Sonntag, 16. Januar 2011

Obama sei ein "Paradebeispiel für den Tod der liberalen Klasse", sagt Chris Hedges

Chris Hedges
Amy Goodman
Der Steuerkompromiss, den Präsident Obama am Freitag in die Gesetzgebung aufgenommen hat, verärgert viele seiner Anhänger/innen. In seinem neuen Buch 'Death of the Liberal Class' behauptet der Journalist, Autor und Pulitzer-Preisträger Chris Hedges: Die Tatsache, dass Obama es nicht schaffe, im Interesse seiner Anhängerschaft zu handeln, sei ein weiteres Beispiel für den rasanten Untergang der liberalen Klasse des Landes. In seinem Buch beschreibt er, wie die fünf Säulen, auf denen die Klasse angeblich ruhe (Presse, Universitäten Gewerkschaften, liberale Kirchen und die Demokratische Partei) errodierten.

Unser Gast:

Chris Hedges - Fellow des Nation Institute; ehemaliger Auslandskorrespondent der New York Times. Er gehörte zu jenem Reporter-Team, das 2002 - für die Presseberichterstattung über den globalen Terrorismus - den Pulitzer-Preis erhielt; er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht;

sein jüngstes Werk trägt den Titel: 'Death of the Liberal Class'.

Amy Goodman: Präsident Obama hat am Freitag seine Unterschrift unter das umstrittene neue Steuergesetz gesetzt, das Steuerkürzungen in Höhe von $858 Milliarden vorsieht. Mindestens ein Viertel der Steuererleichterungen, die das Gesetz vorsieht, werden dem reichsten obersten Prozent der Bevölkerung zugute kommen. Die einzige Gruppe, deren Steuern erhöht wurden, sind die am schlechtesten bezahlten Arbeiter und Arbeiterinnen.

Kurz nach diesem Steuer-Deal schrieb die Washington Post, das Weiße Haus unternehme (Zitat) "rasche Schritte, um das angespannte Verhältnis zur Basis der Demokratischen Partei zu beheben." Man versichere den "liberalen Gruppierungen, den Führern der Schwarzen und den Gewerkschaftoffiziellen, die gegen den Steuerkompromiss waren", so das Blatt, "dass Obama sie nicht im Stich gelassen habe." Und weiter: "(Die) liberalen Gruppierungen waren Teil des breiten Bündnisses, das 2008 dazu beigetragen hat, dass Obama gewählt wurde, (und) dessen Aktivisten waren voller Hoffnung, (dass) er als ein Präsident links der Mitte regieren werde. Doch die Spannungen mit dem Weißen Haus nahmen zu, als viele Liberale anfingen zu klagen, Obama sehe die Dinge eher aus Sicht der Mitte". Zitatende.

Nun, mein nächster Gast behauptet: Dass Obama es nicht schaffe, die Interessen seiner Anhängerschaft zu vertreten, sei ein weiteres Beispiel für den rasanten Untergang der liberalen Klasse. In seinem neuen Buch erläutert Chris Hedges - ein Journalist und Autor - wie sich die fünf Pfeiler der liberalen Klasse (Presse, Universitäten, Gewerkschaften, liberale Kirchen und die Demokratische Partei) seiner Meinung nach korrumpierten (...) Am vergangenen Donnerstag wurde Hedges, zusammen mit über 130 weiteren Personen (vorwiegend Kriegsveteranen) verhaftet, als sie eine Antikriegsdemonstration vor dem Weißen Haus abhielten. Es handelte sich um eine Veranstaltung der Gruppe 'Veterans for Peace'.

Willkommen bei Democracy Now!

Chris Hedges:
Danke.

Amy Goodman: Was war da los? In den Konzernmedien kommt kaum etwas darüber.

