Samstag, 3. April 2010

Das Foto, das Zapatero Obama schenken wollte

Alles begann durch einen Irrtum: Der Brigadist von Barcelona (1937) war kein Afroamerikaner, sondern ein Afrokubaner!-Die Abenteuer (des Fotos) des unbekannten Soldaten

AUTOR: Michel PORCHERON

Übersetzt von Isolda Bohler


Wie alles begann: Ein unbeschriftetes, namenloses Foto des katalanischen Fotoreporters Agustí Centelles unter so vielen anderen von ihm, eine Initiative seiner Söhne in Zusammenhang mit dem Besuch von Barak Obama im Mai 2010 in Spanien und eine im Internet Ende 2009 weit verbreitete Information, die in wenigen Worten zusammengefasst lautete:

„Das Foto, das Zapatero Obama schenken wird“.

„Wenn Obama 2010 Spanien besucht, wird José Luis Rodríguez Zapatero ihn mit einem unerwarteten Geschenk, sowohl durch seinen historischen als auch sentimentalen Wert, ehren. Er wird es im Namen der Brüder Sergi und Octavi Centelles in Erinnerung an ihren Vater übergeben. Die Brüder versuchen schon seit Jahren die Identität dieses jungen Mannes aus dem US - Bataillon Abraham-Lincoln herauszufinden, der sich entschied, als Internationaler Brigadist nach Barcelona zu reisen, um auf der republikanischen Seite zu kämpfen. Dieser junge Mann starb im Kampf in der Schlacht von Brunete“.

Das heißt, ein Foto von einem sehr jungen Afroamerikaner, Brigadist während des Krieges in Spanien, für einen anderen jungen Afroamerikaner, dem ersten, der Präsident der USA geworden ist.

Der Moncloa-Palast [Sitz des spanischen Ministerpräsidenten, AdÜ] akzeptierte die Idee, das Projekt, aber ohne offensichtlich irgendwelche Nachforschungen über das ausgewählte Foto anzustellen. Andererseits handelten die Söhne Centelles guten Glaubens.

Der Autor des Fotos, der Vater, Agustí Centelles (1909-1985), oft „der spanische Robert Capa“ genannt, ist einer der prominentesten Fotografen des Bürgerkrieges, dessen Archiv vor kurzem vom spanischen Ministerium für Kultur erworben worden ist.


Die Söhne von Centelles

Die spanische Tageszeitung El País veröffentlichte am 30. November 2009 folgende Notiz mit dem namenlosen Foto des Afroamerikaners:

Dieser Mann wird gesucht


Die Söhne von Agustí Centelles haben sich auf eine außergewöhnliche Nachforschung eingelassen: Die Suche nach der Identität dieses Mannes auf dem Foto. Der junge Afroamerikaner kam über den Atlantik, um für eine Sache zu kämpfen, mit der er nichts zu tun hatte: die Verteidigung der Regierung der Zweiten Republik. Es war 1938. Sie waren in Barcelona. Nicht viel mehr weiß man über diesen Mann, dessen Porträt im kommenden Halbjahr dem Präsidenten der USA, Barak Obama, übergeben werden wird.

Die Brüder Octavi und Sergi Centelles wissen zwar, dass sie dieses Foto dem Favoriten des Planten schenken wollen, aber im Moment möchten sie lieber das Geheimnis aufrechterhalten: „Es wird ein institutionelles Geschenk sein“, sagen sie. Sie sind von der begonnenen, fast detektivischen Nachforschung begeistert, in der sie u.a. von einem Professor der Universität Columbia in New York unterstützt werden, um ein, das Werk ihres Vaters umgebendes, Rätsel aufzudecken. „Wir möchten die Nachfahren dieses Brigadisten finden und seine Geschichte kennenlernen. Wir glauben, er stammte aus Alabama“, erzählt Sergi Centelles.

Im Moment überprüfen sie eine Liste mit 450 afroamerikanischen Brigadisten, die am Bürgerkrieg teilnahmen. Einer von ihnen ist der auf dem Foto. Er gehörte zum Bataillon Lincoln, der ersten US- Streitkraft, die unter gleichen Bedingungen Weiße und Schwarze vereinte. Er kam nach Barcelona, um in den Internationalen Brigaden auf republikanischer Seite am spanischen Bürgerkrieg teilzunehmen.

