Montag, 5. Juli 2010

Rote Macht

Der andauernde Bürgerkrieg in Indien


AUTOR: Jan MYRDAL

Übersetzt von Einar Schlereth. Herausgegeben von Fausto Giudice


Es herrscht Bürgerkrieg in Indien. Kein Wandern. Während das Bruttonationalprodukt mit 8% steigt, leben 77% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Auf der globalen Hungerliste nimmt Indien einen Platz hinter den sub-Sahara-Ländern Afrikas ein. Am meisten unterdrückt sind die Unberührbaren – die Dalits – in der von Kasten geplagten indischen Gesellschaft. Zusammen mit den Adivasis – der Urbevölkerung machen sie ein Viertel der Bevölkerung Indiens aus
Für die herrschende Klasse sind sie nur eine überflüssige Gruppe. Sie sind genauso unterdrückt und am Verhungern, wie damals, als ich vor 52 Jahren zum ersten Mal nach Indien kam und total geschockt war. Die hungrigen 50% werden immer hungriger. Die Reichen werden immmer reicher. 36 Milliardäre stellern ein Drittel von Indiens Nationalprodukt dar. Sie sind widerwärig reich und benehmen sich so, wie andere herrschende Klassen sich immer benommen haben. Sie sind moralisch empört, wenn die Unterdrückten und Verhungernden ihr Recht verlangen. Sie sprechen voller Entsetzen in ihrem Parlament und ihrer Presse, wenn die Opfer sich selbst verteidigen, wenn private Goondas [von den Reichen bewaffnete Gangster. D.Ü.] oder reguläre Truppen der herrschenden Klasse – Salwa Judum und Green Hunt – morden, vergewaltigen und niederbrennen, um Gesetz und Ordnung herzustellen.

Indien ist niemals 'gewaltlos' gewesen. Weder seitens der Herrscher oder der Beherrschten. Als eine Bewegung gegen die Herrscher hat Gewaltlosigkeit Anlaß zu einer Bibliothek voller Bücher gegeben, aber es war nicht durch Gewaltlosigkeit, dass die Briten zum (teilweisen) Abzug gezwungen wurden. Die unterdrückten Massen haben immer gekämpft. Das weiß jeder, der eine unzensierte Geschichte Südasiens liest. Aber die politische Zensur in Bezug auf Indien war so gründlich, dass selbst offiziell unpolitische Bücher für junge Menschen, wie etwa die englische Standardversion von Jules Vernes „Die geheimnisvolle Insel“, gereinigt wurden. Jules Vernes Originaltext über Kapitän Nemo und 1857 [das Jahr des großen indischen Aufstandes gegen die britische Herrschaft. D.Ü.] wurde als subversiv angesehen und umgeschrieben, um den imperialen Interessen Englands zu .

Die Briten mußten ihre offizielle Herrschaft 1947 aufgeben, weil sie pleite waren; weil die 'Quit India' (Raus aus Indien) – Bewegung während des Krieges viel stärker war, als von der offiziellen Zensur zur Veröffentlichung frei gegeben wurde; weil der INA-Prozess [INA = Indian National Army, die zur Befreiung Indiens von der Fremdherrschaft gegründet wurde. Nach dem Krieg wurden in dem berühmten Red Fort Prozess einige wichtige INA-Leute vor Gericht gestellt. D.Ü.] und die Marinemeuterei in Bombay bewiesen, dass sie sich nicht mehr auf ihre bewaffneten Streitkräfte verlassen konnten. Gandhi war historisch wichtig, aber „Gewaltlosigkeit“ spielte keine entscheidende Rolle in der Geschichte des Volkskampfes gegen die langdauernde – häufig extreme – Gewalt der Herrscher gegen die Völker Südasiens.

Die Projekte und die Politik, die ich selbst in mehr als einem halben Jahrhundert erlebte habe, die offiziell zum Ziel hatten, die unnötigen 25% der Bevölkerung Indiens – der Bodensatz sozusagen – emporzuheben, sind nicht nur offiziös und heiße Luft gewesen. Diese Projekte und diese Politik haben für ein angenehmes Leben (zum Teil durch direkte Korruption) für Bürokraten, „Entwicklungshelfer“ (staatliche oder nicht-staatliche) und eine Vielzahl von politisch servilen Schriftstellern in Indien und außerhalb gesorgt. Die Hungrigen sind immer noch genauso hungrig und die Unterdrückten immer noch genauso unterdrückt.

Aber seit Charu Mazumdar den bewaffneten Kampf in Naxalbari vor 43 Jahren begann, haben diese Menschen am untersten Ende Indiens gegen die herrschenden Eliten gekämpft, nicht nur politisch, sondern auch mit Pfeil und Bogen, Messern und Gewehren und Bomben. Viel ist in diesen Jahren geschehen, und es hat viele Veränderungen gegeben.

Charu Mazumdar ist seit langem im Gefängnis gestorben, und seine Anhänger, obwohl sie ihn zutiefst verehren und lesen, haben gefunden, dass manche Züge seiner Politik – wie die Vernichtungstaktik – unproduktiv sind. Daher hat sich der Kampf weiterentwickelt und ist gewachsen.