Chris Hedges: Nun ja, das dürfte wenig überraschen. Zur Zeit erleben wir in gewisser Weise das Dahinwelken der Konzernmedien - einschließlich meiner "eigenen" Zeitung, der New York Times. Die Anzeigen gehen zurück und die Verkaufszahlen sinken. Das führt dazu, dass (die Zeitungen) noch dienstbeflissener gegenüber den Machteliten sind und nur noch über Dinge berichten, die die Strukturen der Macht ganz sicher nicht beleidigen. Wissen Sie, aus diesem Grund werden Ereignisse, wie das oben erwähnte, von den Nachrichtensendern des Mainstream so behandelt, als wären sie nie passiert.

Amy Goodman: Was meinen Sie, wenn Sie vom "Tod der liberalen Klasse" sprechen?

Chris Hedges:
Den Bruch der Stützpfeiler - den Bruch der wesentlichen Pfeiler, auf denen das liberale Establishment ruht (liberale Institutionen, wie Presse, Gewerkschaften, die öffentlichen Bildungseinrichtungen, (vor allem die Universitäten), Kultur, liberale religiöse Institutionen und die Demokratische Partei), werden attackiert.

Ich halte viele Vorträge über den Ersten Weltkrieg und das so genannte 'Committee for Public Information' (Creel Commission). Es war das erste System der modernen Massenpropaganda. Die Nazis haben sich sehr genau darüber informiert. Es diente dazu, der amerikanischen Öffentlichkeit einen Krieg "zu verkaufen", der unpopulär war. Es diente jedoch auch dazu, die radikalen, progressiven Volksbewegungen der Anarchisten, Sozialisten und Kommunisten, vor denen sich die Machelite - am Vorabend des Ersten Weltkrieges - fürchtete, zu zerschlagen. Zum ersten Mal wurden damals massenpsychologische Methoden eingesetzt. Leute wie Le Bon, Trotter oder Sigmund Freud hatten diese Phänomene untersucht und herausgefunden, dass sich die Menschen nicht durch Tatsachen oder durch gute Begründungen zu etwas bringen oder in Bewegung setzen lassen, sondern indem man einen Konsens herstellt - was Walter Lippman in seinem Buch 'Public Opinion' (1922) als "manufacturing of consent" bezeichnet hat. Wir haben uns nie wieder davon erholt.

Das war der Angriff auf die radikalen Bewegungen - oder Volksbewegungen - und deren Zerschlagung. Es waren Bewegungen, die einen positiven Einfluss hinsichtlich der Ehrlichkeit der liberalen Institutionen hatten. Doch dann kam es auch innerhalb der liberalen Institutionen zu Säuberungen. Das gilt vor allem für die antikommunistischen Säuberungen während der 50ger Jahre. Viele, die damals aus den liberalen Institutionen entfernt wurden, waren keineswegs Kommunisten. Man denke an Leute wie I.F. Stone, von dem man durchaus sagen könnte, er sei der größte Journalist des 20. Jahrhunderts gewesen. Nicht einmal das Magazin The Nation gab ihm noch einen Job, und so endete er als Ausgestoßener. Er war kein Einzelfall. Vielen Tausenden erging es so. Dann kam der Aufstieg des Neoliberalismus und des 'Konzernstaates' - unter Bill Clinton. Aber wir hatten keine radikalen Bewegungen und keine liberalen Institutionen mehr (die normalerweise für immer neue Teilreformen innerhalb der formalen Machtmechanismen gesorgt hatten).

Amy Goodman:
Beschreiben Sie, was mit den Universitäten los ist.

Chris Hedges: Nun, eines der empörendsten Beispiele hat sich hier, in New York City, ereignet, als Rockefeller die City University attackierte. Was taten diese Leute? Sie zerstörten die Chancen auf eine sehr gute Ausbildung für Menschen, die nicht der Machtelite angehörten. Die City University war eine der besten Universitäten des Landes. An der City University machten vor allem Immigranten der ersten Generation ihren Abschluss - Massen von Menschen. Heute verwandeln sich Universitäten in Konzerne; dieser Prozess ist sehr weit fortgeschritten. Die Geisteswissenschaften schrumpfen, den Fachbereich 'Philosophie' spart man sich gleich ganz. Die einzelnen Fachbereiche sind heute nicht nur gezwungen, die Forschungsgelder und Stipendien selbst aufzubringen, sie müssen häufig auch noch Wege finden, um die (eigenen) Gehälter zu finanzieren. Und wer wird wohl dafür aufkommen?

