Dienstag, 27. April 2010

Interview mit Gladson Dundung, einem Adivasi-Aktivisten aus Jharkhand in Indien

"Tut, was immer ihr könnt, für die Stärkung der Macht unseres Volkes. Du kannst gewiss auch jemand sein, der zur Veränderung beiträgt. Willst du?"

AUTOR: Livio KUJUR

Übersetzt von Einar Schlereth. Herausgegeben von Fausto Giudice


Livio: Johar Gladson, willkommen bei joharadivasi.org und danke, dass du dir Zeit für uns genommen hast. Erzähle uns bitte etwas über dich.

Gladson: Danke dir, Livio. Ich gehöre zu der Kharia Adivasi Gemeinschaft. Ich komme aus dem Dorf Lathakhamhan, etwa 20 Kilometer südlich der Distrikthauptstadt Simdega. Ich habe einen älteren Bruder und zwei ältere Schwestern. Unser Leiden begann mit dem 'Kelaghagh Staudamm', der schönste Damm am Chhindra-Fluss im Simdega Distrikt von Jharkhand. Ein Dorf namens Bernibera war das Dorf meiner Vorfahren, 5 km östlich vom Simdega Distrikt, ganz nahe beim Damm. Wir sind einige der unglücklichen Opfer aus dem Dorf Bernibera, die beim Bau des Kelaghaghdamms vertrieben wurden. Meine Familie war wohlhabend, da mein Großvater Jakarias Kharia 20 Acres (ca 4 ha) fruchtbaren Landes im Dorf hatte, und er auch als Lehrer in einer Regierungsgrundschule arbeitete. Er hatte noch weitere 10 Acres Land in einem Dorf namens Lathakhamhan dazugekauft, wo er in der Schule unterrichtete. Er träumte davon, seinen beiden Söhnen ein gutes Leben zu sichern, indem er sie in zwei verschiedenen Orten ansiedelte, damit es nicht zu Streitigkeiten zwischen ihnen käme. Aber sein Traum wurde durch den Damm hinweggespült. Das Land von Bernibera wurde unter Wasser gesetzt, und er bekam für seine 20 Acres Land bloß 11 000 Rs [=185 €, 247 US$] als Vergütung.


Jharkhand


Am Ende blieb uns nichts anderes übrig, als uns in Lathakhamhan anzusiedeln, wo wir 10 Acres Land hatten. Das Land des Dorfes Lathakhamhan war aufgeteilt zwischen zwei Brüdern – meinem Onkel Mangaldas und meinem Vater Isaac, was zu einer großen Spaltung in der Familie führte. Zwar konnte Mangaldas überleben, weil er den Regierungsposten als Lehrer statt meines Großvaters bekam, doch wir litten umso mehr, weil wir nichts anderes hatten. All dies geschah, als ich gerade ein Jahr alt war. Der Konflikt in der Familie wegen des Landbesitzes nahm von Tag zu Tag zu, was zur brutalen Ermordung meiner Eltern 1990 führte. Alle wir Kinder verließen das Dorf und lebten an verschiedenen Orten bei Verwandten. Wie üblich begannen sie, uns als Diener zu behandeln. Ich wurde in Simdege in ein Adivasi-Heim gesteckt bei freier Kost. Aber meine Klassenkameraden begannen, mich zu beleidigen. Ich verließ das Heim und ging zurück in mein Dorf, wo ich mit meinem Onkel lebte. Irgendwie machte ich den Schulabschluss, wurde aber nicht auf der Hochschule zugelassen, weil mir 250 Rs. [=4,20 €, 5,62 US] fehlten. Dadurch verlor ich zwei wertvolle Jahre. Ich wanderte nach Patna aus und begann, Tee zu servieren, Büros und Toiletten zu reinigen.

