Donnerstag, 1. April 2010

Bomben in der Moskauer U-Bahn

Monster amerikanischer Prägung?

Justin Raimondo

Diejenigen, die hinter den Bombenanschlägen in der Moskauer U-Bahn stecken, in denen 39 Menschen getötet worden sind – und die das Gebäude erschütterten, in dem die Zentrale der russischen Sicherheitspolizei FSB untergebracht ist – müssen „vom Boden der Kanäle“ gekratzt und der Öffentlichkeit präsentiert werden, sagte Vladimir Putin. Aber was, wenn diese speziellen Kanäle nach Washington und London führen?


Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de

Russland hat tschetschenische Aufständische beschuldigt, hinter der Planung und Ausführung der Selbstmordanschläge zu stecken, aber das mag nur der Anfang der Aufklärung dessen sein, wer und was hinter einer langen Reihe von terroristischen Attacken steht, die in den 1990er Jahren begannen und bis heute andauern. Im vergangenen September sagte der von Russland unterstützte tschetschenische Präsident Ramzan Kadyrov zu Reuters, er habe gute Gründe für die Annahme, dass die Vereinigten Staaten von Amerika und das Vereinigte Königreich insgeheim die tschetschenischen Rebellen unterstützten: „Wir bekämpfen in den Bergen amerikanische und britische Spezialkräfte,“ sagte Kadyrov.

„Da war ein Terrorist namens Chitigov, der für die CIA arbeitete. Er war ein Staatsbürger der Vereinigten Staaten von Amerika. Er war General unter Khattab. Als wir ihn vernichteten – ich führte damals diese Operation – fanden wir bei ihm einen amerikanischen Führerschein, und auch seine anderen Papiere waren amerikanisch.“
Rizvan Chitigov, die Nummer drei in der tschetschenischen Aufstandsbewegung, Minister für Verteidigung und militärischen Geheimdienst in der aufständischen „Regierung“ wurde in einer gemeinsam von der russischen und der tschetschenischen Regierung durchgeführten Operation getötet, als er 2005 in seinen Heimatbezirk Shali zurückkehrte. Er war bekannt als „der Amerikaner,“ da er jahrelang in den Vereinigten Staaten von Amerika gelebt hatte, „der Chemiker,“ weil er Spezialist war für die Herstellung und Anwendung von Giften (Rizin, Giftgase usw.) und „der Marinesoldat,“ weil er angeblich in einer Marinebasis während seines amerikanischen Aufenthalts ausgebildet wurde. Laut einem Bericht im Kommersant war er in seinen jungen Jahren ein ziemlicher Macho, der mit einem Feuerwehrauto in der Stadt herumraste und die Dorfleute erschreckte, die vor ihm davonliefen:
„Bei Beginn der Perestrojka ging der junge Feuerwehrmann aus Shali mit Hilfe einer internationalen Moslem-Stiftung, die ihr offizielles Büro in Tschetschenien eröffnet hatte, in die Vereinigten Staaten von Amerika. Was Rizvan Chitigov in diesen vier Jahren im Ausland wirklich gemacht hat, ist nicht bekannt, aber bei seiner Rückkehr nach Shali 1994 erklärte er seinen Landsleuten, er habe eine Ausbildung an einer Eliteschule für Subversion und Nachrichtendienst absolviert und sei einer Marineeinheit beigetreten. Er sagte, er habe eine Karriere in der U.S.-Navy vor sich gehabt, habe aber in dem fremden Land den Glaubensgenossen Amit Hattab getroffen, der dem jungen Tschetschenen erklärte, dass er in den schweren Zeiten seines Vaterlandes in Tschetschenien sein solle, nicht in den Vereinigten Staaten von Amerika. So machten sich die beiden auf nach Tschetschenien.“
Chitigov stieg schnell zur Nummer Drei in der Führung der tschetschenischen Terroristen auf, und stand fast auf gleicher Ebene mit den beiden obersten Anführern Shamil Basayev und Ibn Al-Khattab. Es sah in der Tat so aus, als habe er eine eigene Geldquelle, und die Reichweite seiner Kampfgruppen erstreckte sich bis in die städtischen Zentren Russlands – Moskau, Samara, Voronesh und Rostow am Don – wo Selbstmordattentäter auf seinen Befehl hin zuschlugen. 1999 war er selbst beteiligt an der Entführung und Ermordung von vier OSZE-Mitarbeitern. 2001 bekamen russische Sicherheitsdienste die Information, dass Kommandant Chitigov „Massenvernichtungswaffen“ hergestellt habe, in diesem Fall das tödliche Gift Rizin. Das war laut Berichten das Hauptthema auf einem Treffen des tschetschenischen terroristischen Netzwerks in den Vereinigten Arabischen Emiraten, und der Plan, das tödliche Gift gegen russische Soldaten einzusetzen, wäre in die Tat umgesetzt worden, hätte nicht der FSB das gelagerte Rizin in einem Bunker in der Region Gudermes entdeckt. So kam Chitigov zu seinem Künstlernamen „der Chemiker.“

