Mittwoch, 1. Dezember 2010

Exklusivbericht: Die "Beweise" für ein Atomwaffen-Programm des Irans wurden offenbar gefälscht


Der US-Historiker und investigative Journalist Gareth Porter weist nach, dass die "Laptop- Dokumente", die angeblich beweisen sollen, dass der Iran ein Atomwaffen Programm betreibt, ziemlich plumpe Fälschungen sind.

Von Gareth Porter
t r u t h o u t, 18.11.10

Seit 2007 fordert die International Atomic Energy Agency / IAEA – unterstützt von den USA, Israel und ihren europäischen Verbündeten Großbritannien, Frankreich und Deutschland – der Iran solle sich zu einer Reihe angeblich interner Dokumente äußern, die auf ein verdecktes iranisches Militärprogramm zur Erforschung und Entwicklung von Atomwaffen hindeuten sollen. Die "Laptop-Dokumente," die angeblich von einem iranischen Computer stammen, den ein Unbekannter gestohlen und 2004 einem US-Geheimdienst übergeben haben soll, umfassen eine Reihe von Zeichnungen vom Wiedereintrittskörper einer (ballistischen) Rakete, der vielleicht einen Atomsprengkopf hätte tragen können, sowie Berichte über Tests mit hochexplosiven Sprengstoffen, die zur Zündung einer Atomwaffe hätten dienen können.

In mehreren aufeinanderfolgenden Berichten hat die IAEA immer wieder beklagt, dass sich der Iran bisher geweigert habe, mit ihr bei der Untersuchung dieses angeblichen Forschungsprogramms zusammenzuarbeiten, und dass sie deshalb nicht nachprüfen könne, ob tatsächlich Kernmaterial für militärische Zwecken abgezweigt wurde.

Dieses Problem steht im Zentrum der Politik der USA gegenüber dem Iran. Die Obama- Regierung hat erklärt, sie werde so lange keine diplomatischen Verhandlungen mit dem Iran führen, bis dieser die Anfrage der IAEA zu seinem behaupteten verdeckten Atomwaffen-Programm zufriedenstellend beantwortet habe.

Diese Haltung beruht auf der Annahme, dass die im Besitz eines Geheimdienstes befindlichen Dokumente, zu denen sich der Iran äußern soll, tatsächlich echt sind. Jetzt vorliegende Beweise lassen allerdings darauf schließen, dass es sich um Fälschungen handelt.

Die Zeichnungen von dem iranischen Raketensprengkopf, von dem die IAEA behauptet, er hätte zum Transport einer Atomwaffe dienen können, gehört zu einem Raketentyp, dessen Entwicklung der Iran – wie jetzt bekannt wurde – zu der Zeit, als die technischen Zeichnungen angefertigt worden sein sollen, bereits zugunsten eines verbesserten Typs aufgegeben hatte. Außerdem wird bei den Hauptkomponenten des behaupteten Atomwaffen- Programms des iranischen Militärs ein Projekt aufgeführt, dessen Kennziffer von der zivilen Atombehörde des Irans nachweislich bereits Jahre vor dem Zeitpunkt erteilt wurde, zu dem das verdeckte Atomwaffen-Programm initiiert worden sein soll.

Olli Heinonen, der frühere Chef der Sicherheitsabteilung der IAEA, der 2005 und 2010 deren Stellungnahme zu den Geheimdienst-Dokumenten erarbeitete, konnte in einem kürzlich geführten Interview mit t r u t h o u t keine wirkliche Erklärung für diese Unstimmigkeiten geben.

Diese verräterischen Hinweise auf eine Fälschung bringen den zentralen Vorwurf in dem Konflikt mit dem Iran ins Wanken und werfen grundsätzliche Fragen zum Umgang der IAEA, der USA und ihrer europäischen Verbündeten mit dem iranischen Atomproblem auf.

