Samstag, 29. Januar 2011

”Wir müssen diese Kultur stoppen bevor sie den Planeten tötet!“

Eine Unterhaltung mit Derrick Jensen

Derrick Jensen
Mickey Z


Übersetzt von Einar Schlereth

Wenn Sie dieses Interview zu lesen beginnen, werfen Sie einen Blick auf die nächste Uhr. Und nun stellen Sie sich dies vor: Seit gestern um genau dieselbe Zeit sind 46.000 ha Regenwald zerstört, über 100 Pflanzen- und Tierarten ausgelöscht, 13 Millionen Tonnen giftiger Chemikalien in die Atmosphäre der Welt entlassen worden und sind 29 158 Kinder unter 5 Jahren aus vermeidbaren Gründen gestorben.
Das Schlimmste ist, dass an den vergangenen 24 Stunden nichts Besonderes ist. Das heisst 'Business as usual' (die Geschäfte gehen weiter), eine alltägliche Realität – und keine noch so große Menge an Sparlampen, wieder verwendetem Papier oder Spendungen des Sierra Clubs werden das Geringste daran ändern.

Während Sie Ihr Bestes tun, sich selbst von dem riesigen Abgrund zwischen den beiden Flügeln von Amerikas einziger korporativen Partei zu überzeugen, schlage ich vor, dass Sie mal genau hinhören, ob nur einer von allen Politikern etwas von dem Folgenden erwähnt:
  • Jede Quadratmeile der Ozeane enthält 46 000 schwimmende Plastikstücke
  • 81 Tonnen Blei werden in jedem Jahr in die Atmosphäre als Ergebnis von Stromerzeugung gejagt
  • In jeder Sekunde werden in der USA fast 46000 Liter Benzin verbrannt
  • In jedem Jahr verbrauchen die Amerikaner 1.2 Mrd. Kg Pestizide
  • 90% der großen Fische in den Ozeanen und 80% der Wälder der Welt sind verschwunden
  • Alle zwei Sekunden stirbt ein Mensch an Hunger
Dies ist nur eine kleine Aufzählung, Leute, und, tut mir leid, aber eure halben Maßnahmen helfen nichts. Diese wieder verwendbare Einkaufstasche, die ihr zum Einkauf benutzt, hat Null Ergebnis. Ihr Komposthaufen zuhause wird keine Revolution auslösen.

Es ist sogar so, dass wenn jeder Einzelne in den USA jede einzelne Maßnahme, die in dem Film 'An inconvenient Truth' (eine unangenehme Wahrheit) vorgeschlagen wird, ergreift, würde der CO² Ausstoß um nur 21% fallen – im Vergleich zu den 75%, die von dem wissenschaftlichen Konsens als notwendig angesehen wird – jetzt.

Als dies ist natürlich nichts Neues für Derrick Jensen. Er ist der Autor von wichtigen Werken wie „A Language Older than Words' und 'Endgame'. Seine Weltsicht hat nichts mit Parteipolitik, schrittweisen Reformen, linkem Nahkampf, Kompromissen mit den Multis zu tun oder sonst welchen Schönheitskorrekturen, um letzlich das fortschreitende globale Verbrechen aufrechtzuerhalten, das wir Zivilisation nennen.

„Meine Loyalität“, sagte er mir „gehört den nicht-menschlichen und den menschlichen Opfern dieser Kultur und meine Arbeit bezweckt, die Angriffe auf das nicht-menschliche Leben, das Land, den Planeten selbst, die Frauen, indigene Völker, die Armen zu stoppen.“

Wenn Sie die alte Linke leid sind und all die ungesagten Worte, sind Sie es sich schuldig, den Rest unserer Unterhaltung weiter unten zu lesen. Danach fangen Sie vielleicht an zu begreifen, dass Sie es auch dem Planeten schulden, aktiv zu werden.

Unser Gespräch fand in der Woche des 17. Januar statt und lief in etwa so ab:

Mickey Z: Wir beginnen diese Unterhaltung, während ein weiterer Martin Luther King Tag veranstaltet wird. Aber die Chance, dieses Zitat von Dr. King zu hören - „Die Frage ist nicht, ob wir Extremisten sein werden, sondern was für eine Sorte von Extremisten wir sein werden“ - das von den Medien so oft genannt wird, wie?

