Mittwoch, 18. August 2010

Finanzen 202: Wie wir zu Schuldsklaven wurden (und es lieben lernten)

Von Gordon Arnaut

Wer regiert diese Vereinigten Staaten von Amerika? Wenn Sie annehmen, daß es die Leute mit Geld sind, dann liegen Sie richtig. Es sind nicht die gewählten Repräsentanten des Volkes. Nicht die Männer und Frauen in Uniform, nicht die Fabrikarbeiter oder die Farmer, die Lehrer, die Busfahrer und Piloten. Es sind die boys und girls mit den Taschen voll Geld.

Aktuell hält der US Kongress Anhörungen über das Fehlverhalten der Banken ab. Das ist höchst unterhaltsames Kabuki-Theater - aber es wird sich dadurch nichts ändern. Der Goldmann-Chef (Chefdieb?) und seine Kumpane werden zur Zeit vielleicht ein wenig gegrillt, aber hinter den Kulissen pumpen seine Zahlmeister Millionen von Dollar in die Wahlkampfkassen jedes einzelnen Repräsentanten oder Senators (oder aussichtsreichen Senatskandidaten) im ganzen Land. Eine tatsächlich wirksame Finanzreform ist eine absolute Unmöglichkeit.

Sehen wir uns die Zahlen an. Der Finanz-Sektor in den Vereinigten Staaten und in anderen westlichen Nationen stellt gegenwärtig ungefähr ein Drittel des gesamten Bruttosozialprodukts dar. Das ist mehr als irgendein anderer Sektor der Wirtschaft für sich in Anspruch nehmen kann und ist ungefähr dieselbe Summe wie alle Ausgaben der Regierung zusammengenommen - für Militär, Soziale Dienste (in ihrem derzeitigen Zustand), Erziehung und Gesundheit (und was dafür gehalten wird), Infrastruktur, Forschung und Entwicklung usw.


Wenn man sich die Unternehmensgewinne ansieht, ist der Anteil des Finanzsektors sogar noch größer: er liegt bei ungefähr 40 Prozent. Die Finanz-“Industrie“ kontrolliert dieses Land. Sie verdient das meiste Geld, sie stellt den größten Anteil des Schmiermittels, um die Maschinerie der Politik rundlaufen zu lassen, und sie übt vollständige Kontrolle über jenes lebensnotwendige Gut aus, das wir Geld nennen. Die Finanz-“Industrie“ entscheidet, wer es haben darf und wer nicht.

Nun wird sich der Durchschnittsbürger fragen, was an einem blühenden Geldgewerbe falsch sein soll? Nun, das Problem ist, daß Finanzen keine Industrie sind. Finanzgeschäfte schaffen keinen Wohlstand, tatsächlich zweigen sie mittels Zinsen Wohlstand von dem ab, was real erwirtschaftet wurde. Wenn also der Finanz-Sektor ein Drittel des Bruttosozialprodukts ausmacht, heißt das, dass wir alle um ein Drittel ärmer sind, als wir sein müssten.

„Man kann sich den Finanzsektor als etwas vorstellen, das sich um die reale Wirtschaft geschlungen hat ... wie ein Parasit“, sagt Michael Hudson, Professor für Ökonomie an der Universität von Missouri. „Das Grundlegende an Parasiten ist nicht einfach, dass sie sich von ihrem Wirt ernähren. Der Parasit übernimmt die Kontrolle über das Gehirn seines Wirtes und lässt ihn denken, er sei Teil des Wirtschaftsgefüges, Teil des Körpers seines Wirtes, beinahe wie ein leibliches Kind seines Wirtes, das dieser schützen und behüten muss. Und genau dieses hat der Finanz-Sektor heute erreicht.“

Dies könnte erklären, warum so viele Leute heutzutage weiterhin im Interesse der Banken und zum Nachteil ihrer eigenen finanziellen Interessen handeln. Viele regierungskritische Kommentatoren erklären, daß sie gegen Steuern sind. Aber sie scheinen nichts gegen die 33 Prozent-Steuer zu haben, die sie der Finanz-Industrie zahlen. Dabei ist dies mit Abstand die einschneidendste Steuer von allen.

Nehmen Sie zum Beispiel das Haus, in dem Sie leben, und das Sie wahrscheinlich, so wie ich und die meisten Leute, die ich kenne, mit Geld bezahlt haben, das Sie von der Bank geliehen haben. Wenn Sie sich von der Bank $150.000 Dollar geliehen haben, um Ihr Haus zu kaufen, werden Sie der Bank rund $400.000 Dollar zurückgezahlt haben, wenn Sie - nach vielen, vielen Jahren - Ihre Hypothek vollständig abgezahlt haben.

Wenn Sie ein Auto für $20.000 Dollar kaufen, besteht ungefähr die Hälfte des Preises aus den Kosten, die dem Autohersteller und seinen Zulieferern durch die Zinszahlungen entstanden, die sie an die Banken leisten mussten, um das Auto überhaupt herstellen und auf den Markt bringen zu können.

Hier braucht es keinen wissenschaftlich geschulten Kopf, um zu erkennen, in welche Richtung das Geld fließt und mit welchen Mitteln dieser Geldtransfer bewirkt wird. Letztlich kommen die besagten 33 Prozent des BSP, also der Anteil des Finanz-Sektors (in den USA rund 5 Billionen Dollar) aus Ihren und meinen Taschen und denen jedes anderen Konsumenten, der irgendein Produkt oder Gut in diesem Wirtschaftssystem kauft oder in irgendeiner Form Kredit von den Banken oder anderen in Anspruch nimmt.