Wir haben unsere Universitäten im Grunde zu Berufskollegs gemacht. Sagen wir einmal, Sie besuchen eine Universität wie Princeton. Dann werden Sie Systemmanagerin und gehen später zu Goldman Sachs. Falls Sie jedoch eine der kaputten öffentlichen Schulen in der Innenstadt besucht haben - sagen wir Camden - wurden sie dafür trainiert, bei Walmart die Regale aufzufüllen. Dies führt zu einer Art Zementierung des Klassensystems - eines sehr verhängnisvollen Systems. Die Studierenden werden nicht mehr zum Denken angeregt. Sie sollen nur noch der Spur folgen.

Amy Goodman: Chris Hedges, Sie waren viele Jahre lang Korrespondent der New York Times. Zwei Jahrzehnte haben Sie für diese Zeitung gearbeitet. Sie waren auch einer der ersten Kriegskorrespondenten. Sie haben das Buch verfasst: 'War is a Force that Gives Us Meaning' .Vor circa acht Jahren erhielten Sie den Pulitzer-Preis. Gehen Sie das alles bitte noch einmal kurz für uns durch und erläutern Sie es uns.

Chris Hedges: Nun, in meinem (neuen) Buch habe ich mich intensiv mit bestimmten Persönlichkeiten befasst - zum Beispiel mit Sydney Schanberg, aber auch anderen, die aus den liberalen Institutionen entfernt wurden. Ein weiteres Beispiel dieser Art ist Robert Goldstone, der den 'Goldstone-Report' verfasst hat, in dem es um den 22-tägigen israelischen Angriff auf Gaza (2008/2009) ging. Warum? Weil es in den Institutionen klare Parameter gibt, gegen die nicht verstoßen werden darf. Das perfekte Beispiel war die Vorbereitung des Irakkrieges. Die Liberalen, die sich Angehörige der liberalen Klasse "mit eigener Meinung" nannten - Leute wie David Remnick von The New Yorker oder Bill Keller, der damals als Kolumnist für die New York Times schrieb und heute deren Chefredakteur ist oder George Packer und so weiter und so fort - sie alle standen hinter dem Krieg. Selbst Leute wie Frank Rich. Sie waren die so genannten 'zögerlichen Falken'. Das Paradebeispiel war wahrscheinlich Michael Ignatieff - damals am Carr Center für Menschenrechte (der Harvard-Universität). Heute ist er Chef der Liberalen Partei Kanadas.

Amy Goodman: Diese Zögerlichkeit hat sie natürlich um Einiges glaubwürdiger gemacht, stimmt's?

Chris Hedges: Ja, natürlich - denn es gibt einem Verbrechen einen gewissen ehrbaren Anstrich. Es war ja so sentimental. "Wir mögen keine Kriege, und wir waren alle gegen den Vietnamkrieg". So lautete, fast wortwörtlich, Ignatieffs Argument. "Doch es muss nun einmal getan werden. Wir müssen uns der harten, bitteren Wahrheit der Weltpolitik stellen und erkennen, dass wir die Macht des Guten sind". So in etwa schrieb Samantha Power in ihrem Buch, in dem es um das Thema 'Genozid' ging. Dahinter steckt die Vorstellung, dass das Imperium sozusagen daran gewöhnt ist - beziehungsweise, dass es für sich das Recht in Anspruch nehmen kann - Gewalt anzuwenden, um das Gute durchzupauken. Das ist eine absolute Tautologie (Zirkelschluss). Wer von uns schon einmal im Krieg war, wird das absurd finden. Doch es funktioniert. Eine Funktion der liberalen Klasse (weswegen sie von den Machteliten auch traditionell toleriert wird) bestand/besteht darin, die Bewegungen, die am Vorabend des Irakkrieges hätten aufstehen und zurückschlagen sollen, handlungsunfähig zu machen.