Dieser skrupellose Terrorist fand sein Ende, als laut Ria Novosti russische Geheimdienste „ein Gespräch per Mobiltelefon abfingen und herausfanden, wo sich Chitigov versteckt haben könnte, nachdem er den Winter in Baku verbracht hatte. Eine Drei-Zimmer-Wohnung wurde dreimal durchsucht, aber niemand wurde gefunden. Als aber die Geheimpolizisten die Wohnung zum vierten Mal verließen, hörten sie ein Geräusch. Es stellte sich heraus, dass Chitigov über drei Tage in einer kleinen Nische in einer Wand verbracht hatte, die mit Ziegeln verdeckt war. Der Terrorist hatte es eilig, die Wohnung zu verlassen, und ließ Ziegel auf den Boden fallen.“ In der anschließenden Schießerei wurde Chitigov getötet.

Chitigovs Beziehungen in die Vereinigten Staaten von Amerika beinhalten auch Berichte, dass laut Moskow News „Chitigov eine Green Card besaß, eine ständige Aufenthaltsgenehmigung für die Vereinigten Staaten von Amerika.“ Die russische Regierung beschuldigte ihn offen, ein CIA-Agent zu sein. Aleksandr Zdanovich, der Leiter der Abteilung des FDS für Kooperationsprogramme teilte „Russia Today“ mit:
„Rezvan Chitigov, den ich vorgestellt und dessen Foto ich Ihnen vom Computer gezeigt habe, lebte lange Zeit in den Vereinigten Staaten von Amerika. Es gibt sehr schwer wiegende Gründe für die Annahme, dass er ein CIA-Agent ist. Er führt eine der brutalsten Gruppen von Terroristen. Er ist praktisch der Anführer von [Ibn Al] Khattabs Sicherheitsdienst. Ich würde sagen, dass er eine sehr gut ausgebildete Person war. Khattab hätte eine Person nicht auf einen solchen Posten berufen, die nicht eine professionelle Ausbildung gemacht hat.“
Ausgebildet – von wem, und wofür?

Wenn auch die Russen keine Engel sind und die Marionetten”regierung”, die sie in der abtrünnigen Provinz eingesetzt haben, kaum ein Musterbeispiel einer liberalen Demokratie darstellt, könnte „Präsident“ Kadyrov recht haben, wenn er sagt:
„Der Westen ist daran interessiert, den Kaukasus von Russland abzuspalten. Der Kaukasus ist eine strategische Grenze Russlands. Den Kaukasus von Russland wegzunehmen würde bedeuten, das halbe Land von Russland wegzunehmen. Jetzt senden sie Gruppen von Fremden zu uns. In den Bergen kämpfen wir gegen Spezialeinheiten der Vereinigten Staaten von Amerika und des Vereinigten Königreichs. Putin hat Russland geeint, es aus dem Chaos herausgeholt, Berezovsky, Gusinsky, Khodorkovsky entfernt. Er nahm ihnen alles weg. Haben sie ihm vergeben? Jetzt wird ein neuer Streich gegen Putin geführt, gegen Russland. Tschetschenien und Dagestan sind schwache, verletzliche Glieder des russischen Staates.“
Amerikas neuer Kalter Krieg gegen Russland hat seine Ursprünge in der Ära Bush: die Neokonservativen, die damals die Außenpolitik der Vereinigten Staaten von Amerika kontrollierten, hegen noch immer einen Groll gegen Putins Russland. Als Putin sich weigerte, den Überfall der Vereinigten Staaten von Amerika auf den Irak zu unterstützen, war es Richard Perle, der „finstere Prinz“ der Neokonservativen, der den Ausschluss aus der G-8 forderte. Eine armlange Liste prominenter Neokonservativer – gemeinsam mit „liberaler“ Aufmachung wie Geraldine Ferraro – erweisen sich als Unterstützer des „American Committee for Peace in Chechnya“ („Amerikanisches Komitee für Frieden in Tschetschenien“), jetzt „American Committee for Peace in the Caucasus" (ACPC – „Amerikanisches Komitee für Frieden im Kaukasus", das die Sache der Tschetschenen gegen den russischen „Imperialismus“ mit charakteristisch neokonservativem Eifer betreibt.

Abgesehen davon hat die Regierung des Vereinigten Königreichs tschetschenischen Terroristen Zuflucht gewährt und weigert sich, sie an Russland auszuliefern mit der Begründung, die Anklage wegen Terrorismus sei „politisch motiviert.“ Die Tschetschenen haben sich zusammengetan mit russischen Oligarchen im Exil, die – wenn sie nicht gerade ihre zwielichtigen Gewinne für den Kauf von Immobilien in London ausgeben – ein tschetschenisches „Unterstützungs“-Netzwerk finanzierten, das sich über ganz Europa erstreckt und bis in das Herz der früheren Sowjetunion reicht.

