Samstag, 26. Juni 2010

Die Bestrafung der Türkei

Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de
Philip Giraldi

Erinnert sich jemand an den Film „The Boys from Brasil”? Er erzählte die Geschichte einer Gruppe von Nazibonzen, die nach Brasilien auswanderte, wo sie eine Anzahl von Hitler-als-Kind-Klonen produzierte, die strategisch rund um die Erde platziert wurden, um letztendlich das Vierte Reich zu errichten. Der Film endete in Ungewissheit, mit vielen Hitlerkindern noch am Leben, von denen offensichtlich erwartet wurde, dass sie sich zu ausgewachsenen Hitlern entwickeln werden. Offenbar haben die Filmmacher das nicht aus der Luft gegriffen, denn es gab eine Reihe von Hitler-Sichtungen seitens Israel und seiner Freunde in den letzten paar Jahren. Saddam Hussein wurde als neuer Hitler bezeichnet, während der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad mit noch schrecklicheren Ausdrücken als wiedergeborener Naziführer beschrieben wurde, der einen neuen Holocaust vorbereitete. Israelische Demonstranten neueren Datums führten Figuren des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan mit sich, mit geänderter Frisur und dem Schnauzbart, der bei einer Hitler-Karikatur nicht fehlen darf.

Die ersten Andeutungen einer Hitler-Nähe des türkischen Ministerpräsidenten tauchten auf, als er es wagte, dem israelischen Präsidenten Shimon Peres bei einer internationalen Konferenz in Davos im Januar 2009 entgegenzutreten. In Hinblick auf das Abschlachten von Zivilisten in Gaza am Beginn dieses Monats bemerkte Erdogan gegenüber Peres „... Sie wissen gut, wie man tötet.“ Falls damals noch Zweifel bestanden, wurde Erdogan definitiv zum Hitler aufgrund seiner Unterstützung der Flotte mit Hilfsgütern für Gaza vor drei Wochen, als er das von israelischen Kommandotruppen veranstaltete Massaker verurteilte. Seine teuflischen Absichten wurden offenkundig, als er Gerechtigkeit für die neun türkischen Staatsbürger einforderte, die ermordet worden waren. Hitlerisierung ist der Preis, den man unweigerlich bezahlen muss, wenn man Israel kritisiert oder sich gegen dessen Politik auflehnt.

Wann immer Israel entdeckt, dass wieder eine neue Nation zu Nazis geworden ist und beabsichtigt, den Holocaust wiederzubeleben, nimmt der amerikanische Schoßhund die Spur auf. Andrew Sullivan hat dieses Phänomen vor kurzem als „Israelisches Umnachtungssyndrom“ bezeichnet, das er beschreibt als „eine Form von Umnachtung oder einer derart leidenschaftlichen Hingabe für ein fremdes Land, dass alle moralischen Grundsätze oder sogar jegliche grundlegende Fairness über Bord geworfen werden. Und man wird eines bemerken: kein Bedauern welcher Art auch immer für den Verlust menschlichen Lebens, wie auch der abscheuliche Mord an so vielen Zivilpersonen im Gazakrieg der Verantwortung der Opfer zugeschrieben wurde, nicht den Angreifern. Es gibt hier kein Gefühl der Menschlichkeit, nur ein Gefühl der Stammeszugehörigkeit.“

Die Gaza-Hilfsflotte wurde von den Massenmedien in genau dieser Weise behandelt – die Schuld wurde den Opfern in die Schuhe geschoben mit einer Einhelligkeit, die von Gerechtigkeit und Fairness nichts mehr an sich hat. Keine Menschlichkeit, keine Erwähnung des beabsichtigten Versuchs, Gaza auszuhungern, zuletzt unterstützt vom Senator der Vereinigten Staaten von Amerika Charles Schumer (New York), der sagte „stranguliert sie wirtschaftlich.“ Oder, wenn man lieber die Weisheiten des Abgeordneten zum Repräsentantenhaus Eliot Engel, gleichfalls aus New York hört, war die Flotte „voller hasserfüllter Provokateure, die auf Gewalt aus waren.“ Mit solchem Hass konfrontiert ist es erstaunlich, dass die israelischen Kommandotruppen so zurückhaltend waren und nur neun Passagiere töteten und vierzig weitere verwundeten.