Auch bei meinem Zerwürfnis mit der New York Times ging es natürlich um den Irakkrieg. Dazu kam es, nachdem ich die Auftaktsrede zu einer Feier am Rockford College gehalten hatte, die ihr auf Democracy Now! übertragen habt. Es war meine erste und letzte Einladung zu einer solchen Rede. Wäre ich aufgestanden und hätte gesagt: "Amerika ist eine großartige Demokratie. Sie trägt die Freiheit ins Ausland, sie befreit und stülpt, halt, sagen wir besser, sie bringt den minderwertigen Völkern des Mittleren Ostens ihre Version der Tugenden der westlichen Zivilisation" - dann hätte keiner etwas gesagt. John Burns war einer, der ziemlich offen für den Krieg warb. Doch die (guten) Absichten und Tugenden der Machtelite infrage zu stellen - diese Linie würde die liberale Klasse nie überschreiten. Goldstone hat sie, mit seinem Report, überschritten. Schanberg hat es getan, indem er anfing, über die Landentwickler zu berichten, die New Yorker Bürger, die nur kleine oder mittlere Einkommen hatten, aus Manhattan vertrieben und die Obdachlosen aus dem Straßenbild verbannten. Wenn du darüber berichtest, wenn du das tust, bist du out. Dann drängen sie dich über den Rand der Institution.

Innerhalb der Institutionen gibt es gute Menschen. Wenn sich diese Menschen an moralische Imperative halten, werden sie unweigerlich beiseite geschoben. Das Problem ist Folgendes: Der Aufstieg des Konzernstaates und der entsprechenden Machtsysteme - vor allem der Finanzsysteme, die gemäß jeder Definition und gemäß aller Kriterien kriminell sind -, hat dazu geführt, dass liberale Institutionen, wie die New York Times, solchen Institutionen huldigen. Im Grunde sollten sie sie jedoch herausfordern.

Amy Goodman: Wenn Sie am Rockford College eine Rede für den Krieg gehalten hätten, wären Sie wohl kaum abgemahnt worden. Kehren wir kurz zurück zu jenem unglaublichen Augenblick. Wir haben auf democracynow.org einen Link, der zu Ihrer Rede führt. Sie hätten nicht gedacht, dass sie so kontrovers sein könnte, oder?

Chris Hedges: Stimmt.

Amy Goodman: Das Rockford College war schließlich einmal das Jane Addams College.

Chris Hedges: Das war alles, was ich darüber wusste. Ich hielt diese Leute für pazifistische Sozialisten.

Amy Goodman: Die Polizei hat sie hinausbegleitet... aber warum erzählen Sie uns nicht kurz, was damals geschah und wie die New York Times darauf reagiert hat?

Chris Hedges:
Nun, man hat mir das Mikro abgestellt. Sie können es auf YouTube sehen - oder über den Link auf democracynow.org Sie haben mich ausgebuht. Die Leute standen auf und fingen an zu singen: 'God bless America'. Sie johlten und....

Amy Goodman: Was hatten Sie denn gesagt?

