Donnerstag, 15. Juli 2010

Wirtschaft im freien Fall

Von Paul Craig Roberts
Ich bewundere Joseph E. Stiglitz, weil er ein soziales Gewissen und einen Sinn für Gerechtigkeit hat, ohne welche Wirtschaftswissenschafter zu Monstern werden. Trotz seiner Vorzüge und des Nobelpreises versagt Stiglitz manchmal als Wirtschaftswissenschafter. Leser meines neuen Buchs, How The Economy Was Lost (Wie die Wirtschaft verloren ging), werden noch wissen, dass ich ihn heranziehe, um die Solow-Stiglitz-Produktionsfunktion aufs Korn zu nehmen, die Wirtschaftswissenschafter ernsthaft in Hinblick auf die Knappheit des Kapitals Natur in die Irre führt.

Eine weitere Schwäche Stiglitz´s, die er mit den meisten Wirtschaftswissenschaftern teilt, ist seine Gewohnheit, die Marktwirtschaft zu verdinglichen. Der Markt ist eine soziale Organisation. Die Ergebnisse der Aktivität des Marktes geben das Verhalten der menschlichen Teilnehmer in dem Markt wieder. Wenn Wirtschaftswissenschafter den Markt verdinglichen, dann schreiben sie Verhalten, Ethik und Moral – oder den Mangel daran – der Menschen dem Markt selbst zu. Darum beschreibt Stiglitz menschliches Versagen als „Marktversagen,“ und er fragt in seinem neuen Buch, Freefall (Freier Fall): „warum hat der Markt keine Disziplin bewahrt gegenüber schlechter Führung und schlechten Anreizstrukturen?“

Soziale Institutionen führen kein Eigenleben. Sie besitzen kein Leben und können nicht menschliche Handlungen zu guten Ergebnissen führen.

Die Liberalen verdinglichen auch Märkte, aber anstatt Märkten die Schuld an menschlichem Versagen zu geben, durchtränken sie den Markt mit menschlichen Vozügen und sogar mit der übermenschlichen Tugend, Ergebnisse zu produzieren, die die menschliche Intelligenz nicht mehr verbessern kann. „Risikomodelle“ von Wirtschaftswissenschaftern, für die Nobelpreise verliehen worden sind und der Vorsitzende der U.S.-Notenbank Alan Greenspan schrieben der sozialen Institution eine Weisheit jenseits der menschlichen zu.

Karikatur:© Kostas Koufogiorgos, www.koufogiorgos.de
Wahrscheinlich wurde die Praxis, die Marktwirtschaft zu verdinglichen, als eine Form von Kürzel entwickelt. Es war bequemer zu sagen, dass der Markt dies und jenes getan hat, als die menschlichen Interaktionen beschreiben zu müssen, die zu den Ergebnissen geführt haben. Der Markt wurde umgewandelt von einer Abstraktion in eine Lebensform und wurde zum Handelnden an Stelle der Menschen, die innerhalb der Institution Markt handelten.

Wenn die Ergebnisse gut sind, schreiben die Liberalen die guten Resultate den Tugenden des Marktes zu; wenn sie schlecht sind, geben die Liberalen menschlicher Einmischung – Regulierung durch die Regierung die Schuld. Wirtschaftswissenschafter mit Stiglitz´s Überzeugung sehen es von der anderen Seite. Gute Ergebnisse werden durch Regulierung erzielt; schlechte Ergebnisse resultieren daraus, dass dem Markt erlaubt wird, selbst Entscheidungen zu treffen.

Diese Denkmethode, die eine soziale Institution verdinglicht, ist in der Wirtschaftswissenschaft tief verwurzelt. Sie ist die Quelle großer Verwirrung und hat zu einer sinnlosen anhaltenden ideologischen Debatte geführt, die Stiglitz „einen Kampf der Ideen“ nennt.

