Montag, 3. Mai 2010

Ein von den USA gesponsertes Terrornetzwerk: Die Todesschwadronen in Afghanistan

Von Francis Shor
CounterPunch, 29.04.10

Es kann nicht länger bestritten werden, dass US Special Forces (Spezialkräfte) in Afghanistan für eine zunehmende Anzahl von Morden verantwortlich sind, die durch gezielte außergerichtliche Tötungen oder wegen falscher Geheimdienst-Informationen verübt werden. Sie reichen vom Überfall auf eine Hochzeitsgesellschaft in Gardez am 12. Februar 2010, bei dem zahlreiche Zivilisten, darunter zwei schwangere Frauen, getötet wurden (s. http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/afghanistan/article7060395.ece ), bis zu der wachsenden Anzahl von Exekutionen Aufständischer in der Region Kandahar (s. http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_10/LP11310_290410.pdf ); die Special Forces sind zu den Todesschwadronen des US-Militärs geworden.


Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de

Wie die NEW YORK TIMES am 25. April berichtete (s. die oben verlinkte LUFTPOST 113/10), hat die Vorbereitung der Offensive gegen die in Kandahar vermuteten Taliban-Gruppen "mit insgeheim durchgeführten Zugriffen der Spezialkommandos begonnen". Es ist, als ob Dick Cheney, der die Meinung vertrat, die USA müssten den globalen Krieg gegen den Terror vor allem mit Geheimoperationen führen, immer noch hinter diesen Militäreinsätzen stünde, obwohl die Obama-Administration den Krieg gegen den Terror doch angeblich abgeblasen hat. Dabei ist die von Washington zu verantwortende und von den Planern im Pentagon umgesetzte Politik, die gerade auf ganz Afghanistan ausgedehnt wird, doch selbst blanker Terror.

Informierte Leser sollte es nicht überraschen, dass bei Militäroperationen unter dem Befehl des Generals Stanley McChrystal solche terroristischen Taktiken eine wichtige Rolle spielen. Exekutionskommandos und ethnische Säuberung gehörten auch zur Strategie der "Surge" (der Woge von Truppenverstärkungen), die McChrystal im Irak angewendet hat. In Afghanistan hat er die Joint Prioritized Engagement List / JPEL (die gemeinsame Liste vorrangiger Aktivitäten) eingeführt, eine Lizenz zur außergerichtlichen Exekution aller Personen, deren Name auf der Liste steht. Wenn afghanische Stammesführer durch Bestechung oder Erpressung nicht dazu gebracht werden können, sich mit den Besatzern gegen einheimische Aufständische zu verbünden, werden sie einfach auf die JPEL gesetzt.

Da die Einwohner Kandahars sich einem direkten Angriff der US- und NATO-Truppen auf ihre Stadt fast einmütig widersetzen würden, versucht das US-Militär die Aufständischen mit heimlich in den Außenbezirken durchgeführten Überfällen zu schwächen. Wie in dem vorher zitierten Artikel in der NEW YORK TIMES berichtet wurde, will sich McChrystal bei den bevorstehenden Operationen in der Stadt selbst vor allem auf das afghanische Militär und die afghanische Polizei verlassen. In Anbetracht des Versagens der afghanischen Sicherheitskräfte, besonders in der kürzlich durchgeführten Marjah-Offensive, kann das nur zu weiteren massiven Interventionen des US-Militärs führen, denen noch mehr Zivilisten zum Opfer fallen werden.

Dass man sich unter der einheimischen Bevölkerung Afghanistans und Pakistans immer mehr Feinde schafft, wird natürlich die Durchsetzung der langfristigen imperialistischen Interessen der USA in dieser Region sowohl in geopolitischer, als auch in ökonomischer Hinsicht erschweren; die USA und ihre Verbündeten werden wohl kaum noch die dort geplanten Pipelines bauen können. China hat durch den Abschluss von Wirtschaftsabkommen die USA schon in vielerlei Hinsicht ausmanövriert, sogar bei der afghanischen Regierung. Während von dem Desaster-Kapitalismus nur Aasgeier- Konzerne wie (die Cheney-Firma) Halliburton und (das US-Baunternehmen) KBR profitieren, fügen sich die USA mit ihrer Sucht nach noch mehr Kriegen nur immer mehr Wunden zu.