Derrick Jensen: Gerade heute las ich einen Artikel, in dem es nicht überraschend hieß, dass die durch Industrie verursachte Erwärmung weit schlimmer als geschätzt sein wird, und wenn die Emissionen weiter wie erwartet steigen, der größte Teil des Planeten innerhalb von 100 Jahren unbewohnbar wird. Selbst jetzt erlöschen täglich 150-200 Arten. Diese Kultur rottet indigene Völker aus. Die Ozeane werden ermordet. Und heute sah ich auch eine Studie über den Gehalt von feuerhemmenden Mitteln in jedem Foetus. Usw. usw. Und dennoch werden jene, die daran arbeiten, diesen globalen Mord zu verhindern, manchmal als Extremisten charakterisiert.

Ich denke, die wahren Extremisten sind jene, die den Kapitalismus höher einschätzen als das Leben, die Leute, die Zivilisation über das Leben stellen. Ich kann mir keine extremere Einstellung vorstellen, als diese irrsinnige Kultur über das Leben zu stellen.

MZ: Nicht überraschend hatte ein anderer Afro-Amerikaner aus den 60-er Jahren – Malcolm X – etwas Positives über Extremismus zu sagen, der diese irrsinnige Kultur beseitigen will. Mit Ausgangspunkt von Hamlet schrieb er:

„(Hamlet) zweifelte, ob es edler wäre in der Gesinnung eines Menschen, die Schleudern und Pfeile empörenden Reichtums zu erdulden oder den Kampf gegen ein Meer von Unbilden aufzunehmen und durch Widerstand sie zu beenden. Und ich bin hierfür. Wenn man den Kampf aufnimmt, wird man es beenden, aber wenn man einfach dasitzt und wartet, dass der an der Macht sich entscheidet, dass er etwas tun sollte, um es zu beenden, dann kann man lange warten. Und meiner Meinung nach lebt die junge Generation von Weißen, Schwarzen, Braunen und sonstigen in einer Zeit des Extremismus, einer Zeit der Revolution, einer Zeit, in der es eine Chance gibt. Die Leute an der Macht haben sie missbraucht und jetzt muss eine Veränderung kommen und eine bessere Welt muss geschaffen werden und der einzige Weg, durch den das geschehen kann, ist mit extremen Methoden. Und ich werde mit jedem zusammengehen – egal welche Hautfarbe du hast – so lange du bereit bist, diese elenden Bedingungen, die auf dieser Erde herrschen, verändern willst.“

DJ: Ich denke, der Schlüssel ist, dass man diese elenden Bedingungen verändern will. Ich versuche wirklich, mit so vielen Menschen wie möglich zusammenzuarbeiten, aber in den vergangenen Jahren ist mir bewusst geworden, dass ich nicht für dieselben Ziele arbeite wie die vielen Umweltschützer, die explizit daran arbeiten, den Kapitalismus zu retten oder die Zivilisation zu retten, anstatt die wirkliche Welt. In Gesprächen und Interviews frage ich oft, was all die sogenannten Lösungen für die globale Erwärmung, die Zerstörung der Ozeane oder den Zusammenbruch der Biovielfalt usw. gemeinsam haben. Und was sie alle gemeinsam haben, das ist, dass sie alle den industriellen Kapitalismus als gegeben annehmen, und die natürliche Welt als das, was in Übereinstimmung mit dem Industriekapitalismus in Einklang gebracht werden muss. Das ist buchstäblich irrsinnig, d.h. ohne Kontakt mit der physischen Realität.

Ich meine, schau dir Lester Browns Plan B 4.0 zur Rettung der Zivilisation an. Was will er retten? Kann er noch deutlicher werden? Er will die Zivilisation retten. Aber die Zivilisation tötet den Planeten. Es ist, als würde man ein Buch darüber schreiben, wie man einen Serienmörder retten soll, der so viele Leute tötet, dass er keine Opfer mehr findet. Diese Haltung können wir überall beobachten. Wenn Leute z. B. fragen, wie wir die globale Erwärmung stoppen können, fragen sie nicht, wie wir die globale Erwrmung stoppen können; sie fragen, wie wir die globale Erwärmung stoppen können, ohne die physischen Bedingungen zu ändern (Erdöl und Gas zu verbrennen, Abholzung, industrielle Landwirtschaft etc.), was ja gerade zur globalen Erwärmung geführt hat. Genau, wie wenn sie fragen, wie wir den Lachs retten könnnen, fragen sie nicht wirklich, wie wir den Lachs retten können, sie fragen, wie wir den Lachs retten können, ohne die Dämme abzureissen, die industrielle Abholzung zu stoppen, die industrielle Landwirtschaft, die industrielle Fischerei, die Mordung der Weltmeere zu stoppen usw.

