Sonntag, 20. Juni 2010

Sind die Leben Anderer gleich viel wert wie unsere?

Adil E. Shamoo

Wenn ein Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika in einem fremden Land oder auch im eigenen ermordet wird, ärgern wir uns zu Recht, sind traurig, und einige von uns fordern Vergeltung. Das sind normale, primitive und instinktive Gefühle der Gruppenloyalität und Herdenmentalität, die Gemeinschaften und Länder über tausende Jahre zusammengehalten haben. Sollten derartige menschliche Wesenszüge, die oft segensreich, emotionell und irrational sind, weiterhin dazu dienen, das Töten von unschuldigen Zivilpersonen im 21. Jahrhundert zu rechtfertigen?

Nach dem tragischen Mord an fast 3.000 Bürgern der Vereinigten Staaten von Amerika am 9/11 stürzten die Vereinigten Staaten von Amerika die Taliban in Afghanistan und töteten und fingen hunderte von Führern und Mitgliedern der al-Qaeda. Wie auch immer, Afghanistan hat seit der Invasion der Vereinigten Staaten von Amerika 2001 rund 32.000 seiner Bürger verloren.

Dem militärischen Einsatz der Vereinigten Staaten von Amerika in Afghanistan folgte bald der Plan, in den Irak einzumarschieren und Präsident Saddam Hussein zu stürzen. Der Einmarsch erfolgte ungeachtet der nicht stichhältigen Beweise, dass der Irak für die Vereinigten Staaten von Amerika weder eine unmittelbare Gefahr bildete noch etwas mit dem 9/11 zu tun hatte. In den Jahren und Monaten nach dem Einmarsch wurde erschreckend klar, dass der Irak weder Massenvernichtungswaffen besaß noch am 9/11 beteiligt war. Der Irak hat ein paar hunderttausend Tote zu beklagen, eine Million Verwundete und die Zerstörung seiner Infrastruktur für Wirtschaft, Gesundheit und Bildung.

Der Einsatz der Vereinigten Staaten von Amerika in Afghanistan und Irak geht in einem massiven Ausmaß weiter. Wir haben noch immer fast 200.000 Soldaten und Söldner in den beiden Ländern. Die Begründung dafür ist, dass unser Feind noch immer darauf aus ist, uns hier in den Vereinigten Staaten von Amerika und anderswo zu töten. Der Plan scheint zu sein, sich an den Verschwörern in beiden Ländern weiterhin zu rächen und sie zu bestrafen, um sie zu zwingen, sich unserem Willen zu unterwerfen. In diesem Prozess haben wir, ob es zugegeben wird oder nicht, zehntausende Zivilpersonen getötet und verwundet, die nichts mit den Versuchen zu tun hatten, uns umzubringen.

Seit kurzem versuchen die Vereinigten Staaten von Amerika, die Anzahl der getöteten und verletzten Zivilpersonen zu verringern.

Wie sehen afghanische und irakische Zivilisten die Verwundung und Tötung von Zehntausenden ihrer Landsleute? Wie sehen sie das anhaltende Töten und Verwunden Hunderttausender von an den Kämpfen nicht Beteiligten? Wie würden wir diese Zahl von Getöteten und Verwundeten in unserer eigenen Bevölkerung sehen? Als Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika haben wir die moralische Verpflichtung, nicht nur die Tragödie des Verlustes von Zivilpersonen zu verstehen, wie Präsident Obama sagt, sondern Tote in der Zivilbevölkerung auf ein Minimum zu reduzieren oder zu vermeiden, wenn das überhaupt möglich ist. Jeder in Afghanisten oder Irak getötete oder verwundete Zivilist hat Mutter, Vater, Schwester oder Bruder, und in diesen eng verflochtenen Gemeinschaften viele mehr, die als nahe Verwandte betrachtet werden. Die Familien und Freunde derer, die in diesen Konflikten zu Schaden kommen, könnten den Drang nach Vergeltung Jahrzehnte lang in sich tragen.