Chris Hedges: Ich sprach über die Konsequenzen dieses Krieges. Ich war 7 Jahre lang im Mittleren Osten und habe mehrere Monate meines Lebens im Irak verbracht. Ich spreche Arabisch. Ich hatte nicht irgendeine Meinung. (Was ich sagte) basierte auf der vielen Zeit und Energie, die ich auf diese Weltregion verwandt habe, so dass ich mich dort wirklich gut auskenne. Und am Schluss eskortierten sie mich hinaus.... Alle Straßen zum Campus wurden abgeriegelt, und die Sicherheitsleute eskortierten mich hinaus, bevor die Diplome vergeben wurden, denn sie wollten verhindern, dass die Studierenden in meine Nähe kamen. Gegen Schluss (meiner Rede) versuchten zwei junge Männer, auf die Bühne zu klettern und mich vom Podium zu stoßen. Später kam dann dieses Talkshow-Gewäsch (Trash-Talk) auf. Der Sender Fox - all diese Leute - besorgten sich einen Homevideo-Mitschnitt und sendeten ihn immer wieder in endlosen Wiederholungen. Ich wurde gelyncht - wie andere vor mir, zum Beispiel mein Freund Jeremiah Wright und....

Amy Goodman: Sie selbst wären ja auch mal fast Pfarrer geworden.

Chris Hedges: Ja, fast. Ich habe mein Studium abgeschlossen, wurde aber nie geweiht.... Die New York Times musste natürlich reagieren. Sie reagierte, indem sie mir eine formale, schriftliche Abmahnung übergab. Die Zeitung gehört dem Journalistenverband an. Das bedeutete, bei einer zweiten Abmahnung wäre ich gefeuert worden. Wenn ich noch einmal etwas gegen den Krieg gesagt hätte, wenn ich gegen die Abmahnung verstoßen hätte... An diesem Punkt kündigte ich der Zeitung.

Amy Goodman: Während Ihrer Zeit bei der New York Times hat man Ihnen einen ziemlichen Maulkorb verpasst, was die Regierung anging. Ich denke da an Interviews mit uns und anderen.

Chris Hedges: Yeah. Allerdings würde es die New York Times nicht als Maulkorb sehen. Vielleicht klang es für Democracy-now-Hörer/innen so. Stimmt, diese Haltung existierte - und mir war durchaus klar, was ich tat. Ich war 15 Jahre lang dort beschäftigt gewesen. Ich beging sozusagen Karriereselbstmord. Aber ich hatte sehr stark das Gefühl, dass dies (dieser Krieg) falsch ist. Und wir waren so Wenige - so Wenige mit dieser Erfahrung in der arabischen Welt. Daher war es gewissermaßen meine Pflicht, offen zu sprechen.

Amy Goodman: Wir sprechen mit Chris Hedges. Sein neues Buch heißt: 'Death of the Liberal Class'. Der neue Leiter des House Committe on Homeland Security (Komitee des US-Repräsentantenhauses zum Thema Innere Sicherheit), Peter King, ein Kongressabgeordneter aus New York, sagte, er werde Anhörungen zum Thema 'die Radikalisierung amerikanischer Muslime' (so seine Worte) anberaumen. Wie reagieren Sie darauf?

Chris Hedges: Es ist rassistisch - rassistischer Müll. Ich stehe im Gespräch mit muslimischen Gruppen im ganzen Land, und sie haben große Angst. Sie erzählen mir ihre Fluganekdoten. Jedes Mal, wenn sie fliegen, erleben sie Eingriffe in ihre Privatsphäre, durch die staatlichen Sicherheitskräfte. Dabei haben diese Menschen nichts verbrochen. Vor allem Rechtsgerichtete dämonisieren die Muslime. Man gibt ihnen die Schuld am.... der Staat fällt immer mehr auseinander, kollabiert, und diese Menschen hat man zu Sündenböcken erkoren. Sollte es einen weiteren katastrophalen Terroranschlag auf amerikanischem Boden geben, werde ich mir große Sorgen um das Schicksal der amerikanischen Muslime machen. Dabei sind sie alles andere als radikal. Jedesmal, wenn ich eine dieser Gruppe besuche, bin ich der Radikalste im Raum. Manchmal überbieten sie sich darin, die amerikanische Demokratie zu loben - wie großartig sie doch sei und wie stolz sie seien, Bürger (dieses Landes) zu sein. Es ist herzzerreißend, dies zu beobachten.