Und eine Frage, die ich immer stelle ist: Mit wem (oder was) identifizierst du dich? Wo liegt deine Loyalität? Wen oder was willst du retten? Und wenn du wirklich diese „elenden Bedingungen“ retten willst – Kapitalismus, Zivilisation und das alles – auf Kosten des Planeten, dann arbeiten wir nicht auf dasselbe Ziel hin. Meine Loyalität liegt bei den nicht-menschlichen und menschlichen Opfern dieser Kultur und meine Arbeit hat zum Ziel, die Angriffe dieser Kultur auf nicht-menschliche Wesen, auf das Land, auf den Planeten selbst, auf die Frauen, die indigenen Völker, auf die Armen zu stoppen.

MZ: Es ist ein Beweis für die Macht der Propaganda, dass eben wohl-meinende Leute die Optionen wählen – sowohl öffentliche wie private – die gegen ihre eigenen Interessen sind. Aktivisten für die Rechte der Schwulen klatschen jetzt dem Widerruf „Frag' nicht, antworte nicht' Beifall. Im Namen der Förderung von Vielfalt und Einbeziehung feiern sie die Möglichkeit, freiwillig einer Institution beitreten zu dürfen, die nur dazu besteht, gewaltsam jede Vielfalt und Einbeziehung zu zerschlagen.

Die Konditionierung ist derart mit jedem Aspekt unserer Kultur verwoben, dass selbst respektierte linke Denker einfach nicht deinen Satz „Zivilisation tötet den Planeten“ verstehen können und auf Antworten wie „Menschenfeindlichkeit“ zurückgreifen.

Man muss also fragen, Derrick: Können diese Leute mit der Botschaft erreicht werden, dass wir keinen industriellen Kapitalismus haben können ohne all seine mörderischen Nebeneffekte.

DJ: Es gibt einen großartigen Satz von Upton Sinclair davon, wie schwer es ist, einen Mann (sic!) dazu zu bringen etwas zu verstehen, wenn sein (sic!) Job davon abhängt, dass er es nicht versteht. Ich denke, das gilt noch mehr für Anspruchsberechtigungen. Es ist schwer, jemanden dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn ihre Ansprüche, ihre Privilegien, ihr Komfort und Extravaganzen, ihre vermeintliche Fähigkeit zu kontrollieren und zu managen davon abhängt.

So viele Schriften über Natur, Theorien sozialer Veränderung und Umweltphilosophie sind im besten Falle irrelevant und viel öfter schädlich, weil sie nicht den menschlichen Suprematismus in Frage stellen (oder vielmehr den weißen oder männlichen Suprematismus). Häufig stellen sie nicht den Imperialismus oder ökologischen Imperialismus in Frage. Oft habe ich das Gefühl, dass viele von ihnen viel lieber die Annehmlichkeiten haben möchten, die der Imperialismus bietet (einschließlich ökologischer und sexueller Imperialismus), statt diese Formen des Imperialismus zu stoppen. Und da die Gewalt des Imperialismus strukturell ist – dem Prozess innewohnend – kann man realistischerweise nicht erwarten, dass der Imperialismus aufhört, gewalttätig zu sein, nur weil man ihn „grün“ nennt oder weil man es mit aller Kraft wünscht.

Hier ist eine andere Art, es zu sagen, wie ich es in 'Endgame' sage: Jede Lebensweise, die den Import von Ressourcen erfordert, wird a) niemals nachhaltig sein und b) immer auf Gewalt beruhen, weil a) die Erfordernis von Ressourcen bedeutet, dass man mehr dieser Ressourcen verwendet als die Landgrundlage (?) liefern kann, was definitionsmäßig nicht nachhaltig ist (und wenn deine Stadt wächst, wird sie immer mehr Land brauchen, um zu schaden); und b) Handel wird niemals hinreichend zuverlässig sein, weil wenn man eine Ressource verlangt (z. B. Öl) und die Leute, die diese Ressource haben oder kontrollieren, nicht verkaufen wollen, wird man es nehmen, weil man es braucht. Es ist inhärent. Eine der vielen Implikationen davon ist, dass, wenn man den Imperialismus selbst nicht in Frage stellt, dann werden deine Lösungsvorschläge absurd sein oder entweder irrelevant oder schädlich.

