Sonntag, 16. Mai 2010

Die Wut in den Rostgürteln

Pennsylvania und der Nordosten China verbindet der Zorn der Abgehalfterten
Noam Chomsky

Am 18. Februar steuerte Joe Stack, ein 53jähriger Computeringenieur, sein Kleinflugzeug in ein Gebäude in Austin, Texas. Es schlug im dortigen IRS-Versicherungsbüro auf. Bei dieser Selbstmordaktion starb ein Mensch, es gab mehrere Verletzte.

Stack hinterließ ein Manifest, das sich gegen die Regierung richtete und in dem er seine Tat erklärte. Seine Geschichte beginnt in Harrisburg, Pennsylvania, als Stack ein Teenager mit einem Hungerlohn war. Er wohnte nicht weit vom Kern des einst so großen Industriezentrums entfernt.

Seine alte Nachbarin sei über 80 gewesen, schreibt er und habe mit Hilfe von Katzenfutter überlebt. Sie "war die Witwe eines berenteten Stahlarbeiters. Ihr Ehemann hatte sein Leben lang in den Stahlwerken im Zentrum Pennsylvanias gearbeitet. Big Business und die Gewerkschaften hatten ihm versprochen, er werde für seine 30 Jahre Arbeit eine Pension und eine gute Krankenversorgung erhalten und könne sich auf seinen Ruhestand freuen".

"Stattdessen war er einer von Tausenden, die leer ausgingen, weil die inkompetente Werksleitung und die korrupte Gewerkschaft (von der Regierung ganz zu schweigen) die Rentenfonds plünderten und die Renten stahlen. Alles, was ihr (der Witwe) zum Leben blieb, war die Sozialhilfe".

Stack hätte noch hinzufügen können, dass die Superreichen und ihre politischen Verbündeten inzwischen auch die Sozialhilfe streichen wollen.

Stack beschloss, Big Business zu misstrauen und es aus eigener Kraft zu versuchen. Doch alles, was er feststellte, war, dass auch der Regierung nicht zu trauen war, da ihr Menschen wie Stack gleichgültig sind und sie sich nur für die Reichen und Privilegierten interessiert. Und was war mit unserem Rechtssystem los, in dem es "für jedes Gesetz zwei Auslegungen gibt - eine für sehr Reiche und eine für den Rest von uns", so Stack.

Die Regierung lässt uns hängen, meinte er - "mit diesem Witz, der sich amerikanisches Gesundheitswesen nennt, einschließlich der Pharmaunternehmen und der Versicherungsgesellschaften, (die) jedes Jahr Zehntausende ermorden", denn die rationierte Versorgung orientiere sich vorwiegend am Geld und nicht an der Dringlichkeit der Versorgung, so Stack.

Stack führt derartige Mängel auf eine soziale Ordnung zurück, in der "eine Hand voll reicher Gauner und Plünderer unbeschreibliche Gräuel anrichten kann - und wenn es so weit ist, dass der fette Haufen endlich unter dem Gewicht seiner Fresssucht und seiner überwältigenden Dummheit zusammenbricht, hat die Bundesregierung kein Problem damit, ihnen mit aller Macht innerhalb von Tagen oder gar Stunden zu Hilfe zu eilen." Stacks Manifest endet mit zwei wachrüttelnden Sätzen: "Das Bekenntnis des Kommunisten heißt: Jeder soll das geben, was er kann; jeder soll das bekommen, was er benötigt. Das Bekenntnis des Kapitalisten lautet: Jeder soll das geben, was ihm seine Leichtgläubigkeit eingibt, und jeder soll das bekommen, was seine Gier verlangt".

Aussagekräftige Studien über den amerikanischen 'Rostgürtel' zeigen, dass unter den Menschen dieser Region eine Wut herrscht, die vergleichbar ist. Die Menschen wurden abgehalftert durch die zwischen Staat und Unternehmen ausgehandelten Programme, mit denen Werke geschlossen und somit Familien und Gemeinden zerstört wurden.

Schnell entsteht bei den Menschen, die geglaubt hatten, ihre gesellschaftliche Pflicht zu tun, das akute Gefühl, betrogen worden zu sein. Sie hatten geglaubt, Teil eines moralischen Paktes mit der Gesellschaft und der Geschäftswelt zu sein. Nun mussten sie feststellen, dass sie nur Mittel zum Zweck für die Macht und für Profite gewesen waren.

Frappierend ähnliche Beispiele gibt es in China. Das hat Ching Kwan Lee, von der Universität von Kalifornien (Los Angeles) herausgefunden. China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Lee hat die Wut und Verzweiflung der Arbeiterklasse in den abgehalfterten Industrierevieren Amerikas mit der Verzweiflung der Arbeiterklasse im chinesischen "Rostgürtel" (wie sie die Region nennt) verglichen. Gemeint ist das (ehemalige) staatssozialistische Zentrum im Nordosten Chinas, das - im Interesse einer staatskapitalistischen Entwicklung im Sonnengürtel des Südostens - im Stich gelassen wurde.

