Donnerstag, 15. Juli 2010

Eine Nacht in Hebron


von Gideon Levy

Die Narben sprechen für sich selbst: ein Brandfleck in der Mitte seiner Stirn, wie ein Kainsmal; zwei weitere Löcher auf seiner rechten Hand und eines auf seinem linken Arm. Die Kratzer in seinem Gesicht und am Arm sind schon verheilt. Das ist es, was von jener Nacht blieb, als Soldaten sich entschlossen, mit Salah Rajabi, einem Schüler der 12. Klasse der Tareq-Schule in Hebron ein bisschen „Spaß“ zu haben.

Es ist nicht das erste Mal, dass Soldaten ihn zusammengeschlagen haben. Es waren nicht weniger als 12 Angriffe. Die schlimmsten geschahen 2006, als Soldaten ihm die Schulter brachen und er ins Krankenhaus musste. Im Dezember 2008 wurde er mit seinen beiden Brüdern verhaftet, weil sie verdächtigt wurden, Steine geworfen zu haben. Nach zehn Tagen wurden sie wieder entlassen. Bei einer anderen Gelegenheit wurde er verhaftet und gegen Kaution von 1000 NIS wieder entlassen. Aber der Angriff mit den brennenden Zigaretten in sein Fleisch, dem Messer in seinem Gesicht und der mysteriösen Tablette, die er schlucken musste, war der unheimlichste Angriff von allen.

Eine andere „Clockwork Orange“-Nacht ( Clockwork orange ist einFilm) in H2, dem von Israel kontrollierten Teil Hebrons, den schon fast alle Palästinenser aus Angst vor den Siedlern und den IDF verlassen haben: Eine andere Zurschaustellung von Brutalität der Soldaten, die dachten, sie könnten im Schutze der Dunkelheit tun und lassen , was sie wollen. Der IDF-Sprecher gab in dieser Woche eine entsetzlich lakonische Antwort: die bei der Polizei aufgenommenen Klagen werden ans Büro des Militäranwalts weitergegeben. Dann wird entschieden, was weiter geschieht. Was auch immer.

Rajabi, 19, versucht, sein Abitur zu Ende zu bringen. Er kommt aus einer armen Familie mit 19 Kindern von zwei Müttern. Jeden Tag geht er nach der Schule an seinen Süßwarenstand vor dem Haus und verkauft billige Baklava. Dort war er auch am 14. Juni. Wegen der Prüfungen war keine Schule. Nachmittags war er wieder an seinem Stand und um 10 Uhr hatte er alles verkauft. Dann wollte er seine Schwester besuchen, die wie ihr Mann taubstumm ist.

Er ist ein kräftiger junger Mann, muskulös, aber scheu und mit sanfter Stimme. Sein älterer Bruder sitzt neben ihm und unterstützt ihn. Die Wohnung seiner Schwester ist nicht weit. Als er die Straße entlang geht, die nur zum Teil beleuchtet ist, kommt ein IDF-Jeep aus Richtung der Industriezone und hält plötzlich vor ihm. Der Soldat, der vorne auf dem Beifahrersitz sitzt, öffnet die Tür und verlangt, seine ID-Karte zu sehen.

Der Fahrer erkennt ihn sofort.“ Ach, bist du das?“ Fragt er. Es könnte sein, dass er als Unruhestifter angesehen wird, obwohl er nie wegen irgend etwas verurteilt worden war. Zwei Soldaten, die hinten saßen, steigen aus und gehen auf ihn zu. Sie stoßen ihn mit Gewalt ins Fahrzeug. Rajabi sagt, er habe keinen Widerstand geleistet. Er hatte Angst. Man ließ ihn hinten auf dem Boden des Jeep sitzen, aber fesselte seine Hände nicht. Man verband ihm auch nicht die Augen, wie das sonst bei Verhaftungen üblich ist.

Die Soldaten zündeten sich Zigaretten an: vier Soldaten und vier Zigaretten in einem Jeep mit einem palästinensischen Verhafteten auf dem Boden. So fuhr man durch das nächtliche Hebron, das sich übernacht in Marlboro-Land verwandelte. Der Jeep fuhr weiter, als sich plötzlich einer der Soldaten umdrehte und Rajabi die brennende Zigarette in die Stirne drückte. Während Rajabi versuchte, sich von dem Schmerz und Schock zu erholen, drehte sich ein andere Soldat um, zog Rajabis Arm nach vorne und drückte seine Zigarette zweimal in die Handfläche des Jugendlichen. Hier sind die Löcher. Die Soldaten verfluchten ihn; er mag nicht wiederholen, was sie gesagt haben. Nun griff der dritte Soldat nach seinem linken Arm und drückte seine brennende Zigarette tief in seinen Arm. Hier ist das Loch. Nur der Fahrer rauchte ruhig weiter und tat nichts.