Hier eine Geschichte. Vor ein paar Wochen hat der Sturm hier in der Nachbarschaft einen Baum umgehauen, der ein elektrisches Kabel zerriss. Mein Nachbar erzählte mir davon, und als ich den umgefallenen Baum sah, suchte und suchte ich nach dem Baumstumpf, um zu sehen, wo er abgebrochen war, konnte es aber nicht finden. Jedes Mal, wenn ich vorbeiging, schaute ich nach. Heute spazierte ich vorbei und sah es. Es war ganz klar, als ich hochschaute, statt den Boden abzusuchen. Die Pointe (ein spontaner Aphorismus): Du kannst so gründlich wie möglich suchen, aber du wirst niemals finden, was du suchst, wenn du an der falschen Stelle suchst. Dies gilt für alles, von persönlichem Glück bis zu den Lösungen für die globale Erwärmung. Aber das Problem ist schlimmer als die bloßen Anspruchsberechtigungen. R.D. Laing stellte drei Regeln für dysfunktionale Familien auf:

Regel A heisst Tu das nicht!

Regel A.1 heisst Regel A gibt es nicht

Regel A.2 heisst Diskutiere niemals die Existenz oder Nichtexistenz der Regeln A, A.1, A.2

Dies gilt ebenso für dysfunktionale Kulturen. Wir können also z. B. nicht über die Tatsache reden, dass diese Kultur nur eine Möglichkeit zu leben von vielen ist, dass diese Lebensweise auf Eroberung und Machterwerb basiert, dass diese Lebensweise systematisch unsere Landgrundlage zerstört sowie andere Kulturen usw. Systematisch, funktionell.

Aber es ist noch viel schlimmer. In den 60-er Jahren hat ein Forscher Elektroden an den Augäpfeln von Leuten angebracht, um festzustellen, wohin sie schauten und zeigte ihnen dann Bilder. Der Forscher fand heraus, dass ein Foto, wenn es etwas zeigte, was das Weltbild der Person bedrohte, die Augen der Person es nicht direkt ansehen würden: sie würden es aus dem Augenwinkel sehen und wissen, wohin sie nicht schauen dürfen. Ebenso kann man etwas so vernünftig wie möglich erklären, aber die Gesprächsperson wird keine Ahnung haben, wovon du sprichst.

MZ: In Anbetracht der Langsamkeit, mit der viele Menschen – mich selbst durchaus eingeschlossen – zerstörerische oder selbst-zerstörerische Muster ihres persönlichen Lebens erkennen und angehen, ist es schwer, sich vorzustellen, dass viele Menschen ihren Augen erlauben, sich mit globalen Krisen und ihren verborgenen Ursachen zu beschäftigen.

DJ: 12 Uhr kommt immer näher und es sieht so aus, als ob die meisten von uns nicht einmal die Uhr lesen können.

Da wir von '12 Uhr Mittags' sprechen. Ich habe mir kürzlich den Klassiker von 1952 wieder angesehen und konzentrierte mich auf den Moment, wo Amyi (Grace Kelly), die pazifistische Frau von Polizeichef Kane (Gary Cooper) auf einen Mann schießt und ihn tötet, um das Leben ihres Mannes zu retten. Zuvor im Film hatte Amy erklärt: „Mein Vater und mein Bruder wurden durch Gewehre getötet. Sie waren auf der richtigen Seite, aber das half ihnen nichts, als die Schießerei begann. Mein Bruder war neunzehn, ich sah ihn sterben. Dadurch wurde ich zum Quäker. Mir ist's egal, wer Recht oder Unrecht hat. Es muss eine bessere Art zu leben für die Menschen geben.“

Am Ende jedoch erschießt sie nicht nur einen Mann, sondern schlägt auch den großen Schurken zurück, was es Kane erlaubt, ihn zu erledigen. Nun, bevor ein paar Leser anfangen, mich Gandhi zu nennen – was ich als Lehre ansehe ist, dass wenn mit großer Deutlichkeit eine Krise kommen sieht, wie es manchmal passiert, können wir erkennen, dass diese Uhrzeiger auf 12 zugehen, und wir überraschen uns selbst (wie es Grace Kelly tat) mit unserer Fähigkeit, die Dinge auf eine neue Ebene zu bringen.

