Montag, 26. April 2010

Operation Grüne Jagd: ein schmutziger Krieg - INDIEN: Maoisten-Säuberung?

AUTOR: Gladson DUNGDUNG

Übersetzt von Einar Schlereth. Herausgegeben von Fausto Giudice


Im Frühling legen Bäume, Pflanzen und Kräuter ein grünes Kleid an mit neuen wunderschönen Blättern. Es ist die Wiederauferstehung des Waldes nach dem Herbst. Es ist eine der herrlichsten Jahreszeiten für die Vögel, Tiere und Insekten und natürlich für die Adivasis – es ist der Beginn ihrer Hochzeit mit der Natur. Die Adivasis1 beginnen Blumen, Früchte und andere Waldprodukte zu sammeln zum Unterhalt ihrer Gemeinschaften, der vollständig auf natürlichen Ressourcen basiert. Die einzigartigen Züge dieser Gemeinschaften ist das gemeinsame Zusammenleben mit dem Teilen-Sich kümmern, der Gleichheit für alle, Gerechtigkeit und einem auf Bedürfnisse orientiertem Wirtschaftssystem. Am interessantesten ist, dass die Adivasis im Frühling ihrem übernatürlichen Gott ihren Dank darbringen, zusammen feiern und ihre neue Reise mit der Natur beginnen.

Gemäß der Santal2-Tradition wird die erste Blume der Saison dem übernatürlichen Gott 'Baha Parap' dargeboten – danach dürfen nur die Mitglieder der Gemeinschaft irgendwelche Waldprodukte ernten. Die erste Blume wird 'Baha Parap' gemeinsam auf dem Blumenfest dargebracht. Ähnlich feiern die Oraon ihr 'Khadi', auch als 'Sarhul' bekannt. Diese Danksagungstradition findet sich in allen Adivasi-Gruppen. Unglücklicherweise konnten sie diesmal nicht einmal daran denken. Indiens Innenminister P. Chidambarams bewaffnete Räuber (die Sicherheitskräfte), die mit der Operation Green Hunt beauftragt waren, haben ihnen nicht erlaubt, das Dankopfer ihrem Gott darzubringen. Man stoppte ihre gemeinsamen Tänze und es wurden ihnen auch alle kommunalen Feste verboten. Was ist das für eine Operation?


Märchenstunde:
"Und diese bösen Naxaliten haben Eure ganze Nahrung aufgegessen, die seit 62 Jahren in unserer sicheren Verwahrung war"

Kann man sich vorstellen, was passieren würde, wenn die Sicherheitskräfte den Hindus nicht erlauben würden, ihr Ramnaumi zu feiern, die Muslime daran hindern würden, ihre Prozessionen am Muharram [erster Monat des Jahres] zu organisieren und die Christen verbieten würde, Ostern zu feiern? Wahrscheinlich hätte es irgendeine Art von Krawallen gegeben, Spannungen oder zumindest wäre es zu einer nationalen Angelegenheit geworden. Aber niemand hat davon gehört, wie den Adivasis die Ausübung ihrer uralten Tradition und Kultur von den Sicherheitskräften verweigert wurde, da die sogenannte vierte Gewalt (die Medien) der Demokratie darauf pfeift, uns davon zu berichten. Die Adivasis wurden ihrer kulturellen Rechte in ihrem eigenen Land beraubt im Namen der Säuberung von Maoisten, die der Staat als größte Bedrohung des Investitionsklimas im Lande ansieht.

Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Die Freiheit der Dorfbewohner ist auch verschwunden; sie werden verhört, untersucht und am Zugang zu lebensnotwendigen Gütern gehindert. Sie werden auf Schritt und Tritt von den Sicherheitskräften überwacht. Adivasis, die auf Hügeln leben (der indische Staat liebt es, sie als 'Primitive' zu bezeichnen und ihren Status quo aufrechtzuerhalten) sind von diesem Prozess am meisten betroffen. Sie haben aufgehört, Waldprodukte zu sammeln, die einzigen Nahrungsmittel, die es im Wald für sie noch gibt. Sie verlassen aus Angst vor den Sicherheitskräften nicht ihre Häuser, und manche von ihnen sind sogar in sichere Orte ausgewandert. Derlei traurige Geschichten kann man im ganzen Staat hören, wo die Operationen seit dem 10. März im Gange sind.

