Donnerstag, 8. April 2010

Nur eine weitere Gräueltat

Massenmord als Routine
Justin Raimondo


Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de
Das von Wikileaks veröffentlichte Video (Transkript in deutscher Sprache), auf dem zu sehen ist, wie Kampfflugzeuge der Vereinigten Staaten von Amerika Zivilisten abknallen, während unsere Flieger fröhlich glucksen, schockiert alle. Mich nicht.



Vielleicht leide ich unter einer Art moralischer Erschöpfung: bin gefühllos geworden nach zehn Jahren Beschäftigung mit und ständigem Schreiben über amerikanische Kriegsverbrechen. Ob Abu Ghraib, Haditha, jede beliebige aus einer großen Anzahl von Gräueltaten – diese scheint auch nicht anders zu sein als sie alle. Die Blutrünstigkeit unserer „Boys“, die es kaum erwarten können, bis sie schießen dürfen, die unerlässliche Vertuschung, die Verleugnungen, die Bemerkungen „so ist halt der Krieg“ von den Verteidigern der Außenpolitik der Vereinigten Staaten von Amerika. Unter dem Strich wird es dann zu einer nüchternen Routine: ein weiterer Tag, eine weitere Gräueltat. Der einzige Unterschied in diesem Fall ist, dass diese nicht im Dunkel bleibt, sondern in den Scheinwerfern der Medien steht und von der Welt gesehen werden kann. Wie Glenn Greenwald ausführt, ist dieses Verhalten unserer glorreichen Truppen nicht unüblich: es ist die Norm. Krieg und Okkupation sind untrennbar verbunden mit „Kollateralschaden“, toten Kindern, Irrtümern, Bösartigkeit und Tragödien, alles zusammen gepackt in eine chaotische Ladung und verkauft als unser gerechter (und endloser) „Krieg gegen den Terrorismus.“

Der moralische Bankrott unserer Außenpolitik liegt seit geraumer Zeit auf der Hand, und Zwischenfälle wie dieser dramatisieren nur, was jeder außerhalb von Washington, D.C. bereits weiß, und doch geht es weiter – in unserem Namen – weil es schon Teil unseres Lebens geworden ist. Wir sind gewohnt, Länder zu besetzen, Kinder zu töten und „Fehler“ zu machen, die zum grausigen Tod Unschuldiger führen: eine Entschuldigung wird herausgelassen, vielleicht wird eine Familie ausbezahlt (ein paar Tausender für ein Leben), und die Todesmaschine mahlt weiter und zermalmt, was noch an kollektivem Gewissen vorhanden ist, mit dem Gewicht unserer Gleichgültigkeit. O ja, hast du nicht gehört, jemand ist in einem fernen Land getötet worden wegen unserer Außenpolitik – kannst du mir bitte das Salz reichen? Hast du die Stromrechnung bezahlt? Hey, ich höre, die Wohnung unseres Nachbarn wurde zwangsgeräumt ...

Ein moralisch korruptes Land wie unseres spricht nicht leicht auf Appelle an das Gewissen an, und sicher wird ein Video – welches auch immer – nicht zu einem moralischen Erwachen führen. Die Korruption geht zu tief, die Alltäglichkeit ist zu tief verwurzelt: was es brauchen wird ist ein Aneurysma, eine plötzliche Panne im System, die zu einem Zusammenbruch führt, nicht einen Mangel an Willen sondern einen Mangel an Mitteln, zum Beispiel einen nationalen Bankrott.

Vielleicht sollten wir eine Briefkampagne starten, um die Chinesen dazu zu bringen aufzuhören, unsere Schulden zu kaufen. Das soll kommunistische Subversion sein! Lenin hätte sich niemals träumen lassen, dass seine ideologischen Nachkommen – oder was von diesen noch übrig ist – die Hauptermöglicher des Imperialismus sein würden. Aber vielleicht sollten wir nur geduldig sein: die chinesischen Roten – bessere Kapitalisten als wir selbst – könnten bald ihre Investition als Verlustträger sehen und den Teppich unter den Washingtoner Kriegsherren von ihren Gnaden wegziehen. Wir können nur hoffen.

Noch kann niemand vorhersagen, wann die Katastrophe eintreten wird: alle wissen, dass der Zusammenbruch kommt, weil sie es in ihren Knochen spüren. Die ökonomischen Instinkte der einfachen Amerikaner sind genauer als die Vorhersagen der Wirtschafts“wissenschaft“, weil sie – im Gegensatz zu den Keynesianern des Präsidenten – wissen, dass man aus Luft keine Werte schaffen kann, dass es so etwas wie eine freie Mahlzeit nicht gibt und dass die Banknotenpressen der Regierung keine Quellen der Prosperität sind. Wir steuern auf den Fall zu, und das beste, was der Mann von der Straße tun kann, ist den Weg freizumachen, schnell – diese irakischen Zivilisten in dem Video konnten nicht einmal das tun.

