Donnerstag, 20. Januar 2011

“Unseren Kampf werden sie niemals niederschlagen können”

Interview mit dem honduranischen Entführungsopfer Juan Ramón Chinchilla von der Bauernbewegung MUCA

Von Giorgio Trucchi
amerika21.de


Militär bei der Räumung der besetzten Siedlung Paso de Aguán in der Aldea Panamá

Juan Ramón Chinchilla wurde am 8. Januar von Sicherheitskräften in Honduras entführt und gefoltert. Der Sprecher der Vereinigten Bauernbewegung von Aguán (MUCA) und der Nationalen Widerstandsfront (FNRP) konnte seinen Entführern entkommen. An einem geheimen Ort in Honduras gab er 48 Stunden später ein Interview.

Kannst du uns sagen, wie das war, als sie dich entführten?

Am Nachmittag des 8. Januar habe ich einige Freunde in einem Einkaufszentrum besucht. Danach fuhr ich auf meinem Motorrad in Richtung La Concepción, als ich bemerkte, dass ich verfolgt wurde. Kurz vor La Concepción stieß ich auf ein quer über die Straße gestelltes Fahrzeug. Gleichzeitig sah ich, dass zwischen den Palmen Leute mit Waffen auf mich zielten.

Was geschah danach?

Ich hielt an und ließ das Motorrad zu Boden fallen. Mehrere vermummte Männer packten mich, schossen auf das Motorrad, zerrten mich in ein Fahrzeug und verbanden mir die Augen, damit ich nicht sehen konnte, wohin die Reise ging. Es waren viele Leute, fast alle trugen Uniformen von Militär, Polizei und der Privatpolizei von Miguel Facussé. Sie starteten das Fahrzeug und fuhren etwa 40 Minuten in Richtung Trujillo. Wir erreichten einen abgelegenen Ort, sie schafften mich in einen Lagerraum und begannen mir eine Menge Fragen zu stellen.

Was wollten sie wissen?

Ob wir Waffen haben, wo die Informationen her stammten, die sie im Internet herunter geladen hatten, wie viele Bauern organisiert sind. Sie hatten viele Fotos von mir und von anderen Personen. Es war klar, dass sie gut organisiert waren und dass die Operation minutiös geplant war.

Wann schlugen sie dich?

Das war am Sonntag den 9. Januar am Nachmittag. Sie zeigten mir einen Tisch mit Folterwerkzeugen. Sie begannen unter einander zu reden. Sie sagten: "Was wollen wir als erstes tun? Reißen wir ihm einen Nagel aus oder verbrennen wir ihn?" Danach begannen sie, mich ins Gesicht zu schlagen, sie verbrannten mir die Haare und drohten mir damit, mir Benzin ins Gesicht zu schütten und es anzuzünden. Sie schlugen mich auf den Rücken. Es gab mehrere Ausländer. Einige sprachen Englisch, andere sprachen eine Sprache, die ich nicht verstand.

Wie konntest du fliehen?

In der Nacht von Sonntag auf Montag holten sie mich aus dem Lagerraum heraus und wir marschierten in der Dunkelheit. Ich konnte ein Gespräch hören, in dem sie sagten, dass im Moment der Befehl lautete, mich nicht zu töten, das gab mir Mut. Wir stiegen auf einen Hügel und da ich nicht gefesselt war nutzte ich die Dunkelheit, begann zu laufen und erreichte einen nahe gelegenen Wald. Die Männer verfolgten mich und schossen auf mich, aber ich schaffte es, mich zu verstecken. Ich lief lange Zeit bis ich jemandem begegnete, der mir half, und so konnte ich meine Freunde kontaktieren.

Was denkst du war das Ziel dieser Entführung?

Wir befinden uns im Kampf gegen die Großgrundbesitzer. Wir wissen, dass unsere Feinde Miguel Facussé, René Morales und Reinaldo Canales sind und dass die Regierung auf ihrer Seite steht und nicht auf der Seite des Volkes. Das Departement ist schon zwei Mal militarisiert worden und wir wissen, dass ihnen jedes Mittel recht ist, um unseren Kampf niederzuschlagen. Sie hatten Fotos und viele Informationen über unsere Organisationen und deren Mitglieder. Sie wollen uns einschüchtern.

Deine Entführung hat eine starke Solidarität auf nationaler und internationaler Ebene erzeugt. Denkst du das dies auf irgend eine Weise dazu beigetragen hat, deine Entführer von deiner Ermordung abzuhalten?

Sie waren besorgt über den Druck auf nationaler und internationaler Ebene. Sie verfolgten die Nachrichten über Internet und über Radio. Das war auch der Grund, warum sie am Sonntag beschlossen, mich an einen anderen Ort zu bringen. Ich glaube auch, dass dieser ganze Druck dazu beigetragen hat, dass mir nichts Schlimmeres passiert ist. Ich bin allen Personen und nationalen und internationalen Organisationen unendlich dankbar, die sich engagiert haben, sowie auch den Medien, welche über meine Entführung berichtet haben.

Der Kampf geht immer weiter. Ich werde nicht aufhören, im Gegenteil, ich werde mit noch mehr Kraft weiter machen. Wir müssen zusammen halten, denn nur auf diese Weise bringen wir unser Land voran. Wir akzeptieren den Staatsstreich nicht und wir werden ihn nie akzeptieren, auch wenn sie uns umbringen. Ich werde niemals aufhören zu kämpfen. Lieber den Tod als Verrat.

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