In beiden Regionen (in Pennsylvania und im Nordosten Chinas) traf Lee auf massive Arbeiterproteste - unterschiedlicher Art. Die Arbeiter im Rostgürtel (Chinas) äußerten dasselbe Gefühl, betrogen worden zu werden, wie ihre Leidensgenossen in den USA. Allerdings hatten sie das Gefühl, die maoistischen Prinzipien Solidarität und Engagement für die Weiterentwicklung der Gesellschaft seien verraten worden. Für sie waren sie ein moralischer Pakt gewesen. Doch nun mussten sie feststellen: Was immer es gewesen war, heute war davon nur noch bitterer Betrug übrig.

In ganz China wurden Millionen von Arbeitern aus Arbeitseinheiten freigestellt. Sie "quält ein tiefes Gefühl der Verunsicherung", aus dem "Wut und Verzweiflung" erwächst, so Lee.

Lees Studien und Arbeiten über den Rostgürtel Amerikas machen deutlich, dass die moralische Empörung, die hinter der zornigen, oft selbstzerstörerischen Verbitterung über die Regierung und die Macht der Unternehmen steht, sehr tief geht und von uns nicht unterschätzt werden sollte.

Was die USA angeht, so spiegelt sich die Enttäuschung in der "Tea-Party-Bewegung" - und vor allem in den Kreisen, die diese Bewegung erreicht. Die Tea-Party-Bewegung (1) ist eine extremistische Bewegung, die sich gegen die Steuergesetzgebung richtet. Im Vergleich zu Joe Stacks Protest ist ihr Protest nicht unmittelbar selbstmörderisch, aber dennoch suizidal.

Ein dramatisches aktuelles Beispiel ist der Staat Kalifornien, wo gerade das 'weltweit größte System für höhere Bildung aus öffentlicher Hand' zerschlagen wird. Zudem - so Gouverneur Arnold Schwarzenegger - müsse er bei den staatlichen Gesundheits- und Sozialhilfeprogrammen einsparen; es sei denn die Bundesregierung schieße rund $7 Milliarden zu. Und Gouverneure aus weiteren US-Bundesstaaten schließen sich ihm an.

Gleichzeitig entsteht eine neue starke Bewegung, die mehr Rechte für die Bundesstaaten fordert; Washington solle sich "nicht in unsere Angelegenheiten einmischen". Es ist ein interessantes Beispiel für das, was George Orwell (in seinem futuristischen Roman '1984 - Anmerkung d. Übersetzerin) als "Doppeldenk" bezeichnet hat: Die Fähigkeit, zwei sich widersprechende Vorstellungen gleichzeitig im Kopf zu haben und an beides zu glauben. Im Grunde ist dies das Motto unserer Zeit.

Schuld an der katastrophalen Situation in Kalifornien ist in erster Linie das fanatische Streben nach Steuersenkungen. Dasselbe gilt für andere Regionen (der USA). Selbst reiche Vororte sind davon betroffen.

Die Lust auf Steuersenkungen anzuregen, ist seit langem Teil der Standardpropaganda der Geschäftswelt.

Die Menschen müssen indoktriniert werden, damit sie die Regierung hassen und fürchten - aus gutem Grund: Von allen Machtsystemen, die es gibt, ist die Regierung das einzige System, das theoretisch - manchmal auch tatsächlich - der Öffentlichkeit untersteht und die Raubzüge der privaten Macht zügeln kann.

Doch die Antiregierungs-Propaganda muss häppchenweise erfolgen, denn die Geschäftswelt will natürlich einen starken Staat, der sich für die Finanzinstitutionen und die Multis einsetzt und sie selbst dann noch auslöst (Bailout), wenn sie die Wirtschaft ruinieren.

Ein brillantes Beispiel für "Doppeldenk" ist die Tatsache, dass die Leute das Defizit (Haushaltsloch) fürchten und hassen. Und so kommt es, dass die Kohorten der Geschäftswelt in Washington Kürzungen bei sozialen Beihilfen und Rechten - wie etwa der Sozialversicherung - (nicht aber bei den Bailouts) abnicken. Gleichzeitig soll vermieden werden, dass die Leute sich gegen jene Bereiche wenden, die das Haushaltsdefizit in erster Linie verursachen: das anschwellende Militärbudget und ein hoffnungslos ineffizientes, privatisiertes Gesundheitswesen.

Es ist leicht, sich über Joe Stack und die Art und Weise, wie er und andere ihre Besorgnis äußern, lustig zu machen. Weit angemessener wäre es zu begreifen, was hinter ihrer Sichtweise und ihren Aktionen steckt. Denn wir leben in einer Zeit, in der Menschen mit echten Problemen für Zwecke mobilisiert werden, die für sie selbst und andere keine geringe Gefahr darstellen.
Anmerkung d. Übersetzerin

(1) Benannt nach der Boston Tea Party, mit der die 'Amerikanische Revolution' begann.

* Noam Chomskys neues Buch 'Hope and Prospects', in dem es vor allem um die Möglichkeit für einen gerechten Frieden in Palästina geht, ist soeben bei Haymarket Books erschienen.

Noam Chomsky ist Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technologie (MIT) und hat in den 60er Jahren die Vorstellungen über Sprache und Denken revolutioniert. Zugleich ist er einer der prominentesten und schärfsten Kritiker der gegenwärtigen Weltordnung und des US-Imperialismus.

Orginalartikel: Rustbelt Rage

Übersetzt von: Andrea Noll

Quelle:zNet

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