Zeichnungen vom falschen Raketensprengkopf

Mitte Juli 2005 versuchte Robert Joseph, Staatssekretär für Rüstungskontrolle und internationale Sicherheit im US-Außenministerium, die IAEA für die Absicht der Bush-Administration zu gewinnen, die "Dokumente" zum Atomwaffen-Programm des Irans dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen vorzulegen; deshalb stellte er führenden Offiziellen der IAEA in Wien in einer formellen Präsentation die Materialien vor, die angeblich belegten, dass der Iran ein Atomwaffen-Programm betrieb. Joseph projizierte einen Teil der Dokumente auf eine Leinwand und lenkte die Aufmerksam besonders auf eine Reihe technischer Zeichnungen und Skizzen, die 18 verschiedene Möglichkeiten zur Unterbringung einer nicht näher bezeichneten Nutzlast in dem Wiedereintrittskörper oder "Sprengkopf" der Shahab-3, einer ballistischer Mittelstreckenrakete des Irans, zeigten.

Als Analysten der IAEA erlaubt wurde, die Dokumente zu prüfen, stellten sie fest, dass die Skizzen sich auf einen Wiedereintrittskörper bezogen, den das iranische Militär nach ihren Kenntnissen zugunsten eines neuen verbessertes Modells bereits ausgemustert hatte. Der in den Skizzen dargestellte Sprengkopf hatte die vertraute Form einer "Schultüte" – wie die in Nordvietnam entwickelte Nodong-Rakete, die der Iran Mitte der 1990er Jahre erworben hatte; das hat auch Olli Heinonen, der ehemalige Chef der Sicherheitsabteilung der IAEA, dem Autor dieses Artikels in einem am 5. November geführten Interview bestätigt. Der Sprengkopf der neuen Rakete, die der Iran Mitte des Jahres 2004 im Flug testete, hatte aber nicht die Form einer Schultüte sonder erinnerte eher an eine Babyflasche und war aerodynamischer als der Sprengkopf der ursprünglichen iranischen Rakete.

Auf den Laptop-Dokumenten ist der falsche Wiedereintrittskörper dargestellt, nicht der neu entworfene.

Als ich Heinonen, der jetzt Gastprofessor am Belfer Center der Harvard University ist, fragte, warum der Iran in seinem angeblichen Atomwaffen-Programm auf einen Sprengkopf zurückgegriffen haben soll, den das iranische Militär bereits durch ein verbessertes Modell ersetzt hatte, meinte er, die Gruppe, welche die Skizzen entworfen habe, hätte vielleicht keine Verbindungen zu dem iranischen Raketen-Programm gehabt. Er sagte: "Es sieht so aus, als sei diese Gruppe, die unter (dem in dem Dokument erwähnten) Dr. Mohsen Fakrizadeh gearbeitet hat, nicht direkt an dem (iranischen Raketen-Programm beteiligt gewesen."

Heinonens Behauptung, es habe keine Verbindungen zwischen dem verdeckten Atomwaffen- Programm und dem offen betriebenen Raketen-Programm gegeben, wird durch die Dokumente des Geheimdienstes nicht bestätigt. Der IAEA wurde auch ein einseitiger Brief vorgelegt, den Fakrizadeh am 3. März 2003 der Shahid Hemat Industrial Group geschrieben haben soll – mit der Bitte "um schnelle Übermittlung der Daten, die für die Modifizierung des Wiedereintrittskörpers notwendig sind".

Die Firma Shahid Hemat, die Teil der Defense Industries Organization (der Rüstungsbetriebe) des iranischen Militärs ist, war an Tests des Raketenmotors der Shahab-3 beteiligt, und vor allem für die Weiterentwicklung der aerodynamischen Eigenschaften und die Regelsysteme der iranischen Raketen zuständig, worüber auch in den US-Nachrichtenmedien berichtet wurde. "Project 11" soll die Codebezeichnung für die Entwicklung des (angeblich als Atomwaffenträger nutzbaren) Wiedereintrittskörpers gewesen sein.

Heinonen versuchte sich auch damit herauszureden, dass den Ingenieuren der Auftrag für die Modifizierung des Wiedereintrittskörpers der älteren Shahab-3-Rakete erteilt worden sei, bevor man sich im Raketen-Programm für ein neueres Modell entschieden habe; nach dieser Entscheidung hätten sich die (für das Atomwaffen-Programm zuständigen) Ingenieure dann nicht schnell genug umstellen können.

Nach Angaben des Haupt-Autors Mike Elleman der bisher gründlichsten Studie über das iranische Raketen-Programm, das von dem in London ansässigen International Institute for Strategic Studies / IISS im Mai dieses Jahres veröffentlicht wurde, hat der Iran die wichtigsten Neuerungen bei seinen Mittelstreckenraketen – einen längeren und leichteren Raketenkörper und einen neuen Sprengkopf – in einem Zeitraum von zwei bis fünf Jahren eingeführt. Elleman teilte mir in einem Interview mit, die Umgestaltung des Wiedereintrittskörpers müsse spätestens 2002 begonnen haben.