MZ: Wenn nicht, welche Chance haben wir (die Tiere, die Bäume, das Öko-System etc.) denn?

DJ: Sehr wenig Chancen. Auch wenn den Leuten die nicht-menschlichen Wesen egal sind, so zeigen Schätzungen, dass Milliarden, buchstäblich Milliarden Menschen sterben werden in dem Klima-Holocaust – wie man es zu nennen beginnt. Und zwar, wenn die Temperatur um vier Grad steigt.

Und die allerneuesten Schätzungen zeigen, dass die globale Erwärmung viel schlimmer ist als früher gedacht (habt ihr jemals bemerkt, dass die früheren Schätzungen immer niedrig lagen?), dass sie um 16° C innerhalb von 90 Jahren steigen könnte, was den größten Teil der Erde unbewohnbar machen würde („Science Stunner: On our current emmissions path, CO2 levels in 2100 will hit levels last seen when the Earth was 29°F (16°C) hotter – Paleoclimate data suggests CO2 levels 'may have at least twice the effect on global temperatures than currently projected by computer models'“ = siehe hier http://climateprogress.org/2011/01/13/science-kiehl-ncar-paleoclimate-lessons-from-earths-hot-past/). Das bedeutet, dass es jetzt junge Menschen gibt, die in diesem Klimaholocaust sterben werden. Und es gibt zu viele Menschen, die diese elende, zerstörerische Lebensweise für das Leben auf dem Planeten vorziehen, buchstäblich auch dem Leben ihrer eigenen Kinder. Wir müssen diese Kultur stoppen, bevor sie den Planeten tötet.

MZ: Obwohl ich das Gefühl habe, dass es im Bereich des Aktivismus zu viel Händchenhalten und viel zu viele Progressive gibt, die müßig herumsitzen und auf einen Führer warten, der ihnen den Weg weist, muss ich doch dies sagen: Welche Art von unmittelbarer direkter Aktion würdest du denen, die dies Interview lesen, vorschlagen, um diese Kultur zu stoppen bevor sie unseren Planeten zerstört?

DJ: Ich denke, das Wichtigste ist, dass sie irgendeine Form von Aktivität ergreifen. Ich kann den Leuten nicht sagen was, weil ich nicht weiss, was wichtig für sie ist, nicht weiss, welche Fähigkeiten sie haben. Doch das Wichtigste ist, dass sie anfangen. Jetzt. Heute.

Wie also anfangen? Die Probleme sind so gewaltig. Nun, die Art, wie ich zum Aktivisten wurde, war das tollste Ding, was ich jemals im Leben gemacht habe. Als ich Mitte 20 war, wurde mir bewusst, dass ich nicht genug für Benzin bezahlte (ich meine, wenn man alle ökologischen Kosten einbezieht etc.), weshalb ich für jeden Dollar, den ich für Benzin ausgab, einen Dollar an eine Öko-Organisation gab (nie an eine nationale oder internationale Organisation, sondern an eine lokale Graswurzelbewegung), aber da ich kein Geld hatte, würde ich mir selbst 5$ die Stunde für Aktivistenarbeit bezahlen, ob Briefe an Herausgeber zu schreiben oder an Demos teilzunehmen. Meine ersten Demos waren anti-Pelzdemos und anti-Zirkus-Demos. Und lasst euch nicht von eurer klar erkannten Unwissenheit bremsen: Ich hatte keine Ahnung, was genau an einem Zirkus falsch war, ich wusste nur, dass nicht-menschliche Wesen ausgebeutet wurden, und ich machte mit und andere Leute gaben mir Schilder, und wenn jemand fragte, was denn falsch an einem Zirkus sei, zeigte ich auf den Nebenmann. Von da kam ich zu anderen Formen des Aktivismus, wie etwa Aufrufe gegen den Verkauf von Bauholz usw. Das Wichtige war, dass ich begonnen hatte. Damals kostete es 10$, meinen Tank zu füllen, und ich füllte ihn einmal die Woche, was 2 Stunden Arbeit pro Woche bedeutete. Aber ich hatte allmählich so viel Freude an dem Aktivismus, dass ich aufhörte, die Stunden zu zählen, die ich dafür arbeitete, sondern es einfach tat. Aber das Wichtige war, dass ich den Hintern hochbekommen hatte und etwas zu tun begonnen hatte.