Als ich 1980 mit Chandrapulla Reddy in Mumbai (Bombay) diskutierte, und er mich anschließend nach Andhra Pradesh schickte, waren die militärischen Einheiten eher schwach – wenn auch voller Begeisterung – und seine Gruppe war wie auch die anderen Naxals jener Zeit, wie er mir sagte, Teil einer zersplitterten Bewegung ohne irgendeinen Führer von allindischer Statur.

Dieses Mal wurden mein alter Freund Gautam Navlakha und ich nach Dandakaranya zu Gesprächen mit dem Generalsekretär, dem Politbüro der Communist Party of India (Maoist) und den führenden Kadern der bewaffneten Streitkräfte eingeladen. Die Situation war eine ganz andere als 1980. Die Spaltungen unter den Naxals sind überwunden. Die Partei ist eine all-indische Partei und eine revolutionäre und demokratische staatliche Organisation, die Janata Sarkar – die Macht des Volkes – ersetzt Schritt für Schritt die staatliche Organisation der herrschenden Klasse. Die bewaffneten Streitkräfte – die Volksbefreiungs-Guerilla-Armee – ist bereits stark genug, um den Streitkräften der Regierung schwere militärische Verluste beizubringen. Es ist wichtig, die Leser der ganzen Welt alles über diesen wachsenden Krieg für ein anständiges Leben durch die Unterdrückten dieser Erde wissen zu lassen.

Aber natürlich ist es ihr Land und ihr Krieg. Ich versuche, mir immer in Erinnerung zu rufen, was Rewi Alley mir in Peking während der turbulenten Jahre der Kulturrevolution in China sagte: „Denk dran, es ist ihr Land!“

Dass die Unterdrückten immer Recht haben gegen ihre Herrscher ist genauso wahr in Indien 2010, wie es in der gesamten Geschichte wahr gewesen ist.

Aber meine Rolle als Schriftsteller ist es, den Kampf zu erklären versuchen, damit die Leser außerhalb Indiens – und vielleicht auch in Indien – besser verstehen, warum und weshalb das Volk kämpft. Es ist nicht meine Aufgabe, ihnen zu sagen, was sie zu tun haben und wie.

Während ich dies schreibe, lese ich die Times of India vom 12. April. Es scheint, als ob ich auch andere Leser habe, offizielle:
„Da die Maoisten mit weiteren Angriffen vom Dantewada-Typ drohen, hat das Zentrum die einzelnen Staaten und die CRPF [Central Reserve Police Forces] aufgefordert, darauf vorbereitet zu sein, und man studiert auch die jüngsten Äußerungen des Maoisten-Chefs Ganapathi alias Mupalla Laxman Rao über die neuen 'Kriegs-Taktiken'.

Neue Warnungen wurden am späten Samstag herausgegeben und am Sonntag wiederholt angesichts der Naxal-Drohungen.

Obwohl die Streitkräfte seit dem Massaker an 76 Männer der Sicherheitskräften am 6. April in voller Bereitschaft sind, baforderte das Zentrum die Kommandeure in den Kriegszonen auf, adäquate Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, da man spürt, dass die Warnungen der Ultras nicht nur reine Rhetorik seien.

Die operativen Strategen der CPRF lassen sich inspirieren von dem, was Ganapathi kürzlich in einem Interview mit dem schwedischen Autor und Kolumnisten Jan Myrdal sagte, und studieren erneut die seltenen Äußerungen des Maoisten-Chefs über entscheidende Fragen einschließlich jener, wie die Naxals sich positioniert haben, um an Boden zu gewinnen.“

Ein hoher Beamter sagte: „Wir sind nicht in einer Lage, um irgendeine Drohung auf die leichte Schulter nehmen zu können und darauf zu warten, dass sie sich bewahrheitet. Schließlich sind derlei Drohungen in Übereinstimmung mit der Linie, die Ganapathi in seinem jüngsten Interview umrissen hat“.

Die Streitkräfte versuchen jetzt herauszufinden, was Ganapathi meinte, als er zu Myrdal sagte, dass die maoistischen Guerillas die Basislager der Sicherheitsstreitkräfte wie 'Honigbienen' jagen würden.

Mit Bezug auf das 22-seitige Interview, das er irgendwo im Dschungel der 'Eastern Ghats ' [Ghat ist ein Bengali-Wort und hat vielerlei Bedeutungen: die rituellen Waschplätze am Ganges, die Verbrennungsplätze an den Flüssen, Geschäftsbezirke an Flüssen, Meeren etc. Hier wird Bezug genommen auf die Gebirgskette, die sich mit Unterbrechungen von Westbengalen über Orissa und Andhra Pradesh bis hinunter in den Staat Tamil Nadu erstreckt. D.Ü.] im Januar gab, sagte der Beamte, „es sei wichtig sie zu kennen, wenn wir ihnen gegenübertreten wollen“.
Ich sehe jetzt auch im Internet, dass die gegenwärtigen indischen Herrscher „das Schwert nicht umsonst tragen“ (Römer 13.4). Der Innenminister P. Chidabaram scheut keine Mühe, jene zu warnen, die er 'die Intellektuellen' nennt. Er warnt Schriftsteller wie mich und Gautam Navlakha und Arundhati Roy, die nach Dandakaranya gegangen sind mit dem Ziel, wahrheitsgemäß über die Situation zu berichten
„Die Regierung fordert die Leute auf, wachsam gegenüber der Propaganda der CPI (Maoisten) zu sein.