Nachdem die volkstümliche Geschichte in den Medien verbreitet worden war, stand die Türkei als Aggressor und Israel wieder einmal als Opfer da. Die Türkei muss jetzt bestraft werden. Der Kongress ist bereits am Überlegen, ob er die schon öfters schubladisierte Resolution betreffend den Völkermord an den Armeniern beschließen soll und der Abgeordnete Mike Spence warnt: „Da wird ein Preis zu bezahlen sein, wenn die Türkei auf ihrem derzeitigen Kurs bleibt und näher an den Iran heranrückt und weiter vom Staat Israel abrückt.“ Die Abgeordnete Shelley Berkley stimmt zu und sagt, sie würde aktiv gegen den Versuch der Türkei vorgehen, der Europäischen Gemeinschaft beizutreten. Was sie da allerdings genau unternehmen wird, ist noch nicht ganz klar.

Die amerikanischen Medien und die Expertenschar in Washington haben sich gehorsam aufgestellt, um Ankara zu verurteilen, wobei zwei grundlegende Argumente benutzt werden. Das erste geht davon aus, dass die Türkei zu einer Hochburg des Islamismus geworden ist und sich auf eine politische und wirtschaftliche Allianz mit dem Iran zubewegt, und sogar freundliche Beziehungen mit Nachbarn wie Syrien pflegt, die den Terrorismus unterstützen. Das zweite Argument besagt, dass die Türkei nicht länger zuververlässig ist aufgrund ihrer Unterstützung von Initiativen wie der Hilfsflotte und auch ihres Angebots, über eine Lösung für das Dilemma des iranischen Atomprogramms zu verhandeln.

Diejenigen, die die Türkei gut kennen, wissen sehr genau, dass der Islamismus des Landes die einfache Tatsache widerspiegelt, dass viele Türken tief religiös sind. Das heißt nicht, dass die türkische Demokratie tot ist, und Bestrebungen, den Staat religiösen Bedürfnissen gegenüber zu öffnen, werden von den vielen Türken in Justiz und Armee unter Kontrolle gehalten, die sich selbst als Wächter der sekulären Verfassung sehen. Gebildete Türken in liberalen städtischen Umgebungen sind gleichfalls häufig überhaupt nicht religiös und viele gegen jegliche Äußerungen von Frömmigkeit eingestellt. Es liegt absolut im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten von Amerika, die Entwicklung von politischen Systemen in Ländern mit muslimischen Mehrheiten zu fördern, die Raum geben für beides, demokratischen Pluralismus und Religiosität. Die Türkei ist bei weitem nicht perfekt, aber ein gutes Beispiel dafür, wie ein solches System sich entwickeln könnte und sollte unterstützt und nicht für etwas kritisiert werden, was wirklich nichts mit den Türken selbst zu tun hat, aber alles zu tun hat mit Israel.

Was die Behauptung betrifft, dass die Türkei sich in Richtung Osten bewegt, so haben die Türken sich seit je her als Brücke zwischen Osten und Westen betrachtet, und gute nachbarschaftliche Beziehungen zu pflegen ist gute Politik und gutes Geschäft im Nahen Osten. Was die Behauptung betrifft, dass die Türkei nicht mehr verlässlich ist, braucht man nur zu schauen, wie nahezu die ganze Welt mit der einzigen Ausnahme Israels die Aufhebung der Belagerung Gazas unterstützt und wie viele Nationen die Initiative der Türkei und Brasiliens willkommen hießen, die Probleme bezüglich der iranischen nuklearen Ambitionen zu lösen. Die Vereinigten Staaten von Amerika, die unweigerlich Israel unterstützen und anscheinend bereit sind, wegen Israel in den Krieg gegen den Iran zu ziehen, sind wie üblich politisch isoliert mit ihrer Unterstützung politischer Bestrebungen, die zu nichts führen und nichts erreichen.

