Donnerstag, 9. Dezember 2010

Russland hat die Behauptung der USA, der Iran bedrohe Europa mit Raketen, widerlegt


Der US-Historiker Gareth Porter analysiert ein WikiLeaks-Dokument über ein Gespräch zwischen Experten aus den USA und aus Russland, die eine mögliche Bedrohung durch iranische Raketen und die Notwendigkeit eines Raketenabwehrschirms ganz unterschiedlich einschätzen.

Von Gareth Porter
INTER PRESS SERVICE / IPS, 30.11.10

WASHINGTON – Ein im Februar 2010 von US-Diplomaten verfasstes Protokoll, das WikiLeaks veröffentlicht hat, stellt ausführlich dar, wie russische Spezialisten, die sich mit dem ballistischen Raketenprogramm des Irans beschäftigen, Behauptungen der USA, der Iran verfüge bereits über Raketen, die europäische Hauptstädte ins Visier nehmen könnten, oder habe vor, solche Raketen zu entwickeln, widerlegt haben. (Das WikiLeaks-Dokument ist hier nachzulesen )

Die Russen bestritten auch die Existenz der mysteriösen Rakete, die der Iran nach Behauptungen der USA von Nordkorea gekauft haben soll.

Leser der beiden führenden US-Zeitungen wurden aber bisher nicht über diese wichtigen
Fakten aus einem (WikiLeaks-)Dokument informiert.

Die NEW YORK TIMES / NYT und die WASHINGTON POST berichteten nur, die US-Regierung glaube, dass der Iran derartige Raketen – welche die Typenbezeichnung BM-25 tragen sollen – von Nordkorea erworben habe. Aber keine der beiden Zeitungen meldete, dass die Russen die Behauptungen der USA ausführlich widerlegt haben, und dass die USA keine belastbaren Beweise für das Vorhandensein dieser Raketen (im Iran) vorlegen konnten.

Wie die WASHINGTON POST am Montag berichtete, hat die NYT die betreffende Depesche nicht von WikiLeaks, sondern vom (britischen) GUARDIAN erhalten, deren Text aber nicht (vollständig) veröffentlicht.

Die NYT teilte mit, die Zeitung habe die Entscheidung (die Aussagen der Russen nicht zu veröffentlichen) "auf Bitten der Obama-Regierung" getroffen. Weil die NYT das betreffende WikiLeaks-Dokument nur verkürzt wiedergab, konnten ihre Leser die ganze Wahrheit nur erfahren, wenn sie das vollständige Dokument auf der WikiLeaks-Website einsahen.

Dieses wichtige WikiLeaks Dokument, hätte eigentlich Berichte auslösen müssen, welche den geplanten Raketenabwehrschirm der Obama-Regierung in Europa in Frage stellten, da dieser mit der angeblichen Verfügbarkeit ballistischer Raketen im Iran begründet wird; stattdessen erschienen aber nur Berichte, in der die Legende von der Bedrohung durch angeblich im Iran vorhandene ballistische Raketen wiederholt wurde.

Der volle Text des Protokolls des US-Außenministeriums über die U.S.-Russia Joint Threat Assessment Talks (die zwischen den USA und Russland geführten Gespräche zu einer gemeinsamen Bedrohungsanalyse), die am 22. Dezember 2009 in Washington stattfanden, ist auf der WikiLeaks-Website verfügbar (s. hier ) und belegt, dass es eine dramatische Auseinandersetzung über den angeblichen Ankauf der mysteriösen B-25-Raketen gab.

Die BM-25 wurde als Boden-Boden-Rakete beschrieben, die aus der mittlerweile ausgemusterten ballistischen Rakete des Typs R-27 mit der NATO-Bezeichnung SS-N-6, die auf sowjetischen U-Booten eingesetzt wurde, entwickelt worden sein soll. Die angeblich bereits existierende Rakete des Typs B-25 soll eine Reichweite von 2.400 bis 4.000 km haben und große Teile Europas bedrohen können.

Vann H. Van Diepen, der Chef der US-Delegation bei den Gesprächen war und stellvertretender Staatssekretär für internationale Sicherheit und die Nichtweitergabe von Atomwaffen ist, erklärte, die USA "glaubten", dass der Iran nach bekannt gewordenen Dokumenten 19 dieser B-25-Raketen von Nordkorea erworben habe.

Ein offizieller Vertreter des russischen Verteidigungsministeriums widersprach aber Berichten über die Existenz einer solchen Rakete, weil es dafür „keine zuverlässigen Quellen" gebe.

