Samstag, 23. Oktober 2010

Ein griechischer Dramatiker hat uns gelehrt, wie die Demokratie stirbt


Von Chris Hedges

TRUTHDIG, 11.10.10

Aristophanes, ein Dramatiker des antiken Griechenlands, verbrachte sein Leben damit, Angriffe von Tyrannen auf die Demokratie zu bekämpfen. Es ist wenig ermutigend, sich daran zu erinnern, dass er verloren hat. Aber er hat erkannt, dass der härteste Kampf um Menschlichkeit häufig um das Offensichtliche geführt werden muss. Aristophanes hatte die Kühnheit, den gerade herrschenden griechischen Tyrannen Kleon als Hund darzustellen; er ist der ideale Dramatiker, wenn man auf die Gefahren hinzuweisen versucht, die den USA durch Bewegungen droht, die von der "Tea Party" über die Milizen und die christlichen Rechten bis zu unserer bankrotten und korrupten Machtelite reichen, die sich nicht mehr um die Bedürfnisse der US-Bürger kümmert. Schon vor 2.400 Jahren prangerte Aristophanes die Korruption an, weil er zu Recht fürchtete, dass sie die Demokratie in Athen auslöschen werde. Er bemühte sich leider vergebens, die verschlafenen Einwohner Athens wachzurütteln.

Mehrere zehn Millionen US-Amerikaner, die einer diffusen, aus unterschiedliche Fraktionen bestehenden Bewegung angehören, lechzen förmlich danach, die seit der Aufklärung gewonnenen geistigen und wissenschaftlichen Erkenntnisse hinter sich zu lassen. Von Ignoranz und Verzweiflung getrieben, streben sie eine utopische, auf das "biblische Gesetz" begründete Gesellschaft an. Sie wollen den säkularen (weltlich geprägten) Staat USA in eine despotische Theokratie umwandeln. Diese Radikalen und nicht die Terroristen, die sich uns widersetzen, sind die größte Bedrohung für unsere offene Gesellschaft. Von den US-Konzernen mit vielen Millionen Dollars finanziert, sind sie zu einer gewaltigen Macht geworden. Mit pseudowissenschaftlichen (kreationistischen) Thesen wie der von der "intelligenten Schöpfung" gehen sie in unseren Schulen hausieren. Sie verwickeln uns in nie endende, sinnlose, imperialistische Kriege und führen fanatische Kreuzzüge gegen Homosexuelle, Einwanderer, Liberale und Muslime. Sie bringen unsere Justiz im Namen konservativer Werte dazu, Recht nur noch im Sinne der Konzerne zu sprechen. Sie haben unsere Liberalen zu Marionetten der Konzerne gemacht. Und wir tun so, als gehe uns das nichts an, und lassen sie gewähren.

Weil ein Großteil unserer Steuern der Wall Street, den Investment-Banken, den Öl- und Erdgas-Konzernen und der Rüstungsindustrie zugeflossen ist und unser Produktionssektor systematisch abgebaut wurde, sind wir verarmt. Deshalb werden unsere Häuser versteigert. Deshalb wird etwa 45 Millionen US-Amerikanern die medizinische Versorgung verweigert. Deshalb zerfällt unsere Infrastruktur – von den öffentlichen Schulen bis zu den Brücken. Deshalb finden viele von uns keine Jobs mehr. Wir werden alle geschröpft. Der schamlose Raub öffentlichen Eigentums und der Aufstieg einer obszön reichen Oligarchie wird von Demagogen, die selbst Millionäre sind, mit markigen Sprüchen bemäntelt; mit ihren die Angst schürenden Phrasen wollen sie uns nur einschüchtern, verwirren und versklaven.

Schon Aristophanes hat erkannt, dass die Demokratie im antiken Athen durch psychologische und politische Manipulation untergraben wurde. In seinen Theaterstücken "Die Wolken," "Die Wespen," "Die Vögel," "Die Frösche" und "Lysistrata" warnte er die Athener wiederholt vor politischen Führern, die verkündeten "Ich werde die Athener nie verraten!" oder "Ich werde immer für den Schutz der Athener kämpfen!", sich in Wirklichkeit aber nur das Geld und die Macht des Staates aneignen und die Bürger Athens versklaven wollten.

"In Wahrheit will jeder Tyrann, dass ihr arm bleibt," schrieb Aristophanes in seinem Stück "Die Wespen." "Wenn ihr den Grund dafür nicht kennt, kann ich ihn euch nennen. Er will euch lehren, wem ihr zu gehorchen habt. Wenn dann sein Pfiff ertönt, der euch auf seine Feinde hetzt, dann springt ihr auf und reißt sie in Stücke."

Auch unsere Demokratie ist nach den jahrelangen Kriegen und der damit verbundenen Ausplünderung und Korruption nicht mehr das, was sie einmal war. Die (ähnlichen) Verhältnisse (im alten Griechenland), die Aristophanes schildert, geben wenig Grund zur Hoffnung. Er warnte die Griechen schon damals vor (der zerstörenden Wirkung) der Korruption. Er tadelte sie immer wieder, weil sie nicht aufstanden und sich dagegen wehrten. Unheilverkündend mahnte er, wenn die Bürger doch noch aufwachen sollten, könnte es schon zu spät sein. Und er behielt Recht. Der Anschein von Normalität verführt uns zu falschen Hoffnungen und macht uns unterwürfig. Diejenigen, die am lautesten schreien, sie wollten die Ideale der Gründerväter verteidigen, die Unverletzlichkeit der Verfassung schützen und die Werte der christlichen Religion hochhalten, sind (in Wirklichkeit) diejenigen, die sich am aktivsten bemühen, diese Prinzipien, die sie angeblich bewahren wollen, ganz abzuschaffen. Sie halten die Ikonen und die Parolen des traditionellen Patriotismus hoch – die Rechtsstaatlichkeit und die christliche Wohltätigkeit – und höhlen gleichzeitig die Glaubensgrundsätze aus, die ihnen kulturelle und politische Legitimität verleihen. Und diejenigen, die diese Glaubensgrundsätze verteidigen sollten, sind eingeschüchtert und verhalten sich ganz still.