Meinen ersten Lohn erhielt ich im November 2005. Das war phantastisch. Ich wurde zur Hochschule zugelassen, aber ich konnte nicht anwesend sein, weil ich dazu keine Zeit hatte. Das Überleben war der wichtigste Punkt der Tagesordnung. Schließlich habe ich meine Abschlussprüfung gemacht und hatte eine sehr große Erfahrung durch meine Arbeit mit einer Organisation für soziale Veränderung. Einmal wurde ich auch von einer Volkskriegsgruppe gefangen genommen, die mich in ein Zimmer einsperrte, mich aber nach einer langen Diskussion freiließ. Zwischendurch lernte ich Schreibmaschine schreiben sowie Computer- und Projektmanagement. 2002 wurde ich für ein Praktikum in public advocacy [Interessenvertretung] in Pune ausgewählt. Ich war am ersten Tag schockiert, als die Vorlesung auf Englisch gehalten wurde, und man kaum ein Buch auf Hindi in der Bibliothek fand. Ich dachte, dass ich mich wohl kaum in dem Institut würde halten können, aber ich wusste auch, dass es die einzige Chance war, mein Leben zu verändern, und dass die Gelegenheit kein zweites Mal käme. In jener Nacht entschied ich mich, harte Arbeit zu leisten – Tag und Nacht. Ich machte einen Plan und befolgte ihn. Nach drei Monaten schrieb ich einen Artikel über das Thema der Diskriminierung auf Englisch „Der Vogel namens Gleichheit“, der in Indian Currents veröffentlicht wurde. Es gab riesige Komplimente und Lob von allen Seiten; ich war meinen Klassenkameraden weit voraus, die von den feinen englischen Fachhochschulen kamen.

Ich stellte Untersuchungen über die Auswirkungen der Forst-Politik auf die Urbevölkerung in Orissa an, woraufhin ich viele Arbeitsangebote von internationalen Organisationen bekam, doch ich wollte für mein Volk in Jharkhand arbeiten, weshalb ich nach Ranchi ging und die Navjeev Stiftung gründete. Ich habe 450 Untersuchungsberichte über Polizeigreueltaten und -Menschenrechtsverletzungen durchgeführt. Ich habe 2000 Fachleute für Menschenrechte ausgebildet, einschließlich Polizeioffiziere, Anwälte, Journalisten, Lehrer, Ärzte, Psychiater, Volksvertreter und soziale Aktivisten. Ich habe auch etwa 200 Artikel (auf Hindi und Englisch) geschrieben über Themen wie Rechte der Urbevölkerung, Vertreibung, Land-Veräußerung und soziale Veränderungen, die von führenden Zeitungen, Wochenzeitschriften und auf Webseiten veröffentlicht wurden.


Der Kelaghagh Staudamm

Livio: Du bist Zeuge des Baus von dem Kelaghagh Staudamm in Simdega gewesen und wurdest vertrieben. Erzähl uns, wie du dazu getrieben wurdest, deine Erziehung voranzutreiben.

Gladson: Ich gehöre einer gut ausgebildeten Familie an. Mein Großvater war Lehrer und bekannter sozialer Aktivist. Später wurde der ältere Bruder meines Vaters auch Lehrer und mein Vater wurde für die Luftwaffe ausgewählt, aber meine Großmutter wollte nicht, dass er das machte, weshalb er sich für eine Arbeit im Büro für Block Development [die Blocks sind indische Verwaltungseinheiten. D.Ü.] entschied. Da wir 30 Acres Land an zwei Orten hatten (vor dem Bau des Kelaghagh Staudamms), gab mein Vater seine Arbeit auf, um sich auf Vorschlag seines älteren Bruders der Landwirtschaft zu widmen. Aber unglücklicherweise änderten sich die Zeiten, und die wohlhabende Familie wurde weggespült. Meine Eltern wussten, dass nur Erziehung uns wieder auf die rechte Spur bringen könnte, und deshalb erduldeten sie sehr viel, um uns eine Grunderziehung zu ermöglichen, solange sie am Leben waren. Sie hatten die Grundlage in unseren Köpfen und unserem Verhalten gelegt. Deshalb habe ich sehr gelitten, als sie brutal ermordet wurden, aber mein Ziel war es, meine Erziehung zu vollenden, und es war mir klar, dass nur Erziehung mein Leben verändern konnte, und so tat ich es.

Livio: Jetzt, wo du ein Menschenrechtsaktivist bist, erzähle uns etwas, was genau ein Menschenrechts-Aktivist bedeutet mit einfachen Worten.