Er bemerkte, es habe nie einen Test zur Erprobung dieser Rakete gegeben, weder in Nordkorea noch im Iran, und nach Informationen der russischen Regierung "habe bisher auch niemand diese Rakete gesehen". Die Russen forderten die US-Gesprächspartner
auf, irgendwelche Beweise für die Existenz einer solcher Rakete vorzulegen.

Die US-Offiziellen gaben zu, nicht über Fotografien oder andere sichere Beweise für die Existenz dieser Rakete zu verfügen, behaupteten aber, die Nordkoreaner hätten die Rakete bei einer Militärparade in den Straßen Pjöngjangs zur Schau gestellt. Die Russen erwiderten, bei der Überprüfung dieser Parade auf einer Video-Aufzeichnung hätten sie festgestellt, dass es sich dabei um eine ganz andere Rakete gehandelt habe.

Ein russischer Offizieller fügte hinzu, es gebe auch keine Beweise für die Behauptung, dass 2005 in Korea 19 dieser Raketen in Schiffe verladen wurden, und dass es unmöglich sei, den Raketen-Transfer in den Iran im Verborgenen abzuwickeln. Die Russen merkten auch an, es sei nicht besonders glaubhaft, dass der Iran ein Raketensystem gekauft habe, das vorher nie getestet wurde.

Van Diepen, der Chef der US-Delegation, konnte nur ein wenig aussagekräftiges Beweisstück dafür vorlegen, dass der Iran an einem "Steuermechanismus" für die BM-25 gearbeitet habe. Internetfotos von Schweißnähten und einer möglichen Tankvergrößerung der zweiten Stufe der ballistischen Safir-Rakete des Irans zeigten nach seiner Meinung, dass das Verhältnis zwischen Oxydationsmittel und Treibstoff nicht mehr mit dem übereinstimmt, das früher bei der Shahab-3 üblich war.

Daraus schloss Van Diepen, dass bei der Safir jetzt das gleiche System benutzt werden soll, das bei der R-27 verwendet wurde.

Die Russen machten jedoch geltend, dass der in der Safir-Rakete verwendete Treibstoff nicht mit dem ihrer R-27-Rakete identisch sei.

Noch eindeutigere Beweise dafür, dass der Iran seine Safir-Raketen nicht zu BM-25 Raketen aufgerüstet hat, lieferte eine im Mai 2010 veröffentlichte gründliche Studie des in London ansässigen International Institute for Strategic Studies / IISS über das iranische Raketenprogramm, in der auch der Abschuss einer Safir-Rakete in den Weltraum untersucht wurde. (Eine Pressemitteilung des IISS zu der Studie ist hier aufzurufen.)

In dieser Studie wird festgestellt, dass der Iran nicht den in der BM-25 vermuteten Raketenantrieb verwendet hat, um die Reichweite seiner Safir-Raketen zu erhöhen.

Wenn der Iran tatsächlich das stärkere Triebwerk der russischen R-27 besessen hätte, wäre es mit einer (umgerüsteten) Safir-Rakete möglich gewesen, einen viel größeren Satelliten in eine Erdumlaufbahn zu transportieren. Nach der ISS-Studie war die eingesetzte Safir-Rakete deutlich "unterdimensioniert" und hat es kaum geschafft, einen nur 27 kg wiegenden Satelliten in eine sehr niedrige Umlaufbahn zu befördern.

In dieser Studie wird auch darauf hingewiesen, dass die R-27 ursprünglich zum Abfeuern aus U-Booten entwickelt wurde, und dass sie stark modifiziert werden müsste, um von landgestützten mobilen Abschussrampen aus starten zu können. Als weiteren Grund für seine Zweifel führte das IISS auch die Tatsache an, dass die Treibstoff-Kombination der R-27 in einer landgestützten Variante nicht verwendet werden könnte, weil "das Oxydationsmittel immer im Bereich sehr niedriger Temperaturen gehalten werden" müsse.

Van Diepen nannte noch zwei weitere Optionen, über die der Iran seiner Meinung nach verfügt: Die Modifizierung der Shahab-3-Technologie mit "gebündelten oder hintereinander geschalteten Triebwerken" oder die Entwicklung einer Feststoff- Mittelstreckenrakete mit einem stärkeren Antrieb.

Die Russen hatten starke Zweifel an den Realisierungsmöglichkeiten beider Optionen und äußerten sich auch skeptisch zu der Behauptung der Iraner, sie hätten bereits Raketen mit einer Reichweite von über 2.000 km. Sie wiesen darauf hin, dass bei Testflügen die größte Entfernung, die von einer iranischen Rakete zurückgelegt wurde, bei 1.700 km lag – und das auch nur, weil sie eine sehr geringe Zuladung transportiert habe.