Was ich sagen will, ist, ich habe einmal eine Rede vor dem 'Jerusalem Fund' gehalten. Wissen Sie, ich kann das sagen, ich bin ja kein Muslim... also mitten in meiner Rede, stand der Direktor auf und sagte: "Wissen Sie, das ist seine eigene Meinung. Wir distanzieren uns vollkommen davon. Wir wollen mit dieser Haltung nichts zu tun haben." Die Angst ist wirklich besorgniserregend, die Neandertaler wie dieser Direktor, aber auch andere dazu treibt, amerikanische Muslime zu dämonisieren.

Amy Goodman: Am vergangenen Donnerstag wurden Sie verhaftet - mitten im Schnee von Washington D.C.. Mit ihnen wurden 130 weitere Personen verhaftet. Wer war noch dabei? Daniel Ellsberg...

Chris Hedges: Richtig.

Amy Goodman: Daniel Ellsberg - der Mann, der die 'Pentagon-Papiere' veröffentlichte, der Warner. Auch Ray McGovern war dabei. Er war für die CIA tätig und hat George H. W. Bush jahrelang gebrieft (zusammengefasste Nachrichten der CIA übermittelt). Außerdem waren viele Veteranen dabei. Wir haben letzte Woche einige Einspielungen davon gezeigt. Zur selben Zeit wurde der Steuererlass beschlossen. Er beschert den 'working poor' (den arbeitenden Armen) höhere Steuern und den Reichsten, den reichsten Amerikanern, selbstverständlich Steuerkürzungen. Man muss den Krieg - die Kriegsausgaben - mit den Ausgaben vergleichen, die wir für die Menschen in der Heimat aufbringen bzw. mit dem, was wir gegen die Armut hierzulande tun.

Chris Hedges: Nun, wie Sie wissen, ist dieser Zusammenhang sehr berühmt. Martin Luther King hat ihn in den Vordergrund gerückt - vor allem in seinen letzten Lebensjahren, während des Vietnamkrieges. Aber in erster Linie verschulden wir uns. Ich meine, wir bauen eine Art Schuldensystem auf, das dann als Ent-schuldigung herhalten muss, wenn es gegen Lohnabhängige und solche Systeme wie die Sozialversicherung geht. Ich meine, einer der gefährlichsten Punkte des neuen Steuergesetzes von Obama ist die Kürzung der (staatlichen) Zuschüsse für die Sozialversicherungen - denn das kommt natürlich als Nächstes auf uns zu, neben der Vergrößerung des Staatsdefizits um $900 Milliarden - um $700 Milliarden und $900 Milliarden.

Was mich an Bewegungen wie der Tea Party so erschreckt, ist, dass sie eine gewisse verlässliche emotionale Geborgenheit ausstrahlen - und natürlich ihr unterschwelliger Rassismus gegenüber Arbeitern ohne wirklich gültige Papiere und gegenüber Muslimen. Es ist ein wichtiger Teil dessen, was diese brandgefährliche Rechte von sich gibt. Sie lieben alles Militärische - als ob das Militär nicht Teil der Regierung wäre! Ihre politische Strategie ist irrational. Wie Sie sicher wissen, wollen diese Leute, dass ihnen die Regierung möglichst vom Hals bleibt. Keiner will... alle wollen eine Ausweitung des Arbeitslosengeldes, der sozialen Sicherheit und Medicare. Aber gleichzeitig sollen die Großen nicht angetastet werden - die Kräfte, die dem Land von Innen das Mark aus den Knochen saugen: der militärisch-industrielle Komplex. 50 Prozent aller versteckten Ausgaben fließen da hin. Und während unsere Haushaltslöcher größer und größer werden (wir haben inzwischen die größten Haushaltslöcher in der Geschichte der Menschheit), während sie immer größer werden, während es verboten ist, zu fragen, ob die Rüstungsindustrie eigentlich selbstzerstörerische Tendenzen hat, während dies alles geschieht, muss die Arbeiterklasse die Suppe auslöffeln. Und unsere Arbeiterklasse ist finanziell ohnehin sehr, sehr angespannt, auch die Mittelschicht.