Das Propagandanetzwerk zur Unterstützung des tschetschenischen Terrorismus erfreut sich der Komplizenschaft der virulent antirussischen britischen Medien. Einer ihrer größeren Erfolge war die Legitimisierung der lächerlichen Fantasien Boris Berezovskys und seiner bezahlten Aufreißer, die einen ganzen Komplex von Literatur geschaffen haben, die sich um die Annahme dreht, dass praktisch alle von islamistischen Terroristen in Russland ausgeführten terroristischen Attacken in Wirklichkeit das Werk des russischen FSB waren – ein Spiegelbild der Theorie der 9/11 „Wahrheitssucher“, 9/11 sei das Werk von „Insidern“ gewesen.

Auf dieser Seite des Großen Wassers schlafen die Apologeten des tschetschenischen Terrorismus keineswegs. Auf der Website des ACPC finden wir ein Al Jazeera-Interview mit drei angeblichen Experten – einschließlich vom neokonservativen Hudson Institute – von denen zwei die „Russland ist schuld“-Linie vertreten, nach der das Problem nicht der Terrorismus, sondern die Politik der Regierung Putin ist. Man würde gerne wissen, ob das Hudson Institute und das ACPC die gleiche Meinung hätten, wenn Al Qaeda die New Yorker U-Bahn bombardierte. Das ACPC behauptet, Putin sei nicht an der Förderung von „gemäßigten“ tschetschenischen Führern interessiert und wolle nur den Aufstand mit Gewalt unterdrücken. In die gleiche Richtung geht ein Beitrag von „Radio Free Europe“ („Radio Freies Europa“ – Regierungspropaganda der Vereinigten Staaten von Amerika) mit der Schlagzeile: „Nach den Bombenanschlägen in der U-Bahn steht Putins Krieg gegen den Terror unter Beschuss.“

Die „gemäßigten” tschetschenischen Terroristen, denen die russische Regierung „die Hand reichen“ sollte, gibt es allerdings nicht in den Führungskreisen der Islamisten, die Zivilisten attackieren und ein islamisches „Emirat“ im nördlichen Kaukasus errichten wollen. Alle Gemäßigten, die es in den Reihen der Separatisten gegeben hat, sitzen schon lange in der derzeitigen tschetschenischen Regierung: Kadyrov selbst ist ein ehemaliger separatistischer Kämpfer. „Freedom House,“ Radio Free Europe und die Neokonservativen, die Russland zerstören wollen, haben keinerlei Interesse an den Zugeständnissen, die Putin gegenüber lokalen Eigenheiten machen könnte, auch ist ihnen der wirtschaftliche Wiederaufbau völlig egal, der einen wesentlichen Bestandteil der russischen Anstrengungen gegen die Aufstandsbewegung gebildet hat. Sicher kümmern sich die russischen Oligarchen im Exil, wo sie britische Zeitungen und Grundstücke zusammenkaufen, einen Dreck um das Schicksal der Menschen in Tschetschenien. Was sie wollen, ist der völlige Zusammenbruch des russischen „Imperiums“ und dessen wirtschaftliche und politische Unterordnung unter den Westen. Wenn sie aus islamistischen Terroristen „Martyrer für die Menschenrechte“ machen, dann tun sie das, weil es das Programm verlangt.

Niemand behauptet, dass CIA und MI6 hinter den Bombenanschlägen auf die U-Bahn stecken: wahrscheinlich ist allerdings, dass beide in gewisser Beziehung tief darin verwickelt waren, Tschetschenen aufzustacheln und sie auch mit materieller Unterstützung versorgt haben. Sicher trug die antirussische Rhetorik der Ära Bush sehr dazu bei, die tschetschenische Sache zu bestärken – und sicher legt es die Politik der britischen Regierung, tschetschenische Terroristen willkommen zu heißen und der proterroristischen tschetschenischen „Exilregierung“ Zuflucht zu gewähren nahe, sich mit der möglichen Beteiligung der Regierung des Vereinigten Königreichs an der Aufständischenbewegung zu beschäftigen. Gerade wie Putin die Aufgabe, die Region zu stabilisieren, den lokalen tschetschenischen Behörden übergab, und seine Augen vor der Brutalität verschloss, mit der diese gegen die Aufständischen vorgingen, kann auch der Westen sehr wohl die Hand im Spiel gehabt haben bei der Schaffung eines Instruments, das dann später seiner direkten Kontrolle entglitt.

Osama bin Laden war, wie man sich erinnert, einst ein Alliierter der Vereinigten Staaten von Amerika, dessen Jihad in Afghanistan die Russen vertrieb und zur Gründung von Al-Qaeda führte. Ohne Zweifel bevölkern noch mehr solche zwielichtige „Alliierte“ die Erde, Monster amerikanischer Prägung, losgelassen gegen eine nichtsahnende Welt. Vielleicht ist es die Verbindung des Westens zur tschetschenischen Aufständischenbewegung, die „vom Boden des Kanals gekratzt“, wie Putin sagt, und der Öffentlichkeit präsentiert gehört.

Erschienen am 31. März 2010 auf > http://www.antiwar.com > http://original.antiwar.com/justin/2010/03/30/russias-metro-bombings/

Quelle: antikrieg.com

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