Wichtig ist auch, dass die Leute, wenn sie aktiv werden, es sich nicht einfach um persönliche Dinge handelt: der Umweltschutz besonders ist in die Sackgasse des Lifestyle angelangt, wo Leute glauben, dass es reicht, wenn sie ihr persönliches Leben verändern. Gerade heute hab ich einen Artikel gelesen, in dem über Wasser zu lesen war, dass „Erstens, stell das Wasser ab, wenn du es nicht mehr brauchst. So einfach ist das. Ich will nicht zu sehr wie ein Prediger wirken, aber laut UNICEF und der Weltgesundheitsorganisation tötet der Mangel an sauberem Trinkwasser täglich 4500 Kinder. Das Wasser wird nicht magischerweise von unserem Wasserhahn zu jemandem fließen, der es braucht, aber eine Schonungs-Denkart zu schaffen, kann helfen. Es macht absolut keinen Sinn, Wasser in den Abguss laufen zu lassen.“ Das ist absurd. Ja, Mangel an sauberem Wasser tötet 4500 Kinder täglich, aber nicht wegen meines eigenen Wasserverbrauchs. 90% des von Menschen benutzten Wassers wird von der Landwirtschaft und der Industrie verbraucht. Alle Umweltaufrufe also für ein einfaches Leben sind ungeheuer missweisend: diese Kinder (und was ist mit den Kindern des Lachses und des Störs usw.) sterben nicht, weil ich mir die Zähne bürste, sondern sie sterben, weil die Landwirtschaft und die Industrie das Wasser stehlen. Gerade gestern las ich, dass die Türkei alle Naturschutzgebiete opfert, um dort Dämme zu bauen. Und nicht, damit Leute Duschen bekommen. Nein, es ist für die Industrie und die Landwirtschaft.

Ich lebe ziemlich einfach, aber deswegen, weil ich ein Geizhals bin. Ich stelle auch das Wasser ab, während ich die Zähne putze. Ein tolles Geschäft. Aber das ist kein politischer Akt. Es gibt keine persönlichen Lösungen für soziale Probleme. Nicht eine.

Wenn ich also sage, dass Leute etwas Aktivismus betreiben sollen, meine ich, dass es gut ist für dein Land. Hör auf mit destruktiven Aktivitäten. Fang mit der Wiederherstellung an. Oder wenn dein vordringlichstes Anliegen die Gewalt gegen Frauen ist, dann leiste Arbeit gegen die häusliche Gewalt oder gegen Pornographie oder gegen den Frauenhandel. Fang einfach an.
Wie Joe Hill sagte: „Nicht trauern, organisieren.“

MZ: Ich sage den Leuten gerne, dass wir in der besten Zeit, die es jemals gab, leben, um ein Aktivist zu sein. Wir stehen an der Schwelle einer ökonomischen, sozialen und einem umweltlichen Kollaps. Welch eine Zeit, am Leben zu sein. Wir können an der wichtigsten Arbeit teilnehmen, die jemals von Menschen geleistet wurde. Welch ein Glück. In dieser Ära von „Hoffnung und Veränderung“ ist Aktion immer besser als Hoffnung, sage ich. Oder wie Rita Mae Brown sagte: „Hoffe niemals mehr, als du tust.“

DJ: Ja, ich habe so die Nase voll von Leuten, die sagen, sie hofften, dass der Lachs überleben werde oder hoffen dies oder jenes. Aber was ist Hoffnung? Hoffnung ist eine Sehnsucht nach einer künftigen Bedingung, auf die wir keinen Einfluss haben. So benutzen wir auch das Wort im täglichen Umgang, Ich sage nicht: „Oh, ich hoffe, dass ich meine Schuhe anziehe, bevor ich hinausgehe.“ Ich tue es einfach. Andererseits, bevor ich das nächste Mal fliege, sage ich: „Ich hoffe, dass ich nicht abstürze.“ Sobald ich im Flugzeug sitze, habe ich keinen Einfluss mehr. Oder denkt an dies: Wenn ein Elternteil zu einem achtjährigen Kind sagt: „Räum bitte dein Zimmer auf“ und das Kind antwortet: „Ich hoffe, dass es geschieht“ dann wissen wir alle, dass das lächerlich ist. Ich fragte ein achtjähriges Kind, was passieren würde, wenn sie so etwas zu ihren Eltern sagte und es antwortete: „Irgendjemand muss das Zimmer aufräumen.“