Die Frage ist zu stellen: Ab welchem Punkt entzieht der Finanzparasit seinem Wirt soviel, daß dieser krank wird und stirbt?

Die Antwort auf diese Frage zeigt sich gegenwärtig im aktuellen Geschehen. Die sogenannte Finanzkrise ist das erste Zusammenzucken eines untragbaren Systems, daß unter der Last eines Finanzsektors zusammenzubrechen droht, der um ein Vielfaches zu groß für die Realwirtschaft geworden ist. Die Realwirtschaft kommt zum Erliegen. Arbeitsplätze, vor allem gut bezahlte Arbeitsplätze sind rar geworden und verschwinden weiterhin in wachsendem Maße. Die Herstellung von Gütern wurde ins Ausland verlagert. Sogar die Klasse, die ihre spezialisierten Kleinunternehmen selbst leiten und managen(nur 20 Prozent der Bevölkerung) nimmt ab.

Es hilft, die gegenwärtige Situation in historischem Kontext zu sehen. Vor hundert Jahren lag der Anteil des Finanz-Sektors am Bruttosozialprodukt im unteren Bereich einstelliger Prozentzahlen. Noch 1990 lag er bei knapp über 20 Prozent. Allein in den vdergangenen 20 Jahren ist der Finanz-Sektor um die Hälfte gewachsen. Wie uns viele Wirtschaftswissenschaftler sagen, sind in derselben Zeit Realeinkommen und Kaufkraft zurückgegangen. Gibt es irgendeinen Zweifel, woran das liegt? In dem Maße, wie das parasitäre Ungeheuer wächst, brechen die Finanzen der Haushalte zusammen.

Wie sind wir in diese Situation geraten. Wann hörte der Finanzsektor auf, eine Hilfe für die Realwirtschaft zu sein? Wann begann er, der Realwirtschaft den Lebenssaft abzugraben? Sogar Hitler sorgte für praktisch zinslose Darlehen an neugegründete Familien, deren Ratenzahlungen bei einer maximalen Laufzeit von zehn Jahren nicht mehr als ein Achtel des Durchschnittslohns eines Arbeiters betrugen. Aber wir, die wir in dieser „freien“ Gesellschaft leben, tragen eine lebenslange Schuldlast und haben Hypotheken mit 50 Jahren Laufzeit. Im Mittelalter nannte man das Leibeigenschaft oder Schuldknechtschaft.

Das Problem ist leicht zu erkennen. Wir haben jetzt eine Gesellschaft , deren ideologische Fundamente auf Treibsand errichtet sind. Wir müssen alles, was uns über unser System beigebracht wurde, überprüfen und neu bewerten, ehe das System endgültig zusammenbricht. Es ist nicht so, daß alle wirtschaftlichen Tätigkeiten den gleichen Rang haben, wie uns das beigebracht wurde. Hier ist es hilfreich, bis zu Aristoteles zurückzugehen, der einige interessante Dinge über die Verdienste der verschiedenen Arten wirtschaftlicher Aktivität zu sagen hatte:
„Wie ich bereits sagte, gibt es zwei Arten, Wohlstand zu schaffen: Die eine ist Teil der Haushaltsführung, die andere der Handel. Die erstere Art ist notwendig und ehrbar, während das, was aus bloßem Austausch besteht, zu Recht besteuert wird, denn es ist unnatürlich und lediglich eine Weise, wie Menschen aneinander verdienen. Die zu Recht verhassteste Variante ist hierbei das Nehmen von Zinsen, denn hier stammt der Gewinn vom Geld selbst und nicht von jenen realen Objekten, für die es steht. Denn Geld soll als Tauschmittel genutzt werden, es war nicht beabsichtigt, dass es sich durch Zins vermehrt. Und dieser Begriff „Zins“, der besagt, daß Geld durch Geld gezeugt wird, wird auf die Selbstvermehrung des Geldes angewandt, da die Frucht wie im Falle des Nachwuchses von Eltern dem Ursprung gleicht. Aus diesem Grund ist der Zins als Quelle des Wohlstandes die unnatürlichste von allen.“

Hört man diese weisen Worte, so scheint es, daß wir sehr, sehr weit vom rechten Weg abgekommen sind. Wir verehren das Geld wie den allmächtigen Gott, und die Stricher von der Wall Street werden als Vorbilder gepriesen. Wie konnten sich die Dinge so ändern? Sind die Mühe und der Fleiß im Haushalt nicht mehr der ehrbare Weg? Ist es nicht bemerkenswert, daß Aristoteles sogar den Handel der Besteuerung und der notwendigen Aufsicht unterwerfen will, weil hier auf Kosten anderer verdient wird?

Was soll man also vom Geldgewerbe halten, dieser „unnatürlichsten“ aller Arten, zu Wohlstand zu kommen? Sollen diese Schieber und Hochstapler tun können, was ihnen gefällt? So wie jetzt? Sollte es überhaupt diese Art von wirtschaftlicher Aktivität geben? Warum? Und zu wessen Nutzen?

Vielleicht sollten sich unsere weisen Führer im Kongress und anderswo auf ihre schicken Stühle setzen und diese Worte aus einer fernen Vergangenheit gründlich überdenken - und darüber nachdenken, wohin uns dieser unnatürliche Weg, auf dem wir uns derzeit befinden, letztlich führen wird.



Danke Gordon Arnaut

Quelle: http://www.informationclearinghouse.info/article25449.htm

Erscheinungsdatum des Originalartikels: 14/08/2010
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=989


Übersetzt von Hergen Matussik
Herausgegeben von Einar Schlereth

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen