Donnerstag, 2. September 2010

Die Fahne schwenken, die Tatsachen fälschen


John Pilger

Von Edward Bernays, dem amerikanischen Neffen Sigmund Freuds, wird gesagt, er habe die moderne Propaganda erfunden. Während des Ersten Weltkriegs gehörte er zu einer Gruppe von einflussreichen Liberalen, die eine geheime Regierungskampagne entwickelten, um die zögerlichen Amerikaner zu bewegen, eine Armee in das Blutbad in Europa zu schicken. Bernays schrieb, dass die „intelligente Manipulation der gängigen Gewohnheiten und Meinungen der Massen ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft bildeten“ und dass die Manipulatoren „eine unsichtbare Regierung bilden, die die wirkliche beherrschende Macht in unserem Land ist.“ Anstelle von Propaganda prägte er den Euphemismus „Public Relations.”

Die amerikanische Tabakindustrie engagierte Bernays, um Frauen zu überzeugen, in der Öffentlichkeit zu rauchen. Indem er das Rauchen mit Frauenbefreiung assoziierte, machte er aus Zigaretten „Fackeln der Freiheit.“ 1954 beschwor er eine kommunistische Gefahr in Guatemala als Vorwand für den Sturz der demokratisch gewählten Regierung, deren soziale Reformen das Monopol der United Fruit Company im Bananenhandel gefährdeten. Er bezeichnete das als „Befreiung.“

Bernays war kein fanatischer Rechter. Er war ein elitärer Liberaler, der daran glaubte, dass „Organisieren öffentlicher Zustimmung“ dem Allgemeinwohl diente. Erreicht wurde das durch die Schaffung von „gefälschten Realitäten,“ die dann zu „Neuigkeiten“ wurden. Hier einige Beispiele, wie das heute betrieben wird:

Gefälschte Realität: Die letzten Kampftruppen der Vereinigten Staaten von Amerika haben den Irak verlassen, „wie versprochen, nach Plan“ laut Präsident Barack Obama. Die TV-Bildschirme waren voller Aufnahmen der „letzten amerikanischen Soldaten“, vor dem Hintergrund der untergehenden Sonne, wie sie die Grenze nach Kuwait passieren.

Tatsache: Sie sind noch immer dort. Mindestens 50.000 werden weiterhin von 94 Stützpunkten aus operieren. Die Luftangriffe gehen weiter wie gehabt, ebenfalls die Mordaktionen der Special Forces. Die Zahl der „militärischen Vertragspartner“ (=Söldner) beträgt derzeit 100.000 und steigt. Der größte Teil des irakischen Erdöls steht jetzt unter direkter ausländischer Kontrolle.

Gefälschte Realität: Präsentatoren und Reporter der BBC haben die abziehenden Truppen der Vereinigten Staaten von Amerika beschrieben als eine „Art siegreiche Armee“, die eine „bemerkenswerte Änderung des Schicksals“ (des Irak) herbeigeführt hat. Ihr Befehlshaber General David Petraeus ist „eine Berühmtheit“, „charmant“, „schlau“ und „außergewöhnlich.“

Tatsache: Da gibt es keinen Sieg. Es gibt ein katastrophales Unheil, und Versuche, dieses als etwas anderes hinzustellen sind nichts anderes als eine Neuauflage von Bernays Kampagne, die Schlächterei des Ersten Weltkriegs als „notwendig“ und „nobel“ zu präsentieren. In seinem Präsidentschaftswahlkampf 1980 taufte Ronald Reagan die Invasion in Vietnam, in der bis zu drei Millionen Menschen getötet worden sind, zu einer „noblen Sache“ um, was enthusiastisch von Hollywood aufgegriffen wurde. Die heutigen Kriegsfilme über den Irak haben eine ähnlich abführende Tendenz: der Besatzer ist sowohl ein Idealist als auch als Opfer.

Gefälschte Realität: Es ist nicht bekannt, wieviele Iraker getötet worden sind. Es sind „zahllose“ oder vielleicht „zehntausende.“

Tatsache: In direkter Konsequenz der Invasion unter angloamerikanischer Führung sind eine Million Iraker getötet worden. Diese Zahl von Opinion Research Business beruht auf einer auf Fachebene überprüften Untersuchung unter Leitung der John Hopkins Universität in Washington D.C., deren Methoden hinter den Kulissen als „bewährte Methode“ und „aussagekräftig“ bestätigt wurden vom obersten wissenschaftlichen Berater der Regierung Blair, wie durch ein freigegebenes Dokument bestätigt wurde. Diese Zahl wird den „charmanten“ und „schlauen“ amerikanischen Generalen kaum berichtet oder präsentiert. Auch nicht die Enteignung von vier Millionen Irakern, die Unterernährung der meisten irakischen Kinder, die epidemischen geistigen Störungen und die Vergiftung der Umwelt.

Gefälschte Realität: Die britische Wirtschaft hat ein Milliardendefizit, das reduziert werden muss mit Einschnitten in die öffentlichen Dienste und mit regressiver Besteuerung, in einem Geist von „Wir sitzen hier alle im selben Boot.“

Tatsache: Wir sitzen hier nicht alle im gleichen Boot. Bemerkenswert an diesem Triumph der Public Relations ist, dass vor nur 18 Monaten das genaue Gegenteil die TV-Bildschirme und Titelseiten füllte. Damals, in einem Schockzustand, war die Wahrheit unvermeidbar, wenn auch kurz. Das Tief der Geldsäcke von Wall Street und City of London war zum ersten Mal gänzlich sichtbar, zusammen mit der Käuflichkeit der einst gefeierten Heilsverkünder. Milliarden von öffentlichem Geld gingen in unbeholfene und schurkische Organisationen, bekannt als Banken, denen die Haftung für Schulden von ihren Sponsoren in der Labourregierung erspart wurde.

Innerhalb eines Jahres wurden Rekordprofite und persönliche Bonusse eingefahren, und Staats- und Medienpropaganda waren wieder ins Gleichgewicht gekommen. Plötzlich waren für das „Schwarze Loch“ nicht mehr die Banken verantwortlich, deren Schulden von denen bezahlt werden müssen, die dafür in keiner Weise verantwortlich sind: der Öffentlichkeit. Die allgemeine Verbreitung dieser „Notwendigkeit“ erfolgt jetzt im Gleichklang, von der BBC bis zur SUN. Eine Meisterleistung, würde Bernays sicher dazu sagen.

Gefälschte Realität: Der ehemalige Minister Ed Miliband bietet eine „echte Alternative“ als Anführer der britischen Labor-Partei.

Tatsache: Miliband, wie sein Bruder David, der ehemalige Außenminister, und fast alle, die für die Leitung der Labor-Partei in Frage kommen, ist durchtränkt mit dem Schmutzwasser von New Labor als Parlamentsabgeordneter und Minister, er hat sich nicht geweigert, unter Blair zu dienen oder sich gegen die ständige Kriegstreiberei der Labor-Partei ausgesprochen. Er bezeichnet jetzt den Einmarsch in den Irak als „schweren Fehler.“ Das als Fehler zu bezeichnen beleidigt das Gedächtnis und die Toten. Es war ein Verbrechen, für das zahlreiche Beweise vorliegen. Er hat nichts neues zu sagen über die anderen Kolonialkriege, die ebenfalls keine Fehler waren. Auch hat er keine grundlegende soziale Gerechtigkeit gefordert: dass diejenigen, die die Rezession verursacht haben, die Sauerei bereinigen und dass die sagenhaft reiche britische Minderheit ernsthaft besteuert wird, beginnend mit Rupert Murdoch.

Eine gute Nachricht ist allerdings, dass die Gefälschten Realitäten oft in die Hosen gehen, wenn die Öffentlichkeit auf ihre eigene kritische Intelligenz vertraut, statt den Medien zu glauben. Zwei Geheimdokumente, die vor kurzem von WikiLeaks veröffentlicht wurden, bringen die Besorgnis der CIA darüber zum Ausdruck, dass die Bevölkerungen europäischer Länder, die gegen die Kriegspolitik ihrer Regierungen sind, der üblichen Propaganda nicht auf den Leim gehen, die ihnen von den Medien vorgegeben wird. Für die Beherrscher der Welt stellt das ein Rätsel dar, weil ihre selbstherrliche Macht auf der Gefälschten Realität beruht, dass kein Widerstand des Volkes funktioniert. Er funktioniert aber.

Erschienen am 2. September 2010 auf > http://www.antiwar.com > http://original.antiwar.com/pilger/2010/09/01/flying-the-flag-faking-the-news/

Quelle: www.antikrieg.com

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