Die Hysterie betreffend die Türkei ist, soweit möglich, noch ärger bei den verschiedenen neokonservativen Denkfabriken und auf deren Webseiten im Internet, wo führende Unterstützer Israels nicht nur die Bestrafung der Türkei fordern, sondern auch deren Ausschluss aus der NATO. Das Jewish Institute for National Security Affairs (JINSA – jüdisches Institut für Angelegenheiten der nationalen Sicherheit) war führend bei den Beschuldigungen. JINSA ist die geistige Heimat führender Neokonservativer, darunter John Bolton, Michael Ledeen, Joshua Muravchik, Richard Perle und Kenneth Timmerman. Ein am 8. Juni herausgegebener JINSA-Bericht erwähnte die Türkei wegen derer „antisemitischen Ausfälle“ und empfahl, Washington solle „ernsthaft die Einstellung der militärischen Kooperation in Erwägung ziehen ... als erste Schritte, sie aus der NATO auszuschließen.“ Das Gezeter wurde kurz danach von den anderen neokonservativen Helden aufgegriffen, die immer noch in den Massenmedien schreiben, ungeachtet ihrer Unfähigkeit, etwas richtig darzustellen. Victor Davis Hanson von National Review Online bezeichnete die Türkei als „... Sponsor von Hamas, Alliierten des theokratischen Iran und Reisegefährten des terrorunterstützenden Syrien,“ was alles „gegen seine Mitgliedschaft in der NATO spreche.“ Professor Eliot Cohen von der John Hopkins-Universität äußerte in einem Kommentar am 7. Juni im Wall Street Journal, dass „eine Kombination aus islamistischer Herrschaft, Verbitterung über die Zurückweisung seitens Europas, sowie eine neo-ottomanistische Ideologie, die die Türkei als große Macht im Mittleren Osten vor Augen hat, die Türkei zu einem Staat gemacht haben, der oft einfach feindlich eingestellt ist nicht nur gegenüber Israel, sondern auch gegenüber amerikanischen Zielen und Interessen.“

In einem Artikel im Weekly Standard am 21. Juni stimmte Elliot Abrams mit mehr vom Gleichen zu, und zwar mit seiner Beobachtung, dass „es auf der Hand liegt, dass unser einst zuverlässiger NATO-Verbündeter Türkei ein überzeugter Unterstützer des radikalen Lagers geworden ist. Im Hilfsflotten-Zwischenfall arbeitete sie nicht nur mit der terroristischen Gruppe Hamas zusammen, sondern versuchte auch, diese zu stärken.“ Wie immer sprechen die Neokonservativen mit einer Stimme, um Israel zu verteidigen und erwecken damit den Eindruck, dass die ganze Geschichte orchestriert ist, was sie natürlich ist. Werden die Neokonservativen in der Lage sein, die Türkei an den Rand zu drängen und es schaffen, die Türkei aus der NATO hinauszuzwingen? Schwer zu sagen, man kann aber voll und ganz damit rechnen, dass der Kongress entsprechende Schritte unternehmen wird oder die Türkei so unter Druck setzt, dass Ankara dazu gedrängt wird, sich aus der Allianz zurückzuziehen.

Die Türkei ist ein lebenswichtiger strategischer Partner für Washington. Mit ihrer großen Bevölkerung und florierenden Wirtschaft könnte sie leicht die unersetzliche Nation in der Reihe der Staaten sein, die sich vom Mittelmeer bis Zentralasien erstreckt. Sie hat eine lange Geschichte der Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika in Verbindung mit einem nationalen Interesse, das sie dazu zwingt, Stabilität unter ihren Nachbarländern sowie im gesamten Mittleren Osten zu fördern. Ungeachtet von Bedenken wegen gewisser politischer Zustände beherbergt sie eine größere Militärbasis der Vereinigten Staaten von Amerika in Incirlik und hat Washingtons Bemühungen der Nationenbildung in Afghanistan unterstützt. Aber jetzt muss sie bestraft werden, weil sie die Grenze überschritten hat mit ihrem Widerstand gegen die Kleptokratie Israel. Und sie wird bestraft werden, zuerst angeprangert in den U.S.-Medien, ein Prozess, der gerade läuft, dann vom Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika und vom Weißen Haus, die gemeinsam mehr oder weniger subtile Wege finden werden, um Ankara auf die Knie zu bringen. Die Verlierer in dieser ganzen Angelegenheit werden die Menschen in Amerika sein, die einen guten und treuen Freund im Nahen Osten vor den Kopf stoßen und sich unnötig einen weiteren Feind machen werden.

Erschienen am 24. Juni 2010 auf >
http://www.antiwar.com > http://original.antiwar.com/giraldi/2010/06/23/punishing-turkey/

Quelle: antikrieg.com

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