Mittwoch, 11. August 2010

Israelischer Rabbiner predigt „Mord“ an Babys von Einheimischen


Jonathan Cook

Ein Rabbiner von einer der gewalttätigsten Siedlungen in der Westbank wurde letzte Woche wegen Verdacht auf Hetze verhört, als die israelische Polizei ihre Untersuchung auf ein Buch erweiterte, in dem er das Töten von Nicht-Juden, einschließlich Kindern und Babys sanktioniert.

Rabbiner Yitzhak Shapira ist einer der führenden Ideologen des extremsten Flügels der religiösen Siedlerbewegung. Er ist bekannt, ein Verfechter der „price-tag“-Politik - der Racheakte gegen Palästinenser - zu sein, sie dafür zu bestrafen, wenn isr. Offizielle versuchen, das israelische Gesetz gegen die Siedlungen auszuführen.

Bis jetzt ist die Polizei hauptsächlich mit gewalttätigen Schikanen der Palästinenser beschäftigt gewesen: mit Schlägereien durch die Siedler, Angriffen auf Häuser, mit Steine werfenden Siedlern, dem Anzünden von Feldern, demTöten von Haustieren und dem Vergiften von Brunnen.

Es wird jedoch befürchtet, dass Shapiras Buch „Des Königs Torah“, das letztes Jahr veröffentlicht wurde, dafür gedacht ist, ideologische Rechtfertigungen zu geben, solche Angriffe zu erhöhen, einschließlich der Tötung von Palästinensern, selbst Kindern.

Obgleich Shapira wenige Stunden nach seinen Verhör am letzten Montag wieder entlassen wurde, begleiteten ihn Dutzende von Rabbinern und mehrere Mitglieder des Parlaments und verurteilten die Verhaftung. Shlomo Aviner, einer der Führer der Siedlerbewegung, verteidigte die Argumente des Buches als „legitime Einstellung“ und als eine, die in jüdischen Seminaren gelehrt werden sollte.

Aber als ein Zeichen von zunehmendem offiziellen Unbehagen über Shapiras Einfluss auf die Siedlungsbewegung, drohten israelische Militärbehörden letzte Woche, eine Jahrzehnte alte Abrissorder über Yitzhars Seminar durchzuführen, das ohne Genehmigung gebaut worden ist.

Dror Etkes, ein Siedlungsexperte von Peace Now aus Tel Aviv, sagte, die Order werde wahrscheinlich nicht ausgeführt, sie sei aber eine Möglichkeit Yitzhars 500 Bewohner bei ihren gewalttätigen Angriffen ( gegen Palästinenser) besser im Zaun zu halten.

Er sagte, die Behörden hätten erst jetzt begonnen, härter gegen Yitzhar vorzugehen, seitdem Shapira und mehrere seiner Studenten verdächtigt worden sind, im Dezember 2009 eine Moschee im benachbarten Dorf Yasuf angezündet zu haben.

„Shapira versucht, den Konflikt mit den Palästinensern neu zu definieren; er macht aus einem nationalen Konflikt einen religiösen. Das erschreckt Israel. Es wünscht nicht, dass es so aussieht, als kämpfe es gegen die ganze muslimische Welt,“ sagte Etkes.

Außerdem sagte er, dass der Rabbiner und seine Unterstützer eng mit der Kach-Bewegung verbunden sei, die von dem verstorbenen Rabbi Meir Kahane gegründet worden war. Sie fordert die Vertreibung aller Palästinenser aus „Groß-Israel“ . Obwohl die Kach-Bewegung verboten wurde, haben Offizielle gegenüber der Ideologie, die in den Siedlungen blüht, ein Auge zugedrückt.

Es mag illegal sein, sich selbst Kach zu nennen, aber die Behörden sind gegenüber den Siedlern, die diese Ansichten vertreten und gewalttätige Übergriffe ausführen, mehr als tolerant . Tatsächlich ist das, was Kahane-Leute in den 80er-Jahren taten, ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was die Siedler heute tun.

In dem 230 Seiten starken Buch behaupten Shapira und sein Ko-Autor Rabbiner Yosef Elitzur – auch von Yitzhar – dass das jüdische Gesetz das Töten von Nichtjuden unter sehr verschiedenen Umständen erlaube. Der Terminus „gentiles“ (Einheimische) und Nicht-Juden in dem Buch bezieht sich auf Palästinenser.

Sie schreiben, dass Juden das Recht haben, in jeder Situation Einheimische zu töten, wenn die Gegenwart eines Nichtjuden jüdisches Leben gefährdet, auch dann, wenn der Einheimische keinerlei Schuld an der Situation hat, die gerade besteht.

Das Buch sanktioniert das Töten von nicht-jüdischen Kindern und Babys: „Es gibt eine Rechtfertigung für das Töten von Babys, wenn es klar ist, dass sie heranwachsen, um uns Leid anzutun. In solch einer Situation können sie absichtlich geschädigt werden, nicht nur während eine Kampfes mit Erwachsenen.“

Die Rabbiner bringen vor, dass das Verletzten von Kindern von nicht-jüdischen Führern dann gerechtfertigt ist, wenn so Druck auf sie ausgeübt wird, um die Politik zu ändern.

Die Autoren befürworten auch die Ausübung „grausamer Taten, um eine tüchtige Terrorbalance herzustellen“ und alle Mitglieder einer feindlichen Nation als Ziel von Rache zu behandeln, auch wenn sie nicht direkt an feindseligen Aktionen beteiligt sind.

Die Rabbiner scheinen für das jüdische Recht Rechtfertigungen für kollektive Strafen und andere Kriegsverbrechen anzubieten, die die israelische Armee während ihres Angriffs auf den Gazastreifen im Winter 2008/09 begangen hat.