Abgesehen vom drohenden Bankrott bildet ein weiteres Hindernis auf dem Weg der amerikanischen Todesmaschine der wachsende Widerstand, auf den wir stoßen, besonders im derzeitigen Schwerpunktgebiet unserer Operationen: Afghanistan. Nicht einmal so sehr die Taliban: Präsident Hamid Karzai stellt sich als unser größter Feind an dieser Front heraus. Indem er uns beschuldigt, Wahlbetrug begünstigt zu haben, droht der Anführer der Regierung, die zu verteidigen und zu unterstützen wir geschworen haben, der Aufstandsbewegung beizutreten.

Über Karzais Ähnlichkeit mit Ngo Dinh Diem, unserem schwierigen Alliierten im Vietnamkrieg, ist schon vor längerer Zeit hier geschrieben worden, und seit neuestem bettelt er geradezu darum, Diems Schicksal zu teilen. Nachdem wir in Vietnam Diems blutigen Abgang ermöglicht hatten, versuchten wir es mit einer Reihe vietnamesischer Generäle schnell hintereinander, von denen sich jeder als weniger schwierig erwies, wenn auch als weniger effektiv (und korrupter) als der Vorgänger. Das ging so dahin, bis wir endlich verjagt wurden und das diplomatische Personal der Vereinigten Staaten von Amerika per Hubschrauber vom Dach unserer Botschaft ausfliegen mussten. Als der Vietkong Saigon einnahm und ein beschämendes und blutiges Kapitel der Geschichte unseres Imperiums – schon damals im Abstieg begriffen – zu Ende ging, gaben wir uns widerstrebend eine zeitweilige Atempause von der Last der Weltherrschaft. Bis der Kalte Krieg zu Ende ging und die Versuchung, dort weiterzumachen, wo wir aufgehört hatten, zu verlockend war ...

Unser Problem mit Karzai ist unlösbar, weil der ganze Problembereich, eine afghanische Regierung einzurichten, nicht gelöst werden kann: Afghanistan hatte nie eine zentrale Regierung, und man kann genauso eine Orchidee in die Wüste pflanzen wie eine „Demokratie“ (oder zentralisierte Autokratie, oder irgendeine Art Zentralregierung) in die Erde Afghanistans. Das wächst einfach nicht. Das gesamte Konzept von „Ordnung“ und zentraler Leitung ist der afghanischen Kultur fremd und wird vom örtlichen politischen System nur abgestoßen. Wie auch die amerikanische Okkupation abgestoßen und bekämpft wird.

Deswegen verkaufen die Werbefritzen in Pentagon und Weißem Haus diesen Krieg als einen angeblich „beschränkten” Einsatz, der angeblich unsere Todfeinde in der al Qaeda aufspüren, außer Gefecht setzen und zerstören soll – und danach sind wir weg von dort. In Wirklichkeit jagen wir allerdings ein Hirngespinst, das je nach Belieben auftaucht und verschwindet, ein substanzloses Gespenst, das sich auflöst, sobald man nahe genug kommt, es zu berühren. Al Qaeda ist überall und nirgends: Osama bin Laden, der angebliche Anführer dieses ätherischen Todeskults, ist eine Stimme auf einer Audiodatei, eine dünne grausame Stimme, die sich darüber lustig macht, dass wir in die Falle gehen, die sie so liebevoll gestellt hat.

Unsere Führer glauben ihre eigene Propaganda. Sie glauben, dass sie unbesiegbar sind, dass ihr Imperium tausend Jahre und länger dauern wird: sie sehen einfach nicht diese Lokomotive, die mit halsbrecherischer Geschwindigkeit heranrast, oder glauben lieber, dass sie diese wegwünschen können. In der Zwischenzeit hören wir atemlose Berichte von „der Front“ und Lobgesänge auf „unsere tapferen Soldaten“, die kichern, während sie unschuldige Menschen abschlachten.

Der Tag kommt sicher, an dem dieses Kichern für immer ein Ende haben wird: die Risse im Gebäude sind schon sichtbar, ungeachtet der angestrengten Bemühungen der Obamaisten, diese abzudecken mit Siegelwachs, Regierungsgeldern und vulgär protzigen politischen Auftritten. Der Tag naht, an dem sich das Imperium nicht mehr selbst aufrecht erhalten kann und die grandiosen Türme der Burg zusammenbrechen und die Bewohner in den Trümmern begraben werden. Dann ist der Rest der Welt dran, angesichts der schrecklichen Zerstörung und des unsäglichen menschlichen Leids zu kichern – und sich abzuwenden.

Erschienen am 7. April 2010 auf > http://www.antiwar.com > http://original.antiwar.com/justin/2010/04/06/just-another-atrocity/

Quelle: antikrieg.com

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