte Wort bei der Entscheidung darüber, unter welcher Art von Staatsführung es zu wünschen lebt. Wir glauben fest daran, dass der Islam einem Volk nicht aufgezwungen werden kann. Wir werden für ein islamisches Programm kämpfen, im Zuge eines vollen demokratischen Prozesses. Wenn die Menschen dann dafür optieren, dann ist es ihre Wahl. Wir glauben, dass der Islam die beste Quelle für Lebensrichtlinien und der beste Garant für die Rechte von Moslems wie auch Nichtmoslems ist.

KL: Macht Hamas islamische Bekleidung in Gaza Pflicht? Wird es den Frauen in Gaza zum Beispiel vorgeschrieben, den Hidschab, den Niqab oder die Burka zu tragen?

CM: Nein. In intellektueller Hinsicht leitet Hamas seine Vision von der Kultur und Religion des Volkes ab. Der Islam ist unsere Religion und er ist Grundbestandteil unserer Kultur. Wir sprechen anderen Palästinensern nicht das Recht ab, andere Visionen zu haben. Wir drängen den Leuten keine religiösen oder sozialen Verhaltensweisen auf. Religiöse Verhaltensweisen unter den Menschen Gazas sind echt und spontan; die einzige Autorität, die sie einem auferlegen kann, ist der Glaube und die Überzeugung der Gläubigen.

KL: Es wird behauptet, dass die Trennung des palästinensischen Volks in Westbank und Gaza und in Fatah und Hamas, was ihre Position offensichtlich schwächt, herbeigeführt wurde, weil Hamas die Macht in Gaza durch Gewalt ergriffen hat. Stimmt dies und wie erklären Sie diese Trennung?

CM: Zweifellos schwächt diese Trennung die Palästinenser und schadet ihrer Sache. Diese Trennung wird jedoch nicht von Hamas verursacht, sondern dadurch, dass bestimmte internationale und regionale Parteien darauf bestehen, das Resultat palästinensischer Demokratie umzukehren. Sie waren bestürzt darüber, dass Hamas vom palästinensischen Volk gewählt wurde.

Diese Trennung wird verschlimmert durch die Existenz einer palästinensischen Partei, die von denselben regionalen und internationalen Parteien, einschließlich der USA und Israel, die Hamas gerne von der Bühne haben wollen, Ermächtigung sucht. Bald nach ihrem Wahlsieg im Januar 2006 wurden alle Anstrengungen unternommen, um die Regierungsfähigkeit von Hamas zu unterminieren.

Als diese Anstrengungen fehlschlugen, wurde US-Army General Keith Dayton, der derzeit als US-Sicherheitskoordinator für Israel und die palästinensische Behörde dient, nach Gaza geschickt, um einen Staatsstreich gegen die von Hamas geführte Einheitsregierung, die aus dem Mekka-Abkommen 2007 hervorgegangen war, zu planen. Die Verschwörung veranlasste Hamas in den Ereignissen von Juni 2007 in Notwehr zu handeln. Die Behauptung, Hamas habe einen Staatsstreich durchgeführt, ist grundlos, denn Hamas führte die demokratisch gewählte Regierung. Sie wehrte sich nur gegen jene, die unter dem Kommando und der Führung von General Dayton gegen Hamas einen Staatsstreich planten.

KL: Genießen diejenigen, die andere politische oder religiöse Ansichten haben, wie die Fatah, demokratische Freiheiten in Gaza? Wie ist die Situation für Hamas-Mitglieder in den von der Fatah kontrollierten Gebieten in der Westbank?

CM: Einige palästinensische Fraktionen sind von arabischem Nationalismus inspiriert worden, andere von Marxismus oder Leninismus, wieder andere von Liberalismus. Zwar glauben wir fest daran, dass diese Ideen unserem Volk fremd sind und darin versagt haben, ihre Hoffnungen zu erfüllen, doch bestehen wir darauf, dass das Volk letztendlich das Urteil darüber fällt, wen es als seinen Anführer zu haben wünscht und welches Regierungssystem es haben will. Demokratie ist daher unsere beste Option, um unsere internen Differenzen in Palästina beizulegen. Was auch immer das Volk wählt, muß respektiert werden.

Wir bemühen uns so gut wie möglich, die Menschen- und Bürgerrechte der Verbündeten von Fatah und aller anderen Fraktionen innerhalb des Gazastreifens zu schützen. Im Gegensatz dazu werden den Palästinensern in der Westbank unter israelischer Besatzung und der palästinensischen Behörde in Ramallah ihre grundlegenden Rechte weiterhin verweigert. General Dayton ist in der Westbank und überwacht das scharfe und brutale Vorgehen gegen Hamas und andere palästinensische Gruppen. Über 1.000 politische Gefangene, einschließlich Studenten, Universitätsprofessoren, und Fachleute auf allen Gebieten, werden von Sicherheitskräften der palästinensischen Behörde, die von den USA, Großbritannien und der EU ausgebildet und unterstützt werden, zur Strecke gebracht, inhaftiert und gefoltert, manchmal bis zum Tod.

KL: Glauben Sie, dass es möglich ist, das palästinensische Volk wiederzuvereinigen? Wenn ja, wie könnte das Ihrer Meinung nach geschehen und in welchem Zeitrahmen?