Pamphlete mit entsprechenden Aufrufen – „keine Gnade zeigen“ – wurden von Armee-Rabbinern an Soldaten verteilt, die sich für die Gazaoperation vorbereiteten, in der 1400 Palästinenser getötet wurden, die Mehrheit von ihnen waren Zivilisten. Religiöse Siedler dominieren jetzt viele Kampfeinheiten.

Eine Untersuchung von Yesh Din, einer israelischen Menschenrechtsorganisation, fand im letzten Jahr heraus, dass Shapiras Seminar von der israelischen Regierung mit mindestens 300 000 Dollar in den letzten Jahren finanziert wurde. Amerikanische und britische Gruppen haben auch zehn Tausende Dollar an steuerbegünstigten Spenden gestiftet.

Nach der Jerusalem Post reagierten die Yitzhar-Siedler auf die Abrissorder ihres Seminars damit, dass sie drohten, Dokumente zu veröffentlichen, die deutlich machen, dass der Wohnungs- und Transportminister auch eng mit dem Projekt verbunden ist.

Die Siedler sind wiederholt randalierend durch die benachbarten palästinensischen Dörfer gezogen, am bekanntesten im September 2008, als sie beim Schießen in die Häuser von Assira al-Kabaliya gefilmt wurden und dort Eigentum zerstörten und Davidsterne an die Häuser malten. Ehud Olmert, der damalige Ministerpräsident nannte die Siedleraktionen ein „Pogrom“.

Im selben Jahr wurde ein religiöser Student aus Yitzhar verhaftet, weil er mit selbstgemachten Raketen in das nächste palästinensische Dorf schoss.

Im April marschierten Yitzhars Siedler durch das Dorf Huwara und bewarfen das Haus einer palästinensischen Familie mit Steinen als „Vergeltungsmaßnahme“ für die Verhaftung von 11 ihrer Leute.

Ein Siedler von Yitzhar wurde im letzten Monat wegen eines tödlichen Schusses auf einen 16jährigen Palästinenser Aysar Zaban im Mai verhört. Angeblich hatte er Steine auf den Wagen des Siedlers geworfen. Der Teenager war in den Rücken geschossen worden.

Letzte Woche griffen die Siedler Burin an, schossen auf Dorfbewohner und zündeten Felder an.

In den meisten Fällen wurden verhaftete Siedler nach kurzer Zeit entweder von der Polizei oder dem Gericht wieder entlassen. Im Januar wurde Rabbi Shapira aus Mangel an Beweisen für den Brandanschlag auf die Moschee von einem Jerusalemer Richter aus der Haft entlassen.

Yitzhak Ginsburg, eine Kapazität in Jüdischem Gesetz und ein Mentor von Shapira, wurde letzten Donnerstag wegen seiner Unterstützung des Buches von der Polizei verhört. In der Vergangenheit hat Ginsburg Baruch Goldstein gepriesen, der 1994 in der Ibrahim-Moschee 29 betende Palästinenser erschoss.

2003 wurde Ginsburg wegen Hetze und Aufstachelung durch die Veröffentlichung eines Buches angeklagt, in dem er zur Vertreibung der Palästinenser aus Israel und den besetzten Gebieten aufgerufen hat. Aber die Vorwürfe wurden fallen gelassen, nachdem er ein „Klarstellungsstatement“ abgegeben hatte.

Eine Gruppe, die sich selbst „Studenten von Yitzhak Ginsburg“ nannte, verteilte kürzlich ein Flugblatt, in dem israelische Soldaten gedrängt werden, „ihr Leben und das ihrer Freunde zu schonen und keine Rücksicht gegenüber einer Bevölkerung zu zeigen, die uns umgibt und uns schädigt.“

Wer oder was ist Kach?

Kach wurde 1971 vom verstorbenen Meir Kahane, einem amerikanischen Rabbiner, gegründet, der nach Israel einwanderte. Er gewann 1984 im israelischen Parlament einen Sitz und zwar auf einer Plattform, die alle Palästinenser aus Israel und den besetzten Gebieten vertreiben wollte. Als Knessetmitglied legte er einen Gesetzentwurf vor, der Nicht-Juden die israelische Staatsbürgerschaft entziehen sollte und der sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden verbot.

Der politischen Partei wurde die Wahl zum israelischen Parlament 1988 verboten und die Bewegung sechs Jahre später geächtet. Obwohl die Gruppe als terroristische Organisation in den USA und den meisten europäischen Ländern angesehen wird, ist es erlaubt, die Ideologie in den Siedlungen zu verbreiten.

Heute befürworten Dutzende von Rabbinern eine Interpretation des jüdisch religiösen Gesetzes, das identisch oder gar noch schlimmer ist als das von Kahane.

Michael Ben Ari, ein früherer Kachführer wurde letztes Jahr für die extrem-rechte Nationale Union-Partei gewählt, die vier Sitze ( von 120) im Parlament inne hat.

Avigdor Liebermann, der die drittgrößte Partei im Parlament anführt und Außenminister ist, schloss sich vor kurzem der Partei an, bevor sie verboten wurde. Das anti-arabische Programm seiner eigenen Partei „Keine Loyalität, keine Staatsbürgerschaft“ schließt den Widerhall der Kahane-Ideologie mit ein.

Übersetzung: Ellen Rohlfs


Jonathan Cook ist der einzige westliche Journalist, der in Nazareth lebt, der Hauptstadt der palästinensischen Minderheit in Israel. Er war zuvor Mitarbeiter bei den Zeitungen The Guardian und Observer und hat über den israelisch-palästinensischen Konflikt auch für die Times, Le Monde diplomatique, die International Herald Tribune, Al-Ahram Weekly, Counterpunch und Aljazeera.net geschrieben.

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