Noch nicht so lange führen wir einen geheimen und offenen Krieg gegen die Taliban in Pakistan. In Pakistan, einem Land, mit dem die Vereinigten Staaten von Amerika sich offiziell nicht im Kriegszustand befinden, haben Einsätze und Angriffe der Vereinigten Staaten von Amerika eine große Zahl von pakistanischen Zivilpersonen getötet und verwundet. Die hohe Todesquote in der Zivilbevölkerung ergibt sich zum Teil daraus, dass die Taliban mit den Menschen Pakistans in dicht besiedelten städtischen Gebieten leben und sich dort verbergen. Das Töten und Verwunden unschuldiger Pakistanis gibt auch Anlass zu Sorgen, weil Pakistan ein großes Land mit Atomwaffen ist. Das Töten unschuldiger Pakistanis wird zu gesteigertem Hass führen, und Rufe nach Vergeltung werden zu einem Bestandteil der kulturellen Normen Pakistans werden. Diese Situation könnte das Land destabilisieren und die Sicherheit des nuklearen Arsenals in Gefahr bringen.

Die Vereinigten Staaten von Amerika müssen sich dem moralischen Paradoxon stellen, das sich ergibt aus der fehlenden Wertschätzung des Lebens von Afghanen ind Irakern im Vergleich zu dem Wert, mit dem Leben und Sicherheit derjenigen gemessen werden, die in den Vereinigten Staaten von Amerika leben.

Als Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika bewerten wir das Leben unserer Mitbürger um ein Vielfaches höher als das Leben von Bürgern anderer Länder. Wie sonst könnten wir unserer Regierung gestatten, diese Politik des Tötens und Verwundens unserer Gegner in einem derartigen Missverhältnis zu der Anzahl von Opfern bei den Truppen und Söldnern der Vereinigten Staaten von Amerika seit nunmehr fast neun Jahren seit dem 9/11 zu betreiben?

Ich weiß, dass diese Meinung auf lautstarken Protest stoßen wird. Wie auch immer, wir müssen uns vor Augen halten, dass die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UNO aus dem Jahr 1948 den gleichen Wert aller Menschen rund um den ganzen Erdkreis betont.

Das Militär der Vereinigten Staaten von Amerika hat es zu einer Tötungsmaschinerie gebracht, die weniger behindert wird durch allgemeine Sichtweisen des Krieges als in anderen Zeiten unserer Geschichte. Das Militär hat die Kriegsmaschinerie mechanisiert und ausgelagert, um die Auswirkungen auf Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika möglichst gering zu halten. Die Mechanisierung des Krieges kann möglicherweise gut für Individuen sein, aber auch sehr gefährlich für unsere Demokratie.

Diese Mechanisierung des Krieges hat auch dazu geführt, dass die Bürger anderer Nationen ungleich gegenüber Bürgern der Vereinigten Staaten von Amerika behandelt werden. Militärische Einsätze des Militärs der Vereinigten Staaten von Amerika töten immer wieder unschuldige Zivilpersonen fast routinemäßig. Moderne Kommunikationsmittel informieren allerdings die Menschen auf der ganzen Welt, dass die Politik der Vereinigten Staaten von Amerika andere Bürger als weniger wertvoll einstuft als ihre eigenen. Der menschliche Instinkt der Herdenmentalität kann nicht als Rechtfertigung dienen für das rücksichtslose Töten von Zivilpersonen außerhalb der Grenzen der Vereinigten Staaten von Amerika.

Mit freundlicher Genehmigung von Foreign Policy in Focus > http://www.fpif.org

Erschienen am 19. Juni 2010 auf > http://www.antiwar.com > http://original.antiwar.com/adil-e-shamoo/2010/06/18/are-foreign-lives-of-equal-worth-to-ours/

Quelle: antikrieg.com

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