Die Verwirrung lässt sich beseitigen. Zum Ersten muss man verstehen, dass ein freier Markt einer ist, in dem die Preise sich frei nach Angebot und Nachfrage richten können. Wirtschaftswissenschafter aller Richtungen sind sich einig, dass einen Preis unter dem Preis festzusetzen, bei dem sich Angebot und Nachfrage entsprechen, zu Engpässen führt. Einen Preis über dem Preis festzusetzen, bei dem sich Angebot und Nachfrage entsprechen, führt zu Überschüssen. Die Wirtschaftswissenschaften haben das von den Subventionen in der Landwirtschaft gelernt. Ein freier Markt ist nicht einer, in dem menschliches Verhalten nicht geregelt wird. Ein freier Markt ist einer, in dem Angebot und Nachfrage einander entsprechen dürfen.

Zum Zweiten muss man verstehen, dass Regulierung menschliches Verhalten regelt, aber nicht den Markt. Es sind die in dem Markt Tätigen, die für Verletzungen der Regeln zur Verantwortung gezogen werden, nicht die Institution selbst. Regulierung ist erforderlich aufgrund menschlicher Fehler wie Gier, Betrug, Sorglosigkeit, nicht aufgrund von Fehlern des Marktes.

Zum Dritten muss man verstehen, dass das Problem der Regulierung darin besteht, dass diese von fehlerhaften Menschen durchgeführt wird. Menschliche Fehler verschwinden nicht, wenn man menschliches Handeln aus der Wirtschaft in die Regierung verschiebt. Mit größter Wahrscheinlichkeit werden die Fehler noch größer, da Regierungsentscheidungen oft unberechenbar sind. Viele Wirtschaftswissenschafter gehen davon aus, das Regulatoren im öffentlichen Interesse handeln. Wie allerdings George Stigler, ein weiterer Nobelpreisträger, vor mehreren Jahrzehnten aufzeigte, sind die Regulatoren unweigerlich vereinnahmt von den Wirtschaftsbereichen, die sie regulieren.

Es gibt zahllose Beispiele von Regulatoren – in der Tat von ganzen Regierungen – die von den privaten Interessen vereinnahmt worden sind, die sie regulieren sollten. Zum Beispiel beschreibt Jeffrey St. Clair in einer neueren Ausgabe des CounterPunch (16.-30.Juni) detailliert die inzestuöse Beziehung zwischen der Mineralölverwaltung der Regierung und der Erdölindustrie. Eine Regierungsagentur, die die Aufgabe wahrnehmen sollte, die Auswirkungen der Erdölförderung auf die Umwelt zu regeln, wurde zu „einer bürokratischen Unterstützung des großen Öls.“ Daher die Umweltkatastrophe im Golf von Mexico und absehbare Katastrophen entlang der empfindlichen Küsten Alaskas.

In der Tat werden Wirtschaftswissenschafter und Akademiker oft von privaten Interessensgruppen vereinnahmt und zu Lockvögeln gemacht. In How The Economy Was Lost beschuldige ich Wirtschaftswissenschafter, als Lockvögel für transnationale Gesellschaften zu fungieren, wenn sie fälschlich die Auslagerung von Arbeitsplätzen als die vorteilhaften Auswirkungen des freien Marktes beschreiben. Wie die israelische Lobby haben die Gesellschaften herausgefunden, dass Geld Professoren, akademische Einrichtungen und Denkfabriken gerade so wie auch Journalisten kauft.

Die Auslagerung wandelt die Löhne der amerikanischen Arbeiter um in Bonusse für Manager, Kapitalgewinne für Aktienbesitzer und Ehrenposten und Zuwendungen für Wirtschaftswissenschafter, die als Lockvögel für die Praxis fungieren.

Das Problem, das auf die Wirtschaft der Vereinigten Staaten von Amerika zukommt, ist viel ernster als die Finanzkrise, die aus der finanziellen Deregulierung entstanden ist. Der Grund dafür, dass traditionelle Finanz- und Steuerpolitik keinen wirtschaftlichen Aufschwung zustandebringen können, liegt darin, dass ein so großer Teil der Wirtschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in andere Länder verlegt worden ist. Nachdem die Arbeitsplätze abgewandert sind, gibt es keine Arbeit, zu der niedrige Zinsraten und massive Regierungsausgaben die Arbeiter zurückrufen können.

Das ist der wirkliche freie Fall.

erschienen am 15. Juli 2010 in > Foreign Policy Journal > http://www.foreignpolicyjournal.com/2010/07/15/economics-in-freefall/

Quelle: antikrieg.com

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