Die Skizzen für den modifizierten Wiedereintrittskörper in den Laptop-Dokumenten waren nach einem IAEA-Bericht aus dem Jahr 2008 aber auf März bis April 2003 datiert.

Heinonen nimmt also an, das iranische Militär habe einen Ingenieur damit beauftragt, den Wiedereintrittskörper seiner Mittelstreckenrakete Shahab-3 so zu modifizieren, dass er als Atomwaffenträger dienen kann, ihm aber gleichzeitig verschwiegen, dass es diese Rakete durch ein komplett neues und verbessertes Modell ersetzen wollte.

Diese Annahme ist völlig unglaubwürdig, denn die neue Rakete wurde nach der IISS-Studie vor allem deshalb entwickelt, weil die Anfang bis Mitte der 1990er Jahre von Nordkorea erworbene Shahab-3 – abhängig vom Gewicht der Nutzlast – nur eine Reichweite von 800 bis 1.000 km hatte. Damit war Israel überhaupt nicht zu erreichen. Die neue Rakete, die später den Namen Ghadr-1 erhielt, konnte eine Nutzlast aus hochexplosivem konventionellem Sprengstoff 1.500 bis 1.600 km weit tragen; damit lag Israel erstmals innerhalb der Reichweite iranischer Raketen. (Die Weiterentwicklung Ghadr-110 hat eine Reichweite von 2.500 bis 3.000 km.)

Die Unstimmigkeiten bezüglich des Raketen-Sprengkopfs sind ein besonders deutliches Zeichen für eine Fälschung, weil diejenigen, welche die technischen Skizzen von (dem angeblich als Atomwaffenträger verwendbaren) Wiedereintrittskörper angefertigt haben, noch nicht wissen konnten, dass der Iran die Shahab-3 Mitte August 2004 zugunsten der weiterentwickelten Ghadr-1 ausmustern würde. Wie die IISS-Studie ausweist, erfuhr die übrige Welt erst durch einen Teststart am 11. August 2004, dass der Iran eine neue Rakete mit einem "Babyflaschen"-Sprengkopf entwickelt hatte. Nach Elleman "war vorher keine Information verfügbar, dass der Iran dem Sprengkopf eine andere Form gegeben hatte".

Nach diesem Test wäre es jedoch zu spät für die Entwicklung eines neuen Wiedereintrittskörpers gewesen, weil das viel zu viel Aufsehen in den Medien und bei den Politikern erregt hätte.

Die Erklärungen des Irans zur Shahab-3 waren natürlich sehr verführerisch für diejenigen, welche die "Dokumente" gefälscht haben. In der IISS-Studie ist nachzulesen, dass der Iran Anfang 2001 mitteilte, die Shahab-3 sei jetzt "in Serienproduktion" gegangen, und im Juli 2003 erklärte, jetzt sei sie "einsatzbereit". Die IISS-Studie vermerkt jedoch, dass die Erklärung des Irans kurz nach dem (am 20.03.2003 beginnenden) US-Überfall auf den 3/14 Irak erfolgte, weil sich der Iran dazu genötigt sah, seine Verteidigungsfähigkeit mit Hilfe von Raketen zu betonen. Die Studie stellt aber dazu fest, es sei "sehr zweifelhaft", dass der Iran die Shahab-3 jemals in größerer Anzahl produziert hat.

Skepsis und Widerstand bei der IAEA

Ein zweiter Widerspruch zwischen den Laptop-Dokumenten und nachprüfbaren Tatsachen wurde 2008 entdeckt. Bei einer Informationsveranstaltung für die Mitgliedsstaaten der IAEA im Februar 2008 (s. http://www.isis-online.org/publications/iran/IAEA_Briefing_Weaponization.pdf) legte Heinonen einen Organisationsplan zu dem angeblichen Programm zur Modifizierung des Wiedereintrittskörpers (der Shahab-3) vor, der ein "Projekt 5" mit zwei Subprojekten zeigte: das "Projekt 5/13" zur Urankonversion (zur Konversion des Yellow Cakes in Uranhexafluorid,) und das "Projekt 5/15" zur Verarbeitung von Uranerz. Als Betreiberin des "Projektes 5" wird die Privatfirma Kimia Maadan genannt.

Eines der Schlüsseldokumente in der Sammlung, ein einseitiges Flussdiagramm zum Prozess der Urankonversion, das auf Mai 2003 datiert ist und den Firmennamen Kimia Maadan trägt, wird als "Projekt 5/13" bezeichnet.

Hardliner der Bush-Administration und der IAEA-Sicherheitsabteilung waren in den Jahren 2004 bis 2005 davon überzeugt, dass Kimia Maadan nur eine Tarnfirma des iranischen Militärs sei. In einem aus dem Jahr 2005 stammenden Bericht zweifelte die IAEA an, dass diese Firma mit einer derart "beschränkter Erfahrung in der Erzverarbeitung" in der kurzen Zeit von 2000 bis Mitte 2001 in Gchine eigenständig ein Werk zur Erzverhüttung errichten konnte.

Im Januar 2008 legte der Iran der IAEA aber Unterlagen vor, aus denen hervorging, dass die Firma Kimia Maadan im Jahr 2000 von der zivilen Atomic Energy Organization of Iran/ AEOI ausschließlich zu dem Zweck gegründet worden war, ein Werk zur Erzverhüttung zu entwerfen, zu bauen und in Betrieb zu nehmen. Aus diesen Unterlagen geht auch hervor, dass das Kernpersonal des Unternehmens ausschließlich aus Experten bestand, die vor - her für das Erzverarbeitungs-Zentrum der AEOI gearbeitet hatten, und dass der Firma Ki - mia Maadan die Konzeption (für das Werk zur Erzverhüttung) und andere technische Informationen von der AEOI zur Verfügung gestellt worden waren.

Aber der wichtigste der von dem Iran vorgelegten neuen Beweise ist der Nachweis, dass die Codenummer "Projekt 5/15", die sich auf die Erzverarbeitung bezieht und angeblich aus einem geheimen Atomwaffen-Programm des iranischen Militärs stammen soll, von der AEOI bereits mehr als zwei Jahre vor dem behaupteten Beginn des geheimen Atomwaffen-Programms vergeben worden war. Im Zusammenhang mit der Beurteilung der Unterlagen zu den Beziehungen zwischen der Firma Kimia Maadan und der AEOI erkannte der Bericht der IAEA vom Februars 2008 an: "Die Entscheidung zum Bau einer UOC (einer Anlage zur Anreicherung von Uranerz) in Gchine, die als "Projekt 5/15" bezeichnet wurde, fiel am 25. August 1999."

Ein unveröffentlichtes Papier der Sicherheitsabteilung der IAEA, das 2009 den Medien und dem in Washington ansässigen Institute for Science and International Security / ISIS zugespielt wurde, datiert den formellen Beginn des angeblich von dem iranischen Militär betriebenen "Programms zur Entwicklung eines Sprengkopfs" auf Anfang 2002.

Als ich ihn zu diesem Widerspruch befragte, sagte Heinonen , er könne diese Frage nicht beantworten, weil er sich an die angesprochenen Daten nicht mehr erinnere.

Als der IAEA im Januar 2008 diese neuen Beweise für eine Fälschung (der Laptop-Dokumente) bekannt wurden, sollen nach Auskunft eines IAEA-Offiziellen, der mit den internen Debatten in der IAEA vertraut ist, einige IAEA-Offizielle gefordert haben, die IAEA solle sich öffentlich von den Geheimdienst-Dokumenten distanzieren. In den IAEA-Berichten schlug sich diese Forderung aber nicht nieder. Stattdessen erweckte die IAEA in ihren Berichten ab Mai 2008 den Eindruck, die (Laptop-)Dokumente seien echt.

Hinter den Kulissen brodelte ein Konflikt zwischen Heinonen und Mohammed ElBaradei, dem damaligen Generaldirektor der IAEA, der die Echtheit der Laptop-Dokumente bezweifelte und sich weigerte, sie von der IAEA offiziell anerkennen zu lassen. Gegen Ende 2008 begann Heinonen Druck auf ElBaradei auszuüben und forderte ihn auf, eine Veröffentlichung der positiven Bewertung der Geheimdienst-Dokumente durch die IAEA-Sicherheitsabteilung zu genehmigen; die IAEA-Sicherheitsabteilung behauptete, der Iran habe an der Erforschung und Entwicklung von Atomwaffen-Komponenten gearbeitet und tue das auch weiterhin.

Weil sich ElBaradei hartnäckig weigerte (die Echtheit der Laptop-Dokumente anzuerkennen), spielten im August 2009 Diplomaten aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland, welche die Ansicht Heinonens über diese Dokumente teilten, den Nachrichtenagenturen Reuters und The Associated Press die Information zu, ElBaradei halte seit fast einem Jahr "glaubwürdige Beweise" für ein verdecktes Atomwaffen-Programm des Irans zurück.

Am 1. Oktober 2009 antwortete ElBaradei auf den politischen Druck, mit dem er zur Veröffentlichung der spekulativen Studie seiner Sicherheitsabteilung gezwungen werden sollte, mit einem Interview in der Zeitung THE HINDU, in dem er erklärte: "Die IAEA kann nicht beurteilen, ob der Iran überhaupt jemals Studien für ein Atomwaffen-Programm betrieben hat, weil die Echtheit der vorgelegten Dokumente grundsätzlich in Frage steht.".

Beweise für eine Beteiligung Israels

Der Ursprung der Laptop-Dokumente wird wahrscheinlich niemals endgültig zu klären sein, aber die bisher aufgetauchten Hinweise deuten darauf hin, dass Israel dahinter steckt. Bereits 1995 hat Yaakov Amidror, der Chef des Geheimdienstes der israelischen Streitkräfte, erfolglos versucht, seine Partner in der USA davon zu überzeugen, dass der Iran den Bau von Atomwaffen plane. Von 2003 bis 2004 seien Berichte des Mossad über ein iranisches Atomwaffen-Programm von hohen CIA-Mitarbeitern als Versuch angesehen worden, die Regierung Bush dazu zu bringen, über eine Militäraktion gegen die Atomanlagen des Irans nachzudenken, berichtete unter Zitierung einer israelischen Quelle eine pro-israelische Nachrichtenagentur.

Im Sommer 2003 hat der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad eine aggressive Aktion gestartet, die darauf abzielte, das Atomprogramm des Irans dadurch zu behindern, dass er Regierungen und Nachrichtenmedien angebliche Geheimdienst-Erkenntnisse zuspielte; das haben israelische Offizielle gegenüber den Journalisten Douglas Frantz und Catherine Collins zugegeben. In ihrem Buch "The Nuclear Jihadist" (Der Gotteskrieger und die Atombombe) berichten die beiden, dabei habe der Mossad gelegentlich auch angeblich iranische Dokumente eingesetzt, von denen er behauptete, sie seien von israelischen Spionen im Iran beschafft worden.

Nach deutschen Quellen hat die US-Regierung die Laptop-Dokumente direkt oder indirekt von einer Gruppe erhalten, die eng mit dem Mossad zusammenarbeitete. Kurz nachdem US-Außenminister Colin Powell im November 2004 Karsten Voigt, den Koordinator für deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit des deutschen Außenministeriums, über die Existenz der Laptop-Dokumente informiert hatte, wurde dieser im WALL STREET JOURNAL mit der Aussage zitiert, die Laptop-Dokumente seien von einer iranischen "Dissidenten- Gruppe" beschafft worden. (weitere Infos dazu hier). Eine zweite deutsche Quelle, die ebenfalls mit dem Vorgang vertraut war, wurde noch deutlicher und ließ mich 2007 wissen: "Ich kann Ihnen versichern, dass die Dokumente von einer iranischen Widerstands-Organisation kamen." Der Hinweis bezog sich auf die Mujahideen-E-Khalq / MEK, die auch als iranische Volks-Mudschaheddin bekannt sind; dabei handelt es sich um eine Gruppe bewaffneter iranischer Exilanten, die vom US-Außenministerium als Terrororganisation eingestuft wird.

Dem National Council of Resistance in Iran / NCRI (dem Nationalen Rat zur Organisierung des Widerstands im Iran, s. hier ), dem politischen Arm des MEK, wurde in den Nachrichtenmedien bescheinigt, auf einer Pressekonferenz im August 2002 in Washington die Existenz der iranischen Atomanlagen in Natanz und Arak offenbart zu haben. Später ließen die IAEA und israelische und iranische Dissidenten-Gruppen allerdings verlauten, der NCRI habe die Informationen, die er über Natanz und Arak verbreitete, vom Mossad erhalten.

Ein IAEA-Offizieller teilte (dem investigativen US-Journalisten) Seymour Hersh mit, die Enthüllung der beiden Anlagen gehe auf die Israelis zurück, und zwei Journalisten des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL berichteten das Gleiche. Auch der Berater einer monarchistischen iranischen Gruppe bestätigte diesen Sachverhalt gegenüber einem Autor des US-Nachrichtenmagazins THE NEW YORKER. Diese Episode blieb nicht die einzige, sondern ist Teil einer breiteren Zusammenarbeit der MEK-Leute mit den Israelis, die mit ihren geheimdienstlichen Aktivitäten die CIA und die IAEA zu beeinflussen versuchen. Die israelischen Autoren Melman und Javadanfar, die behaupten, gute Verbindungen zum Mossad zu haben, schrieben in einem 2007 erschienenen Buch, der israelische Geheimdienst habe seine gezielten Informationen dadurch "gewaschen", dass er sie der IAEA von iranischen Oppositionsgruppen – besonders vom NCRI – zuspielen ließ.

Israelische Offizielle betrieben auch viel Aufwand, um die Geschichte von verdeckten iranischen Experimenten zu einer Schlüsselkomponente einer Atomwaffe publik zu machen, die auch in den Laptop-Dokumenten wieder auftauchte. Mit Satellitenaufnahmen veranlasste John Bolton, der damals Staatssekretär im US-Außenministerium war, die IAEA 2004 dazu, zwei getrennte Untersuchungen in Parchin, dem wichtigsten Forschungszentrum des iranischen Militärs, durchzuführen. Sie fanden im Januar 2005 und im November 2005 statt und dienten der Überprüfung des Vorwurfs, der Iran teste in Parchin hochexplosive Sprengstoffe, die zur Zündung einer Atombombe verwendet werden könnten. In beiden Untersuchung konnten die Ermittler der IAEA uneingeschränkt alles durchsuchen und Materialproben aus jedem der fünf Gebäude des Komplexes und aus ihrer Umgebung entnehmen. Sie konnten aber keinerlei Beweise dafür finden, dass die Iraner irgendwelche Experimente durchführten, die im Zusammenhang mit Atomwaffen standen.

Danach präsentierte der israelische Geheimdienst eine neue Story. Hersh berichtete, der Mossad habe Anfang 2006 der CIA Informationen zukommen lassen, die angeblich von einem israelischen Agenten im Iran stammten und bestätigen sollten, dass das iranische Militär "Zünder-Vorrichtungen" für eine Atomwaffe getestet habe. Bei dem Experiment sei auch eine Atomexplosion simuliert worden, allerdings ohne irgendwelche Nuklearmaterialien, so dass die IAEA keine Spuren dieser Explosion würde feststellen können. Es habe auch keine weiteren Angaben über den Ort des Tests oder irgendwelche Diagramme gegeben, die der IAEA eine Untersuchung ermöglicht hätten. CIA-Mitarbeiter teilten Hersh mit, sie hätten auch nichts über die Identität des angeblichen israelischen Agenten (im Iran) erfahren können.

Die CIA hielt die israelischen Angaben offensichtlich auch nicht für besonders glaubwürdig, weil die Ende 2007 veröffentliche National Intelligence Estimate / NIE (die gemeinsame Einschätzung aller US-Geheimdienste, aufzurufen hier) dem Iran bestätigte, er habe die Entwicklung von Atomwaffen 2003 eingestellt und seither nicht wieder aufgenommen. Israel drückte zwar sein Bedauern über diese Einschätzung aus, aber israelische Offizielle gaben zu, dass ihre Behauptung, der Iran arbeite immer noch an der Entwicklung einer Atomwaffe, auf Annahmen und nicht auf nachprüfbaren Beweisen beruhte.

Israel stieß bei seinen Bemühungen, dem Iran die verdeckte Entwicklung einer Atomwaffe zu unterstellen, noch auf ein weiteres Problem. Die Analysten der IAEA bezweifelten, dass der Iran im Stande sei, eine Atomwaffe zu entwickeln, die klein genug wäre, um sie in die Rakete einzubauen, die der Iran 2004 ohne Hilfe aus dem Ausland getestet hatte; darauf machte David Albright, ein ehemaliger IAEA-Mitarbeiter, der nun Direktor des Institute for Science and International Security (des Instituts für Wissenschaft und internationale Sicherheit, s. hier ) ist, in einem Brief aufmerksam, den er im November 2005 an die NEW YORK TIMES schrieb. (Infos dazu hier)

Irgendwann zwischen Februar und Mai (2006 ?) tauchte jedoch "völlig überraschend" ein weiteres Dokument auf, das angeblich auch aus dem Iran stammte, und die durch den NIE und Albrights Einwände bezüglich der "kleinen Bombe" entstandenen Probleme beseitigte. Das Dokument war ein langer persischer Text, in dem behauptet wird, der Iran habe mit hochexplosiven Sprengstoffe experimentiert, die in zwei getrennten Halbkugeln angeordnet waren. Auf Grund dieses neuen Dokumentes schloss die IAEA-Sicherheitsabteilung, der Iran arbeite jetzt an einem "Implosionszünder", der klein genug sei, um (als Zünder des atomaren Sprengkopfs) in den Nutzlastbehälter des Wiedereintrittskörpers der Shahab- 3-Rakete zu passen.

Das Dokument wurde der IAEA von einen "Mitgliedstaat" übergeben, der in den durchgesickerten Auszügen aus einem unveröffentlichten Berichts der IAEA, der sich damit beschäftigt, nicht genannt wird. Aber Albright, der Heinonen kennt, sagte mir in einem Interview im September 2008, der fragliche Staat sei "wahrscheinlich Israel" gewesen.

Einen Tag vor den von Reuters und The Associated Press im August 2009 verbreiteten Meldungen, in denen ElBaradei wegen seiner Weigerung (die Echtheit der Laptop-Dokumente in einem IAEA-Bericht anzuerkennen) angegriffen wurde, berichtet die israelische Tageszeitung HAARETZ, Israel habe sich bemüht, "die IAEA durch befreundete Nationen unter Druck setzen zu lassen, damit sie einen bisher zurückgehaltenen Bericht veröffentlicht". Die Aktion sei vom Generaldirektor der israelischen Atomenergie-Kommission und vom israelischen Außenministeriums ausgegangen. Das Ziel Israels sei es dabei gewesen, "nachzuweisen dass Teheran auch weiterhin eine Atomwaffe zu bauen versuche, und nicht, wie behauptet, 2003 die Arbeit daran eingestellt habe".

Umdenken im Fall Iran

Da die Laptop-Dokumente, mit denen der Iran beschuldigt werden sollte, insgeheim Atomwaffen zu bauen, nun als Machwerke enttarnt sind, die wahrscheinlich von einem Staat in Umlauf gebracht wurden, der damit Eigeninteressen verfolgte, hat die US-Politik, die den Iran zur Aufgabe seiner Uran-Anreicherung zwingen will, keine Berechtigung mehr. Und es gibt auch keinen Grund mehr, weiterhin darauf zu bestehen, dass der Iran die in diesen Dokumenten aufgestellten Behauptungen erst gegenüber der IAEA entkräften muss, bevor es zu direkten Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran kommen kann.

Die vielen Berichte über die angebliche Echtheit der Laptop-Dokumente, die in den letzten Jahren über die Medien verbreitet wurden, haben in der Öffentlichkeit einen völlig falschen Eindruck erweckt, der eine sachliche Diskussion über das Problem sehr erschwert. Fast völlig ignoriert wurde die Möglichkeit, das eigentliche Ziel des iranischen Atomprogramms könnte es sein, ein Druckmittel in die Hand zu bekommen, um in Verhandlungen mit den USA einen Angriff der USA und Israels auf den Iran abzuwenden.

Der Nachweis, dass die Dokumente, die ein verdecktes Atomwaffen-Programm des Irans belegen sollten, Fälschungen sind, verlangt eine völlig neue Strategie in der Iran-Politik der USA. Daraus erwachsen nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Notwendigkeit, ernsthaft eine diplomatische Lösung aller Probleme zwischen den beiden Staaten anzustreben; das ist auch die einzig sinnvolle Strategie, mit der sichergestellt werden kann, dass der Iran ein Staat ohne Atomwaffen bleibt.

Quelle, Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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