Es ist der Regierung zu Ohren gekommen, dass einige Maoisten-Führer direkt gewisse NGO/Intellektuelle kontaktiert haben, um ihre Ideologie zu verbreiten und sie zu überreden, Schritte zu unternehmen, die zur Unterstützung der CPI (Maoisten)- Ideologie führen können. Der Öffentlichkeit wird zur Kenntnis gebracht, dass laut Paragraph 39 des Gesetzes über ungesetzliche Aktivitäten (Verhütung) von 1967 jede Person, die sich des Vergehens schuldig macht, eine solche Terroristenorganisation zu unterstützen mit der Absicht u.a. die Aktivitäten solcher Terroristen-Organisationen zu fördern, zur Verantwortung gezogen und mit Gefängnis bis zu zehn Jahren oder Geldstrafen oder beidem belegt werden kann. Die Öffentlichkeit wird informiert, äußerst wachsam gegenüber der Propaganda der CPI (Maoisten) zu sein und nicht unbewußt Opfer solcher Propaganda zu werden.

Dies wird im öffentlichen Interesse veröffentlicht, damit die Öffentlichkeit sich bewußt ist, dass die Kommunistische Partei Indiens (Maoisten) und alle ihre Gliederungen und Frontorganisationen Terrororganisationen sind mit dem einzigen Ziel, den gewaltsamen Sturz der indischen Regierung herbeizuführen, und dass für sie kein Platz in Indiens parlamentarischer Demokratie ist.

Die CPI (Maoisten) fährt fort, unschuldige Zivilisten einschließlich Indigene kaltblütig zu töten und zerstört wichtige Infrastruktur wie Straßen, unterirdische Wasserleitungen, Schulen, Gram Panchayat Gebäude [lokale Regierungsgebäude auf dörflicher oder kleinstädtischer Ebene. D.Ü.] etc. , um zu verhindern, dass die Entwicklung ihre unterentwickelten Gebiete erreicht.“
Ich bin nicht sicher, ob die Leser außerhalb Indiens – oder selbst in Indien – wissen, wie ungewöhnlich dieser 'Paragraph 39' ist. Daher zitiere ich ihn wörtlich. Nicht einmal offen faschistische Regierungen pflegen indische Gummiparagraphen so zu formulieren!
„39. Straftat bezüglich Unterstützung für eine terroristische Organisation.

1. Eine Person begeht eine Straftat bezüglich Unterstützung für eine terroristische Organisation, (a) die mit der Absicht, die Aktivität einer Terrororganisation zu fördern, (i) zur Unterstützung einer Terrororganisation auffordert und (ii) die Unterstützung nicht darauf beschränkt ist, Geld oder anderen Besitz zu geben im Sinne von Absatz 40; oder b), die mit der Absicht, die Aktivität der Terrororganisation zu fördern, eine Zusammenkunft arrangiert, managt oder beim Arrangieren hilft, von der er weiß, dass (i) sie der Unterstützung der Terrororganisation gilt oder (ii) die Aktivität der Terrororganisation fördert oder (iii) wo eine Person eine Rede halten wird, die mit der Terrororganisation in Verbindung steht oder behauptet, mit ihr in Verbindung zu stehen; oder (c) die, mit der Absicht, die Aktivität der Terrororganisation zu fördern, vor der Versammlung eine Rede hält mit der Absicht, die Unterstützung für die Terrororganisation zu ermutigen oder ihre Aktivität zu fördern.

2. Eine Person, die sich der Straftat schuldig macht in Bezug der Unterstützung einer Terrororganisation unter Paragraph (1) wird mit Gefängnis bestraft, das 10 Jahre nicht übersteigen soll oder mit Geldstrafe oder mit beidem.“
Aber welche Gesetze die herrschende Klasse Indiens auch immer durch ihr Parlament gebracht hat, so schreibe ich jetzt „Roter Stern über Indien. Die Verdammten dieser Erde erheben sich.“ Es wird interessant sein zu sehen, was Innenminister P. Chidabaram daran ändern wird.

Quelle: Frontier Vol. 42 Nr 47-The Ongoing Civil War in India

Originalartikel veröffentlicht am 6.6.2010

Über den Autor

Tlaxcala ist das internationale Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Herausgeber als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10865&lg=de

Mehr zum Thema:
Gegenmeinung: Der städtische Avatar der Operation Green Hunt

Gegenmeinung: Vorläufige Beobachtungen und Empfehlungen der Jury des unabhängigen Tribunal des Volkes (Indien)

Gegenmeinung: Wanderung mit den Genossen - In den Dschungeln Zentralindiens mit der Guerilla

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen