Mittwoch, 25. August 2010

Zur Rolle Fidel Castros


Von Gilbert López y Rivas (Übersetzung: Klaus E. Lehmann)

La Jornada / amerika21.de

Am vergangenen 13. August wurde ein einzigartiger Mensch 84 Jahre alt. Ebenso geliebt von den Völkern wie gehasst von den Ausbeutern und Unterdrückern, ist Fidel Castro der lateinamerikanische Revolutionär mit der größten Bedeutung im Kampf gegen die US-amerikanische Vorherrschaft; der Staatsmann, der mehr als 50 Jahre lang diese imperialistische Macht herausgefordert hat, indem er die nationale Volkssouveränität Kubas und im weiteren Sinne auch die Würde der Lateinamerikaner verteidigt hat. Fidel ist der Intellektuelle des Sozialismus und des stimmigen Internationalismus angesichts des Debakels des Sozialismus in der UdSSR, Osteuropa und nun auch in China, der dort einen heftigen und barbarischen Staatskapitalismus erlebt.

Fidel ist ein ideologischer und politischer Kompass, jedoch nicht nach Art des “Großen Steuermanns”, oder der “Geliebten Führer”, die in Nordkorea geradezu religiös verehrt werden, sondern als Pädagoge der siegreichen Revolution, des Antiimperialismus, der Rettung der Nation von Seiten des Volkes, vom marxistischen Humanismus aus. Da das kubanische Volk von 1959 bis zum heutigen Zeitpunkt der Haupturheber seiner eigenen revolutionären Heldengeschichte gewesen ist und ausgehend von der Annahme, dass es keine Notwendigkeit dafür gibt, warum es “Leitvölker” und noch viel weniger “Leitmenschen” geben sollte, und dass man statt dessen Leitideen benötigt, ist es erforderlich, die Rolle anzuerkennen, die Fidel eingenommen hat. Er beweist, dass es Führer und Regierende von anderem moralischen Format geben kann, als wir sie gewohnt sind.

Fidel hinterlässt Spuren auf vielfältigen Gebieten der revolutionären Theorie und Praxis in Lateinamerika. So hat er zum Beispiel aufgezeigt, dass Patriotismus, die Liebe zur Sache des Volkes und revolutionäre Konsequenz sich nicht mit Worten oder programmatischen Schriften darlegen lassen, so großartig diese auch sein mögen: was indessen gebraucht wird ist das entschiedene Handeln und der frontale Angriff auf das repressive System und auf den Staatsapparat, wenn alle Wege zur Lösung der gewaltigen sozialen, ökonomischen und politischen Probleme versperrt sind.

Fidel und die Bewegung des 26. Juli eröffnen in der Moncada-Kaserne und in der Sierra Maestra einen revolutionären Weg, der mit einem Schlag das reformistische Schema des Gattopardismus1 hinwegfegt, der alles verändert, damit alles so weiter geht wie bisher. Fidel beweist ebenso, dass es möglich ist, nur 90 Meilen vom kontinentalen Territorium des USA entfernt eine Revolution durch zu führen und den Sozialismus zu etablieren, ganz gegen den Strom des geografischen Determinismus, der immer noch für den Fall von Mexiko gepflegt wird. Fidel hat auch mit dem Klischee gebrochen, dass Revolutionen mit der Armee oder ohne die Armee, aber niemals gegen die Armee durchgeführt werden können.

Trotzdem ist Fidel weit davon entfernt, ein Theoretiker der verzweifelten Revolution, des militaristischen Abenteurertums oder des putschistischen Blaquismus2 zu sein. Seine Aktionen und revolutionäre Option in Kuba waren Ergebnis einer tiefgehenden Analyse der Realität, einer Kenntnis der vitalen Probleme seines Volkes und eines Programms, das Fidel (im Moncada-Prozess) vor seinen Richtern darlegte und das unter dem Titel „Die Geschichte wird mich freisprechen“ bekannt ist.

Fidel repräsentiert als Führungsfigur und als Theoretiker die Kontinuität und den Durchbruch einer vielschichtigen nationalen und revolutionären Bewegung. Kontinuität, weil er das Denken Martís3, die Erfahrung der Unabhängigkeitskämpfer, der Kämpfer gegen die Machado-Diktatur, der gewerkschaftlichen und studentischen Strömungen, sowie der gescheiterten Wahlauseinandersetzungen aufnimmt. Durchbruch, weil die Ziele, die von den ersten revolutionären Aktionen und Verfügungen an in Angriff genommen wurden, den kubanischen Prozess dazu geführt haben, in unserem amerikanischen Kontinent bisher nie da gewesene Wege zu beschreiten: die radikale Umgestaltung der ökonomischen, sozialen und politischen Strukturen des eigenen Landes. Zum ersten Mal auf unserem Kontinent hat eine soziale Revolution, deren treibende Kräfte die Arbeiter und Bauern waren, ein Programm, eine Taktik und Strategie mit Siegeschancen und zum Wohl des kämpfenden Volkes aufgelegt. Eine Revolution, die dazu fähig war, eine völkermörderische Armee und einen kompletten Repressionsapparat zu zerschlagen, ein Volksheer zu bilden und revolutionäre Milizen zu organisieren, die den bewaffneten Bürger in den Schutz der Heimat und des Sozialismus einbeziehen.

Die von Fidel angeführte Revolution war keine Revolution im mexikanischen Stil, bei der das Volk die Toten stellte und die Oligarchie die Früchte erntete; eine Revolution, die letztendlich nur die Ausbeutung und das Elend modernisiert hat, die alle natürlichen und strategischen Ressourcen den nationalen und ausländischen Oligarchen ausgeliefert hat und dabei paradoxerweise 100 Jahre nach ihrem Beginn ein Neoporfiriat4 geschaffen hat, das der Vorherrschaft der Yankees zugeneigt ist. Ungeachtet dessen versichert Fidel, dass “keine soziale und politische Situation vorstellbar ist, für die es – so kompliziert sie auch scheinen mag – keine Lösungsmöglichkeit gäbe”. Auf diese fidelistische Lehre sollten wir heutzutage besonderen Nachdruck legen, in Zeiten, in denen in unserem Land Verwirrung zu herrschen scheint und keine Wege zu sehen sind, die zu einer revolutionären und demokratischen Lösung der tiefen Krise führen könnten, die unsere Heimat durchläuft.

Ebenso hat Fidel einen tiefen Einfluss auf die Entwicklung eines kritischen Marxismus in Lateinamerika genommen, wobei er häufig Sätze wie diesen geäußert hat: “Es kommt vor, dass als marxistisch bezeichnete politische Dokumente den Eindruck vermitteln, dass man einfach in ein Archiv geht und ein bestimmtes Modell verlangt; Modell 14, Modell 13, Modell 12 und alle sind gleich, mit der selben Phraseologie, in einer Sprache, die logischerweise nicht dazu in der Lage ist, reale Situationen zum Ausdruck zu bringen. Außerdem sind diese Schriften häufig auch einfach lebensfremd und vielen Leuten wird dabei weisgemacht, dass das Marxismus sei.”

Fidel beteiligt sich nach seinem Rücktritt vom höchsten Amt in der Regierung Kubas mit seinen 84 Jahren weiterhin an tausend Schlachten, nun im Meinungsjournalismus und von verschiedenen Tribünen aus, darunter auch (der mexikanischen Tageszeitung) La Jornada. Er steht weiter fest auf seinem unverzichtbaren Posten als Oberbefehlshaber im Kampf der Ideen, analysiert, klagt an und warnt zur Zeit vor den Gefahren einer immensen atomaren Katastrophe, ausgelöst durch die zionistischen Regierung Israels und durch die Vereinigten Staaten aus Anlass eines eventuellen Angriffs auf den Iran. Er warnt übrigens ebenso vor einem politischen Erdbeben in Mexiko.

# 1. Als Gattopardismus werden ursprünglich die Machenschaften des sizilianischen Adels während des italienischen Einigungsprozesses in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bezeichnet, um sich an den gesellschaftlichen Wandel anzupassen, ohne dabei seine Privilegien einzubüßen.
# 2. Als Blanquismus wird die Louis Auguste Blanqui (1805-1881) zugeschriebene Lehre bezeichnet, nach der eine soziale Revolution durch Verschwörung einer kleine Gruppe ohne Massenbasis herbeigeführt werden könne.
# 3. José Martí (1853-1895), kubanischer Journalist, Schriftsteller und Poet, Gründer der ersten revolutionären Partei Kubas und Vorkämpfer der nationalen Unabhängigkeit.
# 4. Als Porfiriat bezeichnet man die diktatorische, fast 40 Jahre andauernde Regierungszeit von Porfirio Díaz (1830-1915. Sein Regime war durch eine wirtschaftliche Öffnung des Landes geprägt, die aber für die Masse der Bevölkerung katastrophale Auswirkungen hatte. Sein Beharren an der Macht mit repressiven Polizeistaatsmethoden und seine Verkennung der politischen Entwicklungen innerhalb der mexikanischen Eliten lösten die Mexikanische Revolution 1910 aus, die seinen Sturz herbeiführte.

Fidel, a sus 84 años

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