Das Kind ist klüger als eine Menge der Umweltschützer. Es ist lächerlich zu sagen, ich hoffe, dass die globale Erwärmung nicht unseren Planeten tötet, wenn wir die Erdölwirtschaft beenden können, die die globale Erwärmung verursacht. Ich bin nicht an Hoffnung interessiert. Ich bin an Handlung interessiert und bin an Leuten interessiert, die nicht länger auf ein Wunder warten, um unsere Probleme zu lösen. Wir müssen tun, was notwendig ist.

MZ: Als du anfingst mit Schreiben und dem Reden über Zivilisation und den eventuellen Kollaps, hast du dir da jemals vorstellen können, dass du es erleben würdest, dass die Dinge so schlimm sein werden wie sie jetzt sind?

DJ: Nein. Und selbst als ich in 'The Culture of Make Believe' (Die Kultur des Als ob) über die Möglichkeiten schrieb, dass ökonomischer Kollaps zu mehr und übergenug Braunhemdentum und Faschismus führen kann, bin ich doch verblüfft, wie es jetzt tatsächlich geschieht. Noch deutlicher, obwohl ich in etwa fünfzehn Bücher über den Irrsinn dieser Kultur geschrieben habe, kann ich nichts anderes glauben, als dass es ein böser Traum ist mit dieser besessenen Aufrechterhaltung dieser Kultur, während die Welt gemordet wird, und ich wünsche aufzuwachen, aber immer, wenn ich wach bin, tötet man immer noch den Planeten und es gibt nicht viele Leute, die es bekümmert.

MZ: Ich bin sicher, du kannst nicht ausrechnen, wir oft du schon interviewt worden bist, aber ich frage mich, ob es eine Frage gibt, von der du gewünscht hast, dass sie gestellt wird, die aber bislang niemand gestellt hat. Um zum Ende zu kommen, tu dir keinen Zwang und frage und beantworte diese Frage.

DJ: Vier Fragen:

F: Du hast oft gesagt, dass du nicht glaubst, dass Menschen viel sensibler als andere Tiere sind. Wo ziehst du eine Linie?

A: Ich ziehe gar keine Linie. Ich sehe keinen Grund zu glauben, als dass das Universum erfüllt ist von einer wilde Symphonie von weit verschiedenen Stimmen, weit verschiedenen Intelligenzen. Menschen haben eine menschliche Intelligenz, die nicht größer oder geringer als die Intelligenz eines Oktopus ist, die nicht größer oder geringer als die des Mammutbaums ist, die nicht größer oder geringer als die des Hustenvirus ist, die nicht größer oder geringer als die des Granits ist, die nicht größer oder geringer als die des Flusses ist usw.

F: Wie konnte die Welt überhaupt zu einem so wunderschönen und wundervollen und fruchtbaren Ort werden?

A: Durch alles, was durch sein Leben und Sterben die Welt zu einem schöneren, wundervolleren und fruchtbareren Ort gemacht hat. Durch Pflanzen und Tiere und Pilze und Viren und Bakterien und Felsen und Flüsse usw. wurde die Welt zu einem besseren Ort gemacht. Lachse machen die Wälder zu einem besseren Ort durch ihre Existenz. Der Mississippi macht die Gegend zu einem besseren Ort durch seine Existenz. Das Bison macht die großen Ebenen zu einem besseren Ort durch seine Existenz.

Zivilisierte Menschen machen die Welt nicht zu einem besseren Ort durch ihre Existenz. Sie machen kollektiv und individuell die Welt zu einem weniger schönen, wundervollen und fruchtbaren Ort. Wie kann man die Welt zu einem besseren Ort machen? Wie kannst du das Stück Land, das du bewohnst, zu einem gesünderen, schöneren und fruchtbareren Ort machen? Warum machst du es nicht?

F: Was ist erforderlich für den Planeten, um zu überleben?

A: Die Ausrottung der industriellen Zivilisation. Die industrielle Zivilisation ist funktionell, systematisch inkompatibel mit Leben.

Die gute Nachricht ist, dass sich die industrielle Zivilisation in einem Prozess des Kollaps befindet.

Die schlechte Nachricht ist, dass sie zu viel von dem Planeten mit sich hinabreisst.