Die Mehrheit war in der Kommunistischen Partei eingeschrieben, die unter der schwarzen Bevölkerung stark verankert war, da sie die Überzeugung hatte, dass die Schlacht gegen die Unterdrückung universell ist; und sie wurde schließlich aufgrund der von Mussolini 1935 erfolgten Bombardierung von Äthiopien zum Kampf gegen den Faschismus bewegt. „Sie kämpften in den Schlachten am Jarama, in Brunete und am Ebro. Die mit dem Leben Davongekommenen konnten in die USA zurückkehren, wurden aber mit Verachtung behandelt, weil sie mit Kommunisten gekämpft hatten oder sie starben an Krankheiten, die sie aus Spanien mitgebracht hatten“, erzählt Sergi Centelles. Andere wurden in Spanien begraben. Im besten Falle wurde ihr Heldenmut übergangen und im schlimmsten wurden sie während der Hexenjagd des Senators McCarthy als gefährliche Freunde der UdSSR verfolgt. „Wir möchten ihre Geschichte herausfinden, sie in den USA bekannt machen, damit man dort auch die Fotos unseres Vaters kennenlernt“, erklärt Octavi Centelles. Deshalb wird die Reihe mit den neun Fotos von afroamerikanischen Brigadisten aus dem Archiv Agustí Centelles bald eine Rundreise durch die USA und Spanien machen, damit beide Länder die Geschichte dieser vergessenen Helden kennenlernen. Sie werden auch bei den Feierlichkeiten zum Hundertsten Geburtstag des Fotografen dabei sein.

Der Aspekt der Nachricht, der am meisten internationale Aufmerksamkeit erzeugte, war, wie die Webseite des Archivs der Abraham-Lincoln Brigade kommentierte, das Gesuch von Sergi und Octavi Centelles, ihnen weltweit bei der Identifizierung des Mannes auf dem Foto zu helfen. Am 20. Dezember veröffentlichte der Korrespondent des The Guardian, Giles Tremlett, einen Artikel über das Thema, der im Internet weit verbreitet worden ist. Drei Tage später interviewten CNN und CNN Internacional James D. Fernández, Mitglied des Rats vom Archiv der Abraham Lincoln Brigade (ALBA), das in der New Yorker Universität untergebracht ist. „Die Jagd ist eröffnet“, kommentierte die ALBA-Seite.

Es scheint wirklich nötig gewesen zu sein, dem afroamerikanischen Kämpfer eine Identität zu geben. Eine „fast detektivische“ Untersuchung wurde Anfang Dezember 2009 von einer Expertengruppe begonnen, die von Sebastian Faber, Professor für hispanische Studien und Mitglied des Vorstands vom Abraham Lincoln Archiv (ALBA) und seinem Kollegen James D. Fernández geleitet wurde.


Die Champlain läuft aus

Sie verbrachten viele Wochen in den Archiven des 1979 gegründeten ALBA, suchten v.a. nach anderen Fotos, auf denen derselbe afroamerikanische Kämpfer zu sehen ist. Das Foto von Centelles wurde am 17. Januar 1937 in Barcelona aufgenommen. Das erste Schiff mit Kämpfern von der Abraham Lincoln war im Dezember in New York ausgelaufen; die Champlain am 6. Januar und die Berengaria am 20. Januar.

Faber und Fernández entdeckten ein Foto des auslaufenden Schiffes Champlain mit einer, offensichtlich für das Abschiedsfoto an Bord versammelten Gruppe Freiwilliger, das keine Unterschrift hat. Im Hintergrund ist mit weißem Hemd, Krawatte und Kappe der Mann des ersten Fotos zu sehen. Faber und Fernández schätzten ihren Fund hoch ein. Der Mann gleicht nicht nur dem des ersten Fotos, sondern er selbst ist es, aber noch ohne Namen. Auf einem anderen Foto von Centelles, das zur gleichen Serie wie das Namenlose gehört, hält der schwarze Brigadist auf der einen Seite in beiden Armen eine Fahne, auf der man liest (zwar schlecht, aber man kann es lesen) 1er Batallón americano, A. Lincoln, Centuria Antonio Guiteras, Brigada Internacional.