Unter den neuen Bedingungen haben die Sicherheitskräfte einige der ländlichen Märkte in Beschlag genommen, nachdem sie schon Schulen, Wasserreserven und Wälder in Beschlag genommen hatten. Zum Beispiel ist es den Dorfbewohnern des Rania Blocks im Distrikt Khunti, wo die Arcellor Mittal ein auf 12 Millionen Tonnen ausgelegtes Stahlwerk vorgeschlagen hat, nicht erlaubt, irgendwelche Dinge nach eigenem Gutdünken zu kaufen. Die Sicherheitskräfte verhindern, dass sie zu viele Nahrungsmittel kaufen, da sie annehmen, dass extra Nahrung den Maoisten gegeben wird. Die Operation Green Hunt hat die ländlichen Märkte in Jharkand schwer getroffen. Die vom Wald abhängigen Gemeinden haben mit dem Sammeln von Waldprodukten aufgehört. Deswegen sieht man nur sehr wenige Leute auf den Märkten. Es ist klar, dass die Dorfbewohner nichts zu verkaufen haben und daher nichts kaufen können; es hat einen rasanten Ausfall auf den Märkten der Dorfbewohner gegeben, was einen schweren Angriff auf die ländliche Wirtschaft bedeutet, zumal die Dorfbewohner bereits in einer wirtschaftlichen Krise auf Grund der Preiserhöhungen für lebensnotwendige Waren stecken.

Die Krise wird in diesen Gebieten rapide zunehmen, da die vom Wald abhängigen Gemeinden ihre wichtigste Wirtschaftssaison verlieren durch das Verbot, Waldprodukte zu sammeln (Mahua, Chiranji und Tendu-Blätter), was ihnen normalerweise wenigstens über sechs Monate zu überleben verhalf. Eine interessante Frage ist, weshalb die Sicherheitskräfte in dem sogenannten roten Korridor eine Nahrungsmittelkrise schaffen, anstatt gegen die Maoisten vorzugehen, wie es uns vom Staat erzählt wird.

Man muss in den Staat Chhattisgarh gehen, um den Kern des Problems zu verstehen. Die Adivasis aus 644 Dörfern sind zu anderen Orten gewandert, und jetzt versuchen die Unternehmens-Haifische – Tata. Jindan und Bhushan Stahl – ihre Projekte in jenen Dörfern zu verwirklichen. Da Jharkand als ruhmreicher Staat des Adivasi-Widerstands bekannt ist, wo sogar die Briten das Spiel verloren haben, ist der indische Staat sehr vorsichtig und benutzt die Strategie, Angst zu erzeugen, Unsicherheit und Ungewissheit statt jene Gebiete zu bombardieren, damit die Adivasis ihre Dörfer verlassen und in andre Staaten wandern wie sie es in Chhattisgarh getan haben. Der indische Staat beabsichtigt, in Jharkand eine ähnliche Situation zu schaffen, damit niemand übrig bleibt, um gegen die vorgesehenen Mega-Stahlwerke, Kraftwerke und Bergwerke im sogenannten roten Korridor zu protestieren.


Der "rote Korridor"

Für das liberale Gewissen ist es einfacher zu glauben, dass der Krieg in den Wäldern ein Krieg zwischen der Regierung von Indien und den Maoisten ist, die Wahlen einen Betrug nennen, das Parlament einen Schweinestall, und die offen ihre Absicht erklärt haben, den indischen Staat zu stürzen. Es ist auch bequem zu vergessen, dass die Stammesvölker in Zentralindien eine Geschichte des Widerstandes haben, die Jahrhunderte älter als Mao ist. (Das ist natürlich eine Platitude. Wäre es nicht so, würden sie nicht existieren.) Die Ho, Oraon, Kol, Santal, Munda und Gond haben alle mehrmals rebelliert, gegen die Briten, gegen die Zamindars [Großgrundbesitzer, aber ursprünglich die Steuereintreiber des Moguls, die schließlich eine eigene Schicht im Feudalsystem bildeten. D.Ü.] und gegen die Geldverleiher. Die Rebellionen wurden grausam niedergeschlagen, viele tausend Menschen wurden getötet, aber die Völker wurden niemals erobert. Selbst nach der Unabhängigkeit standen die Stammesvölker an der Spitze des ersten Aufstandes, der als maoistisch bezeichnet werden konnte, im Dorf Naxalbari in Westbengalen (daher das Wort Naxaliten, das jetzt synonym mit 'Maoisten' benutzt wird). Seit damals ist die Politik der Naxaliten unlösbar mit den Stammesaufständen verbunden, was ebenso viel über die Stämme wie über die Naxaliten aussagt.