CM: Es ist möglich, die Palästinenser wiederzuvereinigen. Zwei Dinge sind notwendig, damit dies geschieht. Erstens müssen ausländische Interventionen und Forderungen aufhören. Man sollte es dem palästinensischen Volk überlassen, ohne externen Druck mit seinen eigenen Differenzen fertigzuwerden. Zweitens müssen alle palästinensischen Parteien die Regeln des demokratischen Spiels respektieren und sich den Resultaten seines Prozesses fügen.

KL: Hamas' Weigerung, Israel anzuerkennen, wird häufig als unüberwindbares Hindernis für Verhandlungen und ein Friedensabkommen angeführt.

CM: Dieser Sachverhalt wird nur als Vorwand benutzt. Israel erkennt nicht die Rechte der Palästinenser an, doch dies wird nie als Hindernis für die internationale Anerkennung Israels oder Israels Teilnahme an Verhandlungen genannt. Die Realität sieht so aus, dass Israel unser Land besetzt und überlegene Stärke besitzt. Anstatt die Palästinenser, die Opfer, zu fragen, sollte man von Israel, dem Unterdrücker, verlangen, die Rechte der Palästinenser anzuerkennen.

Jassir Arafat hatte in der Vergangenheit Israel anerkannt, konnte aber nicht viel erreichen. Heute erkennt Mahmud Abbas Israel an, doch warten wir immer noch darauf, die versprochenen Dividenden des Friedensprozesses zu sehen.

Israel macht nur unter Druck Konzessionen. Da ein spürbarer Druck auf Israel seitens der Araber oder der internationalen Gemeinschaft fehlt, wird kein Abkommen erreicht werden.

KL: Haben Sie eine "Roadmap" von Zwischenschritten, die zu einer realistischen, friedlichen Lösung des Konflikts führen könnte? Glauben Sie, dass Juden, Moslems und Christen im Heiligen Land eines Tages in Frieden zusammenleben können?

CM: Wir in Hamas glauben, dass eine realistische, friedliche Lösung des Konflikts mit einem Waffenstillstandsabkommen zwischen beiden Seiten, basierend auf einem vollständigen Rückzug Israels aus allen seit 1967 besetzten Gebieten, beginnen muß. Diese Lösung wird vereitelt durch Israels Unnachgiebigkeit und der fehlende Willen zum Handeln auf Seiten der internationalen Gemeinschaft. Wir glauben, dass unser Volk erst dann die Zukunft des Konflikts bestimmen kann, wenn es frei und zurück in seinem eigenen Land ist.

Es sollte an dieser Stelle nochmals gesagt werden, dass wir den Israelis nicht Widerstand leisten, weil sie Juden sind. Prinzipiell haben wir keine Probleme mit den Juden oder den Christen, aber wir haben ein Problem mit denjenigen, die uns angreifen und uns unterdrücken. Für viele Jahrhunderte haben Christen, Juden und Moslems in diesem Teil der Welt friedlich koexistiert. Unsere Gesellschaft hat die Art von Rassismus und Völkermord gegen "das Andere", die es bis vor kurzem in Europa gab, nie miterlebt. Diese Probleme begannen in Europa. Der Kolonialismus wurde dieser Region von Europa aufgenötigt und Israel war das Ergebnis der Unterdrückung der Juden in Europa, und keines solchen Problems in der muslimischen Welt.

KL: Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach andere Länder und Organisationen, vor allem die USA, die EU und Großbritannien, derzeit beim Israel-Palästina-Konflikt und bei der Trennung der Palästinenser?

CM: Bisher haben sie alle eine negative Rolle gespielt. Die Reaktion auf israelische Kriegsverbrechen gegen unser Volk war entweder Schweigen oder Kollusion. Die von diesen Parteien gebilligten Maßnahmen und Positionen haben zur Trennung der Palästinenser beigetragen oder sie verstärkt. Einerseits werden Bedingungen festgelegt, deren Effekt darin liegt, die Einheitsgespräche und Versöhnungsbemühungen zu vereiteln. Andererseits sind einige dieser internationalen Parteien direkt in die Unterdrückung unseres Volkes in der Westbank verwickelt. Die USA und die EU stellen Geldmittel, Training und Anleitung zu Verfügung, um einen palästinensischen Sicherheitsapparat, der auf die Verfolgung von Kritikern der palästinensischen Behörde in Ramallah spezialisiert ist, aufzubauen.

Wir sind vor allem besorgt über Berichte, dass die britische Regierung direkt als auch indirekt mittels Sicherheitsfirmen und den Diensten von Militär-, Polizei- und Geheimdienstoffizieren im Ruhestand in das von General Dayton angeführte Programm gegen Hamas in der Westbank voll involviert ist.

KL: Was sollten Länder wie die USA und Großbritannien tun, um eine friedliche Lösung zu unterstützen?

CM: Sie sollten einfach internationales Recht aufrechterhalten - die Besetzung ist illegal, die Annektierung Ostjerusalems ist illegal, die Siedlungen sind illegal, die Apartheidmauer ist illegal und die Blockade von Gaza ist illegal. Doch nichts geschieht.

KL: Welche Beziehungen wünscht Hamas mit dem Rest der Welt zu haben und zum Beispiel mit Großbritannien?

CM: Hamas verteidigt eine gerechte Sache. Deshalb möchte sie sich gerne der Welt öffnen. Die Bewegung strebt danach, gute Beziehungen zu etablieren und mit allen, die sich mit Palästina beschäftigen, einen konstruktiven Dialog zu führen.

Quelle: New Statesman - Exclusive: Hamas leader interview


Originalartikel veröffentlicht am 17.9.2009

Über den Autor

Susanne Schuster und Fausto Giudice sind Mitglieder von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

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