Das Foto von Centelles mit Fahne

Die Centuria Antonio Guiteras, der Name des kubanischen Politikers und Revolutionärs Antonio Guiteras (1906-1935), bestand, wie bekannt ist, oder man wissen müsste, aus Kubanern. Daraufhin bemerken Faber und Fernández, dass an der Seite des schwarzen Freiwilligen der Champlain ein Kubaner ist, Rodolfo de Armas de Soto, Chef der Centuria Guiteras. Er kam im Rang eines Oberstleutnants und starb in der Jaramaschlacht.

So war es, als sie entdeckten, der schwarze Brigadist war kein Freiwilliger der USA, sondern von Cuba.


Mit Helm in Jarama

„Wir haben keine Zweifel. Er war ein exilierter Kubaner, der in linken Kreisen in New York sehr aktiv war und der die USA verließ, um sich dem kubanischen Kern des Lincoln Bataillons anzuschließen“, bekräftigt Professor Faber (El País, 1.März 2010). Die spanische Tageszeitung schreibt, dass „sie die definitive Liste im 1985 geschriebenen Buch eines anderen Brigadisten, John Tisa, unter dem Titel „Tisa, Erinnerung an einen aufrechten Kampf: Eine Autobiografie aus dem spanischen Bürgerkrieg“, fanden, in dem sich ein Foto befindet, auf dem wieder der schwarze Brigadist zu sehen ist, den der Autor „Cuba hermosa (schönes Kuba, ein Ausdruck aus einem politischen Lied der Epoche, mit dem Titel Lamento cubano, kubanisches Klagen) nannte.

„Wir haben keine Zweifel“, sagt Faber. Aber wer ist es, wie heißt er, welchen Namen und Nachnamen hat der kubanische Freiwillige, Mitglied der Centuria Guiteras?“

Die kubanische Webseite www.cubadebate.cu reproduzierte den Artikel aus der El País (1. März), der von Natalia Junquera unterschrieben ist, fast ganz.

http://www.cubadebate.cu/noticias/2010/03/01/el-brigadista-era-cubano/

Dieser Webseite ist ein ziemlich detailliertes Kästchen mit Informationen über die Centuria Antonio Guiteras hinzugefügt.

Die spanische Journalistin beendet ihren Artikel mit der Angabe, dass Faber und Fernández „auf der Bordliste der Champlain die ihnen bekannten Namen wegstrichen und ihnen so fünf übrigblieben: Bienvenido Domínguez, Faustino García, Juan Godoy, Ricardo Pérez und Ronaldo Rodríguez“. „Einer von diesen ist er“, bekräftigen die beiden Experten. „Jetzt, schließt Natalia Junquera, suchen sie neue Spuren auf Cuba, um herauszukriegen, ob der Brigadist den Krieg überlebte, in sein Land zurückkehren konnte, ob er Nachkommen hat...“

http://www.elpais.com/articulo/cultura/brigadista/era/cubano/elpepicul/20100301elpepicul_4/Tes

So endet vorläufig die Geschichte (2. März). Mit dem Titel der spanschen Zeitung, in der Abteilung "Kultur":

El brigadista era cubano

El voluntario que aparece en la foto que Zapatero quería regalar a Obama zarpó de Nueva York, pero no nació en EE UU - Aún se ignora su nombre

[REPORTAGE NATALIA JUNQUERA - Madrid - 01/03/2010]

[Der Brigadist war Kubaner]

[Der Freiwillige, der auf dem Foto zu sehen ist, das Zapatero Obama schenken wollte, lief zwar in New York mit dem Schiff aus, aber er wurde nicht in den USA geboren – Sein Name ist noch unbekannt].