Gladson: Schau mal, die Menschenrechte wurden am 10. Dezember 1948 in die Welt verankert, nachdem die Generalversammlung der Vereinten Nationen de Universelle Erklärung der Menschenrechte annahm und proklamierte. Dann wurde beschlossen, dass alle Mitgliederländer die UDHR in ihre Verfassung einbinden müssten. Die grundlegenden Menschenrechte in Indien sind das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit, das Recht auf Gleichheit und das Recht auf die Würde des Individuums; sie werden von der Verfassung Indiens garantiert (in der Präambel, den Grundlegenden Rechten und der Hauptdirektive der staatlichen Politik), sind Teil der internationalen Abkommen (Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte von 1976 und der Internationale Pakt über ökonomische, soziale und kulturelle Rechte von 1976) und einklagbar an den Gerichten Indiens. Die Leute, die für den Schutz und die Förderung der Menschenrechte arbeiten, werden als Menschenrechtsaktivisten bezeichnet. Wer ein solcher Aktivist werden will, muss gut beschlagen sein über Menschenrechte, internationale Normen und die einheimischen Gesetze. Das ist sehr aufreibend, denn oft wird man mit der Polizei konfrontiert, mit den Bürokraten und den Grosskopfeten, da sie die größten Menschrechtsverletzer sind, und auch mit den Behörden des Gesetzesvollzugs.

Livio: Du hast auch das Buch „Ulgulan Ka Sauda“ geschrieben. Erzähl uns etwas darüber.

Gladson: Dieses Buch handelt von Vertreibung. Der Fokus liegt auf dem gigantischen Arcelor Mittal Stahlunternehmen, das ein MoU [Memorandum of understanding=Vereinbarung] mit der Regierung von Jharkhand unterzeichnet hat zur Errichtung eines 12 Mill t Stahlwerkes in der Torpa-Kardara-Region nahe Ranchi. Die Gesellschaft fordert 25 000 Acres Land und 20 000 Wassereinheiten pro Stunde für die Fabrik, was bedeutet, dass auch ein Damm am Koel-Karo gebaut werden muss, wo ein 30-jähriger Kampf des Volkes tobt, bei dem schon 8 Leute von der Polizei erschossen wurden. Wenn das Stahlwerk gebaut wird, werden 265 Dörfer umgesiedelt werden. Die Mundha-, Kharia- und Orao-Völker werden den Preis für die Entwicklung zahlen, aber wohin werden sie gehen? Was ist in Jamshedpur passiert? Es war auch ein Gebiet, das überwiegend von Adivasi bewohnt wurde, aber nach der Errichtung des Tata-Stahlwerks, sind die Adivasi verschwunden. Wohin wurden sie geschickt? Niemand wird sie finden.

Das Buch enthüllt, welche Tricks von der Arcelor Mittal Gesellschaft angewandt wurden, um Land von den Adivasi zu erwerben. Das Buch erzählt auch davon, weshalb die Adivasi gegen die Vertreibung im ganzen Staat Widerstand leisten. Es legt auch einen Plan dar für die Entwicklung von Jharkhand. Mein Argument ist: Wie können wir es verkaufen, wenn es unseren Vorfahren gehört? Wenn wir unser Land des Gewinns wegen verkaufen, dann bedeutet das, dass wir auch unsere Vorfahren verkaufen. Wie können wir so etwas tun? Birsa Munda, Talka Manjhi und Sidhu-Kanhu kämpften, um das Land, das Territorium und die Ressourcen zu retten, aber unsere sogenannten Adivasi-Führer wie Arjun Munda, Babulal Mamadi und Madhu Koda verkauften das Land an die Gesellschaften um des Profits willen. Wohin gehen wir, das Adivasi-Volk? Ist unsere ruhmreiche Geschichte des Kampfes vorüber?

Protest gegen Arcelor Mittal

31. Juli 2009

Adivasis and Moolvasi Protesting against displacement in Jharkhand

Adivasi und Moolvasi protestieren gegen Zwangsverteibungen aus ihren Dörfern in Jharkhand

Ms. Dayamani Barla addressing a mass meeting near governor house  at   Ranchi
Frau Dayamani Barla spricht am Sit-In vor dem Haus des Gouverneurs in Ranchi am 30. Juli 2009

Livio: Erzähl uns etwas über deine NGO, die Navjeevan Stiftung und woraus ihre Hauptbeschäftigung besteht.