Van Diepen zitierte "Modellstudien", die zeigen sollten, dass der Iran auch eine größere Reichweite erzielen könnte, und dass deren Ausdehnung um 300 km "kein großes technologisches Problem" sei. Die russische Delegation bestand aber darauf, dass bei längeren Flügen verschiedene Teile der Rakete durchbrennen und die Rakete auseinanderfallen könnte.

Valimir Nazarov, der Chef der russischen Delegation, der stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrates ist, erklärte, Russland sei der Meinung, dass eine Bewertung des iranischen Raketenprogrammes nicht nur auf Modellstudien beruhen dürfe, sondern auch "die bestehenden technischen Hürden berücksichtigen müsse", die der Iran zu überwinden habe.

Eine von mehreren der von den Russen genannten Hürden ist der Mangel an "geeigneten Baumaterialien", die für Raketen längerer Reichweite, mit denen die USA oder Russland bedroht werden könnten, benötigt werden – zum Beispiel der Mangel an "Aluminium höchster Qualität".

Die Russen stellten fest, dass der Iran auch unter günstigsten Bedingungen frühestens 2015 mit der Entwicklung ballistischer Raketen beginnen könnte, die Mitteleuropa oder Moskau erreichen würden.

Die Russen bestritten jedoch, dass der Iran das beabsichtige, weil er mit seinem Programm zur Entwicklung ballistischer Raketen nur "regionale Ziele" verfolge, das heißt, Israel von einem Angriff auf den Iran abschrecken wolle.

Die US-Delegation ging überhaupt nicht auf mögliche Absichten des Irans ein – eine Haltung, die sich aus der dominierende Rolle erklärt, die Waffenspezialisten bei der geheimdienstlichen Einschätzung des Irans spielen; die richten ihre Aufmerksamkeit vor allem auf waffentechnische Fähigkeiten und interessieren sich nicht für Absichten.

Michael Elleman, der führende Autor der IISS-Studie über das iranischen Raketenprogramm, äußerte gegenüber (der Website) IPS, das Protokoll über den Meinungsaustausch zwischen den USA und Russland zeige auch die unterschiedliche Herangehensweise der beiden Staaten bei der Einschätzung des Irans. "Die Russen brachten die wahrscheinlichsten Entwicklungen ins Gespräch, während die US-Amerikaner über Worst-Case-Szenarien spekulierten," bemerkte Elleman.

Gareth Porter ist ein investigativer Historiker und Journalist, der sich auf die Sicherheitspolitik der USA spezialisiert hat. Die Paperback-Ausgabe seines letzten Buches, "Perils of Dominance: Imbalance of Power and the Road to War in Vietnam (Risiken der Überlegenheit: Die Unausgewogenheit der Macht und der Weg in den Vietnam-Krieg) wurde 2006 veröffentlicht.


Unser Kommentar

Erst wurde die Behauptung, der Iran wolle mit seiner Urananreicherung atomwaffenfähiges Uran herstellen, von Scott Ritter, einem ehemaligen US-Waffeninspekteur, als Lüge entlarvt (s. hier).

Dann hat der US-Historiker Gareth Porter die Unterstellung, der Iran betreibe insgeheim ein verdecktes Atomwaffen-Programm, durch stichhaltige Beweise widerlegt (s. hier ).

In seinem in dieser LUFTPOST abgedruckten Artikel hat Gareth Porter auch noch den Nachweis geführt, dass der Iran weder ballistische Raketen, mit denen er Europa angreifen könnte, in Korea gekauft hat, noch gerade dabei ist, selbst welche zu bauen.

Damit sind jetzt alle Behauptungen, die einen Überfall auf den Iran rechtfertigen und die Errichtung eines Raketenabwehrschirms gegen den Iran begründen sollten, als Lügen entlarvt. Da auch die Obama-Regierung an diesem bereits unter Bush errichteten Lügengebäude festhält, hat auch sie den letzten Rest an Glaubwürdigkeit verspielt. Aber die bezahlten oder erpressten Schreiberlinge in fast allen Medien der westlichen Welt werden auch weiterhin ein Loblied auf Obamas "Lauterkeit" und seine "guten" Absichten singen und Propaganda für die aggressive Welteroberungspolitik des US-Imperiums machen.

Quelle, Übersetzung, Kommentar: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

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