Obwohl die Adivasis die ursprünglichen Bewohner dieses Landes sind, hat die Globalisierung die Bedeutung von 'Adivasi' völlig verändert. Jetzt wird das Wort 'Adivasi' als Synonym für 'Naxalit' und 'Maoist' benutzt. Daher wird jeder, der sich dem sogenannten Entwicklungsprojekt entgegenstellt, der Feuerholz im Wald sammelt und mit den traditionellen Waffen umherstreift als Maoist verdächtigt oder zumindest als ihr Unterstützer oder Sympathisant. Es gab eine ähnliche Situation, die für die Muslime geschaffen wurde, wo jeder Muslim, der traditionelle Kleidung trug, als Terrorist verdächtigt wurde. Es gibt ferner den Versuch des Staates und der Medien, Übereinstimmung darin herzustellen, dass jede Massenbewegung gegen Zwangsumsiedlung von den Maoisten unterstützt wird, was direkt bedeutet, dass die Adivasis nicht von sich aus kämpfen können. Das ist natürlich lächerlich, weil es eine ruhmreiche Geschichte des Adivasi-Widerstands gegen Ungerechtigkeit in Jharkand gibt.

Es erhebt sich auch die Frage, ob die Verfassung von Indien es dem Staat erlaubt, seinem eigenen Volk seine Rechte im Namen der nationalen Sicherheit zu verweigern? Wer hat die Sicherheitskräfte ermächtigt, mit ihren unmenschlichen Machenschaften gegen das Volk fortzufahren? Werden die Sicherheitskräfte dasselbe mit den Unternehmenshaien machen? Warum ergreift der Staat keine Maßnahmen gegen diese Haie, die die Gesetze des Landes verletzt haben, die dem Volk seine Rechte verweigern und kriminelle Aktivitäten geduldet haben? Und wie lang sollen wir das erdulden?

Das einzige Ziel der sogenannten Operation Green Hunt ist es, den sogenannten 'roten Korridor' in den 'korporativen Korridor' zu verwandeln. Das Geschrei und Gezeter des indischen Staates über den Maoismus und den Naxalismus ist nur eine Strategie, den Mega-Unternehmen im Mineral-Korridor die Hintertür offenzuhalten. Obwohl uns noch nicht gesagt wurde, wie viele Maoisten bei der Operation Green Hunt getötet wurden, so ist der Chef der Operation Green Hunt, P. Chidambaram recht zuversichtlich, die Maoisten bis 2013 ausradiert zu haben. Deshalb bin ich sicher, dass in dem Moment, wo die korporativen Haie in den Mineralkorridor eingedrungen sind, die Frage des Maoismus und Naxalismus selbigen Tages von der Tagesordnung des Staates gestrichen wird. Oder nicht? Es bleibt jedoch die Frage unbeantwortet, wie lange die Adivasis für das nationale Interesse, die nationale Sicherheit und die nationale Entwicklung bezahlen sollen.

Anm. d. Hrsgb.:

1- Adivasi: aus dem Hindi आदिवासी, âdivâsî, wörtl.: erster Bewohner, Ureinwohner, erster Mensch bzw. erster Siedler. Selbstbezeichnung der indigenen Bevölkerung im heutigen Indien. Die Verwendung dieses Wortes wurde von den Schöpfern der indischen Verfassung ausdrücklich verworfen, da es den Eindruck vermittelt, die Tribals (Volksstämme) seien länger ansässig als die Kasten-Hindus. Stattdessen verwendet man seitdem offiziell den Begriff scheduled tribes (eingetragene Volksstämme, auch eine Art e.V…), deren Sonderstatus im 5. Verfassungsanhang geregelt wird. Im Government of India Act 1935 hatte man sie sogar als backward tribes (rückschrittliche Volkstämme!!!) bezeichnet. Die Adivasis waren offiziell 68 Millionen 1991.

2 - Die Santal (Hindi: संताल, Bengali: সাওতাল) oder Santhal, sind die größte Stammes-Gemeinschaft in Indien. Sie leben hauptsächlich in den Bundesstaaten Jharkhand, Westbengalen, Bihar, Orissa und Assam. Es gibt auch eine bedeutende Santal -Minderheit im benachbarten Bangladesch und eine kleine Gruppe in Nepal.

Quelle: INDIA: Cleansing The Maoists?

Originalartikel veröffentlicht am 6.4.2010

Über den Autor

Einar Schlereth und Fausto Giudice sind Mitglieder von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Herausgeber als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10373&lg=de

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