Mittwoch, 8. Dezember 2010

Spitzmarken: Geißler, Guttenberg & Teflon-Merkel

von Volker Bräutigam*

Heiner Geißler, Bahn-Schlichter.

Als vorgeblich Unparteiischer im Meinungsstreit über das Bahnprojekt „Stuttgart 21“ sind Sie Ihrem politischen Lager treu geblieben: dem konservativen Bürgertum und dem herrschenden Kapital. Beide waren zudem von CDU-Mappus und Bahn-Grube geradeso glaubwürdig repräsentiert wie von einigen SPD- und Grünen-Politikern. Erwartungsgemäß legten Sie die Gruppe der nicht eben standfesten, teils immerhin gutgläubigen und deshalb gesprächswilligen S21-Gegner aufs Kreuz. Ein Millionenpublikum empfand das als weitere bedrückende Niederlage in der langen Reihe verlorener Kämpfe für die Interessen des Volkes. Aber nur Niederlagen wie diese zertrümmern die törichten Illusionen über „unseren“ Rechtsstaat, die FDGO, den mündigen Bürger, das gemeinsame Boot, in dem wir alle sitzen usw. Es ist ein notwendiger Lernprozess. Er wird leider erst dann Tiefe und Breite erlangen, wenn die Staatsmacht auch deutsche Straßen mit Leichen bedeckt.

Karl-Theodor zu Guttenberg, Kriegsminister.


Dank der Internet-Enthüllungsplattform Wikileaks kamen die Motive unserer USA-hörigen Massenmedien zutage, die Sie zur Lichtgestalt im Bundeskabinett und zum Wunschnachfolger der Deutschen im Kanzleramt hochjubeln. Bis dato geheimen US-Diplomatenbriefen zufolge sind Sie wahrlich ein Hoffnungsträger: nicht nur außenpolitischer Experte, zuverlässiger Freund der USA und "Transatlantiker", sondern auch ergiebiger Zuträger. Sie hätten hintenherum über die "Teflon-Merkel" gelästert, den Außenminister Westerwelle gründlich angeschwärzt und sich generell verächtlich über Ihre Kabinettskollegen geäußert. Ganz Plaudertasche, ignorierten Sie bei Ihren zahlreichen Besuchen in der Berliner US-Botschaft anscheinend, dass die Mächtigen zwar den Verrat lieben, nicht aber den Verräter.

Ob Washington bei einem schleimenden Millionär aus deutschem Adel eine Ausnahme von dieser Regel macht, werden wir daran ermessen können, wie lange man Sie nun mit heruntergelassenen Hosen herumstehen lässt. Gleichwohl raten wir Ihnen, sich für die nächsten Konferenzen mit Ihren Kabinettskollegen warm anzuziehen.

Angela Merkel, Bundeskanzlerin.


USA-Politiker halten Sie für „wenig kreativ“, für stur und risikoscheu. An Ihnen gleite Vieles ab – ein Wesenszug vergleichbar der Eigenschaft von beschichteten Bratpfannen. Weshalb Sie in Washington den Beinamen "Teflon-Merkel" führen. Die Antihaft-Wirkung in Bratpfannen ist allerdings nur von begrenzter Dauer. Mal sehen, wie lange von Ihnen noch abperlt, was die Mehrheit des deutschen Volkes inzwischen über Sie und die Charakterensammlung in Ihrem Berliner Kabinett so denkt. Unwahrscheinlich, dass es weniger respektlos ist als das Urteil der US-Diplomaten über Sie und Ihre Kumpanei. Spätestens nach der nächsten Bundestagswahl werden wir das genauer wissen.

© Volker Bräutigam



Foto: Wikipedia*Volker Bräutigam schreibt für die Zeitschrift Ossietzky, Nachfolgerin der "Weltbühne", die dem deutschen Journalismus zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zur Ehre gereichte. Ossietzky orientiert sich strikt an diesem Vorbild. (s.a. http://ossietzky.net). Seine literarische Figur eines sarkastisch stänkernden Laubenpiepers lässt er in seinem Buch „Die Falschmünzer-Republik - Von Politblendern und Medienstrichern“ ausgiebig zu Wort kommen. Illustriert ist es mit Karikaturen von Klaus Stuttmann. (Scheunen-Verlag, Kückenshagen, 2009, 308 S., ISBN: 978-3-938398-90-6. Bestellungen: info <> scheunen-verlag.de )

Quelle: 0815

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