Montag, 26. Juli 2010

Es geht dich an




Gideon Levy

Dieser Artikel ist nicht für jeden. Nationalisten, Rassisten und Fans von Militarismus und Faschismus können weiter mit der Entwicklung der letzten zehn Monate zufrieden sein. Ihnen bedeutet Demokratie nur eine Wahl alle paar Jahre, Tyrannei der Mehrheit und Unterdrückung der Minderheit, ein Lockstepdenken (?), der Staat über allem, Judentum vor Demokratie, sich ergänzende (coopted ? Medien und ) und einen klapprigen Kontroll- Mechanismus, eine Akademikerschaft unter Aufsicht und Bürger, die einem Loyalitätseid unterworfen sind – und zur Hölle mit all den fundamentalen Werten, auf denen vor unsern Augen herumgetrampelt wird. Dieser Artikel ist nicht für falsche Patrioten gedacht, die Brutalen und die Gehirngewaschenen , für jene, die eine jüdische, araberfreie Knesset wünschen; eine jüdische, ausländerfreie Gesellschaft, und einen Staat ohne B’tselem oder den Obersten Gerichtshof.

Aber sie sind nicht die einzigen Komponenten in der israelischen Gesellschaft. Da bleiben noch immer bedeutsame Komponenten. Die Legionen, die gegen das Sabra und Shatila-Massaker 1982 demonstrierten sind noch immer unter uns. Es gibt viele Leute, die die Geschichte kennen, die wissen, was Demokratie ist, die entsetzt sein sollten über das, was jetzt vor sich geht.

Entsetzt? Das ist genau der Punkt. Sie sind es nämlich nicht. Sie hören, was mit Hanin Soabi geschah – und sind still. Sie hören Knessetmitglieder vom Zentrum und der Linken, wie sie verbal ihre arabischen Kollegen angreifen – und hören nichts. Sie erfahren von den gefährlichen Gesetzentwürfen und verzeihen diese. Sie werden Zeugen von McCartyischer Hexenjagd gegen NGOs, MKs und Professoren und bleiben selbstzufrieden ruhig. Es wird ihnen bewusst, dass hier etwas geschieht, das eine größere Bedrohung darstellt, als alle äußeren Bedrohungen, ob diese nun real oder phantasiert sind. Sie lauert in Israel und sie bleiben gleichgültig.

Aus der Geschichte haben sie gelernt, dass Regime, die in dieser Weise handeln, zum Scheitern verurteilt sind, dass Israel sich auf einem schlüpfrigen Abhang befindet – vor allem deshalb, weil sich seine Kontrollmechanismen als impotent erwiesen haben und trotzdem protestieren sie nicht. Sie haben wohl das Gefühl, dass etwas Schreckliches in der Luft liegt, aber machen sich vor, „das passiert mir nicht“. Sie hören täglich von der wachsenden Gefahr und sie seufzen, klagen und verlassen das Feld. Dieser Artikel ist genau für sie.

Soabi wird gehetzt, MK Tibi wird bedroht – na und? sie sind Araber. Diejenigen die unkonventionelle Ansichten vertreten, werden als Verräter denunziert, Boykott-Organisierer werden zu Geldstrafen verurteilt, Teilnehmer an der Gazaflottille werden bestraft, Menschenrechtsaktivisten und Kritiker der IDF werden geächtet – und die Mehrheit der Israelis denkt, dass ihnen nichts Schlimmes passieren wird. Sie denken, ein guter Bürger zu sein und Gilad Shalit zu unterstützen, genügt. Wenn irgend eine jüdische Gemeinde im Ausland belagert wäre, würden sie eine Solidaritätsflottille zusammenstellen, aber wenn Soabi bestraft wird, weil sie sich nur mit ihrem Volk identifiziert hat, kümmert sie das nicht.

Sie hören von Rabbinern, die gegen das Vermieten von Wohnungen an Gastarbeiter schimpfen, sie hören von der Hexenjagd gegen Ausländer, die auf der Suche nach Arbeit illegal über die Grenze kommen , über die Deportation der Kinder von Flüchtlingen und über die zunehmende Gewalt der Polizei. Sie denken, das ist nicht nett – aber es wird sie nicht treffen. Sie sehen, wie die Vertreter von Kadima, ihrer Partei der Hoffnung, sich dieser Kampagne der Hetze anschließen. Sie sehen die Vertreter dieser falschen „Zentrum“-Partei

….. Sie sehen, wie sich ihre Führerin Zipi Livni mit dem Mantel schändlichen Schweigens umgibt und sie protestieren nicht gegen die Täuschung, die ihre betrügerische Partei ihnen gegenüber ausübt. Warum? Weil sie davon überzeugt sind, das sie selbst nicht in Gefahr sind.

Es wird Zeit, ihnen, die sich zurückgezogen haben und die sich nur um ihr eigenes Leben kümmern, zu sagen, dass dies kommen wird. Bald, bald wird es auch euch treffen. Es wird nicht Halt machen vor den arabischen MKs oder bei den NGOs, nicht vor den Universitäten und nicht vor den Demonstranten. Es wird nicht an eurer Türschwelle halt machen. Es wird in euer tägliches Leben eingreifen. Polizeiliche Gewalt? Sie wird auch eure Kinder berühren.

Sie wird auch euch erreichen. Eure Zeitung und euer Fernsehen wird anders aussehen; die Knesset, euer Gericht und eure Schulen werden nicht mehr wieder zu erkennen sein. Es ist schon mehr als einmal passiert, und es wird auch hier geschehen. Wenn nicht heute, dann morgen. Das Monster hat seinen hässlichen Kopf gehoben, es nähert sich uns. Es bleibt keiner, der es stoppen könnte und wenn es hierher kommt, wird es zu spät sein, viel zu spät.

Übersetzung: Ellen Rohlfs

Gideon Levy ist israelischer Journalist aus Tel Aviv und arbeitet für die Tageszeitung Ha'aretz unter anderem als Chefredakteur der Wochenendbeilage. Er gehört zu den wenigen israelischen Journalisten, die über das Leben der Palästinenser unter der israelischen Besatzung berichten, und ist wegen seiner kritischen Berichte, Angriffen seitens der israelischen Leser und Kollegen ausgesetzt.

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