Zu wenige Kongressabgeordnete sind bereit, sich gegen diese Kriegssucht zu erheben, weil sich die meisten, wie William Greider festgestellt hat, dem "eisernen Dreieck" verpflichtet fühlen und sich von den Lobbyisten der Rüstungsindustrie schmieren lassen. Von einigen Ausnahmen abgesehen, weigern sich die Abgeordneten sogar, die schädlichen Auswirkungen der ständigen Militäroperationen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Wir müssen unbedingt durchsetzen, dass sich der Kongress in Anhörungen mit den Gründen für die Militäreinsätze befasst und deren sofortige Beendigung beschließt.

Wir sollten uns eingestehen, dass wir alle bis zu einem gewissen Grad der Kriegssucht verfallen sind. Desensibilisiert durch aggressive und rassistische Videospiele und angesichts prekärer Zukunftsaussichten, schließen sich junge Männer und Frauen dem Militär in dem Glauben an, ihr Dienst werde honoriert, erleben dann aber nur, was die Sozialpsychologin Tracy Xavia Karner "eine Militarisierung des Gefühls" nennt. Aus diesem Gefühl heraus und durch einem (antrainierten) Tötungsreflex enthemmt, können viele dieser Soldaten sogar den Mord an Frauen und Kindern rational erklären. Obwohl sich einige weigern, zu Mordwerkzeugen des Imperialismus zu werden, und andere nach der Rückkehr ins Zivilleben bereuen, das getan zu haben, wozu man sie gezwungen hat, werden zu viele selbst zu Opfern, entweder körperlich oder psychisch.

Unabhängig davon, ob sie im Irak oder in Afghanistan in der regulären Armee oder bei den Special Forces gedient haben, kommt es bei Kriegsteilnehmern zu fast epidemischen Selbstmordraten. Wer auf Befehl oder versehentlich Zivilisten getötet hat, trägt mental offensichtlich schwer an dieser Last. Für jemand, der als Besatzer in einem fremden Land im imperialistischen Interesse Verwüstungen angerichtet hat, scheint es unmöglich zu sein, den Schreckensbildern miterlebter Militäroperationen zu entfliehen.

Gleichzeitig werden US-Bürger sowohl mit plumpen, als auch mit subtilen Botschaften bombardiert, die den falschen Glauben erzeugen sollen, diese Soldaten seien "unsere" Truppen und nicht die imperialistischen Werkzeuge des Pentagons. Durch Hinweise bei Sportveranstaltungen und durch Werbespots in Kinos und im Fernsehen wird den US-Bürgern eingehämmert, zwischen den Truppen an der Front und der Heimat bestehe "ein heiliges Band". Deshalb versucht das Pentagon mit allen Mitteln realistische Bilder von Kriegsereignissen – wie das Video (von dem mörderischen Hubschrauber Angriff in Bagdad) auf WikiLeaks – zu unterdrücken, weil sie dieses Band kappen könnten.

Andererseits, so lange die Bevölkerung ihre Wut nicht in öffentlichen Aktionen zu Ausdruck bringt, werden die täglich in unserem Namen begangenen Verbrechen im Irak, in Afghanistan, in Pakistan und in anderen Ländern, in denen das US-Militär interveniert, ungehindert weitergehen. Da der Kongress bald über einen Zusatzetat von 33 Milliarden Dollar für den Krieg in Afghanistan abstimmen wird, müssen wir eine umfassende Kampagne dagegen organisieren, in der deutlich wird, dass die politischen Kosten für eine Fortsetzung des Krieges zu hoch werden. Wir müssen einen Weg finden, damit wir einzeln und gemeinsam verhindern können, weiterhin als Komplizen der US-Todesschwadronen vereinnahmt zu werden.

Francis Shor ist der Autor des Buches "Dying Empire: US Imperialism and Global Resi stance" (Das sterbende Imperium: US-Imperialismus und globaler Widerstand). Auf der Website http://www.dyingempire.org/ gibt es Infos zu diesem Buch.

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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