"Seit langer Zeit schützt die Normalität der normalen Welt die schweren Verbrechen totalitärer Systeme vor Enthüllung," schrieb Hannah Arendt in ihrem Buch "Die Ursprünge des Totalitarismus". "Normale Menschen wollen nicht akzeptieren, was alles möglich ist; angesichts des Monströsen vertrauen sie noch nicht einmal ihren eigenen Augen und Ohren. ... Der Grund dafür, dass totalitäre Regime bei der Errichtung einer auf den Kopf gestellten Parallelwelt so weit kommen können, ist das Wunschdenken der meisten Bewohner eines noch nicht durchgehend totalitär strukturierten Polizeistaates, die sich davor drücken, den heraufziehenden Wahnsinn zur Kenntnis zu nehmen.

Alle ideologischen, theologischen und politischen Debatten mit den Vertretern des von den Konzernen beherrschten Staates, einschließlich des rückgratlosen, schwachen Präsidenten Barack Obama, sind nutzlos. Sie wollen unsere Argumente nicht hören, und sie wollen auch keinen Dialog. Sie haben nichts übrig für wirkliche Reformen oder eine Demokratie, in der die Bevölkerung mitbestimmt. Sie bedienen sich der Tricks und der Täuschungen der Propaganda, um ihren ständig bedrohlicher werdenden Angriff auf unsere bürgerlichen Freiheiten zu tarnen und unsere Unfähigkeit, unseren Lebensunterhalt zu verdienen, und den Verlust elementarer Dienstleistungen – von der Ausbildung bis zur Gesundheitsfürsorge – zu kaschieren. Unsere feigen Liberalen hofieren die Feinde der Demokratie und hoffen verzweifelt, weiterhin ein Teil der herrschenden Elite zu bleiben, anstatt sich zu widersetzen. Eigentlich sind die Liberalen, weil sie die Machenschaften der konzernhörigen Rechtsradikalen auch noch schönreden, die übelsten Landesverräter.

Auch Aristophanes lebte in einer Zeit endloser Kriege. Er wusste, dass Krieg immer antidemokratischen Kräften zur Macht verhilft. Er sah, wie der Krieg das Innenleben der Demokratie auffraß, bis sie ausgehöhlt war. Sein Drama "Lysistrata", das er verfasste, als Athen bereits 21 Jahre in den Peloponnesischen Krieg verstrickt war, ist eine Satire, in der die jungen Frauen ihren Männern bis zum Kriegsende den Sex verweigern und die älteren Frauen die Akropolis besetzen, wo das Geld für den Krieg gehortet ist. Mit seinem Stück wollte er die Athener dazu bringen, mit radikalen Aktionen zivilen Ungehorsams einen Krieg zu beenden, der ihren Staat verwüstete. Lysistrata, die Heldin des Stücks, deren Name "Heeresauflöserin" bedeutet, prangerte als Sprachrohr des Dramatikers die Idiotie und die selbstzerstörerische Wirkung des Krieges an. Aber die Athener hörten nicht auf sie und verloren den Krieg.

Die Tragödie ist, dass die Mächtigen in den Konzernen zur Erhaltung ihrer Macht nicht mehr auf Liberale und eher weltlich eingestellte Politiker wie Obama angewiesen sind und sie als Belastung betrachten, die beseitigt werden muss. Die Liberalen haben sich bemüht, mit Kräften zusammenzuarbeiten, deren Gier niemals zu stillen ist . Sie haben die grundlegendsten liberalen Werte verraten, um sich auf ein Spiel einzulassen, das ihren Einfluss auf die Politik und die Kultur auslöschen wird. Diesmal wird es keine Hakenkreuze, sondern Meere von roten-weiß-blauen (US-)Fahnen und Ansammlungen von Trägern christlicher Kreuze geben. Es wird keine steifarmigen (Hitler-)Grüße, aber massenhaft öffentliche Treuegelöbnisse geben. Es wird keine braunen Hemden, aber nächtliche Besuche der Homeland Security geben (Diese US-Behörde zum Schutz der inneren Sicherheit könnte zu einer Art "US-Gestapo" werden, s. dazu auch http://www.dhs.gov/index.shtm.) Die Angst, die Wut und der Hass unserer enteigneten und irregeleiteten Arbeiterklasse werden in Strömungen geleitet, welche die letzten Spuren unseres demokratischen Staates beseitigen wollen. Ihre gefährlichen Emotionenm werden die Liberalen zuerst zu spüren bekommen, weil sie – wie damals im antiken Athen – die Bevölkerung verraten haben. Wenn wir uns nicht bald zu den von Aristophanes empfohlenen radikalen Maßnahmen durchringen und den von den Konzernen beherrschten Staat mit Aktionen zivilen Ungehorsams lahmlegen, sind wir erledigt.

Lassen Sie uns nicht sanftmütig mit offenen Stadttoren auf die Ankunft der Barbaren warten. Sie werden kommen, auch wenn sie sich vor Bethlehem verneigen. Lassen Sie uns, wenn wir keine Kraft zum Widerstand haben, wenigstens dem Beispiel des Aristophanes folgen und die auch uns drohende Tyrannei endlich beim Namen nennen.

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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