Gladson: Ich glaube, wenn man verschiedene Vorgänge in Frage stellt, dann sollte man auch eine Option haben oder sollte praktische Arbeit leisten, um das Thema anzugehen. Wir können nicht einfach faul herumsitzen und andere in Frage stellen, inklusive den Staat, auch wenn es in der Verantwortung des Staates liegt, die Rechte des Volkes sicherzustellen. Ich wollte dafür kämpfen, die Macht des Volkes zu stärken. Ich glaube, dass sich der gegenwärtige Zustand nicht ändern wird, wenn das Volk keine Macht hat. Die erzieherische, soziale, ökonomische, politische und kulturelle Stärkung sollte gleichzeitig verlaufen. Deshalb gründete ich 2004 die Navjeevan Stiftung mit Hilfe meiner Freunde. Die Stiftung unterstützt hilflose Kinder, um ihre Ausbildung und Stärkung zu verwirklichen. Wir arbeiten für den Schutz und die Förderung der Menschenrechte und geben den Organisationen des Volkes Rechtsbeistand. Wir haben auch begonnen, mit den Rikscha-Fahrern, mi Jugendlichen und Frauen zu arbeiten. Aber wegen mangelnder finanzieller Unterstützung können wir nicht viele Themen aufgreifen und nicht schnell vorankommen. Die Stiftung ist den Kindern, Adivasi, Dalits, Frauen und Armen verpflichtet.

Livio: Würdest du gerne über einige deiner künftigen Pläne zur Entwicklung deines Volkes sprechen?

Gladson: Gegenwärtig habe ich wenig Geld und deshalb liegt mein Fokus auf der Unterstützung von mehr und mehr Kindern bei ihrer Erziehung. Ich plane auch, eine Kooperative für die Rikschafahrer in Ranchi zu gründen und ein wirtschaftliches Programm für Frauen. Davon abgesehen ist unsere Perspektive, die Jugendarbei zu stärken durch vierteljährliche Jugend – Workshops, Stärkung der Bewegungen des Volkes durch gemeinsame Aktionen und Mobilisierung des Volkes unter dem Banner des Jharkhands Indigenous People's Forum (Forum der Urbevölkerung von Jharkhand). Ich möchte auch fortfahren, in verschiedenen Fragen durch meine Schriften, Mobilisierungen und Rechtsbeistand die Stimme zu erheben. Später möchte ich gerne für die Stärkung der ländlichen Wirtschaft arbeiten, auf Basis der Entwicklung von Land- und Gartenwirtschaft, Viehzucht, Waldprodukten und traditionellem Handwerk und Kunst.

Livio: Hast du eine Botschaft für die Leser von joharadivasi.org?

Gladson: Lasst uns die Adivasi-Gesellschaft neu aufbauen, auf Basis des kommunalen Lebens, der Ko-Existenz mit der Natur, kollektiver Beschlussfassung, nicht-kommerziell und mit Gleichheit für alle. Gegenwärtig steuert die Welt auf eine kritische Situation zu, weshalb wir einen Plan für eine inklusive Entwicklung den sogenannten entwickelten Völkern zeigen müssen, deren Entwicklungstheorien auf Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Konfrontation mit der Natur beruhen. Freunde, ihr mögt eine gute Erziehung haben, einen befriedigenden Beruf, einen großartigen Lebenspartner, ein schönes Haus und einen tollen Wagen, aber wisst ihr auch, dass die meisten unserer Adivasi-Brüder und Schwestern keine gute Erziehung genießen können, dass ihr Land ihnen weggenommen wird, ihre Häuser zerstört werden, sie keine Arbeit haben und man sie dem Tod überlässt? Wer wird an sie denken? Wenn du dich nicht um dein eigenes Volk kümmerst, dann wird es bestimmt niemand tun. Sie brauchen unsere Unterstützung. Tut, was immer ihr könnt, für die Stärkung der Macht unseres Volkes. Du kannst gewiss auch jemand sein, der zur Veränderung beiträgt. Willst du?

Livio: Danke, Gladson, dass du uns deine kostbare Zeit geschenkt hast, um hier zu sein. Wir wünschen dir alles Gute für deine Arbeit und deine Aktivitäten, die du für die Entwicklung deiner Gemeinschaft unternimmst.

Gladson: Es war wirklich eine großartige Gelegenheit, mit dir zusammenzuarbeiten. Vielen Dank.

Quelle: Adivasi   Community Forum, News and Articles Interview with Gladson Dungdung, an Adivasi activist from Jharkhand in India


Originalartikel veröffentlicht am 19.7.

Über den Autor

Über Gladson Dungdung

Einar Schlereth und Fausto Giudice sind Mitglieder von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Herausgeber als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10392&lg=de

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