F: Wenn doch die industrielle Zivilisation kollabiert, warum sollten wir uns nicht hinhocken und unsere Rettungsboote bauen und uns schützen, und uns um unsere eigenen kostbaren Ärsche kümmern?

A: Ich würde diesen Narzissmus und diese Feigheit der Haltung dem gegenüberstellen, was Henning von Tresckow gesagt hat, eins der Mitglieder des deutschen Widerstands gegen Hitler im 2. Weltkrieg. Als die Alliierten 1944 in Frankreich einmarschierten, wusste jeder, der nur ein bißchen aufmerksam war, dass die Nazis verlieren würden; es war nur noch eine Frage der Zeit. Deshalb schlugen einige Mitglieder des Widerstandes vor, dass sie aufhören sollten, die Nazis zu stürzen, und stattdessen sich selbst schützen sollten, bis der Krieg vorbei wäre, im Grund also, sich hinhocken, ihre Rettungsboote bauen und sich selbst schützen. Henning von Tresckow antwortete, dass die Nazis täglich 16000 unschuldige Zivilisten töten würden, so dass jeden Tag, den sie früher die Nazis stürzten, 16000 unschuldige Zivilisten gerettet würden.

In dieser Aussage liegt mehr Mut und Weisheit und Integrität als in allen Aussagen von allen feigen Rettungsbootanhängern zusammen. Heute sind zwischen 150 und 200 Arten ausgelöscht worden. Es waren meine Brüder und Schwestern. Es reicht nicht, sich hinzuhocken und zu warten, dass der Schrecken ein Ende nähme. Der Lachs überlebt das nicht. Der Stör überlebt auch nicht so lange. Der Delta Smelt (Hypomesus transpacificus) überlebt nichtt so lange.

Noch eine andere Art, es auszudrücken. Ich würde dem Narzissmus und der Feigheit der Rettungsbootanhänger die Haltung gegenüberstellen, die mein lieber Freund John Osborne, der mich eigentlich auf die ganze Umweltproblematik brachte, zum Ausdruck brachte. Er hat sein Leben der Rettung von so viel Natur als möglich gewidmet durch organisierten politischen Widerstand. Wenn gefragt, warum er diese Arbeit auf sich nimmt, sagt er immer: „Wir können die Zukunft nicht vorhersagen. Aber da alles immer chaotischer wird, möchte ich sicher gehen, dass noch ein paar Türen offen bleiben.“ Was er damit meint, ist, dass wenn der Grizzlybär in 30 Jahren noch lebt, könnte er auch noch in 50 Jahren leben. Wenn er in 30 Jahren ausstirbt, ist er weg für immer. Wenn er dieses oder jenes Tal mit uraltem Bewuchs rettet, kann es in 50 Jahren noch da sein. Wenn es jetzt verschwindet, wird es für eine lange, lange Zeit, vielleicht für immer verschwunden sein.

Wie du gesagt hast. Mickey Z, so leben wir in einer Zeit, wo wir vielleicht mehr Einfluss haben denn je zuvor. Jede destruktive Aktivität, die wir jetzt stoppen können, kann den Ort bis zum Kollaps schützen; 1920 konnten die Menschen das nicht realistischerweise sagen. Ich glaube, es war David Brower, der sagte, dass jeder Umweltsieg ein Sieg auf Zeit sei und jede Niederlage permanent sei. Ich denke, dass wir sehr schnell den Punkt erreichen, wo jeder Sieg permanent sein kann.

Noch eine Sache: Das einzige effektivste Rekrutierungsmittel des französischen Widerstandes im 2. Weltkrieg war der Tag D, weil die Franzosen da definitiv merkten, dass die Deutschen nicht unbesiegbar waren. Auch wenn wir wissen, dass diese Kultur dem Kollaps entgegengeht, sollte uns das nicht zu Narzissmus und Feigheit verleiten, sondern sollte uns Mut geben und dazu bringen, die Opfer dieser Kultur zu verteidigen.

Mehr über Derrick Jensen und seine Arbeit kann man hier finden.

„Until the laws are changed or the power runs out“ (Bis die Gesetze geändert werden oder der Strom weg ist), Mickey Z kann man auf der etwas obskuren Webseite Facebook finden.

Danke Tlaxcala
Quelle: http://www.countercurrents.org/mickeyz240111.htm
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 24/01/2011
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=3561

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