Donnerstag, 29. April 2010

Warum Töten Soldaten Spaß macht

Von John Horgan

Haben manche Soldaten Spaß am Töten? Wenn ja, warum? Auf diese Frage sind wir gestoßen durch das vor kurzem veröffentlichte Video, auf dem zu sehen ist, wie Piloten eines Apache Helikopters der Vereinigten Staaten von Amerika 2007 einen Reuters-Kameraman und dessen Fahrer in Bagdad erschießen. Nachdem sie die Kamera des Reuters-Reporters für eine Waffe hielten, erschossen die Piloten den Reporter und seinen Fahrer und weitere Menschen in der Nähe mit Maschinengewehren.

Der abstossendste Aspekt des von Wikileaks veröffentlichten Videos ist das Gespräch zwischen den beiden Piloten, deren Namen nicht bekannt gegeben wurden. Wie Elizabeth Bumiller von der New York Times es ausdrückt, „schwelgen die Soldaten in ihrem Töten.“ „Schau dir diese toten Bastarde an,“ sagt ein Pilot. „Nett“ antwortet der zweite.

Dieser Wortwechsel erinnert mich an eine Geschichte in der Times im März 2003, während der Invasion Bagdads durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Der Reporter zitiert Sergeant Eric Schrumpf, einen Marinescharfschützen, mit den Worten: „Wir hatten einen großartigen Tag. Wir töteten eine Menge Leute.“ Nachdem er erwähnte, dass sein Trupp eine irakische Frau getötet hat, die sich in der Nähe eines Kämpfers aufgehalten hatte, fügt Schrumpf hinzu: „Tut mir leid, aber die Puppe stand im Weg.“

Kommt die offenkundige Genugtuung – nennen wir sie Schrumpf-Effekt – die einige Soldaten aus dem Töten schöpfen, in erster Linie aus der Natur oder aus der Erziehung? Natur, behauptet Richard Wrangham, Anthropologe an der Harvard-Universität und Autorität im Bereich Schimpansen. Wrangham behauptet, dass die natürliche Selektion in männlichen Menschen und Schimpansen – unseren engsten genetischen Verwandten – eine angeborene Veranlagung für „gruppenmäßig organisiertes Töten“ eingebettet hat, durch die die Mitglieder einer Gruppe Mitglieder einer rivalisierenden Gruppe attackieren. Männliche Menschen „genießen die Möglichkeit“ andere zu töten, besonders wenn ihr Risiko, selbst getötet zu werden, dabei klein ist.

Vor ein paar Jahren stellten Genetiker an der Victoria-Universität in Neuseeland eine Verbindung her zwischen gewalttätiger männlicher Aggression und einer Variante eines Gens, das das Enzym Monoaminoxydase A verschlüsselt, das die Funktion von Neurotransmittern wie Dopamin und Serotonin regelt. Laut diesen Forschern findet sich dieses Gen bei 56% der Maori-Männer, die bekannt dafür sind, „furchtlose Krieger“ zu sein, und nur bei 34% der kaukasischen Männer.

Studien an Veteranen des Zweiten Weltkriegs legen allerdings nahe, dass sehr wenige Männer von Natur aus kriegerisch sind. Die Psychiater Roy Swank und Walter Marchand fanden heraus, dass 98% der Soldaten, die 60 Tage anhaltenden Kampfes mitgemacht hatten, an psychiatrischen Symptomen litten, zeitweilig oder chronisch. Die zwei aus den 100 Soldaten, die durch lange Kampfzeiten unbeeinträchtigt erschienen, wiesen „aggressive psychopathische Persönlichkeiten“ auf, berichteten die Psychiater. Anders ausgedrückt, hat der Kampf diese Männer nicht verrückt gemacht, weil sie schon von Anfang an verrückt waren.

Erhebungen an Infanteristen des Zweiten Weltkriegs durch Brigadegeneral S.L.A. Marshall von der Armee der Vereinigten Staaten von Amerika ergaben, dass nur 15 bis 20 Prozent ihre Waffen im Kampf abgefeuert hatten, sogar obwohl ihnen das befohlen worden war. Marshall schloss daraus, dass die meisten Soldaten es vermeiden, auf den Feind zu schießen, weil sie das Töten genauso fürchten wie das Getötetwerden. „Das durchschnittliche und gesunde Individuum,” behauptete Marshall in seinem nach dem Krieg veröffentlichten Buch Men Against Fire (Männer gegen Feuer), „hat einen derartigen inneren und normalerweise nicht wahrgenommenen Widerstand gegen das Töten eines Mitmenschen, dass er nicht willentlich töten wird, wenn es möglich ist, aus dieser Verantwortung herauszukommen ... Am entscheidenden Punkt wird er zum Kriegsdienstverweigerer.”

Kritiker haben Marshalls Behauptungen bestritten, aber die Armee der Vereinigten Staaten von Amerika nahm sie so ernst, dass sie ihre Ausbildung umorganisierte, um in den nachfolgenden Kriegen die Feuerquoten zu steigern, laut Dave Grossman, einem ehemaligen Oberstleutnant der Armee der Vereinigten Staaten von Amerika und Psychologieprofessor in West Point (Militärakademie). In seinem 1995 erschienenen Buch On Killing (Über das Töten) argumentiert Grossman, dass Marshalls Resultate erhärtet worden sind durch Berichte aus dem Ersten Weltkrieg, dem amerikanischen Bürgerkrieg, den Napoleonischen Kriegen und anderen Konflikten. „Der außerordentliche Mangel an Enthusiasmus am Töten eines Mitmenschen findet sich in der gesamten Militärgeschichte,” bestätigt Grossman.

Der Widerwille normaler Männer gegen das Töten kann überwunden werden durch intensives Training, direkte Befehle von Offizieren, weitreichende Waffen und Propaganda, die die Sache des Soldaten glorifiziert und den Feind enthumanisiert. „Mit der entsprechenden Konditionierung und unter den entsprechenden Umständen sieht es so aus, dass fast jeder töten kann und töten wird,” schreibt Grossman. Viele Soldaten, die Feinde in der Schlacht töten, freuen sich anfänglich, sagt Grossman, aber später fühlen sie oft tiefgehenden Ekel und Reue, was sich in posttraumatisches Stressleiden und andere Krankheiten umwandeln kann. Grossman glaubt, dass in Wirklichkeit die Probleme vieler Kriegsveteranen der Beweis sind für einen „starken angeborenen Widerstand des Menschen gegen das Töten seiner eigenen Art.”

Mit anderen Worten - der Schrumpf-Effekt ist normalerweise weniger ein Ergebnis der Natur als der Erziehung – obwohl „Erziehung“ ein ungewohnter Begriff ist für eine Ausbildung, die aus normalen jungen Männern begeisterte Killer macht.


erschienen am 23. April 2010 in SCIENTIFIC AMERICAN > http://www.scientificamerican.com/blog/post.cfm?id=why-soldiers-get-a-kick-out-of-kill-2010-04-23

Quelle: antikrieg.com

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