Amy Goodman: Der neue Vorsitzende des House Banking Committee (Bankenkomitee des US-Repräsentantenhauses), Spencer Bachus, hat gesagt: "In Washington ist man der Ansicht, die Banken müssten reguliert werden. Meiner Ansicht nach sind Washington und die Regulatoren dazu da, den Banken zu dienen".

Chris Hedges: Nun, das war und ist so ziemlich die Politik seit Bill Clinton.

Amy Goodman: Wie beurteilen Sie Obama?

Chris Hedges: Eine Katastrophe. Er ist ein Paradebeispiel für den Bankrott der liberalen Klasse. Er ist - wie Bill Clinton - ein Liberaler "mit eigenen Ansichten". Er benutzt den traditionellen liberalen Wortschatz, und bekämpft gleichzeitig die wichtigsten Werte des Liberalismus. Diese Werte liegen den Menschen, die nicht unmittelbar zur Machtelite gehören, am Herzen. Die Tragödie (wenn man in diesem Fall überhaupt von einer Tragödie sprechen kann) liegt darin, dass Obama einen Faust'schen Pakt mit den Konzerninteressen eingegangen ist, um an die Macht zu kommen. Jetzt entmachten ihn genau diese und schmeißen ihn in die Ecke. Sie brauchen ihn nicht mehr. Nach acht katastrophalen Jahren 'George Bush' war eine neue Marke fällig. Er hat diese Funktion erfüllt.

Und wir erleben einen noch unverfroreneren Versuch des Weißen Hauses, sich jenen Kräften anzubiedern, die Amerika, buchstäblich, zerstören. Diese Kräfte strukturieren das Land neu, sie formen es zu einer Art neofeudalistischem Gebilde um. All die Traditionen - die Säulen des liberalen Establishments, die früher wenigstens ein gewisser Schutz waren, und was noch wichtiger ist, eine Art Sicherheitsventil (ein Mechanismus, an den man sich bei legitimen Beschwerden und bei Ungerechtigkeiten im eigenen Land wenden konnte) - sind dysfunktional geworden. Sie funktionieren nicht mehr. Und so haben wir jetzt dieses Furcht erregende, protofaschistische Bewegungen, die sich an den Rändern der amerikanischen Gesellschaft hochhangeln. Ihre Wut richtet sich nicht nur gegen die Regierung sondern auch gegen die Liberalen. Ich würde sagen, diese Wut an sich ist nicht ganz unberechtigt.

Amy Goodman: Chris Hedges, Ihre Rede am Donnerstag vor den Toren des Weißen Hauses - im Schnee - fing mit den Worten an: "So wird die Hoffnung in Zukunft aussehen".

Chris Hedges: Stimmt. Alles, was uns noch bleibt, sind Aktionen des physischen Widerstandes. Natürlich bin ich zutiefst gewaltlos. Wenn wir nicht nach draußen gehen, sind wir erledigt. Wer sich noch auf die normalen Mechanismen der Macht und auf die normalen liberalen Institutionen verlässt, die einst, den Arbeitenden dieses Landes Stimme und Ort gaben, ist sehr naiv und fügt sich letztendlich stillschweigend in unsere Versklavung. Democracy Now! bildet natürlich eine Ausnahme.

Amy Goodman: Chris Hedges - ein Journalist, der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Er war mehr als zwei Jahrzehnte für die New York Times tätig. Sein neues Buch heißt: 'Death of the Liberal Class'.

Amy Goodman ist Moderatorin des TV- und Radioprogramms 'Democracy Now!', das aus rund 500 Stationen in Nordamerika täglich/stündlich internationale Nachrichten sendet.

Democracy Now!, Chris Hedges: Obama is a "Poster Child for the Death of the Liberal Class"

Übersetzt von: Andrea Noll

Quelle: znet und Democracy Now!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen