Donnerstag, 4. November 2010

Gebrochene Lanze für Obama

Nicht dass ich mir Sorgen mache weil die Demokraten als Vorderseite der Medaille des US-Kapitals - im Kongress Stimmen an die Kehrseite derselben Medaille, den Republikanern, verloren haben. Bestätigt es doch nur, dass einzelne Personen im System wenig bis gar nichts bewegen können, geschweige denn wollen. Schon meldet Sarah Palin, "von hier kann ich Russland sehen", Ansprüche auf eine Präsidentschaftskanditatur bei den Republikanern an, "wenn es kein anderer macht". So beliebig ist heute das Präsidentenamt der Vereinigten Staaten geworden, dass es den Tonangebenden nicht so wichtig ist ob Clinton, Bush, Obama, Palin oder Micky Maus im Weißen Haus residieren und die notwendigen Dokumente unterzeichnen die ihnen vorgelegt werden. Ihre Rolle besteht ohnehin nur darin den Blitzableiter, für systembedingte, aus Volkes Sicht Fehlentwicklungen, zu spielen. Alle vier Jahre darf der Wähler sich dem Glauben hingeben er bestimme für die kommenden Jahre diejenigen die über die Weichenstellung von Entwicklungen entscheiden und dafür sorgen, dass von den Tafeln der Herren einige Krümel auf den Boden fallen und für die man dankbar zu sein hat.


Keine Jobs, Massenarbeits- und Obdachlosigkeit, Nahrung auf Lebensmittelkarten für 45 Mio. US-Amerikaner, auf der einen Seite - auf der anderen Seite unvorstellbarer Reichtum und Luxus durch arbeitsfreies Kapitaleinkommen für eine Hand voll Ausbeuter, die mit effizientem Management und umfassenden, vielfältig verflochtenen Wertschöpfungsnetzwerken die Basis des Systems bilden. Das darf unter Androhung schlimmster Strafen nicht infrage gestellt werden. Wer es dennoch tut, riskiert im wahrsten Sinne des Wortes seinen Kopf. Auch den Kopf eines Präsidenten. Selbst wenn er Micky Maus hieße und mit 100 Prozent der Wählerstimmen ins Amt gehievt würde. So organisiert, subtil, verzweigt und allumfassend ist ihre Macht, überlieferte uns schon Woodrow Wilson, dass selbst wirtschaftlich große und einflussreiche Persönlichkeiten Angst haben und sich bedingungslos dem System ein- und unterordnen.

Dieses, auf losen Sand gebaute System, der real existierende Kapitalismus, dessen Stützen anonyme Banken, die das Recht der Geldschöpfung ausüben, und deren größtes Kapital das Vertrauen der Menschen in ihre Machenschaften sind, lebt von Märkten die von einer "unsichtbaren Hand" gelenkt werden, bis zu dem Tag, an dem es mangels Masse nichts mehr zu lenken gibt. Chris Hedges schrieb voriges Jahr über die absehbaren Folgen für die Vereinigten Staaten in einem Artikel unter dem Titel Das amerikanische Imperium ist bankrott:
"Zwangsvollstreckungen werden sich wie eine Epidemie über das ganze Land ausbreiten. Es wird lange Schlangen vor den Suppenküchen und viele, viele Obdachlose geben. Unsere von den Konzernen kontrollierten Medien, die schon jetzt nur noch Banalitäten und Trivialitäten verbreiten, werden Überstunden machen, um uns mit sinnlosem Klatsch, Spektakeln, Sex, grundloser Gewalt, Angst und bedeutungsloser Junk-Politik zu narkotisieren. Die amerikanische Gesellschaft wird sich aus einer großen enteigneten Unterklasse und einer winzigen allmächtigen Clique von superreichen Oligarchen zusammensetzen, die unser Land von ihren sicheren Privatfestungen aus mit einem rücksichtslosen, brutalen, neofeudalistischen System beherrschen. Wer sich widersetzt, wird ruhig gestellt, wenn nötig, mit Gewalt. Wir werden einen schrecklichen Preis bezahlen, und wir werden ihn bald bezahlen – für die entsetzlichen Untaten unserer Machtelite".
Was also will oder kann schon ein Micky-Maus-Obama gegen diese Kräfte ausrichten, wenn er nicht jeden Tag die aktive Unterstützung von Hunderttausenden auf den Straßen erfährt? Dabei bin ich mir gar nicht so sicher, ob er das überhaupt will. Die Untaten unserer Machteliten sind eben nur möglich weil wir sie zulassen. Wie dumm und naiv der Durchschnittsamerikaner auch erscheinen mag, ein gravierender Unterschied zum Durchschnittseuropäer ist nicht erkennbar. Hüben wie drüben feiert die Privatisierung des Staates fröhlich Urständ. Private Almosen ersetzen den modernen Sozialstaat. Kranke und pflegebedürftige Menschen sind Kosten, außer für die Pharma- und der privaten Pflegeindustrie. Kriegskosten verwandeln sich flugs zu Gewinnen bei der Rüstungsindustrie und der private Finanzcrash belastet weniger die private Finanzindustrie, als diejenigen die man schon vor dem Crash als unproduktive Kostenverursacher ausmachte.

Wie lange wollen wir uns noch verarschen lassen?

FH

© Gegenmeinung

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