Aber Zweifel existierten schon Ende Dezember. Die Webseite alba-valb.org veröffentlichte am 25. Dezember einen Text auf englisch und in spanischer Übersetzung:

"EN BUSCA DE LA IDENTIDAD DE UN VOLUNTARIO INTERNACIONAL DE LA GUERRA CIVIL ESPAÑOLA"
„Auf der Suche nach der Identität eines Internationalen Freiwilligen im spanischen Bürgerkrieg“

WHO IS THIS MAN? WER IST DIESER MANN?
A WORLDWIDE SEARCH FOR AN UNIDENTIFIED SOLDIER FROM THE SPANISH CIVIL WAR. EINE WELTWEITE SUCHE NACH EINEM NICHT IDENTIFIZIERTEN SOLDATEN AUS DEM SPANISCHEN BÜRGERKRIEG

FOR IMMEDIATE RELEASE: DECEMBER 25, 2009
FÜR SOFORTIGE AUSKUNFT: 25. DEZEMBER 2009

Media Contact: Jeanne Houck, (212-674-5398), jhouck@alba-valb.org


AFROAMERIKANER ODER AFROKUBANER?

EN BUSCA DE LA IDENTIDAD DE UN VOLUNTARIO INTERNACIONAL DE LA GUERRA CIVIL ESPAÑOLA

AUF DER SUCHE NACH DER IDENTITÄT EINES INTERNATIONALEN FREIWILLIGEN AUS DEM SPANISCHEN BÜRGERKRIEG

25. Dezember 2009

„Könnte er Kubaner sein?“

Schon im Originaltext heißt es: „New York City – Wer ist der Mann auf dem zweiundsiebzig Jahre alten Foto, das die spanische Regierung im Mai Präsident Obama schenken möchte? Ist er ein afroamerikanischer Antifaschist? Oder könnte er Kubaner sein?“
http://www.alba-valb.org/news-events/press-releases

Aufgrund eines simplen „Irrtums“ –Zapatero wollte Obama ein Foto eines kubanischen Kämpfers schenken – (leider ist der Irrtum vor der offiziellen Übergabefeier korrigiert worden), erschienen und erscheinen weiterhin wenig bekannte oder verschwiegene Themen, wie:

- Die kubanische Teilnahme am Krieg in Spanien. Mehr als Tausend Freiwillige kämpften mit den Republikanern.

- "Was könnte einen afroamerikanischen Mann bewegt haben, als Freiwilliger in einem Krieg zu kämpfen, der auf der anderen Seite des Ozeans ausbrach? Nicht wegen des Fotos (eine bedauerliche Verwirrung), aber wegen der historischen Wahrheit, die die Initiative der Centelles Söhne „aufdeckt“. ALBA schätzt, dass es unter den fast 3.000 Freiwilligen um die neunzig afroamerikanische Freiwillige gab. Laut der ALBA Webseite „traf die Nachricht einen groß Teil der nordamerikanischen Öffentlichkeit mit Überraschung“. „Tatsächlich weiß die große Mehrheit in den USA weiterhin nichts über die nord- und lateinamerikanische Teilnahme am spanischen Krieg.“

- Wer war Antonio Guiteras, den der Mexikaner Taibo II als zentrale Figur seines letzten biografischen Romans, nach dem Che und Pancho Villa, nahm?

- Fast dreitausend Männer und Frauen aus den USA kämpften zwischen 1936 und 1939 als Freiwillige gegen den Faschismus im spanischen Bürgerkrieg.

- Diese Geschichte ist eine sehr gute Gelegenheit, um u.a. den Text des Kubaners Nicolás Guillén (Mediodía, 6-XII-1937) „Un pelotero, capitán de ametralladoras“, (Ein Balljunge, Kapitän der Maschinengewehre), „Basilio Cueria, mit einem aus Asturien stammenden Vater und einer schwarzen Mutter“, (wieder) zu lesen. Der bekannteste kubanische, schwarze Kämpfer heißt Isidro Díaz Gener, Berufsboxer. Aber es gab nicht viele Schwarze im kubanischen Kontingent (falls es möglich ist, sie Schwarze zu nennen, denn es gibt auch einige „Mulatten“ unter ihnen). Eine nordamerikanische Quelle erwähnt die Namen von Tomás Collado und Domingo Gamiz und Cabrera.



Quelle: ¡El brigadista (1937) de Barcelona “no era afroamericano… sino afrocubano”!- Aventuras (de la foto) del soldado desconocido

Originalartikel veröffentlicht am 17. März 2010

Über den Autor

Michel Porcheron ist ein mit Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt, assoziierter Autor und Isolda Bohler ein Mitglied davon. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10249&lg=de

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