Das Spiel ist noch nicht aus. Nun nahm der Soldat, der ihm als erster ein Loch in die Stirn brannte, ein Federmesser heraus, das man sonst benützt, um Plastikhandschellen der Gefangenen durchzuschneiden. Er hielt es an Rajabis Backe. Rajabi war zu Tode erschrocken. Der Soldat machte über die ganze Länge der Backe einen Schnitt und dann auch über den linken Arm. Kein tiefer Schnitt, aber Blut floss ihm vom Gesicht. Er wischte es mit dem Hemd weg.

Der Jeep fuhr weiter. Sie erreichten einen dunklen, leeren Platz in der Jebel Juhar-Gegend. Der Fahrer hielt an und machte den Motor aus. Die vier Soldaten stiegen aus und befahlen ihrem Opfer, auf den Boden zu knien . Er tat, wie ihm befohlen wurde. Sie griffen seinen Kopf und zwangen ihn, den Mund zu öffnen, erzählt Rajabi. Ein Soldat holte eine Pille heraus und steckte sie Rajabi in den Mund. Sie hielten den Mund so lange auf, bis sie sicher waren, dass er die bittere Pille verschluckt hatte. Dann warfen sie ihn zu Boden, stiegen ins Jeep und fuhren davon.

Rajabi lag dort im Dunklen, erschöpft und in Panik, das Gesicht und der Arm blutverschmiert. Nach ein paar Minuten riss er sich zusammen, stand auf und machte sich auf den Weg zu Verwandten, die 300 m weiter wohnten. Es war Mitternacht. Er klopfte an die Tür. Sein Hemd war schmutzig und voller Blut. Ahmed Rajabi öffnete ihm im Schlafanzug und war erschrocken, seinen verzweifelten Verwandten zu sehen. Später bezeugte er, dass dies auch Musa Abu Hashhash, einem Mitarbeiter von B’tselem, der israelischen Menschenrechts-organisation in den besetzten Gebieten, passiert ist.

„Was ist mit dir geschehen?“ fragte Ahmed Salah Rajabi. Er erzählte ihm, wie die Soldaten ihn gestoppt, mit brennenden Zigaretten verbrannt, mit einem Messer geschnitten hätten und ihn eine Tablette schlucken ließen. Die beiden riefen Kaad, Salahs Bruder, der in der Nähe wohnt.

In diesem Stadium fühlte Rajabi, wie er das Bewusstsein verliert. Ihm war klar, dass dies mit der Tablette zusammenhing. Kaad kam sofort an und nahm seinen Bruder zum Aliya-Krankenhaus in der Stadt mit. Unterwegs sei er bewusstlos geworden, erzählte er. Im Krankenhaus hat man eine Magenspülung gemacht; aber die Ärzte sagten zu Kaad, dass sie nicht die nötige Ausrüstung hätten, um festzustellen, was das für eine Tablette war. Als sein Bruder am nächsten Tag aufwachte, begann er jeden in seiner Nähe vor Wut und Angst anzugreifen..

Rajabi wurde eine Beruhigungsspritze verpasst und nach Hause geschickt. Seitdem hat er keine Prüfungen mehr gemacht. Er kehrte auch nicht zu seinem Baklava-Stand zurück. Letzte Woche reichte er eine Klage bei der Hebroner Polizei ein, Klage-Nummer 230003/2010. Die IDF will sich die Sache näher ansehen.

Übersetzung: Ellen Rohlfs, Originalartikel 01.07.2010 — Ha'aretz


Ellen Rohlfs Buch: – "NIE WIEDER!"? – Was geschieht eigentlich hinter der Mauer in Palästina? "Nur" Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder schleichender Völkermord? – Eine Dokumentation von Ellen Rohlfs. Zu beziehen bei der Autorin (Ellen.Rohlfs@freenet.de) gegen eine Schutzgebühr von 10 Euro.

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